Detroit

Countdown to Christmas …

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Art Deco in Detroit

Detroit stieg in den 1920er Jahren zu einem beispiellos reichen weltweiten Industrie- und Handelsstandort auf. Zeugen dieser Zeit sind wunderschöne Art Deco Gebäude in der Stadt. Zwei von ihnen stechen besonders hervor. Ich weiß noch, als wir das erste Mal, eher zufällig, ins Guardian Building hinein gingen. Im Winter 2014. Draußen war es eisig kalt, grau, trostlos. Drinnen ein plötzlicher Glanz, wir haben unseren Augen kaum getraut. Vor allem hatten wir das in Detroit irgendwie nicht erwartet.

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Das Guardian Building, auch als Detroit’s „Cathedral of Finance“ bekannt, wurde 1929 in der Innenstadt eröffnet. Schon die Fassade des 36 Stockwerke hohen Gebäudes ist unglaublich schön. Die glasierten Kacheln, deren leuchtende Farben sich auch im Inneren wiederfinden, stammen aus der Pewabic Pottery in Detroit. Innen wird es noch prächtiger. Ein riesiges buntes Wandmosaik mit Blattgold Einlegearbeiten nimmt die eine Stirnseite ein. Es zeigt Szenen aus der Industrie-, Handels- und Agrargeschichte Michigans. Das Guardian Building wurde ausschließlich mit Menschen aus dem eigenen Staat realisiert. Architekt, Handwerker und Künstler – alles Michigander.

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Das Fisher Building, 1928 fertig gestellt, war ein Geschenk der wohlhabenden Fisher Brüder (das Unternehmen „Fisher Body“ baute Karosserien für verschiedene Automobilhersteller, bevor General Motors die Firma übernahm) an die Stadt Detroit. Architekt Albert Kahn erhielt von ihnen den Auftrag, das schönste Gebäude der Welt zu bauen. Nicht weit von Downtown entstand gemeinsam mit der General Motors Zentrale gegenüber das „New Center“. Das Fisher Building beherbergte neben der Fisher Firmenzentrale luxuriöse Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants und das prachtvolle Fisher Theater. Die Fassade beeindruckt, aber die wahre Schönheit des Gebäudes findet man in seinem opulenten Inneren. Vierzig verschieden Arten Marmor wurden hier verbaut, die prächtigen Deckengewölbe sind in leuchtenden Farben bemalt. Viel Glanz, viel Gold, ein rauschendes Fest für die Augen.

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Für mich ist sie die schönste Ruine Detroits – die Michigan Central Station. Mächtig und alleine steht sie mit ihrem prächtigen Eingangsportal an der Michigan Avenue, eine der Hauptzufahrtsstraßen nach Downtown Detroit. Das ist gleichzeitig mein favorisierter Weg hinein in die Stadt. Am liebsten fahre ich sogar ein paar Ausfahrten früher vom Highway ab, um mich dem Zentrum entlang der Michigan Avenue langsam zu nähern. Auf diesem Weg sieht man Detroit in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Zunächst zeigt die Michigan Avenue genau jenes Gesicht, das die meisten von Detroit im Kopf haben: leer stehende Häuser, zum Teil mit Holzbrettern notdürftig zugenagelt, schmuddelige Geschäfte, herunter gekommene Tankstellen, billige Fastfood Läden, jugendliche Crack-Dealer, Trostlosigkeit. Mit dem plötzlich auftauchenden monumentalen Bau des ehemaligen Bahnhofs wandelt sich das Bild. Hier beginnt „Corktown“, das älteste Viertel Detroits. Ein Stadtteil, der sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat. Mich erinnert er mit seiner lebendigen Szene an Kreuzberg.

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Im Winter 2014 noch ohne Fenster

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Fast 30 Jahre ist es her, dass der letzte Zug die Michigan Central Station verlassen hat. 1914 öffnete sie, gebaut im klassischen „Beaux-Arts“ Stil von den Architekten, die auch New York’s Grand Central Station entwarfen. Damals war sie das größte Bahnhofsgebäude der Welt, 200 Züge verließen täglich Detroit. Niemand hatte die wachsende Bedeutung der persönlichen Mobilität vorhergesehen. Im zweiten Weltkrieg noch stark durch das amerikanische Militär genutzt, wurde es nach dem Krieg ruhiger um die Central Station. Die Menschen begannen auf das Auto umzusteigen.

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Unzählige alternative Nutzungsmöglichkeiten wurden in den letzten drei Jahrzehnten diskutiert – vom Polizei Hauptquartier, über ein Casino bis hin zu einem Zoll-Handelszentrum. 2009 wurde sogar der Abriß beschlossen, obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Im selben Jahr fand es einen Käufer, der mit der Renovierung im Inneren begann. 2015 wird der Fortschritt auch außen sichtbar, über 1000 neue Fenster wurden eingesetzt. Trotzdem gibt es bisher keinen konkreten Plan für die Zukunft dieses immer noch prachtvollen Gebäudes. Es ist das bekannteste und augenfälligste Symbol für Aufstieg und Fall der Stadt Detroit. Ich persönlich träume von einer Gelegenheit, dieses wunderschöne Wahrzeichen von innen zu sehen. Oder gar aufs‘ Dach zu gelangen. Um eines der coolen Fotos zu schießen, die man im Netz findet, und die gemacht wurden, bevor das Gebäude komplett abgeriegelt wurde.

