American Stories

Over the counter

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Hi there!

Irgendwie ahnte ich ja, dass Amerikaner sehr sorglos mit Medikamenten umgehen. Warum sonst werden hochdosierte Schmerzmittel in XXL-Packungen einfach so im Supermarkt rezeptfrei verkauft. „Over the counter“ nennt sich das hier, auch wenn sie gleich im Regal neben Zahnpasta, Duschgel und Wimperntusche abgegriffen werden können. Das „Value Pack“ Ibuprofen mit 1000 (!!!) Tabletten schnell mal im Vorbeigehen. Nichts geht über eine gute Vorratshaltung. Nur, warum sollte man sich mit vierstelligen Mengen an Schmerztabletten bevorraten? So viele Kaugummis oder Bonbons habe ich ja auch nicht im Haus. Gut, ich persönlich bin ohnehin kein Freund von Großpackungen. Ich mache auch keinen Wocheneinkauf. „I never make plans that far ahead“, Typ wie Rick aus „Casablanca“.

In den USA ist man hingegen groß mit Großpackungen. Und da bilden Schmerzmittel keine Ausnahme. Ich meine jetzt natürlich nicht chronisch kranke Menschen, die solche Medikamente leider wirklich in größeren Mengen benötigen. Es ist der gedankenlose Konsum von Tabletten, als wären es Gummibärchen, der mich irritiert. Weil das kleinste Unwohlsein, der geringste Schmerz unterdrückt werden muss. Jeder Zustand, der nicht 100% angenehm ist, muss korrigiert werden. Etwas wärmer draußen? Gleich die Klimaanlage auf höchste Stufe. Auto im Winter kalt? Motor starten, noch bevor man unter die Dusche springt. Kind abholen im Sommer? Im Auto bei laufendem Motor und geschlossenen Fenstern sitzen bleiben, bis Kind einsteigt.

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Ich schweife ab. Wir waren beim Umgang mit Medikamenten, vor allem mit Schmerzmitteln. Painkiller. Vergangenen Herbst hat mein Kind eine feste Klammer bekommen. In der Schule gab es natürlich schon viele Kids mit Drähten im Mund. Und alle wurden offenbar in den Tagen nach dem Einsetzen großzügig mit Schmerzmitteln versorgt. So weist mich auch der Kieferorthopäde bereits im Vorgespräch darauf hing, dass es ein paar Tage sehr unangenehm bis schmerzhaft werden könnte. Aber kein Problem: „Er soll einfach die Schmerzmittel nehmen, die er sonst auch immer nimmt.“ What??? Wir.nehmen.sonst.keine.Schmerzmittel! Hätte mir der Arzt wahrscheinlich nicht geglaubt. Also schweige ich, und denke mir meinen Teil. In der Woche drauf wird die Klammer eingesetzt. Erst der Doc persönlich. Erneuter Hinweis auf Schmerzmittel. Dann die Zahnarzthelferin mit Instruktionen zur Pflege der Zähne mit Klammer. Alles klar. Schnell und schmerzlos. Ha! Zum Abschied noch einmal ein wichtiger Rat … ja, ja, die Schmerzmittel, die wir sonst so nehmen. Auf dem Heimweg wird mein Auto von einer magischen Hand (oder war das der verlängerte Arm der Pharma-Industrie???) auf den Target Parkplatz gelenkt. „Target kann alles“ (alternative Auslegung von „einmal hin – alles drin) sagen wir immer, also auch Medikamente. Over the counter. Die amerikanische Gesundheitsmaschinerie hat es geschafft. Mutter ist in Sorge und möchte wenigstens ein Mittelchen im Haus haben. Man weiß ja nie. Es dauert eine Weile, bis wir uns durch die Vielfalt der Marken, Dosierungen und Darreichungsformen gewühlt haben. Das größte Problem während unsere Suche sind übrigens nicht die Schmerzen meines Sohnes. Viel schwieriger ist es, eine Packung mit weniger als 100 Tabletten zu finden. Schließlich stehen wir mit einem kleinen Pappwürfel an der Kasse. Strike, nur 20 Drops!

Bereit für den Ernstfall fahren wir nach Hause. Die einzige Medizin, die wir an diesem Abend benötigen ist Kartoffelpüree. Und auch an den Folgetagen bleibt die Painkiller-Packung zu. Ungläublichkeit bei den Freunden in der Schule. Am Tag vor Heiligabend dann der nächste „Ernstfall“. Kind klemmt sich den Daumen heftig in der Autotür ein. Autsch! Ich bin nur froh, dass er die Tür selber zugeschlagen hat. Aber das nur am Rande. Ein blauer Daumen, kein schönes Weihnachtsgeschenk. Ich denke an die 20 Pillen im Schrank. Aber Kind beißt die Zähne zusammen und packt ein Pflaster drauf. Drei Wochen später lassen wir dann doch mal einen Arzt drauf schauen und wollen wissen, ob der Nagel gezogen werden muss. Erste Frage: Nimmt er noch Schmerzmittel? Zweite Ansage: normalerweise hätte ich das sofort geröntgt und eine Ladung Tetanus gegeben. Nun denn, die Gefahr einer Blutvergiftung dürfte wohl nach drei Wochen gebannt sein … außerdem ist Kind ohnehin geimpft. Also werden wir mit dem Hinweis, abwarten und schauen, notfalls Schmerzmittel nehmen, wieder nach Hause geschickt. Sechs Wochen später sieht der Nagel nicht viel besser aus. Er tut nur nicht weh. Nächster Termin. Diesmal bei einem sogenannten Nagel-Spezialisten. Ihr ahnt es schon. „Wie lange hat Ihr Kind Schmerzmittel genommen?“ What’s wrong with you Docs?

Warum soll man seinen Körper nicht mehr spüren? Schließlich hat Schmerz ja auch eine Aufgabe. Er ist ein Signal, dass Schonung angesagt ist. Nicht-Funktionieren ist offenbar keine Option für Amerikaner. Heilung mit Bettruhe, Tee oder „just take it easy“ kommt nicht in Frage. Failure is not an option. Anders ist auch die Hysterie, die jeden Herbst in Sachen Grippeimpfung verbreitet wird, nicht zu erklären. Den „Flu-Shot“ kann man sich in jedem Drugstore geben lassen. No appointment needed. Werbung an jeder Ecke. Auch der Schuldistrikt rät alljährlich dringend zur Impfung. Eine Mutter erzählt mir, dass sie früher ihren Sohn in einer „Drive Thru“ Apotheke hat impfen lassen. Im Auto sitzen bleiben, schnell die Portion Chemie in den Körper jagen, und weiter. Treten trotz Impfung Anzeichen einer Grippeerkrankung auf: zack, Tamiflu drauf, wieder fit am nächsten Tag. Immer bereit, die nächste Mondlandung anzusteuern. Der Inhalt unserer Mini-Pillen-Packung ist noch mindestens bis 2020 haltbar. Doch irgendwie beruhigend. 😉 Gesundes Wochenende allerseits!

P.S. Wir haben übrigens unseren 5. Michigan Winter umgeimpft (!!) ohne Grippe überstanden. Und der neue Nagel wächst auch langsam.

Can I help you?

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Hi there!

Morgens um 10 in der Mall. Die Geschäfte haben gerade ihre Türen geöffnet. Es sind noch nicht viele Shopper unterwegs. Eigentlich eine prima Zeit, schnell ein paar Sachen zu erledigen oder in Ruhe zu stöbern. Eigentlich. Aber leider bist du dann auch eines der wenigen Ansprechpartner für das emsige Verkaufspersonal. „Hi, how are you this morning? Can I help you?“ Ich antworte geduldig und noch gut gelaunt wie immer: „I am fine, thank you. How are you? I am just browsing,“ und setze meinen Weg in den Laden fort. Nix da. „My name is Laura. This is Amanda. If you have any questions, please let us know.“ Ok, alles klar. Ich bedanke mich noch einmal brav und weiter geht’s. „Oh, we have an important information for you. The whole store is 40% off. It just started this morning. Even our new collection … blablabla.“ Ich höre gar nicht mehr richtig hin, denn das 40% off Schild hatte ich ja schon beim Betreten des Ladens gesehen. Das hätten wir also geklärt. Na, dann mal schauen, was es für Schnapper gibt. Nicht für lange, denn am nächsten Ständer tut eine weitere Dame fleißig ihren Job: „Hey, good morning. The whole store is …“ „Thank you, your colleague already told me“. (Und außerdem kann ich lesen) Keine Chance, die Sätze werden weiter abgespult und ich erfahre ein drittes Mal, dass es einen 40%igen Nachlass heute gibt. Außer auf Tiernahrung 😉

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Das amerikanische Verkaufs- und Servicepersonal ist unglaublich freundlich und dem Kunden zugewandt. Wenn auch oft sehr oberflächlich. Denn wenn ich den Laden verlasse, habe ich meist den Eindruck, die gleiche Person, die mich überschwänglich begrüßte, erinnert sich eigentlich schon nicht mehr an mich und spult gewohnheitsmäßig Sätze wie  „Thanks for stopping by“ oder „Have a great rest of the day“ ab. Aber wehe, man nimmt das Angebot „Can I help you“ tatsächlich wahr. Das mag bei einfachen Sachen („wo finde ich Produkt x“ oder „gibt es das auch in Größe Y“?) ja manchmal (mmmmh, eher selten) noch funktionieren. Aber bitte, bitte, lieber Kunde, stell‘ keine detaillierten Fragen zum Produkt. Schon gar nicht zu einem erklärungsbedürftigen Teil. Und auf gar keinen Fall so was Gemeines wie „wo ist denn jetzt der Unterschied zwischen Produkt x und y?“. Dann bist du fast immer genauso schlau wie vorher.

