About Britta Ullrich

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Hi there,

dieses Jahr haben wir zum amerikanischen Familien-Feiertag Thanksgiving mal das gemacht, was alle Amerikaner machen – wir sind nach Hause gereist. Zwar gab es in Deutschland keinen Truthahn, dafür aber andere lang vermisste Leckereien. Allen voran Gans mit Rotkohl und Klößchen. Ach, was hatte ich mich darauf gefreut. Und Feldsalat. Der wird hier einfach nicht angebaut. Auch zu Kasseler mit Sauerkraut und Kartoffelpüree (mashed potatoes können die Amis allerdings auch meist richtig gut) habe ich mich hinreißen lassen. Fehlten eigentlich nur noch Reibekuchen mit Apfelmus. Dafür hatte Glühwein Konjunktur und ich habe mich vom Lichter- und Sternenglanz auf den Kölner Weihnachtsmärkten verzaubern lassen. Ach, was viel schön!

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Ich war sehr gespannt, wie so ein kurzer, irgendwie spontan eingeschobener Heimaturlaub sich anfühlen würde. Es war extrem anstrengend und intensiv, aber auch wunderschön! Als wir Sonntag wieder im Flieger nach Detroit saßen, kam es mir fast vor, als hätte ich das alles nur geträumt. Mein Elfjähriger fragte mich dann irgendwann über dem Atlantik: „Mama, wie fand’s du es?“ Da fiel mir nur spontan die Zeile eines meiner BAP Lieblingslieder (Jradaduss) ein: „Et woor schoen, et woor joot, ahm Eng e bessje ze kort …“ (für Nicht-Kölner: „Es war schön, es war gut, am Ende ein wenig zu kurz“). Ob er BAP kenne, frage ich überflüssigerweise. „Was denkst du denn. Ich bin doch ein kölscher‘ Jung“. Na denn.

Seit das möglicherweise letzte Jahr für uns hier in Michigan angebrochen ist, werde ich bei einigen Sachen sehr wehmütig. Das fing am Ende des Sommers an, als ich am letzten Pool-Tag bis zum Ende blieb. Gleich am nächsten Tag folgte ein vielleicht letztes Mal „Back to school“, die möglicherweise letzte Michigan Football Saison hatte begonnen (nicht das ich ein Riesenfan dieses Sports bin, aber an Spieltagen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre in der Stadt), die Blätter färbten sich eventuell ein letztes Mal so irre intensiv bunt, wie ich es bisher nicht kannte, Halloween, Christmas, … Ach herrje, wie wird es werden, das Zurückkehren in die eigentliche Heimat? Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu viel darüber nachzudenken. „Go with the flow“ oder so ähnlich. Nicht im Sinne von passiv „treiben lassen“, vielmehr aktiv das gestalten und bewusst erleben, was sich ergibt. Ohne Fünfjahresplan. Ohne zwischen den beiden Welten diesseits und jenseits des Atlantiks hin- und hergerissen zu sein.

Genug herum philosophiert, zurück in die reale Ann Arbor Welt. It’s beginning to look a lot like Christmas. Als wir abgereisten, standen noch die Kürbisse vor den Türen und das ein oder andere Gruselelement war noch von Halloween übrig geblieben. Szenenwechsel: alles ist erleuchtet und blinkende Rehe und überdimensionale Blow-up Santas haben wieder das Terrain in unserer Hood übernommen. Da müssen wir noch dringend nachrüsten. Außerdem wird es Zeit, wieder ein paar Späße mit „Elf on the shelf“ zu treiben. Die lustige Elfe ist hier in vielen Familien eine vorweihnachtliche Tradition. Eine Art Adventskalender. Über Nacht kommt sie vom Nordpol zurück und sucht sich jeweils einen neuen Platz im Haus. Nach dem Aufwachen laufen die Kinder aufgeregt durch alle Zimmer und suchen nach dem rot-weißen Püppchen. Gefunden, darf sie nicht berührt werden, sonst verliert sie ihren Zauber. Tagsüber beobachtet sie, ob die Kids „naughty or nice“ sind und gibt Santa am Nordpol dann allabendlich Rapport.

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Mein kölscher Junge glaubt zwar nicht mehr an Santa, aber die Elfe wird trotzdem allmorgendlich erwartet. Wie war das mit dem Glauben an den Weihnachtsmann? „Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen,“ schreibt der Kolumnist der „New York Sun“, Francis P. Church, der achtjährigen Virginia aus New York. Sie hatte sich 1897 mit der Frage „Gibt es einen Weihnachtsmann?“ an die Tageszeitung gewandt. Der Briefwechsel wurde über ein halbes Jahrhundert – bis zur Einstellung der „Sun“ 1950 jedes Jahr zur Weihnachtszeit auf der Titelseite abgedruckt. Später hat die Welt am Sonntag diese Tradition übernommen. In diesem Sinne: feel the christmas spirit! Ach ja, und den Truthahn gibt es bei uns zur Bescherung.

The day after.

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Hi there!

Wer hätte gedacht, dass ich heute schon wieder einen Blogbeitrag schreibe. Aber ich kann nicht anders. Nach dem ich meine Hoffnungen am „Election Day“ so hoch gehangen hatte, bin ich umso entsetzter darüber, dass es nicht gereicht hat, die Glasdecke zu durchbrechen. Stattdessen hat sich Amerika für einen Präsidenten entschieden, der mir und vielen anderen die pure Angst einjagt. Ein trauriger Tag für Amerika, ein trauriger Tag für die ganze Welt. Ein trauriger Tag für Eltern, die ihren Kindern erklären müssen, wie das sein kann. Wie ein Mann, der so wenig als Vorbild taugt, in das höchste Amt der Welt aufsteigen kann. Heute Nachmittag erreichte uns eine Mail der Superintendantin des Ann Arbor Public School Distrikts, in der sie versichert, dass sich der gesamte Schuldistrikt seiner verantwortungsvollen Rolle in einem Umfeld mit vielen unterschiedlichen Nationen und Religionen nach dieser Wahl bewusst sei. Jeder Schüler und jede Familie sei in der Ann Arbor Schulgemeinde willkommen. Erschreckend, dass ein solcher Hinweis am Tag nach einer US-Wahl notwendig zu sein scheint.

Nach einer langen Fernseh-Nacht, die irgendwann auf das Unfassbare zusteuerte, wollte ich mich heute morgen mit Sport ablenken. Viele von uns ließen ihren Tränen freien Lauf, als die Kursleiterin ihre Gedanken zum „After-Election-Blues“ formulierte. Am Ende wurde es eine therapeutische Kursstunde, nach der ich mich ein wenig leichter fühlte.

Trotzdem frage ich mich schon den ganzen Tag, was vom Gefühl her schlimmer war/ist: 9/11 oder das hier. Meine Stimmungslage heute fühlt sich jedenfalls ganz ähnlich an. Besorgt, ängstlich, beunruhigt, irgendwie beklemmend. Bitte versteht das nicht falsch: ich vergleiche hier keineswegs diese beiden Ereignisse miteinander, nur meine Gefühlslage. Es ist das beherrschende Thema hier, egal wo man hinkommt. Manche sagen: „Lass uns nicht über die letzten 24 sprechen“. Andere äußern klar ihr Unwohlsein darüber, jetzt in einem Land zu leben, in dem rund die Hälfte der Menschen Rassismus, Sexismus, Homophobia und so manches mehr offenbar vollkommen in Ordnung finden. Und alle hoffen irgendwie, morgen aufzuwachen, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen.