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Schon so oft habe ich es vom Freeway aus glitzern gesehen. Im Januar war ich mit einer Freundin aus Deutschland endlich dort. Im „African Bead Museum“ in Detroit. Zehn Jahre lang hat der Afroamerikaner Olayami Dabls beim „Charles H. Wright Museum of African American History“ als Kurator und Künstler gearbeitet. Die Zeit dort inspirierte ihn vor 16 Jahren zur Gründung des African Bead Museums, das auch ein Ort der Begegnung ist und Verständnis für die Bedeutung der afrikanischen Kultur stärken soll. Wesentlich in einer Stadt, in der über 80% der Menschen schwarz sind. Im Shop gibt es eine riesige Auswahl an Perlen, einige von ihnen sind mehr als 400 Jahre alt. Außerdem Bücher, Gemälde und Skulpturen von lokalen afroamerikanischen Künstlern. Die Außenfassade des Hauptgebäudes ist ein Gesamtkunstwerk aus Spiegeln, Glasstücken, farbenfrohen Mustern und afrikanischen Motiven.

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Das Areal mit 18 Outdoor Installationen nimmt fast einen gesamten Block ein. Dabls hat hier eine außergewöhnliche Phantasiewelt aus Eisen, Stein, Holz Spiegeln und vielen anderen Fundstücken geschaffen. Sie stammen allesamt aus niedergebrannten oder verlassenen Häusern. Dabls hat sie recycelt und nun führen sie ein zweites, schönes Dasein und erzählen Geschichten aus der afrikanischen Kultur. Eine „Phoenix aus der Asche-Erfolgsgeschichte“, wie so viele in Detroit.

 

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„I had come to a hotel downtown for a live auction of properties in Detroit. Starting bid was $500, less than the price of a decent television … We were a long way from „Yes we can.“ But there was one place people did. One place of except. That was Detroit.“

Anfang und Ende des Prologs im Buch „A $ 500 House in Detroit“. Der Autor Drew Philp hat sein Buch vor einigen Wochen in der Bibliothek Ann Arbor vorgestellt. Er hat mich tief beeindruckt (und natürlich mit signiertem Buch in der Tasche) zurückgelassen. Noch als Student der „University of Michigan“ hier in Ann Arbor hat er mit 23 Jahren seine komfortable Campus-Unterkunft gegen eine unbewohnbare Hausruine in Detroit getauscht. Ein seit Jahren verlassenes Haus, gefüllt mit Müll, ohne Fenster, Wasser, Strom oder dichtes Dach. Im Buch beschreibt Philp den schrittweisen Wiederaufbau, den er fast ausschließlich mit seinen eigenen Händen und der Hilfe von Familie und Freunden bewerkstelligt hat. Raum für Raum. Es erzählt davon, wie die Gemeinschaft im Stadtteil funktioniert, und wie er sich als neuer Nachbar eingebracht hat.

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Das Buch geht jedoch über seine persönliche Geschichte hinaus. Es beschreibt auch die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung Detroits in den letzten zehn Jahren. Philp skizziert seine eigene Vision, wie die Zukunft in einer Stadt, in der Armut, eine hohe Kriminalität und die Rassenproblematik immer noch die drängendsten Themen sind, aussehen könnte. Und da spielen das persönliche Engagement jedes einzelnen Bewohners und die kleinen Lösungen die größten Rollen. Mit jedem wieder aufgebauten Haus, jedem urbanen Garten, jeder Bürgerinitiative wächst das neue Detroit ein Stückchen mehr.

„As we rebuild this ashen city, we’re deciding on an epic scale what we value as Americans in the 21st century. The American Dream is alive in Detroit, even if it flickers.“ Drew Philip

 

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Disney in Detroit

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Fast komplett vom Großraums Detroit eingeschlossen, liegt die Stadt Hamtramck. Polnische Einwanderer kamen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Stadt und fanden Arbeit in der Autofabrik der Dodge Brüder. Noch heute sind die polnische Bäckereien (sie liefern am Fat Tuesday die köstlichen „Paczkis“ kistenweise nach Ann Arbor) und Metzgereien über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Die Demographie hat sich jedoch verändert. Heute ist Hamtramck ein bunter Mix der Kulturen. Menschen aus Albanien, Bosnien, Armenien, dem Libanon, Jemen und  Bangladesh fanden hier eine neue Heimat.

Auch Dmytro Sylak kam als Einwanderer. Er wuchs in der Ukraine auf und immigrierte in den 1950er Jahren mit seiner Frau nach Hamtramck. 30 Jahre lang arbeitete er bei General Motors. Als er Mitte der 1980er Jahre in Rente ging und ein Hobby suchte, begann er, Teile seines Wohnhauses in eine Kunstinstallation zu verwanden. Über 30 Jahre ist das riesige Konstrukt organisch gewachsen. Sylak hat es ohne vorherigen Plan Stück für Stück mit selbst gefertigten und gefundenen Objekten errichtet und immer wieder verändert. Das ungewöhnliche Kunstobjekt sitzt zwischen den beiden Garagen des Hauses. Überall ragen bewegliche Skulpturen in die Luft, bewegen sich im Wind, leuchten teilweise im Dunklen auf. Die Garagen sind Galeriefläche für eine bunte Mischung aus amerikanischen Abbildungen und Erinnerungen an Szylak’s europäische Vergangenheit.  2015 verstarb der Künstler im Alter von 92 Jahren. Die Zukunft des Hamtramck Disneyland war zunächst ungewiss. Dann hat eine Gruppe von Bewohnern und Künstlern den Erhalt dieser ungewöhnlichen Outdoor-Installation übernommen. Als Dmytro Sylak noch lebte, gab er persönliche Touren durch seine farbenfrohe Phantasiewelt aus Mickey Mouse, Schaukelpferd, Reklameschildern und Spielzeugfiguren. 2006 hat das Modell Kate Moss hier sogar ein Foto-Shooting veranstaltet. Habt ihr Santa entdeckt?