O-Ton meines damals 8-jährigen am Ende eines „Beratungsgesprächs“ in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses: „Mama, du hast der doch jetzt mehr zu den Cremes erzählt, als die dir“. Wo Kind Recht hat, hat es Recht.

Fachgeschäft für Bastelmaterialien aller Art. Gewünschtes Produkt: Schmuckzange für die Reparatur einer Kette. Die vielen unterschiedlichen Zangen verwirren uns. Also fragen wir nach. (Höre ich mich gerade an, wie in einer dieser Sendungen mit versteckter Kamera?) Die Antwort lautet: „Sorry, I don’t know“. „Does someone else in the store know?“. „Nein, hier macht keiner Schmuck“. Zur Erinnerung: wir sind in einem Bastel-Geschäft, nicht an der Käsetheke eines Supermarktes. „Hier macht keiner Schmuck“ ist in unserer Familie zum „Running Gag“ geworden und wird je nach Situation angepasst. „Hier staubsaugt keiner“ oder „Hier kocht keiner“ … Bei uns geht dafür niemand in Pyjama Oberteilen schwimmen. Aber vielleicht war das auch nur eine kreative Idee, uns doch noch ein Schwimm-Shirt zu verkaufen. Hey, in dem Laden schwimmt halt niemand. Ist denn hier jemals jemand zum Mond geflogen?

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Die USA wird ja gerne als glänzendes Gegenbeispiel zur Dienstleistungswüste Deutschland genannt. In Sachen Freundlichkeit, Offenheit, Kundenansprache und Beschwerdemanagement macht dem amerikanischen Verkaufs- und Servicepersonal so schnell auch wirklich niemand etwas vor. Das fällt mir immer dann auf, wenn wir am Frankfurter Flughafen beim Bäcker unser erstes deutsches Brötchen bestellen. Schmeckt zwar unvergleichlich köstlich, wird aber in der Regel ohne besonderen Enthusiasmus über die Theke gereicht. In der amerikanischen Gastronomie-Welt bekommt man neben Essen und Trinken auch immer freundliche Gesichter. Klar, bei dem geringen Stundenlohn sind sie auf ein ordentliches Trinkgeld angewiesen. Aber ganz ehrlich: das ist mir lieber als so mancher miesepetriger Kellner in Deutschland. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn etwas auf dem Teller nicht den Erwartungen entspricht. Zum Beispiel, wenn das Steak medium bestellt wurde, aber zu roh serviert wird. Dann hört man kein „das hat ja hier noch nie jemand gesagt“ oder „das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“. Dann wird sofort gehandelt und das Steak wieder in die Pfanne gehauen. Und vor allem: dann landet das Gericht meist nicht auf der Rechnung. Beschwerdemanagement ganz weit vorne. Das einem der Teller nach dem letzten Bissen entrissen und bereits mit der Rechnung gewedelt wird (aber „no rush, whenever you’re ready“), ist eine andere Geschichte. 😉

Neulich saß ich mit einer Freundin versehentlich im falschen Kinoraum des Michigan Theatre, einem kleinen (Non Profit!) Programmkino. Als wir unseren Fehler bemerkten, war es zu spät zum Wechseln. Also schauten wir einen anderen Film, auch gut. Beim Rausgehen erkundigten wir uns beim Mann an der Kinokasse, wie lange der Film (den wir eigentlich schauen wollten) den noch laufe. Dabei erwähnten wir unser Missgeschick. „Oh, I am sooooo sorry about that,“ entschuldigte er sich mehrfach für UNSERE Doofheit. Es kam noch besser: er bot uns kostenlose Tickets für den richtigen Film an. So sieht wohl Kundenorientierung „taken to the next level“ aus.

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Eines meiner neuen Lieblingsbegriffe beim Shoppen ist „Price Match“. Man braucht nur „piep“ zu sagen und schwupp, bekommt man die Ware billiger. Das funktioniert zum Beispiel so: Online Sonderangebote shoppen und zum local store (in dem ich viel lieber einkaufen würde, wenn es denn dort Hosen für Jungs geben würde. Amerikanische Mittelschüler tragen nämlich fast ausschließlich Sporthosen und dementsprechend ist das Angebot vor Ort, argh!) schicken lassen. Spart die Versandkosten und man kann gleich vor Ort anprobieren und ggf. umtauschen. Die Hosen für den gefühlt täglich wachsenden Sohn passten leider auch nicht. Schade, denn der Preis passte prima. 😉 Die Verkäuferin suchte uns Alternativen heraus, zum regulären Preis. Mehr zu mir selbst meinte ich: „Ach schade, die sind ja jetzt nicht so günstig.“ „Kein Problem“, sagt die freundliche Dame ganz selbstverständlich „dann machen wir schnell einen Price Match“. Dass lieber etwas zu einem günstigeren Preis verkauft wird, als sich mit einem Kunden auseinanderzusetzen, erlebten wir auch vor Kurzem an der Kasse eines Sportgeschäftes. Der Gesamtpreis erschien mir zu hoch und ich fragte nach. Schnell war klar: das Produkt hatte am falschen Ständer gehangen. Das Preisschild am Teil selber wies jedoch den korrekten (höheren) Preis aus. Okay, Irrtum meinerseits. Nehmen wir trotzdem. Aber als der Mann an der Kasse postwendend das magische Wort „Price match“ fallen ließ, habe ich mich natürlich nicht gewehrt.

Countdown to Christmas …

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Trotzdem es gegen einige Gesetze wie fehlende Geschäftslizenz und Gesundheitszeugnis oder gar Kinderarbeit verstösst, ist der Limonaden-Stand eine amerikanische Tradition in den Sommermonaten. Also mussten wir da auch in einem Sommer mitmachen. Frisch gepresste Limonade, hausgemachte Karamellbonbons und „Snow Cone Slushis“ gab es am Stand unseres Sohnes und seinem Freund von nebenan. Die Jungs haben ihr Geschäft weitgehend alleine organisiert. Schild gestalten, Stand aufbauen, Werbezettel in der Nachbarschaft verteilen, Zitronen pressen, Eis crushen … Just with a little help from marketing mom ;-). Die großangelegte Werbeaktion zeigte Wirkung. Das Geschäft boomte an diesem heißen Samstagnachmittag im August. 2 Stunden und 200 Dollar (!) später waren die Erfrischungsgetränke und süßen Sachen ausverkauft. Mit dem Erlös sind wir dann shoppen gegangen, Schulsachen für obdachlose Kinder. Lehrstunde in Sachen „how to build your first business“ erfolgreich absolviert.

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Packard – the next shift

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Hi there!