Das wird nicht passieren. Und so können wir wohl nur versuchen, unsere positive und hoffnungsvolle Grundhaltung wiederzufinden. Und uns entsprechend unserer Möglichkeiten für Einheit, Toleranz, Respekt, Offenheit und Frieden einzusetzen. Im Swing State Michigan, in Deutschland und überall auf der Welt. Einmal mehr ist mir klar geworden, wie wenig selbstverständlich es ist, in einem freien, demokratischen, weltoffenen Umfeld zu leben.

Hang in there! Let’s keep our spirits up and our hopes high! Tomorrow is a new day.

 

Election Day!

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Hi there!

Um es mal mit den Worten meiner Lieblings-Komikerin Cordula Stratmann zu sagen: „Det wird knapp, is aber zu schaffen.“

Während Cordula es in dieser wunderbaren Nummer nur zum Flughafen Tegel schaffen muss, braucht Hillary die Stimmen von 270 Wahlmännern und -frauen, um ins Weiße Haus einzuziehen. Die US-Bürger wählen ihren Präsidenten und Vizepräsidenten nicht direkt. Sie bestimmen „nur“ die Wahlmänner/-frauen in ihrem Bundesstaat, die dann Präsident und Vize wählen. 538 (FiveThirtyEight) sogenannte „Electors“ bilden das „United States Electoral College“. Jeder Bundesstaat verfügt über so viele Wahlmänner/-frauen, wie er Vertreter in beiden Häusern des Kongresses zusammen hat. Bis auf Maine und Nebraska gilt in allen Staaten das Prinzip „The winner takes it all“, die einfache Mehrheit der Stimmen entscheidet. Details eines unglaublich komplizierten amerikanischen Wahlsystems.

Um überhaupt wählen zu dürfen, muss man sich registrieren lassen. Es gibt in den USA kein Meldesystem. In den letzten Wochen bis zum Ende der Registrierungsfrist für Michigan bin ich in der Stadt zig‘ mal von freiwilligen Wahlhelfern angesprochen worden, ob ich mich registrieren lassen wolle. Nach meinem Hinweis, dass ich kein US-Bürger sei und somit nicht wählen dürfe, gaben mir so einige die Aufforderung mit auf den Weg, aber mit meinen amerikanischen Freunden zu sprechen. Go out and vote! In den USA wählen seit 1972 nur rund die Hälfte aller Wahlberechtigten. Zum Vergleich: die niedrigste Wahlbeteiligung in Deutschland (seit 1949) gab es 2009 mit knapp 71%. Man darf gespannt sein, wie hoch die Wahlbeteiligung 2016 ausfallen wird. Nach einem Wahlkampf, den man hier so noch nie erlebt hat. Der vielen Amerikanern peinlich ist. Für den viele meinen, sich entschuldigen zu müssen. Der tiefe Gräben aufgerissen hat.

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Bin ich froh, wenn der ganze Wahl-Wahnsinn vorbei ist. So unerträglich die Berichterstattung auch geworden ist, sie hat mich doch täglich auf’s Neue magisch angezogen. Seit New Hampshire den Auftakt bei den Vorwahlen machte, verfolge ich den Wahlprozess. Habe unzählige Debatten und anschließende Analysen geschaut. Seit der Endspurt begonnen hat, bin ich super aufgeregt. Was mache ich bloß ab Mittwoch mit all‘ der freien Zeit? Endlich mal wieder meinen Lieblingssender „Home & Garden TV“ gucken? Weihnachtskarten schreiben? 😉 Heute stand mein Vormittag aber erst mal wieder im Zeichen des Wahlkampfes. Präsident Obama war in Ann Arbor. Und ich live dabei. Wow. Gänsehaut-Feeling. Unter blauem Himmel, im blauen Hemd und begleitet von „Go Blue“ Rufen hat er im Baseball Stadium der University of Michigan um Michigan’s Stimmen für Hillary Clinton geworben.

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In der Schule meines Sohnes fand heute eine sogenannte „Mock up Election“ statt. Da hat Hillary mit 72% gewonnen. Die „Green Party“ kam auf Platz 2. Aber Ann Arbor ist halt nicht Amerika. Der republikanische Präsidentschaftskandidat dagegen wird als Anti-Beispiel eines guten Vorbildes gehandelt. „We do not want the Trump Effect at our school“ hieß es vor einigen Wochen in einer Schulversammlung, als das Thema Mobbing adressiert wurde. Wenn das nicht alarmierend ist.

Als Hillary Clinton 2008 die Kandidatur an Barack Obama verlor, und damals nicht die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin der USA wurde, hat sie ihren Anhängern zugerufen: “Although we were not able to shatter that highest and hardest glass ceiling this time, thanks to you it has 18 million cracks in it, and the light is shining through like never before, filling us all with the hope and the sure knowledge that the path will be a little easier next time, and we are going to keep working to make it so, today keep with me and stand for me, we still have so much to do together, we made history, and lets make some more.”

Hillary Clinton mag für viele nicht die perfekte Kandidatin sein. Aber Amerika hat aus meiner Sicht keine Alternative in dieser historischen Wahl. Ich drücke jedenfalls ganz fest die Daumen, dass die Glasdecke heute durchbrochen wird.

„Det wird knapp, kannse aber schaffen.“

Borderlines

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Hi there!

„Mr. Gorbatschow. Tear down this wall,“
Ronald Reagan

1987 forderte der damalige US-Präsident Ronald Reagan in seiner historischen Rede am Brandenburger Tor das Ende der Berliner Mauer. Zwei Jahre später fiel sie. Friedlich. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an die Fernsehbilder von vor fast 27 Jahren denke. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich im August 1990 zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor ging. Der Potsdamer Platz damals noch eine riesige Brache. Aber die Idee der Freiheit hatte sich durchgesetzt. Heute möchte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat wieder Mauern errichten. „Beautiful“ soll sie werden, und die Mexikaner sollen für sie bezahlen. Eines der traurigen und verstörenden Details des US-Wahlkampfes 2016. Diese Woche flimmerte das letzte TV-Duell Clinton vs. Trump über die amerikanischen Bildschirme, live aus Las Vegas. Anlässlich des Mega-Events säumte eine Mauer aus Taco Food-Trucks das Trump International Hotel. Als symbolischer Protest gegen den Hass, den der Hotelbesitzer immer wieder gegenüber anderen Nationalitäten und Religionen sät.

Auch Detroit hat eine Mauer, die „8 Mile Wall“. Die knapp einen Kilometer lange Mauer wurde 1940 als physische, wenn auch mehr symbolische Barriere, errichtet, um schwarze und weiße Wohngebiete voneinander zu trennen. Einheimische nennen sie auch „Berlin Wall of Detroit“. Die erste große Welle an schwarzen Einwanderern aus dem Süden kam mit dem ersten Weltkrieg um 1914 nach Detroit. Sie siedelten sich auf der einen Seite der später errichteten Mauer an. In der wachsenden Automobilindustrie der 20er und 30er Jahre fanden Schwarze wie Weiße Einwanderer neue Chancen in Detroit. Wo einst nur Farmland war, fand nun eine rasante industrielle Entwicklung statt. Damit einher ging eine flächenmäßige Ausdehnung der Stadt und die Errichtung neuer Wohngebiete. Der Häuserbau wurde teilweise über Regierungskredite finanziert. Diese Kredite wurden jedoch oft nicht für Häuser in Nachbarschaften mit überwiegend schwarzer Bevölkerung gewährt. Somit blieben die Schwarzen um die 8. Meile herum zunächst unter sich. Als eine Baufirma nach neuen Möglichkeiten der Landerschließung suchte, kam sie auf die Idee, eine visuelle Trennung zwischen den bestehenden schwarzen und den geplanten neuen weißen Vierteln zu errichten. Diese absurde Maßnahme reichte, um weitere Regierungskredite zu erhalten.