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Freunde der Architektur!

Detroit überrascht oft mit Vierteln, die man so nicht erwarten würde. Östlich an Downtown angrenzend liegt gut versteckt in einer grünen, urbanen Oase der historische Distrikt „Lafayette Park“. Kein Geringerer als der in Aachen geborene und 1939 in die USA ausgewanderte Bauhaus Architekt „Ludwig Mies van der Rohe“ hat sie zwischen 1956 – 1959 gebaut. Sie ist die weltweit größte Wohnanlage van der Rohes und ein einmaliges Beispiel der Idee Bauhaus. Der Lafayette Park umfasst 186 Einfamilien-Häuser, 3 Apartmenthäuser, eine Schule, einige Einzelhandelsgeschäfte und eine Grünfläche. Das Viertel ist im „National Register of Historic Places“ gelistet und seit 2015 als „National Historic Landmark“ des United States National Park Service. Es soll Menschen geben, die aus Kalifornien nach Detroit ziehen, nur um in einem Mies van der Rohe Haus zu leben. In einigen Teilen der Stadt kann man noch Häuser ab 500 Dollar kaufen. Für eine Mies Einheit werden jedoch aktuell um eine halbe Million Dollar für ca. 140 Quadratmeter aufgerufen.

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Packard – the next shift

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Hi there!

Polizeichef Captain Renault fährt in „Casablanca“ damit vor. In „Der Pate“ kommen gleich mehrere zum Einsatz. Präsident Roosevelt nutzte ihn als Dienstlimousine. Automobile der „Packard Motor Car Company“ zählten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Feinsten, was die amerikanische Autoindustrie zu bieten hatte. Die ursprünglich aus Ohio stammenden Packard Brüder lassen sich 1904 am East Grand Boulevard nieder. Dort, wo zuvor deutsche Einwanderer ihre Farmen betrieben, entsteht die erste Autofabrik aus Stahlbeton. Auf 16 Hektar Land baut der legendäre Architekt Albert Kahn einen Komplex mit 325.000 Quadratmetern Gebäudeflächen. Die Packard Plant ist Teil des gewaltigen industriellen Aufschwungs im Mittleren Westen der USA und beschäftigt zu ihren Hochzeiten fast 40.000 Menschen. Der Zweite Weltkrieg bringt die Produktion zum Erliegen. Packard produziert während der Kriegsjahre Flugzeugmotoren für Rolls Royce. Nach Kriegsende passieren wieder luxuriöse Automobile die Werkstore. Jedoch kämpft das Unternehmen gegen die mächtige Konkurrenz der „Big Three“ Ford, General Motors und Chrysler. In einem Versuch, die Produktionskosten zu senken, fusioniert Packard 1954 mit dem kleineren Wettbewerber Studebaker. Das letzte reine Packard Model läuft 1956 am East Grand Boulevard vom Band. Die neue Unternehmensführung hat die Schließung der Packard Plant beschlossen. Über die nächsten 60 Jahre wird sie zur größten Industrieruine der Welt. 

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Teilbereiche der Fabrik werden in den folgenden Jahrzehnten zunächst durch verschiedene Firmen belegt, der Rest beginnt zu verfallen. Nach und nach ziehen Mieter aus, 2006 verlässt das letzte Unternehmen die Packard Plant. Das gigantische Areal ist nun endgültig dem Verfall ausgesetzt. Wo einst luxuriöse Fahrzeuge zusammengeschraubt wurden, riskieren nun „scraper“ (Metalldiebe) für schnellen Cash Gesundheit und Leben. Sie flexen Stahl und Eisen aus den Gebäuden heraus. Holz wird in ihren Häusern verfeuert. Eine tote Autofabrik wird demontiert, um das eigene Überleben zu sichern. Es brennt oft tagelang. Schmelzende Eisenträger sorgen für weitere Zerstörung. Andere nutzen die riesige Ruine zu ihrem Vergnügen und veranstalten in den Trümmern Paintball-Schlachten und Techno-Partys. Graffiti Künstler machen die Wände der ehemaligen Autofabrik zu ihrer Leinwand. Fotografen und Neugierige aus aller Welt sind fasziniert von der bizarren, desolaten Schönheit der Ruine. 2010 wird sogar ein Wandbild des anonymen britischen Künstlers Banksy entdeckt. Zahlreiche Filme wie Transformers und Batman vs Superman werden hier gedreht. Die Natur erobert sich im Laufe der Jahre große Teile zurück. Bäume wurzeln im Inneren und auf den Dächern, giftige Pilze sprießen aus den Holzböden.