Polizeichef Captain Renault fährt in „Casablanca“ damit vor. In „Der Pate“ kommen gleich mehrere zum Einsatz. Präsident Roosevelt nutzte ihn als Dienstlimousine. Automobile der „Packard Motor Car Company“ zählten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Feinsten, was die amerikanische Autoindustrie zu bieten hatte. Die ursprünglich aus Ohio stammenden Packard Brüder lassen sich 1904 am East Grand Boulevard nieder. Dort, wo zuvor deutsche Einwanderer ihre Farmen betrieben, entsteht die erste Autofabrik aus Stahlbeton. Auf 16 Hektar Land baut der legendäre Architekt Albert Kahn einen Komplex mit 325.000 Quadratmetern Gebäudeflächen. Die Packard Plant ist Teil des gewaltigen industriellen Aufschwungs im Mittleren Westen der USA und beschäftigt zu ihren Hochzeiten fast 40.000 Menschen. Der Zweite Weltkrieg bringt die Produktion zum Erliegen. Packard produziert während der Kriegsjahre Flugzeugmotoren für Rolls Royce. Nach Kriegsende passieren wieder luxuriöse Automobile die Werkstore. Jedoch kämpft das Unternehmen gegen die mächtige Konkurrenz der „Big Three“ Ford, General Motors und Chrysler. In einem Versuch, die Produktionskosten zu senken, fusioniert Packard 1954 mit dem kleineren Wettbewerber Studebaker. Das letzte reine Packard Model läuft 1956 am East Grand Boulevard vom Band. Die neue Unternehmensführung hat die Schließung der Packard Plant beschlossen. Über die nächsten 60 Jahre wird sie zur größten Industrieruine der Welt. 

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Teilbereiche der Fabrik werden in den folgenden Jahrzehnten zunächst durch verschiedene Firmen belegt, der Rest beginnt zu verfallen. Nach und nach ziehen Mieter aus, 2006 verlässt das letzte Unternehmen die Packard Plant. Das gigantische Areal ist nun endgültig dem Verfall ausgesetzt. Wo einst luxuriöse Fahrzeuge zusammengeschraubt wurden, riskieren nun „scraper“ (Metalldiebe) für schnellen Cash Gesundheit und Leben. Sie flexen Stahl und Eisen aus den Gebäuden heraus. Holz wird in ihren Häusern verfeuert. Eine tote Autofabrik wird demontiert, um das eigene Überleben zu sichern. Es brennt oft tagelang. Schmelzende Eisenträger sorgen für weitere Zerstörung. Andere nutzen die riesige Ruine zu ihrem Vergnügen und veranstalten in den Trümmern Paintball-Schlachten und Techno-Partys. Graffiti Künstler machen die Wände der ehemaligen Autofabrik zu ihrer Leinwand. Fotografen und Neugierige aus aller Welt sind fasziniert von der bizarren, desolaten Schönheit der Ruine. 2010 wird sogar ein Wandbild des anonymen britischen Künstlers Banksy entdeckt. Zahlreiche Filme wie Transformers und Batman vs Superman werden hier gedreht. Die Natur erobert sich im Laufe der Jahre große Teile zurück. Bäume wurzeln im Inneren und auf den Dächern, giftige Pilze sprießen aus den Holzböden.

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Auch mich hat die Packard Plant wie andere „lost places“ in Detroit immer wieder magisch angezogen. Ich war sprachlos ob der Größe und der Zerstörung des verlassenen Komplexes, der sich über fast einen Kilometer quer durch den Stadtteil zieht. Wir haben die Industrieruine gerne unserem Besuch aus Deutschland gezeigt. Um Vergangenheit und Gegenwart der Stadt zu verstehen. Die Packard Plant als Teil der glanzvollen industriellen Erfolgsgeschichte von Detroit, des Mittleren Westen, der gesamten USA. Gleichzeitig als trauriger Zeuge des beispiellosen Niedergangs der Stadt und einer ganzen Region. Lässt man sich darauf ein, kann man trotzdem nachfühlen, dass hier einmal geschäftiges Leben herrschte. Als tausende Mitarbeiter durch Werkstore und Bürotüren ein- und ausgingen und glänzende Karossen die Rampen verließen. Dann haben die Menschen den Ort verlassen. Das macht wohl einen großen Teil der Faszination aus. Was passiert, wenn Menschen Großartiges schaffen und es dann sich selbst und den Elementen überlassen.

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2013 schreibt die Stadt Detroit die Packard Plant zur Versteigerung aus. Trotz der massiven Zerstörung sind große Teile der Baustruktur noch sehr robust. „Wenn das die Zukunft repräsentiert, dann ist das hier „nichts“. Wir brauchen jemanden, der aus „nichts“ etwas macht“, sagt eine Bewohnerin aus der angrenzenden Nachbarschaft in der von „Detroit Free Press“ Fotograf Brian Kaufmann 2014 gedrehten Dokumentation „Packard: The Last Shift“. Der Entwickler und Investor Fernando Palazuelo aus Peru hat Großes mit der Packard Plant vor. Er ersteigert sie 2013 für 405.000 US Dollar. Sein Ziel: Den total heruntergekommene Komplex über einen Zeitraum von 10 – 15 Jahren und einem Budget von über 300 Million Dollar in einen lebendigen Stadtteil mit vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Es ist nicht das erste Revitualisierungs-Projekt, das Palazuelo mit seiner Firma „Arte Express“ anpackt. Seit 35 Jahren renoviert und entwickelt der gebürtige Spanier weltweit historische Bauten und Stadtteile. Seine Projekte aus der jüngsten Vergangenheit umfassen mehr als 100 Gebäude in den historischen Altstädten von Lima, Palma de Mallorca, Barcelona und Madrid. Und nun die Packard Plant, Detroit – das größte industrielle Modernisierungsprojekt in den USA.

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„Die Packard Plant ist nur noch eine Hülle. Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für einen Wiederaufbau gibt. Auf der anderen Seite war sie Teil einer industriellen Revolution“, sagt Stadthistoriker Jim Balfour im Film. Sie wird es hoffentlich wieder. Teil einer neuen, anderen Erfolgsgeschichte für Detroit. Im Herbst 2019 soll der erste Gebäuderiegel bezugsfertig sein. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Packard Motor Car Company“ werden acht Unternehmen, u.a. eine Beratungsfirma, ein Ingenieurbüro, ein Barber-Shop, eine Galerie einziehen. In einem anderen Gebäude  wird ein Steakhaus mit Event-Räumen eröffnen. Ein Museum über die wechselvolle Geschichte der Packard Plant in geplant. Außerdem wird ein Trainingszentrum gegründet, in dem Menschen aus dem lokalen Umfeld für Jobs, die sich zukünftig hier ergeben, ausgebildet werden. Arte Express hat weiteres Land um die Packard Plant herum erworben, um die zukünftige Entwicklung des gesamten Viertels positiv mit zu gestalten. Sie haben aber auch das Versprechen abgegeben, niemanden aus seinem Haus „heraus zu kaufen“. Im Gegenteil: sie beziehen die Menschen mit ein, halten regelmäßige Treffen mit den Bewohnern der Nachbarschaft ab.

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Das gigantische Renovierungsprojekt ist unfassbar ehrgeizig. Die Original-Struktur soll so weit wie möglich erhalten bleiben. Möglichst viele vorhandene Materialien sollen Verwendung finden. Auch Graffitis sollen, wo immer es geht, in das neuen Konzept integriert werden. „Living around art“, dafür steht „Arte Express“. Allein die Aufräumarbeiten verschlingen Millionen. In den letzten vier Jahren wurden fast ausschließlich baufällige Teile niedergerissen, kontaminierte Erde gereinigt und unglaubliche Mengen an Trümmern beseitigt. Dabei helfen auch Menschen aus der angrenzenden Nachbarschaft, die von Arte Express eingestellt wurden. Die Suche nach Investoren und zukünftigen Mietern wie kleinen Manufakturen geht weiter. Man braucht eine enorme Vorstellungskraft und muss absurd optimistisch sein, um sich statt dieser Hülle voll mit Schrott einen dynamischen Stadtteil vorzustellen. Aber man möchte so gerne an eine positive Zukunft glauben. Eine, die auch Happy Endings für diejenigen hat, die die letzten Jahre und Jahrzehnte kaum Chancen im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld von Detroit hatten.

Back to school

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Hi there!

Back to school. So knapp sind wir noch nie in den amerikanischen „back to school“ Wahnsinn hinein katapultiert worden. Nach fast fünf Wochen Deutschland sind wir erst am Tag vor dem Start ins neue Schuljahr zurückgekommen. Und gleich überwältigt von allem, was neu ist und sofort erledigt werden will. Im neuen Look präsentiert sich „Powerschool“. Ihr erinnert euch … die App, die jede Bewegung des Kindes stalker-mässig auf die Handys der Eltern schickt. Trotz dieser digitalen Fortschrittlichkeit müssen aber immer noch stapelweise Papiere ausgefüllt werden. Jeder Lehrer kommt mit einem eigenen Pamphlet (Syllabus genannt), das neben Unterrichtsprogramm und Materialliste auch Bewertungskriterien und einen Verhaltenskodex für die jeweilige Klasse beinhaltet. Durchlesen, mit Kind besprechen, unterschreiben – für JEDES Fach. Nö … gibt natürlich keine Überschneidungen.