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Über die Jahre gelang dann doch mit der Bürgerrechtsbewegung und einer wachsenden schwarzen Mittelschicht eine gewisse Integration. Nach den schlimmen Rassenunruhen 1967 beginnt die weiße Bevölkerung jedoch die Innenstadt Detroits zu verlassen und hinter die 8. Meile in die Vororte zu ziehen. Heute hat Detroit einen schwarzen Bevölkerungsanteil von 85%. Künstler aus Detroit haben die Mauer 2006 mit bunten Wandgemälden bemalt. Die plakativen Szenen zeigen Bilder und Botschaften eines friedlichen und freiheitlichen Miteinanders, unabhängig von der Hautfarbe. Sie erinnern u.a. an die enormen Anstrengungen der Bürgerrechtsbewegung im Kampf gegen die Rassentrennung.

Ein Abschnitt zeigt sie die bekannte Bürgerrechtlerin Rosa Parks beim Einsteigen in jenen gelben öffentlichen Bus, in dem sie sich im Dezember 1955 in ihrer Heimatstadt Montgomery (Alabama) den Anweisungen des Busfahrers widersetzt, ihren Sitzplatz für Weiße zu räumen. Diese mutige Aktion und ihre anschließende Verhaftung führten zu einem über ein Jahr andauernden Bus-Boykott der schwarzen Bevölkerung von Montgomery. Sie boykottierten solange die Busse, bis die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln im Bundesstaat Alabama schließlich aufgehoben wurde. Erst 1964 beende der „Civil Rights Act“ offiziell überall in den USA die Rassentrennung.

Rosa Parks verlor trotz allem ihren Job, und zog zwei Jahre später mit ihrem Mann nach Detroit. Bis zu ihrem Tod 2005 setzte sie sich für eine Chancengleichheit von African Americans ein. Sie wird hier wie im ganzen Land auch heute noch als „First Lady of the Civil Rights“ verehrt. Im US Kapitol in Washington D.C. steht ihre Statue zwischen anderen amerikanischen Persönlichkeiten, die das Land entscheidend prägten. Der gelbe Bus steht übrigens im Henry Ford Museum in Dearborn. Das „Charles H. Wright Museum of African American History“ in Detroit erzählt ihre beeindruckende Geschichte.

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Von einer echten Chancengleichheit scheint Amerika auch über 50 Jahre nach der Aufhebung der Rassentrennung noch weit entfernt zu sein. Das hat leider auch der erste schwarze Präsident nicht ändern können. Ganz sicher wird es jemand, der den Wahlkampf mit rassistischen Äußerungen vergiftet, nicht ändern. „When they go low, we go high“, hat Michelle Obama in ihrer beeindruckenden Rede auf dem Parteitag der Demokraten gesagt. Ich spiel‘ jetzt mal die Frauenpower Karte aus und hoffe, dass im Januar die erste Mrs. President ins Weiße Haus einziehen wird.

Stundenplan war gestern

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Hi there!

Der gute alte Stundenplan … ich habe ihn geliebt. Er lag im Schreibwarenladen aus, es gab ihn in der Apotheke oder bei der Bank. Erst mal alle mitnehmen, dann für ein Design entscheiden. So habe ich das jedenfalls zu meiner Schulzeit gemacht. Und später gab es Eigenkreationen, damit sie ins entsprechende Mäppchen passten. Ach, nicht zu vergessen meine Snoopy Kalenderbücher, die ich eine zeitlang als Hausausgabenbücher genutzt habe. Die gesammelten Werke vergangener Schultage schlummern immer noch in irgendeiner Kiste in Köln.

Ein amerikanischer Middle Schooler braucht keinen old school Stundenplan. Abgesehen davon, dass hier jeder Tag gleich abläuft, ist das gesamte Leben des Schulkindes online einsehbar. „Power School“ heißt das Zauberwort. Den Begriff hatte ich wohl als Randnotiz auf dem Info-Abend vor den großen Ferien notiert, über dessen Tragweite war ich mir jedoch im Juni noch nicht bewusst. Als die Zugangsdaten dann kurz vor Schulstart einflogen, war ich noch im Ferienmodus. Zurück im Ann Arbor Public School Gebiet habe ich mich dann gleich mal eingeloggt. Aha: Tagesablauf, Noten, Hausaufgaben, Cafeteria-Guthaben, Anwesenheit .. alles online 24/7 einsehbar. So weit, so gut. Neue Verwunderung entstand, als mir eine befreundete Mutter einen Screenshot ihres Kindes schickte, um zu schauen, ob die Jungs gemeinsame Kurse haben. Mmmmh, das sah ganz anders aus, als auf meiner PC-Ansicht. „Ja, hast du dir denn die App noch nicht aufs‘ smart phone geladen?“ die überraschte Info auf meine offenbar naive Nachfrage. Puuh, hatte ich etwa noch vor Schulbeginn den Anschluss an die schöne neue digitale Schulwelt verpasst? Nachsitzen! Nostalgie hin- oder her, die Power School App befindet sich nun auch auf meine ersten phone-Seite. Jederzeit bereit für das nächste Update.

Toll!! Jetzt kann ich beim Warten an der Supermarktkasse, beim Friseur, beim Lunch oder grad‘ mal an der roten Ampel checken, was so in der Schule läuft. Hat Kind auch die Englisch Hausaufgaben rechtzeitig abgegeben? Wieviele Punkte gab es im Spanisch-Test? Wie steht es mit der Beteiligung in World History? Ah, den Extra-Bonus in Mathe eingeheimst, sehr schön! Ups, zu spät zu Science erschienen? Waaas??? Im Unterricht dazwischen gequatscht? Das ideale Tool für alle Helikopter Moms and Dads, die ihre Kreise am liebsten auch im Klassenzimmer und auf den Fluren ziehen würden. Ich persönlich möchte das alles gar nicht im Stundentakt wissen! Ich bin auch keine (Achtung neuer Begriff! Und ich schwöre: das habe ich mir nicht ausgedacht!!) „Pop-Up-Mom“. So bezeichnen sich Mütter, die immer mal wieder unangemeldet im Klassenraum ihrer Kinder auftauchen (und noch mächtig stolz darauf sind), um nach dem Rechten sehen. Liebe Schüler der 80er: jetzt stellt euch mal vor, eure Muttis wären einfach so im Klassenraum erschienen. Ihr hättet doch gedacht, euer Haus wäre abgebrannt oder der Opa gestorben.