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Auch mich hat die Packard Plant wie andere „lost places“ in Detroit immer wieder magisch angezogen. Ich war sprachlos ob der Größe und der Zerstörung des verlassenen Komplexes, der sich über fast einen Kilometer quer durch den Stadtteil zieht. Wir haben die Industrieruine gerne unserem Besuch aus Deutschland gezeigt. Um Vergangenheit und Gegenwart der Stadt zu verstehen. Die Packard Plant als Teil der glanzvollen industriellen Erfolgsgeschichte von Detroit, des Mittleren Westen, der gesamten USA. Gleichzeitig als trauriger Zeuge des beispiellosen Niedergangs der Stadt und einer ganzen Region. Lässt man sich darauf ein, kann man trotzdem nachfühlen, dass hier einmal geschäftiges Leben herrschte. Als tausende Mitarbeiter durch Werkstore und Bürotüren ein- und ausgingen und glänzende Karossen die Rampen verließen. Dann haben die Menschen den Ort verlassen. Das macht wohl einen großen Teil der Faszination aus. Was passiert, wenn Menschen Großartiges schaffen und es dann sich selbst und den Elementen überlassen.

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2013 schreibt die Stadt Detroit die Packard Plant zur Versteigerung aus. Trotz der massiven Zerstörung sind große Teile der Baustruktur noch sehr robust. „Wenn das die Zukunft repräsentiert, dann ist das hier „nichts“. Wir brauchen jemanden, der aus „nichts“ etwas macht“, sagt eine Bewohnerin aus der angrenzenden Nachbarschaft in der von „Detroit Free Press“ Fotograf Brian Kaufmann 2014 gedrehten Dokumentation „Packard: The Last Shift“. Der Entwickler und Investor Fernando Palazuelo aus Peru hat Großes mit der Packard Plant vor. Er ersteigert sie 2013 für 405.000 US Dollar. Sein Ziel: Den total heruntergekommene Komplex über einen Zeitraum von 10 – 15 Jahren und einem Budget von über 300 Million Dollar in einen lebendigen Stadtteil mit vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Es ist nicht das erste Revitualisierungs-Projekt, das Palazuelo mit seiner Firma „Arte Express“ anpackt. Seit 35 Jahren renoviert und entwickelt der gebürtige Spanier weltweit historische Bauten und Stadtteile. Seine Projekte aus der jüngsten Vergangenheit umfassen mehr als 100 Gebäude in den historischen Altstädten von Lima, Palma de Mallorca, Barcelona und Madrid. Und nun die Packard Plant, Detroit – das größte industrielle Modernisierungsprojekt in den USA.

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„Die Packard Plant ist nur noch eine Hülle. Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für einen Wiederaufbau gibt. Auf der anderen Seite war sie Teil einer industriellen Revolution“, sagt Stadthistoriker Jim Balfour im Film. Sie wird es hoffentlich wieder. Teil einer neuen, anderen Erfolgsgeschichte für Detroit. Im Herbst 2019 soll der erste Gebäuderiegel bezugsfertig sein. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Packard Motor Car Company“ werden acht Unternehmen, u.a. eine Beratungsfirma, ein Ingenieurbüro, ein Barber-Shop, eine Galerie einziehen. In einem anderen Gebäude  wird ein Steakhaus mit Event-Räumen eröffnen. Ein Museum über die wechselvolle Geschichte der Packard Plant in geplant. Außerdem wird ein Trainingszentrum gegründet, in dem Menschen aus dem lokalen Umfeld für Jobs, die sich zukünftig hier ergeben, ausgebildet werden. Arte Express hat weiteres Land um die Packard Plant herum erworben, um die zukünftige Entwicklung des gesamten Viertels positiv mit zu gestalten. Sie haben aber auch das Versprechen abgegeben, niemanden aus seinem Haus „heraus zu kaufen“. Im Gegenteil: sie beziehen die Menschen mit ein, halten regelmäßige Treffen mit den Bewohnern der Nachbarschaft ab.

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Das gigantische Renovierungsprojekt ist unfassbar ehrgeizig. Die Original-Struktur soll so weit wie möglich erhalten bleiben. Möglichst viele vorhandene Materialien sollen Verwendung finden. Auch Graffitis sollen, wo immer es geht, in das neuen Konzept integriert werden. „Living around art“, dafür steht „Arte Express“. Allein die Aufräumarbeiten verschlingen Millionen. In den letzten vier Jahren wurden fast ausschließlich baufällige Teile niedergerissen, kontaminierte Erde gereinigt und unglaubliche Mengen an Trümmern beseitigt. Dabei helfen auch Menschen aus der angrenzenden Nachbarschaft, die von Arte Express eingestellt wurden. Die Suche nach Investoren und zukünftigen Mietern wie kleinen Manufakturen geht weiter. Man braucht eine enorme Vorstellungskraft und muss absurd optimistisch sein, um sich statt dieser Hülle voll mit Schrott einen dynamischen Stadtteil vorzustellen. Aber man möchte so gerne an eine positive Zukunft glauben. Eine, die auch Happy Endings für diejenigen hat, die die letzten Jahre und Jahrzehnte kaum Chancen im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld von Detroit hatten.

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Hi there!

Was eigentlich als ein Beitrag mit vielen bunten Bildern – genauer gesagt Wandbildern (Murals) – mit wenig Text gedacht war, braucht nun doch ein paar mehr Worte. Denn wenn man vom Kunst-Festival „Murals in the Market“ erzählt, geht das nicht, ohne über das hoch interessante und für die Stadt Detroit so wichtige Umfeld, in dem das Festival stattfindet, zu berichten.