Gefühlte hundert Male habe ich dieser Tage Adresse und Telefonnummern niedergeschrieben. Und das bei einem Einzelkind!! Formulare zum Gesundheitsstatus, Labor-Sicherheit, Anmeldung zum Sportprogramm, zum Picture Day (klar, findet gleich am 2. Schultag statt … argh, haben wir denn noch ein sauberes Hemd?), zur Klassenfahrt. Die ging übrigens heute morgen los. Jetzt denkt Ihr sicher, der Termin wird ja wohl vor den Ferien bekannt gewesen sein. Ha! Langfristige Planung wird vollkommen überbewertet, das machen nur Deutsche so. Gleich am 3. Schultag Elternabend … im Schnelldurchgang durch alle Klassen des Kindes, wo der/die Lehrer/in praktisch das präsentiert, was wir in Papierform eh‘ schon durchgelesen haben. Auch so eine interessante amerikanische Eigenart – alles so oft wie möglich wiederholen. Beim Arzt muss man auch jedes Mal die gleichen Formulare ausfüllen und bekommt bei einem Besuch mindestens zwei Mal von unterschiedlichen Personen die gleichen Fragen gestellt. Stellt sich mir immer die Frage: trauen die dem Patienten oder ihrem eigenen System nicht?

Trotzdem war es überaus erfrischend, die neuen Lehrer persönlich kennen zu lernen. Denn eines muss man ihnen hier lassen: alle lehren offenbar aus Leidenschaft, sind hoch motiviert, super freundlich und wollen das Beste aus den Kids herausholen. Also wollen wir brav alle gewünschten Materialien einkaufen. Aber was ist bei „Target“ los? Der Laden, der normalerweise alles kann. In der riesigen „Back to school“ Ecke sind bereits in der ersten Schulwoche die Halloween Artikel eingezogen. In den regulären Schreibwaren-Gängen sehen die Regale nach DDR Mangelwirtschaft aus. Unglaublich. Oder ein weiterer Beweis für meine Theorie, dass die „seasons“, an denen entlang sich das amerikanische Leben orientiert, von cleveren Marketingspezialisten ausgeklügelt wurde, um den Konsum immer wieder auf Neue anzuheizen. Das sitze ich aus. Mir kommt vor Oktober kein Kürbis ins Haus!

Dafür liebe ich den beginnenden Herbst hier, der immer noch viele Tage mit sommerlichen Temperaturen und laue Abende mit sich bringt. Außerdem steht diese Zeit wie keine andere für unseren Start in Michigan vor vier Jahren. So ist es bestimmt kein Zufall, dass ich in der Septembersonne (so denn ich vor lauter Zettel ausfüllen, Materiallisten abarbeiten, Lehrer-Emails lesen, Klassenfahrt-Tasche packen dazu komme) den gerade frisch erschienenen 6. Band der Bretagne Krimi Serie um Commissaire Dupin lese, und dabei viel an unser erstes Jahr hier denken muss. Als mein 8-jähriger zum ersten Mal in den Schulbus stieg, habe ich Band 1 gelesen. Nun steht diese Buchreihe wie keine andere für unseren Start hier. Nur, dass ich jetzt öfter zur Lesebrille greifen muss. 😉 Ich lese übrigens am liebsten in meiner Muttersprache, auch wenn ich zwischendurch mal englische Titel einstreue. Genauso wie ich auf dem Flug nach Deutschland die Filme lieber in deutscher Sprache schaue. Auf dem Flug hierher in Englisch. Verrückt.

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Als wir letzen Montag in Detroit landeten, war mein erster Gedanke: das ist wohl der letzte touch down als Michigan Resident, bevor wir im nächsten Sommer zurück nach Deutschland ziehen. Ja, Köln ist unsere Heimat, aber Ann Arbor ist es auch geworden. Nach Hause kommen – das ist derzeit hier, denn in Köln fühlt es sich trotz aller wunderbaren Begegnungen mit Familie und Freunden provisorisch an, nach Übergang. Weil bei einem Heimaturlaub immer klar ist, dass wir nicht bleiben. Wie wird es dann sein, wenn wir tatsächlich bleiben? Ich habe diese Frage schon im letzten Jahr hier gestellt, nun wird sie drängender. Und ich merke immer mehr, welch‘ großen Respekt ich vor dem Zurückkommen habe. Denn wir kommen nicht aus einem längeren Urlaub zurück, sondern aus einem anderen Leben. Ein Leben, dass wir auch lieb gewonnen haben. Ein Leben, in dem wir die kleine Stadt Ann Arbor und den „Great Lakes“ Staat Michigan zu unserer zweiten Heimat gemacht haben. Ein Leben, in dem sich anfänglich flüchtige Begegnungen zu echten Freundschaften entwickelt haben. Auch wenn immer klar war, dass unsere Zeit hier endlich ist. Aber es wird mit jedem Jahr auch ein wenig schwerer, die Zelte hier abzubrechen. Einen Umstand, den ich noch vor zwei Jahren gehörig unterschätzt habe. Yes, liebe Silke … I hear you! 😉

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Ich habe eine Liste gemacht. Mit all‘ den Dingen, die ich noch sehen und erleben möchte. Viele kleine, unspektakuläre Sachen sind das, einige größere. Einen Haken konnte ich bereits setzen. Letzte Woche waren wir endlich bei einer Probe der „Michigan Marching Band“. Der Musikkorps der University of Michigan, der während der College-Football-Saison (und auch bei anderen Sportarten) die Stimmung im Stadion anheizt. Let’s go blue! Diese Woche geht es in die legendäre Studentenbar „Dominick’s“, wo die hausgemachte Sangria in Mason Jars serviert wird und köstlich sein soll – nächster Haken. Sonntag dann eine Ruinen-Tour durch die größte Industrieruine Detroits, die ehemalige Packard Plant. Eine Gelegenheit, auf die ich lange gewartet habe. Es gibt noch so furchtbar viele Geschichten aus dem Land des unbegrenzten Wahnsinns zu erzählen …

Aber ich werde sie auch genießen, die verbleibende Zeit hier in Michigan. Besonders jetzt, wenn der Herbst überall ausgiebig gefeiert wird – mit frisch gepressten Apple Cider, Donuts, Apple picking, Heuwagen-Fahrten, Herbst-Barbecues, Mais-Labyrinthen und ab Oktober auch Pumpkin Picking.

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Cheers! Auf einen intensiven, bunten und fröhlichen Herbst!

 

Keep calm and camp on

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Hi there, hello summer!

Sommerloch? Nein, nein, es geht ja schon weiter hier auf dem Blog … mit der Aufarbeitung unserer Westküsten-Reise, kleine Geschichten von Seattle bis San Francisco. Aber zunächst mein aktuellstes Erlebnis aus der Kategorie „amerikanische Sommer-Traditionen“. Lange bevor der letzte Schultag Mitte Juni naht, werden die drei Monate Ferien von amerikanischen Eltern verplant. Ein wenig Reisen vielleicht (aber nie über 10 Tage), Familienbesuche (großes Land, Familie oft weit verstreut) und – ganz wichtig: Sommercamps für den Nachwuchs.

Lagerfeuer, S’Mores (genau: geröstete Marschmallows zwischen Graham-Crackern und Schokolade – süß, klebrig, ungesund, aber saulecker), rustikale Hütten, Pfadfinder-Romantik … die Tradition der amerikanischen Sommercamps reicht ins vorletzte Jahrhundert zurück, als um 1870/80 die ersten Camps einen Gegenpol zum „modernen“ städtischen Leben bieten sollten. Was für „boys only“ mit zum Teil strengen Ritualen begann, um die heranwachsenden Jungs zu harten Männern zu machen, sind heute Spaß-Ferienlager für Jungs und Mädchen vom Kindergartenkind bis zum Teenager. Ein Gegenentwurf zum zunehmend komplexeren, Technik- und Medien orientierten Lebensstil unserer Zeit. Über 8000 Camps gibt es heute zwischen Ost- und Westküste. Viele davon mit langer Tradition, oft verbrachten schon die Eltern oder gar Großeltern ihre Sommer dort. Die Grundideen sind geblieben: Raus in die Natur! In eine rustikale Umgebung, abseits der Routinen und Ablenkungen unseres modernen, hektischen Alltags. Weg von Mama und Papa, eine Zeit lang nur auf seine eigenen Instinkte und Fähigkeiten vertrauen. Eine geschützte Umgebung, in der man Selbstbewusstsein, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen, Unabhängigkeit üben kann. In der man neue Freundschaften schließt und sich mehr um seine Camp-Buddies persönlich, als um seinen letzten Snapchat-Post kümmert. Kein Handy, kein iPad, keine Spielekonsole. Nichts, was ablenkt … zurück geworfen auf sich selbst und die Gemeinschaft der Gruppe. Mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Mit-Camper umgehen. Konflikte konstruktiv lösen lernen … eine Fähigkeit, die heute vielleicht wichtiger als so manche Eins in Mathe ist.