Die wirklich wichtigen Informationen kommen übrigens noch mit der guten alten Email. Zum Beispiel, dass ein Schüler eine Waffe auf dem Schulcampus gesehen haben will und darauf hin unter riesigem Sicherheits-Brimborium sämtliche Spinde, Rucksäcke und Klassenräume durchsucht wurden. Ein paar Stunden später am gleichen Tag erhielt ich dann noch einen Anruf, der mich (zusätzlich zum Vermerk in Power School und via Stimme vom Band) über das Zuspätkommen meines Schülers in einem Kurs informierte. Bei meinem Rückruf habe ich freundlich aber bestimmt deutlich gemacht, was mich wirklich beunruhigt. Yikes! Welcome to Middle School.2016! Und einen wehmütigen Gruß an die guten alten Schultage mit handgeschriebenen Stundenplänen!

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This is the place !

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… soll Mormonenführer Brigham Young ausgerufen haben, als er mit seinem Treck von den Wasatch-Bergen auf die staubige Wüste und den Salzsee blickte. Das Salt Lake Valley soll ihm zuvor in einer Vision erschienen sein. Etwa eintausend Anhänger der „Church of Jesus Christ of the Latter-day Saints“, kurz LDS (Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage) hatten sich von Illinois aus auf den Weg gen Westen aufgemacht, um einen noch nicht besiedelten Ort zu finden, an dem sie nach ihren Vorstellungen und Gesetzen leben konnten.

Hi there,

man schrieb das Jahr 1847. 2015 wählte Salt Lake City, die Hauptstadt des „Mormonen-Staates“ Utah und Hauptsitz der LDS Kirche, mit Jackie Biskupski die erste lesbische Bürgermeisterin. Diese Gegenpole zwischen heiligen und weltlichen Leben sorgen in Salt Lake City für ein aufregendes Spannungsfeld. Über den Gartenzaun und beim abendlichen Vorgarten-Schwatz mit unseren Nachbarn auf Zeit erhielten wir aufschlussreiche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der Stadt und in das Nebeneinander von Mitgliedern der Mormonenkirche (das sind in Utah 62% der Bevölkerung, in Salt Lake City knapp unter 50%) und „Nicht-Mormonen“. Getreu des „Airbnb“ Slogans „Erlebe einen Ort, als wärst du dort Zuhause“. Für vier Nächte waren wir zu Gast im Haus einer Professorin, die für ein Forschungssemester im benachbarten Idaho weilt. Bäume säumten die gemütliche Straße. Ein paar Blocks weiter: hippe Restaurants und Cafés, kleine originelle Läden, Yogastudios und den besten Eisladen östlich von Orta San Giulio. 😉

Das Viertel „9th & 9th“ war für uns „the place to be“. Von hier aus bewegten wir uns entlang der weiten, langen Straßen (klassisches Schachbrett) zwischen gewachsenen Neighborhoods, neuen urbanen Orten, hohen Bergen im Osten und dem Großen Salzsee im Westen.

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Der Große Salzsee bedeckt eine Fläche von 4.400 Quadratkilometern

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On top of „Hidden Peak“ (3353 m) in der Skiregion „Snowbird“

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Salt Lake City war Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2002

Tag 1 katapultierte uns aber zunächst einmal zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts und mitten in die Geschichte der Mormonen. Im Herzen der Innenstadt liegt der „Temple Square“, das geistige Zentrum der Mormonen-Kirche. Eine meterhohe Mauer trennt den Temple Square vom geschäftigen Rest der modernen Innenstadt. Durch große Tore betritt man ein überaus gepflegtes, parkähnliches Terrain mit wunderschön angelegten Gärten. Eine andere Welt, leicht unwirklich. Ein wenig Disneyworld. Nur ohne ständig kehrende Mitarbeiter. Bekehren ist hier das erklärte Ziel. Es wimmelt von eifrigen jungen Frauen (Dresscode: flache, geschlossene Schuhe, mindestens knielanger Rock), die um keine Frage zur Kontaktaufnahme verlegen sind. How are you? Where are you from? Have you already been to the North Visitor Center? Would you like to do a tour? You don’t speak English: kein Problem, die Damen halten Schilder mit allen gängigen Sprachen dieser Erde in die Höhe. Hier soll kein potentielles neues Mitglied „unbearbeitet“ bleiben. Die Damen sind sehr freundlich, keine Frage. Aber es ist schon leicht befremdlich, wenn man alle paar Meter aufs‘ Neue angesprochen wird.

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Der Salt Lake Temple, weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt, ist für Besucher nicht zugänglich. Er bleibt den Mitgliedern zum Empfang der Sakramente wie Eheschließung oder Taufe vorbehalten. Der goldene Engel Moroni auf einer der vorderen Spitzen soll dem Gründer der Mormonenkirche, Joseph Smith, den Text für „Das Buch Mormon“, neben der Bibel Glaubensgrundlage der Kirche, offenbart haben. In den zwei gut ausgestatteten Besucherzentren sind wir hingegen herzlich willkommen. Hier wird eingehend und eindrucksvoll über Geschichte und aktuelles Wirken der Kirche informiert. Es gibt ein interaktives Bibelquiz, die Geschichte des „Book of Mormon“ als Film, Szenen des alten Testamentes in Öl und als Wachsfiguren, eine riesige Christus Statue. Auch hier: junge, freundliche Damen mit schwarzen Namensschildern, deren Mission – nun auf hochflorigem Teppich – ebenfalls eindeutig ist.

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Die starke Prägung der frühen Geschichte Utahs durch die Mormonenkirche hat sich in viele Bereiche des 21. Jahrhunderts hinüber gerettet. Ursprünglich wollte die Glaubensgemeinschaft sogar einen eigenen Staat „The State of Deseret“ gründen. Das bis dahin zu Mexiko gehörenden Land fiel jedoch ein Jahr nach Ankunft der Mormonen an die USA, wird zum Utah Territory und später 45. Bundesstaat. 1890 verbietet der damalige Präsident der Mormonen, Woodruff, auch offiziell die vom Gründer Joseph Smith propagierte Vielehe. „Deseret“, was im Buch der Mormonen Honigbiene heißt, hat trotzdem seinen Weg nach Utah gefunden. Das Symbol des Bienenstocks ist allgegenwärtig, es ziert das Staatswappen, die Treppengeländer des State Capital, und ist auf nahezu jedem Straßenschild zu sehen. Utah – „The Beehive State“. Und noch heute bleiben viele Geschäfte und Einkaufszentren im sonst so konsumfreudigen Amerika Sonntags geschlossen. Alkohol (außer Bier) kann man nur in speziell lizensierten Liquor Stores kaufen.

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Ich fand es hochspannend, eine Stadt mit einer derartig starken Präsenz einer einzigen Religion zu erleben. Der Mormonenglaube ist übrigens der einzige Glaube, der nicht mit den Einwanderern nach Amerika importiert wurde, sondern quasi in Amerika „erfunden“, oder „offenbart“ wurde. Die Kirche engagiert sich sozial in aller Welt, produziert eigene Lebensmittel für Bedürftige. Die Gemeinschaft innerhalb der Kirche ist stark, die klassische Familie hat einen extrem hohen Stellenwert. So wie sich die LDS-Kirche in Salt Lake präsentiert hat, reicht mir ihr striktes, sehr dogmatisches Regelwerk jedoch eindeutig zu tief in die persönlichen Lebensbereiche hinein. Sie nimmt zudem ausgesprochen konservative Haltungen in gesellschaftlichen Fragen (z.B. Gleichstellung der Frau, Akzeptanz Homosexualität) ein. Unsere Salt Lake Nachbarn von nebenan (ihr ahnt es: keine Mormonen) erzählten aber auch, dass es zunehmend Mitglieder der Kirche gibt, die sich für liberalere Haltungen einsetzen. So nimmt die Gemeinschaft „Mormons building bridges“ seit 2012 zum Beispiel an der „Utah Pride Parade“ teil. Leben und leben lassen, würde der Kölsche dazu sagen.