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„Eastern Market“ ist das größte und älteste (seit 1891) Marktgelände in Amerika, das ganzjährig geöffnet hat. Ende der 40er Jahre ließen sich neben dem Wochenmarkt auch Großhändler und kleine Lebensmittelmanufakturen in die Nachbarschaft nieder. Viele davon sind Fleisch verarbeitende Betriebe. Fünf historische Markthallen und zahlreiche Backsteinbauten umfasst das Viertel. Während der Woche werden hier ab den frühen Morgenstunden Lebensmittel, das meiste davon aus der Region, en gros verkauft. Es geht lebhaft zu, auch bei den zahlreichen inhabergeführten Einzelhändlern und Restaurants.

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An 52 Samstagen im Jahr bekommt „lebhaft“ jedoch eine völlig andere Dimension. Dann brummt es am Eastern Market. Die Stände quellen über, alles ist grün und bunt. Spare Ribs brutzeln auf dem Grill vor Bert’s Marketplace. Über allem wabert Jazz, Blues und Motown Sound. Der Besuch ist ein authentische Detroit Erlebnis, ein buntes Miteinander der Kulturen. Eine einmalige Einkaufserfahrung mit Live Musik, Food Trucks und einer wunderbar quirligen Atmosphäre. Mehr als 40.000 Menschen zieht der Markt wöchentlich an. 300 Stände versorgen Detroiter und Besucher gleichermaßen mit Saisonalem – von den ersten Blumen im Frühling, über die bunte Vielfalt an Früchten und Gemüse im Sommer, bis hin zu Michigan Äpfeln im Herbst und Weihnachtsbäumen im Winter. Vieles kommt von den kleinen Farmen, die im Laufe der letzten Jahre im gesamten Stadtgebiet entstanden sind. Die Marktverwaltung hat mit zahlreichen Initiativen dafür gesorgt, dass die frischen Lebensmittel, Backwaren, Fleisch und Fisch für alle Detroiter zugänglich sind. Nicht nur für gut verdienende Foodies.

DSC_0064So lebhaft wie heute ging es nicht immer zu. In den siebziger Jahren war der Markt ziemlich heruntergekommen, das Geld in Detroit knapp. Als erste Maßnahmen zur Wiederbelebung und Verschönerung wurden große bunte Wandbilder an die Markthallen und umliegenden Gebäude angebracht. Weitere Verbesserungen und ein steigendes Interesse an frischen, lokalen Waren zogen wieder mehr Käufer an. 2006 übertrug die Stadt Detroit den Markt einer non-profit Organisation. Nach und nach werden die historischen Hallen renoviert. In einer von ihnen befindet sich eine industrielle Küche. Hier werden angehende Unternehmer bei der Gründung ihrer Lebensmittel-Firma mit Trainingsmaßnahmen unterstützt. Es gibt ehrgeizig Pläne, das gesamte Gebiet „Eastern Market“ in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln. Was hier zu gelingen scheint, ist die sicherlich eine der größten Herausforderungen für Detroit’s Städteplaner. Eine Balance finden zwischen neuen schicken Lofts und hippen Restaurants, wo die gut verdienende (meist weiße) Mittelschicht wohnt und ausgeht, und den vielen sanierungsbedürftigen Nachbarschaften mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung. 

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Zurück zur Kunst. Das Phantasietier „Veggie-Ta-Bull“ ist eines der bekanntesten, älteren Murals. Es vereint zwei der wesentlichen Produkte des Eastern Market: Gemüse und Fleisch. Street Art hat hier also eine lange Tradition. Die setzte das Design-Festival „Murals in the Market“ nun im dritten Jahr in Folge fort. Acht Tage lang sprühten und pinselten im September wieder mehr als 50 lokale und internationale (auch aus Deutschland) Künstler ihre farbenfrohen Werke auf Wände, Ladenfassaden und andere freie Flächen. Als am vergangenen Wochenende Farbtöpfe und Sprühflaschen eingepackt wurden, war die Zahl der fantastischen, riesigen Wandbilder auf 150 angestiegen. Diese extreme Dichte an Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur wunderschön, sie macht das Viertel um den Eastern Market zu einem „must-see“ in Detroit. Das zieht zusätzliche Besucher an, die einen Spaziergang durch die bunte Kunstszene machen und mit dem ein oder anderen Dollar die lokale Wirtschaft unterstützen. 

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Das Foto eines 10jährigen Jungen, das der Detroiter Fotograf Rick Williams am Eastern Market schoss, diente als Vorlage für dieses Mural. Brandan „BMike“Odums aus New Orleans setzte es in Knallfarben in Szene. „Es war der extrem intensive Blick seiner Augen, die mich angezogen haben“, sagt Williams über den Jungen auf dem Foto in einem Interview. Er wird eine Blume in der Hand halten und das Mural wird um die Worte „They tried to bury us. They didn’t know we were seeds“ ergänzt. Damit schlägt „BMike“ eine Brücke zu einem seiner anderen Projekte in New Orleans. „I think that’s what Detroit is about, and that’s what New Orleans is about,“ sagt der Künstler.

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Wir sind bereits überzeugte und begeisterte Eastern Market „Touristen“, und nehmen gerne Besuch aus Deutschland mit auf diese besondere Bilder-Tour. Fast immer machen wir dann auch bei der „Division Street Boutique“ halt. So auch am vorletzten September-Sonntag, als wir vielen Street Art Künstlern über die Schulter schauen konnten. Und schwupp landete eines der kultigen „Detroit hustles harder“ T-Shirts in der Tüte. Ja, Detroit muss sich meist sehr viel mehr anstrengen. Dafür kommen ungewöhnliche, einzigartige Sachen heraus. Nothing stops Detroit!