Amerikanische Eltern trauen ihren Kindern nach meinen Beoachtungen oft zu wenig zu. Stattdessen organisieren sie das komplette Leben ihrer Sprößlinge für sie, beschäftigen und bespaßen sie rund um die Uhr. Jeder Pinselstrich ist „awesome“. Bloß keine Kritik, kein böses Wort. In dieser weichgespülten Welt wachsen die Kinder oft wenig selbständig heran, unfähig eigene Entscheidungen zu treffen oder mit Kritik umzugehen. Adressiere ich hier in meiner eher direkten (deutschen) Art Kritik an einer Dienstleitung, wird entsetzt gezuckt, der Manager gerufen oder sofort eine Wiedergutmachung angeboten. In jedem Falle fühlt sich die Person immer direkt persönlich angegriffen. Der Amerikaner an sich kritisiert eigentlich nicht … everything is awesome, everything is cool, jederzeit. Ende des gesellschaftskulturellen Exkurses. Zurück zum Camper-Leben.

Diesen Sommer sind wir (bzw. unser 12-jähriger) nämlich mit einer Woche live dabei. Oha! Große Aufregung – auf Seiten des Campers und der Camp-Eltern (genauer gesagt bei der Camp-Mom ;-)) Es gibt Packlisten („what to pack“ / „what not to pack“) abzuarbeiten, bevor wir mit einer schweren Kiste und einer extra Tasche für Schlafsack und Co. Richtung Norden starten. Dahin, wo es immer grüner wird, die Nadelbaum-Dichte zunimmt und es viel weites Land gibt. „In the middle of nowhere“ bekommt mal wieder eine neue Bedeutung.

Kurz vor Ziel biegt die Hauptstraße auf einen Schotterweg ab und dann direkt hinein in den Wald. Die einfahrenden Autos werden von jubelnden, singenden und tanzenden Camp-Betreuern begrüßt. Ups, sind wir hier richtig? Oder vielleicht doch in Disneyland? „Welcome to Camp“, „Welcome to your best week of the summer“ wird uns entgegengerufen, Hände abgeklatscht. Only in America: Stau im Wald. Dort, wo sich den Rest des Jahres eher Maus und Feldhase Gute Nacht sagen, brummt es in den Sommerwochen, besonders an den Sonntagen. It’s Opening Day!

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Alles ist so perfekt organisiert, als würde man für eine Kreuzfahrt oder in ein All Inclusive Resort einchecken. Erste Station: Gepäck abladen (Rucksack selber tragen war gestern). Weiter, Auto parken. Dann zur Registrierung und Medikamenten-Abgabe. Hier teilt sich der Camper Strom zunächst: with/without medication. Der Läuse-Check ist dann wieder für alle. Keine Laus gefunden, ab in die bereit stehende Tram. Fühle mich wie der Tourist, der ich nie sein will. „Und hier rechts ist das ehemalige Haupthaus der Fischaufzuchtstation“, „Zur linken einer unserer Klettertürme“, „Nun halten wir am Trappers Outpost … steigt jemand hier aus?“ … Ok, dann weiter zu den norwegischen Cabins, ins Pioneer Village, zu den Wigwams, ausrangierten Eisenbahnwagons, auf den Bauerhof, ins Safari-Dorf oder zu den Feuerwehrhäusern. Sogar ein ausgemustertes Flugzeug (war schon in Vietnam und Korea) dient als originelle (?) Unterkunft für Teenager.

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So lernen wir auf dem Weg zur zugewiesenen Camp-Location einen Teil des riesigen Geländes kennen. Das Areal war in seinem früheren Leben eine Fischzucht mit mehreren Teichen. Wo vor 1969 Fische in aller Ruhe heranwuchsen, befindet sich jetzt ein gigantischer Outdoor Spielplatz für amerikanische Mittelstandskinder. Erinnert sich noch jemand an „Spiel ohne Grenzen“? Genau!

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Ich muss sagen, ich bin total überwältigt und hatte mir das alles etwas anders vorgestellt. Nicht so extrem professionell, nicht so organisiert … mehr handgemacht, mehr Zeltplatz-Romantik. Naive deutsche Mutti. Stattdessen Kletterwände, Kanu-Stationen, Wassertrampolin, Ziplining, Water Rope Parcoure, Wasserrutschen, Bogenschießen, Reiten, Paintball, Wasserski, Streichelzoo für die Kleinen … und, und, und.

Noch einmal fällt mir die Kinnlade runter, als ich die Kisten für die Camper-Post sehe. Unsere fünf normalen Briefumschläge (Karte, Mini-Süßigkeit) passen locker in meine Handtasche. Eltern schleppen da aber ganze Pakete und Überraschungstüten an. Da wird die Enttäuschung für einen deutschen Jungen groß sein, wenn die Post nach dem Abendessen ausgeteilt wird. Zum Glück gibt es den Merchandise Store, da kann er sich zum Trost ein T-Shirt oder eine Trinkflasche (mit Camp-Branding versteht sich) kaufen. Jetzt weiß ich auch, wofür die 30 Dollar, die am Ende des online Anmeldeverfahrens zur Gesamtsumme addiert wurden, sind. Das ist quasi die prepaid Kreditkarte für das moderne Summer Camp Kid.

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Aber eines ist auch sicher: safety first! In den fast täglichen Mails zwei Wochen vor Camp-Beginn wird ausführlichst beschrieben, wie die Betreuer ausgewählt und geschult werden … außerdem gibt es natürlich eine Schar von Lifeguards an den Teichen, Arzt vor Ort und einen Helikopter Landeplatz.

L1170541Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, mit welchen Geschichten und Erinnerungen mein kleiner Camper nach Hause kommt. Neben Mückenstichen, aufgeschrammten Knien und neuen Freundschaften … aber bestimmt hundemüde und überglücklich. Während ich diesen Beitrag schreibe, wurden in Michigan’s Norden die ersten Fotos auf die Camp-Webseite geladen. Mir lacht ein Happy Camper (mit Schwimmweste versteht sich) beim Sprung von einem Blob (eine Art Trampolin auf dem Wasser) entgegen. Keep calm and camp on.

 

 

The Greatest Show on Earth

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Hi there!

„Should auld (old) acquaintance be forgot, and never brought to mind? Should auld acquaintance be forgot, and auld lang syne (and days of long ago)?“ Diese Zeilen des schottischen Volksliedes stimmten die Darsteller des Traditions-Zirkus „Ringling Brothers and Barnum & Bailey“ immer am Ende jeder Tournee an, um sich von ihrem Publikum zu verabschieden. Am letzten Sonntag sangen sie die Hymne auf längst vergangene Zeiten ein letztes Mal. In New York fiel nach 146 Jahren der Vorhang des weltberühmten Zirkus für immer. Ringmaster Johnathan Lee Iverson gab den Besuchern der letzten Show einen Rat mit auf den Weg. „Keep the circus alive inside you!“

Sinkende Zuschauerzahlen und Kritik von Tierschützern werden als Gründe für das überraschende Aus genannt. Schade, denn ich hatte gehofft, die „Greatest Show on Earth“ vielleicht noch live erleben zu können. Im April haben wir „The Ringling“ in Sarasota, Florida besucht. Der heutige Museumskomplex ist Teil des ehemaligen Winterquartiers von „Ringling Bros und Barnum & Bailey“. Er erzählt die wechselvolle Geschichte des Zirkus, die beginnt, lange bevor das Fernsehen als Unterhaltungs-Medium in die amerikanischen Haushalte einzieht. In einer Zeit, als schon die bloße Ankunft des Zirkus eine große Attraktion war. Wenn der Zirkus in die Stadt rollte, gab es schulfrei und ein jeder war auf den Beinen, um Schausteller, Artisten und Tiere jubelnd zu begrüßen. In einer Zeit, in der der Zirkus mit seinen kleinen und großen Wundern, Kinderaugen zum Glänzen brachte. Mit der Schließung des letzten großen Zirkus geht auch ein Stück amerikanische Geschichte zu Ende.