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Mich haben die Mormonen ohnehin schon am frühen Morgen „verloren“, Kaffee ist nämlich tabu.

America the Beautiful !

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Hi there!

„We“ are back to school! Nach einem zusätzlichen Jahr Schonfrist war es diese Woche unvermeidlich: mein „kleiner“ Junge ist „off to Middle School“, oder „Junior High“, wie sie in anderen Staaten heißt. Vor genau 3 Jahren stieg ein 8-jähriger (der kaum ein Wort Englisch sprach) noch etwas verzagt zum ersten Mal in den großen gelben Schulbus. An diesem Dienstag Morgen brauste ein selbstbewusster 11-jähriger (English: fluently), dem ein Foto beim Einsteigen in den Bus zu uncool war, davon. Time flies! Hinter liegt ein heißer, schöner Sommer mit Besuchen von Familie und Freunden aus Deutschland, zwei langen Wochenenden am Lake Michigan (my happy place!) und einer Reise in den Westen der USA.

America the Beautiful! So ist es auf dem Jahrespass des „National Park Service“ zu lesen. Die Amerikaner neigen ja an vielen Stellen zu blumigen Worten und benutzen gerne Superlative. Aber in diesem Fall ist die Wirklichkeit noch viel schöner und großartiger, als es das kreativste Marketingversprechen ausdrücken könnte. Der am 25. August 1916 von Präsident Wilson gegründete „National Park Service“ schützt  seit 100 Jahren Amerikas‘ Naturwunder und das historische Erbe des Landes. Grund zum Feiern! 2016 gehören 413 Anlagen (59 Nationalparks, 354 Wälder, Monumente, Historische Gedenkstätten, Naturparks, Flüsse und Küstenstreifen) zu seinen Kronjuwelen und werden für zukünftige Generation bewahrt. Als die ersten weißen Pioniere in den Westen des Landes vordrangen, stießen sie auf atemberaubende, nie zuvor gesehene Landschaften. Einige dieser „Entdecker“ hatten glücklicherweise früh die Weitsicht, das diese einzigartigen Orte und spektakulären Wunder der Natur vor unkontrollierter Entwicklung in ihrer Gänze geschützt werden müssen. Außerdem sollten sie für jeden, der sich daran erfreuen wollte, zugänglich sein. Happy Birthday – was für eine weise, vorausschauende Idee!

44 Jahre bevor die staatliche Organisation „National Park Service“ die Aufgabe übernahm, diese Orte zu managen, wurde 1872 im damaligen Wyoming Territory bereits der „Yellowstone National Park“ von President Grant zum ersten Nationalpark der USA erklärt. Der älteste Park ist ein geologisches Wunderland mit unvergleichlichen Schätzen. Was für eine einmalige Show, die Mutter Natur dort präsentiert. Da fühlt man sich plötzlich ganz klein und möchte sich demütig verbeugen.

„No matter what brought you to Yellowstone – wildlife, geysers, scenery. It’s the volcano that effects everything you see.“

Der Yellowstone National Park ist nicht nur der älteste Nationalpark der USA, er ist auch der explosivste. Ein sogenannter „Supervulkan“, der sich auf einer Kontinentalplatte befindet. Besonders sein letzter massiver Ausbruch vor rund 600.000 Jahren hat seine heutige Landschaft massgeblich geprägt, und einen Krater hinterlassen, der sich über ein Viertel der Parkfläche erstreckt. Seine tief unter der Erde liegenden Magmakammern sind verantwortlich für die mehr als 10.000 geothermischen Phänomene, die uns über der Erde beeindrucken. Sprühende Geysire, rauchende „fumeroles“, blubbernde heiße Mineralquellen in allen Regenbogenfarben. Blue Star Springs, Beauty Pool, Morning Glory Pool, Excelsior Geysir, Sunday Geysir, Artist Paint Pot, Crackling Lake, Jupiter’s Cycle, Hurricane Vent … was sich liest wie werbewirksame Namen für Wellness-Anwendungen sind faszinierende geothermische Phänomene. Sie haben mir so manches „wow“ entlockt und ich konnte mich kaum satt sehen an den tollen, teils psychodelischen Farben und bizarren Formen. Besonders am frühen Morgen, wenn sich der Frühnebel über die dampfenden Stellen erhob, erscheinen Teile des Parks wie mystische Märchenlandschaften.

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Überhaupt lautete das Motto: The early bird catches (ok: sees ;-)) the bear! Und: Yes! Wir haben einen Bären gesehen. Sogar zwei. Ein großer Grizzly mit frischer Bisonbeute im Yellowstone Park und einen kleinen Schwarzbären im Grand Teton National Park. Glück gehabt. Wie bei einem Geysir, der nur alle 4 – 5 Tage seine Wasserfontänen in die Höhe spritzt, waren wir zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Geysir-App half da wenig, kein Netz, fast nirgends im Park. Auch mal schön! Ohne Zeitplan und immer präsent sind die weiten, offenen Landschaften, eine reiche Tierwelt (neben Kollege Grizzly und Schwarzbär grast hier die weltweit größte, wilde Büffelherde, Elche, Antilopen, Wölfe), malerische Flusstäler, tiefe Schluchten, steile Wasserfälle, dichte Wälder, unzählige fantastische Wanderwege, erhabene Bergketten, weite Seen und der spektakuläre Grand Canyon of the Yellowstone. Dessen gelbe Felswände gaben dem Yellowstone River seinen Namen. Es ist die unglaubliche Vielfalt dieses riesigen Lebensraumes, die Yellowstone so einmalig unter den Nationalparks macht.

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Thank you Mother Nature! And thank you John Muir! Der schottische Einwanderer und Naturalist setzte sich neben einigen anderen früh für den Erhalt der unberührten Gebiete ein, und gilt heute als Gründervater der amerikanischen Nationalparks. Er hatte den Mut, sich für den Schutz der Natur um ihrer selbst willen einzusetzen. Eine radikale Idee in einer einer Zeit, in der europäische Siedler die Wildnis Nordamerikas für ein neues Leben nutzbar machen wollten.

„Keep close to nature’s heart and break clear away once in a while. Climb a mountain or spend a week in the woods. Wash you spirit clean.“ John Muir

Und auch wenn der schlummernde Vulkan im Yellowstone Park irgendwann erwachen könnte („He may erupt again.“ steht schlicht auf einer Tafel in im Visitor Center des Canyon Village), ich würde jederzeit wieder in diese fantastische magische Naturwelt eintauchen. 

Unsere Reise führte uns anschließend in den ebenfalls wunderschönen „Grand Teton National Park“. Hier dominiert mit der Grand Teton Bergkette eine fantastische Bergwelt mit Gletschern und Seen. Fast ein wenig wie in den Alpen, wenn da nicht auch die weiten freien Flächen vor einem unendlichen Himmel wären. Große Teile des heutigen Parklandes wurden übrigens von dem New Yorker Geschäftsmann und Naturliebhaber Franklin D. Rockefeller erworben, der sie später dem National Park Service stiftete. Die charmante ehemalige Wildweststadt Jackson war Ausgangspunkt für unsere Erkundungen und Wanderungen im Grand Teton National Park. Verdammt viel Natur für ein Stadtmädchen 😉 Letzte Station: Salt Lake City im Mormonenstaat Utah. Hui … darüber muss ich dann mal gesondert berichten. Wenn ich mir all‘ die Broschüren, die mir von den freundlichen unaufdringlich-aufdringlichen Mormonen-Anwerbern in die Hände gedrückt wurden, zu Gemüte geführt habe.