Dancing in the streets


DSC_0037„As a songwriter I wanted to write about what people needed, wether it was love, a reason to dance, a reason to cry.“  

aus Berry Gordy’s Biografie „To be loved. The Music, The Magic, The Memories of Motown“

Hi there!

Ich hatte mal wieder lieben Besuch aus Deutschland. Das heißt in der Regel: auf nach Detroit! Ich freue mich immer, wenn ich diese faszinierende Stadt unseren Gästen zeigen darf. Erste Station an diesem kalten sonnigen Michigan Wintermorgen: ein Einfamilienhaus am West Grand Boulevard, in dem Musikgeschichte geschrieben wurde. Hier entstand der legendäre Motown-Sound. Hier traten junge, talentierte, aber unbekannte „Kids“ aus Detroit durch eine Tür hinein, und gingen durch eine andere als Stars hinaus. Ihre Scheiben landeten von hier auf den Plattentellern der DJs des Landes und darüber hinaus.

Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder, die Temptations, Smokey Robinson, Martha Reeves, die Supremes, die Four Tops, … sie alle nahmen ihre Hits im legendären „Studio A“ auf. Der junge Afro-Amerikaner Berry Gordy gründete 1959 das Schallplatten-Label „Motown Records“. Er war Songschreiber, Produzent und kreativer Kopf von „Hitsville U.S.A.“, wie die erfolgreiche Hit-Fabrik auch genannt wurde. Die Jackson Five mit Michael Jackson sangen hier, in der ehemaligen Garage des Hauses, 1968 zum ersten Mal vor. In der oberen Etage des heutigen Museums liegen die silbernen Handschuhe und der schwarze Hut von Michael Jackson’s erstem Moonwalk hinter Glas. Der spätere Superstar hat sie dem Museum gespendet.

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DSC_0049Das Motown Museum kann man nur per Tour besichtigen. Innenaufnahmen sind strengstens untersagt. Dafür steckt die Begeisterung unseres weiblichen Tourguides für die Geschichte und die Musik von Motown sofort an. Sie unterhält uns so lebhaft mit Fakten und Anekdoten, dass man gut nachspüren kann, was für eine aufregende Zeit dies in Detroit gewesen sein muss.

Berry Gordy erwirbt das blau-weiße Haus 1959 mit einem 800 Dollar Darlehen seiner Familie. Dem Einstieg ins Musikgeschäft gehen verschiedene andere berufliche Stationen voraus. Er boxt, arbeitet im Lebensmittelgeschäft seiner Eltern, auf dem Bau, und schließlich bei der Ford Motor Company. Dort gefällt ihm zwar die monotone Arbeit am Fließband nicht, jedoch lässt er sich von den Klängen der Maschinen inspirieren und schreibt nach Feierabend Songs dazu. Der Motown-Sound, der hier in Downtown Detroit kreiert wird, ist neu. Anders, als alles, was man bisher gehört hat. Der Sound vereint Black Gospel Music mit Jazz. Kirchenmusik mit weltlichen Klängen. Zur Begleitung der Sänger und Sängerinnen spielen fast täglich die „Funk Brothers“ im Studio A auf. Diese sorgfältig zusammengestellte Gruppe von Studiomusikern ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor von Motown. Die Musik der Band ist auf mehr Nr. 1 Platten zu hören, als Elvis, The Beatles, The Rolling Stones und The Beach Boys zusammen hatten. Im angrenzenden Kontrollraum werden die Songs gemischt, meist entstehen zahlreiche Versionen. Berry Gordy ist ein Perfektionist und gibt sich nur mit dem perfekten Song zufrieden. Eine „Echo-Kammer“ im ersten Stock dient als Resonanzkörper, lange bevor Synthesizer oder Computer diese Aufgabe übernehmen. Das Stück „Shop around“ von den „Miracles“ wird Motown’s erster Millionen-Hit.

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Berry Gordy sorgt aber nicht nur für den richtigen Sound, er entwickelt die Künstler auch zu Stars, mit allem was dazu gehört. Viele stammen aus sehr einfachen Verhältnissen. Hier lernen sie, sich in der Welt der Stars zu bewegen. Das elegante Erscheinungsbild seiner Musiker wird zum Markenzeichen von Motown Records. Um mehr Raum für all diese Aktivitäten zu schaffen, kauft Berry Gordy weitere 7 Häuser entlang des West Grand Boulevard. Wie bei einer Fertigungsstraße (auch diese Idee stammte aus seiner Zeit bei Ford) erfüllt jedes Haus eine andere Funktion. Im „Artist Development House“ lernen die Künstler Tanzschritte, Choreographie und gutes Benehmen. Im „Publishing Office“ werden die Plattenverkäufe organisiert, zwei weitere Häuser sind für Marketing und Reisen der Stars zuständig, eines für „International Talent Management“ und im „Money House“ holen die Künstler sich ihre Schecks ab. Motown operiert praktisch rund um die Uhr. Berry Gordy wollte die musikalische Kreativität nicht von Öffnungszeiten abhängig machen. Zwischen 1959 und 1972 haben 450 Menschen in Detroit am Erfolg von Motown Records gearbeitet. 1966 erzielt das Unternehmen einen Vorsteuergewinn von 20.000.000 US Dollar. 1968 zieht die Motown Record Corporation in ein größeres Gebäude innerhalb Detroits um, bevor Berry Gordy das Plattenlabel Anfang der 70er Jahre nach Los Angeles verlegt.