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Die Ringling Brüder, Söhne deutscher Einwanderer, gründen 1884 im Bundesstaat Wisconsin den „Ringling Brothers Circus“. 1907 erwerben sie den „Barnum & Bailey Circus“. Bis 1919 werden die beiden Unternehmen eigenständig geführt, dann werden sie zu einer Show unter „Ringling Brothers and Barnum & Bailey Circus“ zusammengefasst. Sein Winterquartier verlegt das Unternehmen einige Jahre später ins sonnige Sarasota. Nach dem Tod seines letzten Bruders leitet John Ringling die Geschicke des Zirkus alleine. Mit seiner Frau Mable reist er immer wieder durch Europa, auf der Suche nach Akrobaten und Inspiration. Neben neuen Zirkus-Attraktionen entdecken sie dabei ihre Liebe zu alten europäischen Meistern und zur Architektur. Die venezianischen Palazzi sind es, nach deren Vorbild sie ihr privates Winterquartier in der Bucht von Sarasota errichten lassen. John Ringling gibt dort den Auftrag für eine imposante 30-Zimmer Residenz, das „Cà d’Zan“ (Haus für John). Der Rundgang durch die fantastische Villa eröffnet dem Besucher einen Einblick in den Lebensstil der „Roaring Twenties“. In den opulent eingerichteten Räumen feiert das Ehepaar mit einer illustren Gesellschaft aus Familie, Freunden, Politikern und anderen Celebrities viele rauschende Feste. Eine große Terrasse öffnet sich zum Wasser hin. Wären da nicht die modernen Hotels und Apartmentgebäude in der Ferne auf Longboat Key zu sehen, würde man der Illusion erliegen, am Canale Grande zu stehen.

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Für ihre wachsende Kunstsammlung errichten sie auf dem parkähnlichen, wunderschön angelegten Grundstück das „John and Mable Ringling Museum of Art“, ebenfalls im venezianischen Stil. 21 Galerien zeigen europäische Kunst aus dem 16.-20. Jahrhundert, darunter eine weltbekannte Gemälde-Sammlung des Malers Peter Paul Rubens. Der Innenhof ist gefüllt mit klassischen Skulpturen. Im letzten Jahr wurde das Museum um ein „Center for Asian Art“ erweitert. 3.000 dunkelgrün glasierte Terrakotta-Fliesen machen die neue Fassade des Anbaus zu einem modernen Hingucker, ohne jedoch die klassische Architektur des ursprünglichen Gebäudes zu stören.

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Aber zurück zum Zirkus! Hereinspaziert! In eine bunte Welt, die Menschen in der Stadt und auf dem Land generationsübergreifend verzauberte. Das Zirkus-Museum dokumentiert die reiche Geschichte einer bunten und aufregenden Zirkuswelt. Der Ringling Bros. and Barnum & Bailey Zirkus operierte wie viele amerikanische Zirkusse dieser Zeit als Eisenbahn-Zirkus. Die zu überwindenden Distanzen waren groß, das Straßennetz nicht so gut ausgebaut wie heute. Mit zwei unterschiedlichen Shows zog „The Greatest Show on Earth“ so durchs Land. Jeder Zug war etwa eine Meile (1,6 km) lang und bestand aus rund 60 Wagons. Der luxuriöse Privat-Wagon von John und Mable Ringling steht heute im Museum. Er trägt den Namen „Wisconsin“, in Erinnerung an ihre Heimat im mittleren Westen. Wir treten eine Zeitreise in die faszinierende Zirkuswelt an, deren Glanz wir nur erahnen können. Aufwändig geschnitzte Tierwagen, Drehorgeln, historische Zeltstangen, alte Werbeplakate, Zeitungsausschnitte und Eintrittskarten, prachtvolle Original Kostüme von Artisten und Tieren, sowie unzählige Requisiten von berühmten Artisten helfen unsere Vorstellungskraft auf die Sprünge. Ein toller Einblick in das Leben von Akrobaten und Schaustellern jener Zeit. Auf ihrer Mission, die Zuschauer für einige Stunden in eine andere Welt zu entführen.

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So richtig fassen können wir die Dimensionen eines solchen Wanderzirkus auf Schienen aber erst, als wir das unglaubliche Modell im Maßstab 1:12 bestaunen. Auf rund 350 Quadratmetern ist hier aus 44.000 Einzelteilen das Zirkus-Modell „Howard Bros. Circus“ entstanden. Aufgrund von Namensrechten durfte Erbauer Howard Tibbals sein Modell nicht nach dem Original benennen. Das für große amerikanische Zirkusse typische 3-Managen-Konzept wird hier anschaulich. Damit die oft mehr als 10.000 Menschen unter dem „Big Top“, der gigantischen Zirkuskuppel, alle etwas zu sehen hatten, wurden immer drei Nummern gleichzeitig präsentiert. Beim Anblick der vielen liebevoll zusammen gestellten Szenen fühlt man förmlich den Glanz der Scheinwerfer, riecht das Sägemehl, sieht die Clowns stolpern, hält den Atem an ob der waghalsigen Akrobatik-Nummern. Man kann sich gut vorstellen, wie in dieser Welt Kinderträume wahr wurden, losgelöst vom oft schwierigen Alltag dieser Zeit.

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Fast vier erfolgreiche Jahrzehnte im Zirkusgeschäft, Investitionen in Immobilien, Eisenbahnlinien und Ölfelder machten John Ringling zu einem der reichsten Männer der Welt. Aber die schwere Wirtschaftskrise setzte ihm ab 1929 schwer zu. Er verlor fast sein gesamtes Vermögen, konnte so gerade sein Haus und das Kunstmuseum erhalten. Auch privat verließ ihn sein Glück, seine Frau Mable verstarb 1929, sie konnte nur drei Winter in ihrem geliebten „Cà d’Zan“ verbringen. John Ringling starb 1936 in New York, mit 311 Dollar auf seinem privaten Konto. Die Villa, das Kunst-Museum und seine gesamte Kunstsammlung vermachte er dem Staat Florida.

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Nach John Ringling’s Tod führt sein Neffe John Ringling North den Zirkus weiter. Er lässt die Show fortan nur noch in festen Spielstätten, wie dem Madison Square Garden in New York, auftreten. Der letzte Eigentümer des Zirkus ist Feld Entertainment. Nun ist mit der Abschieds-Show des letzten großen amerikanischen Zirkus eine Ära zu Ende gegangen. Zwei Weltkriege hat er überstanden. Radio, Fernsehen und Film haben ihm einen Teil seines Glanzes genommen. Viele behalten ihn als eines ihrer Kindheitswunder in Erinnerung. Vielleicht wird sich die größte Show der Welt auch neu erfinden und anders weiter machen. Es liegt ja im Naturell der Amerikaner, sich nicht unterkriegen zu lassen. Zu neuen Ufern aufzubrechen. Und vielleicht werden die Zeilen eines amerikanischen Kinderliedes dann wieder ihre magische Bedeutung zurückgewinnen:

„When the circus comes to our town,
Everybody acts like a clown!
All the world starts spinning upside down,
When the circus comes to town!“

National Single Child Day

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Hi there!

Yes, that’s right! Heute ist in Amerika „National Single Child Day“ – Nationaler Einzelkind-Tag. Bevor wir auf die andere Seite des Atlantiks zogen, kannte ich den Muttertag, den Vatertag und den Valentinstag. Vom „Pancake Day“ oder „Pi(e)-Day“ (Achtung Wortspiel, hier wird die Zahl Pi gefeiert. Ist aber eigentlich nur ein Vorwand, um Apple-Pie, Chocolate Pie & Co in der Schule zu essen) hatte ich hingegen noch nie etwas gehört. Apropos Lebensmittel: fast jedes hat seinen Tag: Cookie Day, Pizza Day, Carrot Day … you name it, you got it! Das ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem wöchentlich zelebrierten „Meetless Monday“ (ok, für manche „Meatloaf Monday“), Taco-Tuesday oder Fish-Friday. Es gibt aber auch „non-food“-Tage wie den „National Puzzle Day“, den „National Thank you card day“ oder die „Hunt for Happiness Week“ (klar, das ist an einem Tag nicht zu schaffen), den „National Cuddle Up Day“ (alle mal schön kuscheln), den „National cut your energy cost day“ (mmmh, ob damit wohl gemeint ist, dass man die Lichter rund ums Haus nicht 24/7 brennen lässt?). Das muss mal an anderer Stelle geklärt werden.