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from farm to table …

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… or to the White House.

Hi there!

„Agriculture is the most healthful, most useful and most noble employment of man.“

hat George Washington, einer der Gründerväter und erster Präsident der USA gesagt. Wenn er nicht gerade für die Unabhängigkeit kämpfte oder sein Land später regierte, baute er Tabak, Weizen und andere Getreidesorten an. Er war für seine Zeit sogar ungewöhnlich innovativ bei der Entwicklung neuer Anbaumethoden. Landwirtschaft, Präsidentschaft … in den letzten beiden Wochen waren das zwei spannende Gegenpole meiner amerikanischen Erfahrung. Vom harmonischen „farm to table dinner“ zum schrillen Kampf ums Weiße Haus. Und trotzdem gibt es einen interessanten Zusammenhang. Aber mal schön der Reihe nach.

Oooooom! Entspannter und beschwingter hätte der Ausklang des vorletzten Wochenendes nicht sein können. Nur wenige Meilen von unserer Vorstadtsiedlung entfernt (dort, wo die Straßen schon nicht mehr asphaltiert sind), liegt die „White Lotus Farm“. Ein 11 Hektar großes grünes, blühendes Paradies, das von einer buddhistischen Gemeinschaft betrieben wird. Sie bewirtschaftet die Farm, auf der saisonales Gemüse angebaut, Ziegenkäse hergestellt und Brot (best Baguette and Croissants in town!!) gebacken wird, nach biodynamischen Grundsätzen. Neben den Nutzbeeten wurden wunderschöne Gärten nach dem Vorbild europäischer und asiatischer Gärten angelegt. Sie sind nicht nur blühende Schönheiten, sondern haben auch eine praktische Funktion. Getreu dem Grundsatz des englischen Gartengurus und Pioneers der biologischen Landwirtschaft, Alan Chadwick, der in dem Nebeneinander von Nutz- und Ziergarten eine „ganzheitliche Umgebung für Fruchtbarkeit“ sah. Neben den Einflüssen aus Europa und Asien, werden auch alte, einheimische Apfelsorten angebaut. Die restaurierte Scheune, eine der letzten Original Scheunen in Michigan, die von der Lutherischen Glaubensgemeinschaft erbaut wurden, beherbergt heute Räume für Meditation und Yoga. Die Einkünfte der Farm unterstützen das spirituelle Leben der Gemeinschaft. Ein deutsches Mitglied erzählte uns, dass ein solcher Ort, wo Buddhismus ganz praktisch gelebt wird, sehr selten zu finden ist. Spanned war es, mehr über das Konzept der White Lotus Farm zu erfahren, deren Produkte ich schon länger auf dem Markt kaufe. Und das fünfgängige Dinner, das uns im Anschluss an eine Farm-Tour an zwei langen Tischen mitten auf der grünen Wiese serviert wurde, war ein kulinarischer Traum. Zubereitet hatte es der asiatische Chefkoch eines lokalen Restaurants. Bon Appétit & Oooooom!

Los ging’s mit lecker Blubberbrause aus Michigan, Farmbrot, Ziegenkäse und anderen köstlichen Kleinigkeiten. Trotz Porzellan und goldenem Besteck … ohne den guten alten Plastikcooler geht bei amerikanischen Outdoor Veranstaltungen nix. 😉

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Der Besitz und das Bewirtschaften von Land ist tief in der amerikanischen Kultur verankert. Sowohl bei den Ureinwohnern als auch bei den frühen europäischen Einwanderern, den Pilgrims, hat die Landwirtschaft eine wichtige Rolle bei der Bildung und Entwicklung des Landes gespielt. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren Farmer, ebenso eine ganze Reihe späterer Präsidenten. Nach George Washington war auch Thomas Jefferson ein experimentierfreudiger Farmer, der nach Feierabend mit unzähligen Frucht- und Gemüsearten experimentierte, u.a. mit für diese Zeit exotischen Sorten wie Kichererbsen und Kale. Abraham Lincoln wuchs auf einer Farm auf und nutzte seine „farm boy“ Kindheit, um seine bescheidenen Wurzeln zu demonstrieren. Theodore Roosevelt nannte sich selbst „Cowboy of Dakota“, er unterhielt eine Viehfarm, bevor er Präsident wurde. Harry S. Truman wuchs auf einer Farm in Missouri auf. Seine Mutter sagte später über ihn: „Auf der Farm hat Harry seinen gesunden Menschenverstand ausgebildet“. Lyndon B. Johnson, oft in Cowboy Boots und mit Stetson Hut zu sehen, wurde auf einer Ranch geboren, die er später selber führte. Während seiner Präsidentschaft lud er Staatsgäste dorthin ein, u.a. Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der berühmteste „Farm-Präsident“ ist sicherlich Jimmy Carter. Er wuchs auf der Erdnussfarm seiner Eltern in Georgia auf. Ronald Reagan und George W. Bush nutzten ihre Farmen in Kalifornien und Texas, um dort mit Staatsgästen Gespräche in einer informellen Atmosphäre abseits von Washington D.C. zu führen. Einige der ehemaligen Präsidentschaftsfarmen werden heute vom „National Park Service“ bewirtschaftet und stehen Besuchern offen.

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Auch am Weißen Haus legten verschiedene First Ladies seit seiner Fertigstellung 1800 Gemüsegärten an. Eleanor Roosevelt pflanzte während des zweiten Weltkrieges den „White House Victory Garden“, um für Zeiten möglicher Lebensmittelknappheit für das Anlegen von Gärten bei der amerikanischen Bevölkerung zu werben. Hillary Clinton ließ einen Gemüsegarten auf dem Dach des Weißen Hauses anlegen und Michelle Obama erweitere die Gartenflächen erheblich, um Grundschulkindern die Vorzüge einer gesunden Ernährung nahe zu bringen. Farmen und Farmland sind für Amerikanern mehr als ein Ort für Landwirtschaft. Sie stehen für Tradition und harte Arbeit. Der Wunsch, Land zu besitzen und es zu bewirtschaften, scheint noch immer tief in den meisten Amerikanern verwurzelt zu sein.