Seit 1985 ist es ein Museum, gegründet von Esther Gordy Edwards, der jüngsten Schwester von Berry Gordy, die während der 60er Jahre für Motown Records arbeitete. Sie war es, die ihren Bruder Berry in Kalifornien anrief, als die ersten Tour-Busse am West Grand Boulevard vorfuhren. „Gordy, I think we made history here“, soll sie gesagt haben. Der Sound, der aus dem Studio A auf den Plattentellern und Bühnen der Welt landete, hat in der Tat Musikgeschichte gemacht. Gleichzeitig schafft es die Musik der schwarzen Motown-Künstler auch, Rassen-Barrieren zu durchbrechen. „Unsere Musik brachte schwarz und weiß zusammen, die Menschen tanzten gemeinsam und hielten sich an den Händen“ erinnert sich Smokey Robinson.

Der Besuch des Motown Museums ist ein Flashback in die 60er Jahre. Neben Studio, Kontrollraum, Plattenarchiv, Büro und Empfang ist auch die Wohnung von Berry Gordy und seiner Familie im Originalzustand erhalten. Die Farben orange, braun und beige dominieren. Im Süßigkeiten-Automaten stecken noch Schoko-Riegel aus dieser Zeit. Der Zigarettenautomat sieht genau so aus, wie jene in deutschen Dorfkneipen, an denen wir mit einem Fünfmarkstück Zigaretten für unsere Eltern gezogen haben.

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Unsere Tour endet im Studio A. Hier steht ein alter Steinway-Flügel, dessen Rechnung für die aufwändige Restaurierung vor einigen Jahren kein geringerer als Sir Paul McCartney übernahm. Überhaupt schauen immer mal wieder Musikgrößen in „Hitsville U.S.A.“ vorbei. Usher, Beyoncé und Jay Z durfte unser quirliger Tourguide erst vor Kurzem die Hände schütteln. Das erhält sie uns stolz, und schwärmt von Usher’s gutem Aussehen.

Für einen kurzen Moment dürfen auch wir uns wie Motown Stars fühlen. Tanzschritt rechts, Tanzschritt links singen wir gemeinsam „My girl“ von den Temptations . „I’ve got sunshine on a cloudy day. When it’s cold outside I’ve got the month of May. I guess you’d say. What can make me feel this way? My girl … Talkin‘ ‚bout my girl …“

Noch schnell eine Runde „Shop around“ im Giftshop, bevor wir im klirrend kalten Detroit auch vom Monat Mai träumen.

 

One stitch at a time

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Foto: The Empowerment Plan 

Hi there!

Es gibt rund 20.000 obdachlose Menschen in Detroit. Die Zahl hat mich total umgehauen. Denn bei meinen Besuchen in der Stadt habe ich nur selten obdachlose Menschen gesehen. Im Gegensatz zu Los Angeles, wo ich vor einigen Wochen angesichts der offensichtlich großen Anzahl von Menschen ohne Dach über dem Kopf schockiert war. In Detroit sind sie mehr oder weniger unsichtbar. Sie halten sich vorrangig in den vielen verlassenen Gebäuden der Stadt auf. Veronika Scott kennt keine Berührungsängste gegenüber Menschen, die auf der Straße leben. Sie ist selbst am Rande der Gesellschaft in Detroit aufgewachsen und weiß um die Situation und die Sorgen der Betroffenen. Ihre berufliche Karriere hat sie mit der Hilfe für Obdachlose verknüpft. Ihr Non-Profit-Unternehmen „The Empowerment Plan Detroit“ stellt hauptsächlich alleinerziehende Frauen aus Obdachlosenheimen ein, gibt ihnen Arbeit und ihre Würde zurück. Stich für Stich.

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Foto: Brian Kelly 

Während ihres Design-Studiums sollte Veronika für eine Projektarbeit ein nützliches Produkt entwickeln. Der brutale Winter von Detroit brachte sie auf die Idee, einen Mantel-Schlafsack für Obdachlose zu nähen. Tagsüber ein Mantel, nachts ein wärmender Schutz zum Schlafen. Sie verbrachte viel Zeit in verschiedenen Obdachlosenheimen, um die Bedürfnisse der Betroffenen kennen zu lernen. „The crazy coat lady“ wurde sie dort genannt. Und als sie schließlich nach zahlreichen Prototypen einige Mantel-Schlafsäcke an obdachlose Menschen verteilte, brüllte sie eine Frau wütend an: „Ich brauche keinen Mantel, ich brauche einen Job“. Bei Veronika machte es ein zweites Mal „klick“. Ihr Produkt war nur so etwas wie ein Pflaster, um die Symptome zu lindern. Sie wollte einen Schritt weiter gehen und die Ursache bekämpfen. Menschen aus der Obdachlosigkeit heraus anstellen. Ihnen Fertigkeiten zur Ausübung eines Jobs vermitteln. Sie war damals 22 Jahre alt und versuchte, Unterstützer für ihre Idee zu finden. „Niemand hat zunächst an den Erfolg geglaubt. Viele trauten Obdachlosen nicht einmal zu, sich ein ordentliches Sandwich zu machen, geschweige denn, Nähen zu lernen“, sagt sie in einem Interview. Mit ersten privaten Spendengeldern versucht sie es dennoch, und stellt zunächst zwei Frauen ein.