Heute also „National Single Child Day“. Ha, und da schnellt mein Blutdruck ordentlich in die Höhe, und mir schwirren zu dem Thema so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich hier und heute endlich mal die Gelegenheit nutze, ein paar davon rauszuhauen. Und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt: das wird persönlich. Ich habe vor ein paar Jahren bei einem Kunstprojekt auf die riesige Kreidetafel mit der Frage „Before I die, I want to …“ zwei Dinge geschrieben: erstens: travel the world (klar!), zweitens: write a book. Als Thema hatte ich da „Einzelkinder“ im Kopf. Nicht wissenschaftlich. Mehr so in die Richtung „Allein, ja und?“ „Ohne Geschwister glücklich“ oder „Ich bin gerne Einzelkind“. Zugegeben: mir ist noch kein Knaller-Titel eingefallen. Dafür werde ich wütend, wenn ich Titel oder Überschriften wie „Braucht ein Kind Geschwister?“ oder „Typisch Einzelkind“, „Formen Geschwister einen besseren Charakter“ oder „Einzelkinder – die Singles von morgen“ lese. Die implizieren für mich alle, dass vor Einzelkind-Zimmern ein roter Teppich liegt und dahinter egoistische, launische, beziehungsunfähige, unglückliche Wesen heranwachsen.

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Bis zum Buch mag noch etwas Wasser den Rhein hinunter fließen (vielleicht, wenn ich vor lauter Bemutterung meines Einzelkindes mal Luft habe) … aber für einen Beitrag hier am „National Single Child Day“ (da muss man erst mal drauf kommen) ist jetzt Zeit. Ich muss ja nicht los, Geschenke kaufen. Denn das machen amerikanische Einzelkind-Eltern. Ihre Kinder sollen wertschätzen, dass sie nicht mit Geschwistern teilen müssen. Außerdem sollen sie sich heute gut fühlen. Damit auch ihre Eltern sich gut fühlen können? Weil sie kein Geschwister geliefert haben, aus welchen Gründen auch immer? Schlechtes Gewissen besänftigen? Weil sie sich der gesellschaftlichen Norm (gewollt oder ungewollt), mindestens zwei Kinder in die Welt zu setzen, entzogen haben? Puh, krass. Und wenn die Geschenke ausgepackt sind, treffen sich die armen Einzelkinder mit ihren imaginären Freunden oder reiten ihr Pony aus, oder wie? 

Genau, ich bin eine Einzelkind-Mutter. Meine Mutter war Einzelkind. Mein Neffe ist eines. Einige meiner besten Freunde sind Einzelkinder. Ebenso eines meiner Patenkinder. So what? Eigentlich kein Thema. Doch. Immer wieder, und hier noch viel öfter. Meine erste Erfahrung mit dem Thema habe ich gemacht, als ich hochschwanger war. Da fragte mich jemand, wie viele Kinder denn noch geplant seien. Abgesehen davon, dass ich diese Frage für jemanden, den ich nur flüchtig aus dem Job-Umfeld kannte, deutlich zu persönlich finde, antwortete ich in Beckenbauer Manier „schau’n wir mal“. Antwort in Holzhammer-Manier: „Ein Einzelkind ist ein Verbrechen am Kind.“ Autsch. Meine anerzogene Höflichkeit, das Umfeld und sicherlich die Glückshormone ob der bevorstehenden Geburt meines Erstgeborenen bewahrten Mr. Unsensibel vor Schlimmerem.

In Deutschland befand ich mich mit meinem Einzelkind in guter Gesellschaft, da gab es viele Einzel-Kind-Familien in unserem Umfeld. Mit einigen sind wir aus der Kindergarten- oder Schulzeit noch immer gut befreundet. Zufall? Oder ziehen Familien mit Einzelkind sich gegenseitig an? Oder Einzelkinder untereinander. Vielleicht. Als wir dann im Sommer 2013 hierher zogen, war es aus mit der guten Gesellschaft. Hier ging es gleich beim „Meet & Greet“ an der neuen Schule los: „Ist das Dein jüngster?“ Frechheit, warum nicht mein „Ältester“? Aber meine persönliche Eitelkeit mal außen vor gelassen. Hinter der Frage steht, dass es in jedem Fall Bruder und/oder Schwester gibt. Weil „Vater/Mutter/Kind“ keine richtige Familie ist? Auch beliebt „Oh, Du hast ’nur‘ ein Kind“?. „Nur“ hört sich nach zu wenig an. Wie kann man zu wenig haben, wenn man ein wunderbares, gesundes Kind hat, dessen Aufwachsen man begleiten darf? Es gibt doch viele Wege, sein Leben zu leben und zu gestalten. Keiner ist richtig oder falsch, zu viel oder zu wenig. Garantien für Glück gibt es ohnehin nicht.

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Jedem also seinen eigenen Lebensentwurf, ohne mitleidige Blicke. Ich habe sogar mal von glücklichen Menschen ohne Kinder gehört. Und Einzelkinder brauchen ganz sicher keine Sonderbehandlung. Sie wollen nur als ganz normale Kinder wahrgenommen werden. Wichtig erscheint mir, dass man sie zu starken, unabhängigen Menschen mit einem gesunden sozialen Umfeld ins Leben entlässt. Dann werden sie durch Krisenzeiten ebenso gut ihren Weg finden, wie Menschen mit Geschwistern. Denn auch eine enge Bindung unter Geschwistern ist kein Naturgesetz. Also danke der Nachfrage Mr. Unsensibel: wir sind komplett. Und das ist prima so.

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Und heute nachmittag gehen wir erst mal ein dickes Eis auf den sinnlosesten Tag aller Tage essen. Coffee Toffee, Garden Mint, Chocolate Chip Cookie … Einzelkinder müssen ja nix teilen – ätsch! 😉 Happy National Single Child Day!

 

Free to land

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Hi there,

„Remember, remember always, that all of us, and you and me especially, are descended from immigrants and revolutionists“. Theodore Roosevelt

Was ist Ihr Beruf? Können Sie lesen und schreiben? Aus welche Land kommen Sie? Wer hat für Ihre Überfahrt bezahlt? Wieviel Geld haben Sie dabei? Möchten Sie in Amerika arbeiten? Waren Sie in eine Gefängnis, Armenhaus oder einem Irrenhaus? Wohin in den USA wollen Sie?

Bis es „free to land“ für Einwanderer auf Ellis Island hieß, mussten viele Fragen beantwortet und ein langer Immigrations-Prozess durchlaufen werden. Ellis Island erzählt die Geschichten von zwölf Millionen Männern, Frauen und Kindern, die hauptsächlich zwischen 1892 und 1924 auf der im Hafengebiet New Yorks gelegenen Insel eintrafen, und auf eine Zukunft in Amerika hofften. Ganz oben auf meiner persönlichen „bucket list“ steht seit vielen Jahren die Schiffspassage von Europa nach New York. Einmal im Leben den Atlantik per Schiff überqueren. Sich New York langsam vom Wasser aus nähern. Einmal wie ein Einwanderer aus vergangenen Zeiten in der neuen Welt ankommen. Sechs Tage ohne Horizont für den einen erhebenden Augenblick. So jedenfalls stelle ich mir das vor.

Letzte Woche hatte ich Gelegenheit, den bekanntesten aller „Entry Points“ – Ellis Island – zu besuchen. Isle of hope, isle of tears (Insel der Hoffnung, Insel der Tränen), wie die Einwanderer-Insel auch genannt wurde. Und man kann noch heute sehr gut nachspüren, wie es gewesen sein muss, hier voller Hoffnung auf ein besseres Leben anzukommen. Aber auch voller Angst, abgewiesen zu werden.

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Die erste Fähre bringt meine Schwester und mich an einem trüben Sonntag im Februar von der Südspitze Manhattans hinüber. Erster Stopp: die Freiheitsstatue. Hier steigen die meisten Besucher erst mal aus. Wir fahren weiter nach Ellis Island mit einem Ticket für die „Hard Hat Tour“. Bevor wir uns die schicken Baustellenhelme auf den Kopf setzen müssen, um den unrenovierten, über 60 Jahre lang geschlossene Krankenhaus-Komplex zu besichtigen, können wir einen schnellen Blick in die noch menschenleere Registrierungshalle im ersten Stock des Hauptgebäude des heutigen Museums werfen. An diesem Morgen ruhig und menschenleer, während der Immigrationsjahre auf Ellis Island täglich proppenvoll und laut. Hier mussten die Neuankömmlingen warten, bis sie von einem Beamten zur Befragung aufgerufen wurden. Die Hauptfunktion von Ellis Island war es, unerwünschte Einwanderer heraus zu filtern. Solche, die nicht arbeitsfähig waren, unheilbare Krankheiten hatten oder als kriminell eingestuft wurden. Nach der ersten Befragung ging es weiter durch „America’s Gate“ zur ärztlichen Untersuchung, in manchen Fällen intensiveren juristischen Befragungen oder Überprüfung der mentalen Gesundheit. Diesen schrittweisen Prozess kann man als Besucher auch durchlaufen und landet schließlich an den „Stairs of Separation“. Drei Treppenabgänge führen nach unten. Rechts: Bahntickets. Links: Fährtickets. Mitte: Arrest für weitere Befragungen oder Untersuchungen. In diesen Treppenstufen kam es zu Trennungen von Familien und Freunden, hier mussten in wenigen Minuten Entscheidungen getroffen werden. Einmal festgehalten, konnte es Tage, Wochen oder auch Monate dauern, bis man Ellis Island verlassen konnte.