Vom harmonischen „Oooom“ am Sonntagabend, ging es nahtlos über zu den lauten und schrillen Tönen des Präsidentschaftswahlkampfes. Der erreichte in den letzten beiden Wochen mit den Parteitagen der rivalisierenden Parteien seinen vorläufigen Höhepunkt. Puuh – anstrengend war das … jeden Abend vor der Glotze. Aber besondere Ereignisse bedürfen besonderer Maßnahmen. Jeweils von Montag bis Donnerstag: Reden, Reden, Reden. Einige davon sehr bewegend, viele mit enormen Pathos, dazu viel Lobhudelei, unglaubliche Inszenierungen, den ein oder anderen Skandal, wenig neue Inhalte. Und am Ende die obligatorischen Ballons (viele Ballons in rot, weiß, blau), die von den Arenen-Decken in Cleveland and Philadelphia auf die nun offiziell gekürten Präsidentschaftskandidaten und ihre Anhänger hinab schwebten. Das ist das Bild, das ich auch von der Berichterstattung in Deutschland von vergangenen US-Wahlkämpfen im Kopf hatte. Nun bin ich zum ersten und vermutlich zum letzten Mal während des langen Wahlkampfes im Land und finde es super spannend, das alles „vor Ort“ zu erleben. Auch wenn es, wie alle Amerikaner um mich herum nicht müde werden zu betonen, ein ungewöhnlicher, nicht typischer Wahlkampf ist. Wäre ich jetzt gar nicht drauf gekommen. Trotzdem habe ich so manches Detail besser verstanden, vom komplizierten Vorwahl-System über die Bedeutung von Super-Pacs, „the winner takes it all“-Staaten bis hin zu den Wahlmännern und -frauen. Nun geht der Wahlkampf in seine finale Phase. 45. Präsident(in) gesucht! Demokratin vs. Republikaner. Elefanten vs. Esel. Blau vs. rot. Am 8. November wissen wir mehr. Ein Dienstag übrigens. Weil ein Sonntag nicht geht, da steht der traditionelle Kirchenbesuch an. Und Montag ist Anreisetag zum Wahllokal. Mit der Kutsche kann das halt schon mal dauern.

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Ach je … ich könnte mich jetzt richtig in Schwung schreiben … und zum Beispiel hinterfragen, wie zeitgemäß das 2nd Amendment (Recht auf Selbstverteidigung) der vor rund 240 Jahren geschriebenen „Constitution“ noch ist, aber ich mache lieber einen Punkt und rufe zuversichtlich „Let’s go blue“!

 

Ann Arbor – how are you?

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„When I arrived in 1934, at the bottom of the Depression, I fell in love with the place, as groggy as I was from the bus ride, because I was out of the warehouse at last and at least formally part of a beautiful town, the college town of Ann Arbor.“ (Arthur Miller)

Hi there!

Wie versprochen: Ann Arbor! Für den Schriftsteller Arthur Miller, der als Student der University of Michigan einige Jahre in Ann Arbor lebte, war es Liebe auf den ersten Blick. Für mich eher eine auf den zweiten oder dritten Blick. Letzte Woche vor genau drei Jahren fand meine erste Begegnung mit Ann Arbor statt, und es sah erst mal nicht danach aus, als würden wir beide gute Freunde werden. Es war heiß und schwül. Ich mochte das Hotel nicht. Die Klimaanlage war furchtbar laut. Ein Zimmerwechsel machte es nur unwesentlich besser. Also erst mal nach Downtown, soll ja so hübsch sein. An diesem Ankunftstag hätte es mir die malerischste Innenstadt wohl nicht recht machen können. Neun Stunden Flug, Jetlag, Hitze. Fast so schlimm wie Hunger, Pippi, Durst. Und „on top“ die permanente Frage: „How. are. you. doing?“. Schlecht!! Ich sah mein Leben gerade für ein paar Jahre im „fast forward“ Mode an mir vorüber rasen. Meinen 8-Jährigen vom Kind zum Teenager mutieren. Und plötzlich war ich mir alles andere als sicher, ob ich bei der „Mission Michigan“ noch mitmachen wollte. Ganz unglücklich nippte ich auf der belebten Main Street an meinem Getränk. Um uns herum tobte das Leben, Ann Arbor feierte den Sommer. Ein Setting, das ich heute ganz wunderbar finde. Aber an jenem ersten Michigan-Tag war ich kurz davor, dem nächsten, der mir ein „How are you“ entgegen schmetterte, an die Gurgel zu gehen. Umso größer war meine Überraschung, als ich mich einige Monate später „Fine. How are you?“ antworten hörte. Da war ich wohl angekommen. Im Land des zwanglosen Small Talks, in dem es den Fragenden nicht wirklich interessiert, wie es einem geht. Hauptsache, man hat mal drüber gesprochen. Die Steigerung von „how are you?“ ist übrigens „how is your day going so far?“. Gerne zwischen Schinken abschneiden und über die Theke reichen untergebracht. Meine gute Erziehung verbietet mir die Gegenfrage: „was zum Teufel geht dich das denn an?“.

How is Ann Arbor? Ann Arbor ist liberal und weltoffen. Ein bunter Mix verschiedener Kulturen und Nationalitäten. Politisch betrachtet ist Ann Arbor eine demokratische Insel im republikanischen Michigan. Eine Insel, hinter deren Stadtgrenzen erst die amerikanische Wirklichkeit zu beginnen scheint. Fallen in der Stadt die Bernie Sanders Plakate in den Vorgärten ins Auge, weht einige Meilen außerhalb, wo es gleich deutlich ländlicher zugeht, die ein oder andere Südstaaten Flagge. Ann Arbor ist grün, bunt, ein wenig Hippie, viel Yuppie. Die Kleinstadt Oase landet regelmässig auf den vorderen Plätzen, wenn es um Orte mit hoher Lebensqualität und Familienfreundlichkeit geht. Die Innenstadt ist ein gewachsenes Zentrum mit vielen schönen alten Backsteinhäusern, einer lebendigen Gastronomie- und Einzelhandelsszene. Einige Mikrobrauereien brauen hier leckere Biere, auch für verwöhnte deutsche Gaumen. In den Cafés sitzen Studenten mit ihren Laptops. Die kleine Stadt ist an vielen Ecken Großstadt. Und in vielerlei Hinsicht nicht Amerika.

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Gegründet wurde Ann Arbor 1824. Die beiden Gründer benannten Ann Arbor nach ihren Ehefrauen, die beide Ann hießen, und nach den Eichenbaum-Alleen, die auf ihrem neu erworbenen Land standen. Die vielen baumgesäumten Straßen in und rund um Downtown geben Ann Arbor heute den Beinamen „Tree Town“. Außerdem gibt es viele Parks und Grünflächen, Gärten und das bewaldete Ufer entlang des Huron River. Von den 120.000 Einwohnern („Ann Aborites“) sind rund 40.000 Studenten der University of Michigan. Downtown und der zentrale Campus entwickelten sich parallel, so dass es keine direkte Trennung zwischen der Innenstadt und dem Gelände der Universität gibt. Das macht Ann Arbor heute sehr jung und lebendig. Leute, die hier aufgewachsen sind oder schon sehr lange hier leben, nennen sich „townies“. Domino’s Pizza wurde hier gegründet, die Konzernzentrale befindet sich auch heute noch hier. Bob Seger und Iggy Pop wuchsen in Ann Arbor auf. Madonna hat an der University of Michigan studiert, heute ist ihre Tochter hier eingeschrieben. Ann Arbor hat den persönlichen Konsum von Marijuana legalisiert. Seit 1972 findet jeden April das „Hash Bash“ Festival auf dem Gelände der Uni statt. Google’s hoch profitables Programm „AdWords“ sitzt in Ann Arbor. Bei der lokalen Institution „Zingerman’s“, die weit über Ann Arbor für ihr unglaublich leckeren Sandwiches bekannt ist, hat schon President Obama 2014 ein Reuben Sandwich verspeist. Soweit ein paar Ann Arbor „(fun) facts“.