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2% der 12.000.000, die über Ellis in die USA gelangen wollten, wurden in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Für die Vorfahren jedes dritten Amerikaners begann die Einwanderungsgeschichte auf Ellis Island. Wenn es nach allen Strapazen „Free to land“ hieß, wandelten sich Angst und Verzweiflung in Freude und Erleichterung. Am „Kissing Post“ warteten oft schon Verwandte oder Freunde, von denen man jahrelang getrennt war. Großes Glück und großes Leid nah beieinander.

Eine ansteckende Krankheit bedeutete nicht automatisch das Aus für die Einreise. Ellis Island unterhielt einen riesigen, für damalige Verhältnisse super modernen Krankenhaus-Komplex. Seit einiger Zeit bietet der „National Park Service“ Führungen durch Teile der verlassenen Gebäude an. „Ruinen-erprobt und -begeistert“ von Detroit war ja klar, dass ich die buchen musste. Der Krankenhaus-Komplex verfügte über 725 Betten, Laborräume, Operationssäle, Küchen, Waschhäuser, Leichenhalle und Wohnungen für Ärzte und Schwestern. Während der Immigrationsjahre starben hier 3.500 Menschen, darunter 1.400 Kinder. Aber es wurden auch 355 Babies geboren. Wie immer bin ich fasziniert von endlosen Gängen, maroden Treppenhäusern und modrigen Räumen, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Der französische Künstler JR hat an einigen Wänden und Fenstern lebensgroße historische Fotografien von Einwanderern angebracht. „Unframed Ellis Island“ ist eine Hommage an diesen Ort und an die Menschen, für die er eine besondere Bedeutung hatte. „When I am here, I feel the tears got stuck in-between the walls“, sagt er in einem Interview über das Projekt. Die Bilder wirken beinahe so, als würden sie hierher gehören, wären schon immer da gewesen. Aber dem Betrachter ist auch klar, dass sie vergänglich sind. Moments in time. Denn die Zukunft der Gebäude ist ungewiss.

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Unser Tour Guide hat eine starke Bindung zu Ellis Island, auch ihre Familiengeschichte begann hier. Aber auch als bloßer Besucher spürt man an diesem Ort Amerika’s besondere Geschichte als Einwanderungsland. Die Menschen, die hier ankamen, haben das Land mit ihren Persönlichkeiten, Talenten und Fähigkeiten geprägt und geformt. Ellis Island ist nicht nur ein physischer, sondern auch ein sehr emotionaler Ort. Und er scheint zeitlos. Gerade im aktuellen politischen Klima Amerikas und der Welt. Heute, wo wieder so unfaßbar viele Menschen auf der Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Armut sind. Eines ist auch geblieben: die Angst derjenigen, die schon im Land sind, vor denjenigen die noch kommen möchten.

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Wie krieg‘ ich jetzt die Kurve zum Karneval, der gerade in meiner Heimatstadt gefeiert wird? Ganz einfach. Mit ein paar Zeilen aus dem „Stammbaum“ von den Bläck Fööss, eines meiner kölschen Lieblingslieder. 

„Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.
Dat es jet, wo mer stolz drop sin.“

 

Election Day!

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Hi there!

Um es mal mit den Worten meiner Lieblings-Komikerin Cordula Stratmann zu sagen: „Det wird knapp, is aber zu schaffen.“

Während Cordula es in dieser wunderbaren Nummer nur zum Flughafen Tegel schaffen muss, braucht Hillary die Stimmen von 270 Wahlmännern und -frauen, um ins Weiße Haus einzuziehen. Die US-Bürger wählen ihren Präsidenten und Vizepräsidenten nicht direkt. Sie bestimmen „nur“ die Wahlmänner/-frauen in ihrem Bundesstaat, die dann Präsident und Vize wählen. 538 (FiveThirtyEight) sogenannte „Electors“ bilden das „United States Electoral College“. Jeder Bundesstaat verfügt über so viele Wahlmänner/-frauen, wie er Vertreter in beiden Häusern des Kongresses zusammen hat. Bis auf Maine und Nebraska gilt in allen Staaten das Prinzip „The winner takes it all“, die einfache Mehrheit der Stimmen entscheidet. Details eines unglaublich komplizierten amerikanischen Wahlsystems.

Um überhaupt wählen zu dürfen, muss man sich registrieren lassen. Es gibt in den USA kein Meldesystem. In den letzten Wochen bis zum Ende der Registrierungsfrist für Michigan bin ich in der Stadt zig‘ mal von freiwilligen Wahlhelfern angesprochen worden, ob ich mich registrieren lassen wolle. Nach meinem Hinweis, dass ich kein US-Bürger sei und somit nicht wählen dürfe, gaben mir so einige die Aufforderung mit auf den Weg, aber mit meinen amerikanischen Freunden zu sprechen. Go out and vote! In den USA wählen seit 1972 nur rund die Hälfte aller Wahlberechtigten. Zum Vergleich: die niedrigste Wahlbeteiligung in Deutschland (seit 1949) gab es 2009 mit knapp 71%. Man darf gespannt sein, wie hoch die Wahlbeteiligung 2016 ausfallen wird. Nach einem Wahlkampf, den man hier so noch nie erlebt hat. Der vielen Amerikanern peinlich ist. Für den viele meinen, sich entschuldigen zu müssen. Der tiefe Gräben aufgerissen hat.

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Bin ich froh, wenn der ganze Wahl-Wahnsinn vorbei ist. So unerträglich die Berichterstattung auch geworden ist, sie hat mich doch täglich auf’s Neue magisch angezogen. Seit New Hampshire den Auftakt bei den Vorwahlen machte, verfolge ich den Wahlprozess. Habe unzählige Debatten und anschließende Analysen geschaut. Seit der Endspurt begonnen hat, bin ich super aufgeregt. Was mache ich bloß ab Mittwoch mit all‘ der freien Zeit? Endlich mal wieder meinen Lieblingssender „Home & Garden TV“ gucken? Weihnachtskarten schreiben? 😉 Heute stand mein Vormittag aber erst mal wieder im Zeichen des Wahlkampfes. Präsident Obama war in Ann Arbor. Und ich live dabei. Wow. Gänsehaut-Feeling. Unter blauem Himmel, im blauen Hemd und begleitet von „Go Blue“ Rufen hat er im Baseball Stadium der University of Michigan um Michigan’s Stimmen für Hillary Clinton geworben.

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In der Schule meines Sohnes fand heute eine sogenannte „Mock up Election“ statt. Da hat Hillary mit 72% gewonnen. Die „Green Party“ kam auf Platz 2. Aber Ann Arbor ist halt nicht Amerika. Der republikanische Präsidentschaftskandidat dagegen wird als Anti-Beispiel eines guten Vorbildes gehandelt. „We do not want the Trump Effect at our school“ hieß es vor einigen Wochen in einer Schulversammlung, als das Thema Mobbing adressiert wurde. Wenn das nicht alarmierend ist.

Als Hillary Clinton 2008 die Kandidatur an Barack Obama verlor, und damals nicht die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin der USA wurde, hat sie ihren Anhängern zugerufen: “Although we were not able to shatter that highest and hardest glass ceiling this time, thanks to you it has 18 million cracks in it, and the light is shining through like never before, filling us all with the hope and the sure knowledge that the path will be a little easier next time, and we are going to keep working to make it so, today keep with me and stand for me, we still have so much to do together, we made history, and lets make some more.”

Hillary Clinton mag für viele nicht die perfekte Kandidatin sein. Aber Amerika hat aus meiner Sicht keine Alternative in dieser historischen Wahl. Ich drücke jedenfalls ganz fest die Daumen, dass die Glasdecke heute durchbrochen wird.

„Det wird knapp, kannse aber schaffen.“