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Die kleine Stadt Ann Arbor und ich –  wir sind heute ganz dicke. Auch wenn es mir nach drei Jahren immer noch so manches Mal unwirklich erscheint, wenn kurz vor dem Abzweig in unsere Neighborhood das Schild „Ramp to Detroit“ in Sicht kommt. Heimatgefühl stellt sich dafür ein, wenn mich der junge Mann am Marktstand meines Vertrauens mit „wie geht es“ begrüsst, oder die Dame an der Supermarktkasse sich nach unserem letzten Urlaub erkundigt. Das ist dann etwas mehr als das allgegenwärtige „how are you“. Aber letztlich, da bin ich einer Telefonstimme voll auf den Leim gegangen, und habe auf die Standardfrage mit einem zwar knappen, aber gutgläubigen „good“ geantwortet. Nach einer unnatürlichen Pause ging das übliche Verkaufsgeblubber vom Band los … reingefallen!

I hope everybody is having a wonderful Sunday! And a fun and safe summer! Wherever you read this!

 

Cereal City

Hi there!

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Wer A sagt, muss auch B sagen. Und weil mir C wie „Cereal“ dazwischen gekommen ist, sage ich nun erst mal B wie „Battle Creek“, bevor es mit A wie „Ann Arbor“ weitergeht. Hä? Also, dann mal der Reihe nach. Ich war letzte Woche (eher zufällig) in Battle Creek, Michigan – das ist 80 Meilen westlich von Ann Arbor. In dieser adretten, aber unscheinbaren Kleinstadt, die an der Bahnlinie zwischen Detroit und Chicago liegt, hat William Keith Kellogg 1894 die berühmten Kellogg’s Corn Flakes erfunden. Vom Kellogg Company Headquarter werden heute über 100 unterschiedliche Kelloggs Produkte in mehr als 180 Länder verkauft. Ich war schon im letzten Jahr auf die Geschichte der Cornflakes aufmerksam geworden, als ich T.C. Boyle’s Roman „Willkommen in Wellville“ las. Sie spielt in Battle Creek und erzählt vom „Battle Creek Sanitarium“(„The San“), dass von dem exzentrischen Dr. James Harvey Kellogg geleitet wurde. Kellogg führte die Klinik für Ernährung nach den Prinzipien der Glaubensgemeinschaft „Seventh-day Adventist“, die eine rein vegetarische Diät und ein striktes Verbot von Alkohol und Tabak propagieren. In dem luxuriösen medizinischen Zentrum wurden die Patienten mit teils skurrilen Methoden auf eine gesündere Ernährungs- und Lebensweise umgestellt. Dr. Kellogg setzte dabei auf Gemüse, Früchte, Nüsse und Getreide, viel frische Luft, Sonne, Bewegung und Entspannung. Der Roman von T.C. Boyle ist zwar Fiktion, ihm liegen jedoch historische Fakten zugrunde. Die Vorgänge im Sanitarium und der Gesundheitswahn von Dr. Kellogg werden von dem amerikanischen Autor wunderbar satirisch beschrieben. Ein empfehlenswertes Buch übrigens.

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Und weil Unmengen von Eiern mit Speck das gängige Frühstück der amerikanischen Oberschicht dieser Zeit war, wurde im Sanitarium ständig an der Entwicklung von neuen, gesünderen Alternativen gearbeitet. Hier tritt der späterer Cornflakes-Erfinder, William Keith Kellogg, in die Geschichte. Dr. Kellogg stellte seinen Bruder William Keith 1880 als Buchhalter und Geschäftsführer ein. Neben diesen Tätigkeiten half er bei zahlreichen Lebensmittelexperimenten unter der Federführung von Ella Eaton Kellogg, Dr. Kellogg’s Frau. Über 80 Getreide- und Nuss-Gerichte wurden so entwickelt, u.a. verschiedene Frühstücksflocken und die heute in keinem guten amerikanischen Haushalt fehlende Erdnussbutter. Bei dem Versuch, ein neues Müsli zu kreieren, ließen die Kelloggs Brüder eines Abends versehentlich gekochte Weizenkörner im Wasserbad zurück. Am nächsten Morgen rollten sie diese über eine Walze, ließen sie trocknen und erhielten so perfekt geformte Weizenflocken. 1895 meldet Dr. Kellogg ein Patent für diese Art der Flocken an, und listetet neben Weizen auch Mais und andere Getreide.

W.K. Kellogg experimentierte anschließend so lange, bis es ihm gelang, auch Maiskörner in Flocken zu verwandeln. Die Geburtsstunde der Cornflakes. Die Flocken sollten etwas später die amerikanischen Frühstücksgewohnheiten für immer verändern. Bis dahin war jegliche Form von Müsli trocken verzehrt worden. W.K. sah in der Kombination des Cereals mit Milch eine schnelle, nahrhafte Frühstücksalternative. Um Patienten des San auch nach ihrem Aufenthalt mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, gründeten die Brüder die „Sanitas Food Company“. Während Dr. Kellogg dies nur zum Wohle der Gesundheit seiner Patienten tat und nicht an einer kommerziellen Vermarktung interessiert war, wurde W.K. Kellog mit seiner 1902 gegründeten Firma „Battle Creek Toasted Corn Flake Company“ und späteren Kellogg Company ein Pioneer in der Massenvermarktung eines Produktes. Aus seiner kleinen Firma wurde der weltweit größte Cereal Hersteller. Die Erfindung der Kellogg Brüder rief um die Jahrhundertwende über hundert Firmen auf den Plan, die in Battle Creek ihr Glück mit dem Frühstücksgeschäft versuchten. Damit Kunden zwischen Original und Kopie unterscheiden konnten, ließ W.K. Kellogg seine Unterschrift mit dem Hinweis „The Original“ auf jede Schachtel drucken. Und so ist es bis heute geblieben.

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Während ich den Roman las, habe ich mir das Sanitarium als ein beeindruckendes Gebäude vorgestellt, als eine Art amerikanischen „Zauberberg“. Und tatsächlich: gut erhalten und eindrucksvoll thront es auf einer leichten Anhöhe und überblickt Battle Creek. Es beherbergt heute ein Regierungsgebäude. In den Lobbies sind Artefakte der Klinik und persönliche Gegenstände von Dr. Kellogg ausgestellt. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges logierten dort 1.250 meist gut betuchte Patienten, die von 1.800 Angestellten umsorgt wurden. Zu den Gästen gehörten u.a. Berühmtheiten wie President William Howard Taft, Henry Ford, Thomas Edison, Eleanor Roosevelt, Bernhard Shaw und Amelia Earhart. Insgesamt besuchten über 400.000 Gäste aus aller Welt den schicken Gesundheitstempel.

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Der heutige Firmensitz der Kellogg Company ist auch ein dominantes Gebäude in der Stadt, in dessen Lobby stolz die Geschichte der Cornflakes bebildert ist. Auf der Internetseite der Kellogg Company liest man heute folgendes: „Today — We’re proudly upholding the values W.K. Kellogg instilled more than 100 years ago — but now we’re doing it in 180 countries across the world. We still provide you and your family with better breakfasts that lead to better days, and we flake corn the same way W.K. Kellogg did back in 1898. It just tastes better that way.“ 

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Was als gesunde Frühstücksalternative erfunden wurde, ist heute eine industrielle Massenware mit ordentlich Zucker und Kalorien. Da halte ich mich lieber an „Overnight-Oat“ und Chiapudding mit Früchten. Und sonntags gibt’s dann Rührei mit Speck. Yum! Aber erzählt es Dr. Kellogg bitte nicht weiter. 😉

Was immer morgens auf Euren Frühstücksteller landet: lasst‘ es euch schmecken!