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Fotos: Geoff George

Nach ihrem College-Abschluss 2012 gründet sie dann „The Empowerment Plan“ und zieht mit dem jungen Unternehmen ins „Ponyride“. In dem alten Lagerhaus im Detroiter Stadtteil Corktown können junge Unternehmer mit sozial orientierten, nachhaltigen Geschäftsideen günstige Räumlichkeiten als Starthilfe anmieten.

Ich hatte schon öfter über das Projekt gelesen. Ich fand die Idee großartig, die Produktion eines sinnvollen Produktes mit der Chance für Menschen, den Teufelskreis von Armut und Obdachlosigkeit zu durchbrechen, zu verknüpfen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch, dass die junge Gründerin sich mit einer unglaublichen Energie gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Sehr inspirierend. Und beispielhaft für eine neue Generation in Detroit, die die Stadt mit ihrem Engagement und ihrer Kreativität Tag für Tag wieder nach vorne bringen möchte. Dank eines zufälligen Email-Kontaktes bekam ich eine Einladung, mir das Projekt vor Ort anzuschauen. Sightseeing Detroit einmal anders. Auch für meine deutsche Freundin, die letzte Woche zu Besuch war. Ich bin jetzt ein wenig stolz, diese Geschichte hier im Blog erzählen zu können.

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Die Gründerin Veronika haben wir zwar nicht angetroffen, aber die PR-Frau Erika George. Sie ist eigentlich Grundschullehrerin, hat an der University of Michigan in Ann Arbor studiert. Gleich nach ihrem Abschluss hat sie bei Empowerment Plan angefangen und ist geblieben. „Ich habe einen unglaublichen Respekt vor den Frauen, die hier arbeiten. Die meisten sind nicht älter als ich, haben Unglaubliches erlebt und oft schon mehrerer Kinder zu versorgen“, sagt sie. Man merkt, dass die Aufgabe bei Empowerment Plan kein reiner Job für sie ist. Und so erzählt sie uns mit unglaublicher Begeisterung und positiver Energie von dem „Plan“, der Frauen befähigt, ihrem Leben wieder Stabilität zu geben. 39 ehemals obdachlose Menschen (die Mehrzahl davon alleinerziehende Frauen) wurden hier zu Näherinnen ausgebildet und erhielten einen Vollzeit Job. Alle haben wieder ein Dach über dem Kopf, viele konnten nach einer Weile in andere Unternehmen wechseln. Empowerment Plan versteht sich als Übergangsstation. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen die Chance zu einem Neuanfang zu geben. Die Kapazität der aktuellen Räumlichkeit hat daher ihr Limit erreicht. Für 2017 ist ein Umzug in größere Räume geplant, um bis Jahresende 40 Näherinnen parallel beschäftigen zu können. Aktuell fertigen rund 20 Frauen 35 Mäntel täglich. Die seit Gründung vor 5 Jahren produzierten 20.000 Mäntel wurden von Hilfsorganisationen gekauft und in 41 US-Staaten, 6 kanadischen Provinzen und verschiedene Übersee-Länder verteilt.

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Foto: The Empowerment Plan

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Die in Detroit beheimatete Bekleidungsfirma Carhartt ist eine der Hauptsponsoren. Neben Industrienähmaschinen liefert sie das wetterfeste Außenmaterial für die Mäntel. Autobauer General Motors steuert das warme Innenfutter bei, recycelte Isoliermaterialien. Seit dem ersten Mantel haben sich Design und Funktionalität ständig verbessert. Neueste Ergänzung ist das abnehmbare Fußteil, das auch als Tasche verwendbar ist. Der Mantel lässt sich außerdem so zusammenrollen, dass er bequem über der Schulter getragen werden kann. Das multifunktionale Kleidungsstück kommt auch bei Menschen mit festem Wohnsitz gut an, der Verkauf an Privatpersonen ist für dieses Jahr geplant.

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Das Projekt findet weltweit Beachtung in der Presse, Prominente interessieren sich für Empowerment Plan. So stattete der in Detroit aufgewachsene Popstar Madonna der kleinen Manufaktur 2014 einen Besuch ab und finanzierte die Ausbildung von drei neuen Näherinnen.

Auch wenn ihr Anspruch an den Mantel hoch ist und sie jedes Jahr gemeinsam mit dem Team ein neues Modell heraus bringt, der Hauptfokus von Veronika Scott liegt auf den Menschen, die ihn produzieren. Ihnen bringt sie nicht nur das Nähen bei. Es gibt Trainingsangebote für viele andere Lebensbereiche, wie der Umgang mit den persönlichen Finanzen, professionelles Auftreten und Vorbereitungskurse für den Highschool Abschluss.

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Foto: The Empowerment Plan

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„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people“, sagt Veronika Scott. Die Frauen im Team nennt sie „Badass“, knallharte Typen, ohne die der Empowerment Plan kein solcher Erfolg wäre. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org

 

English version

Detroit has 20.000 homeless people. This number was a total surprise for me. During my visits all over to the city I rarely noticed homeless people. Unlike in Los Angeles, where I was shocked a few weeks ago seeing so many homeless living in the streets or at the beach. In Detroit they seem to be invisible. Most of them hide in the many abandonned buildings throughout the city. Detroit native Veronika Scott grew up in poverty and knows about their troubles and worries. She combines her professional career with the help for homeless people. Her non-profit organization „The Empowerment Plan Detroit“ hires mostly single parents from homeless shelters and gives them a job and their dignity back. One stitch at a time.

While attending „The College for Creative Studies“ in Detroit she had to create a product that would fill a need in her community. In the brutal Detroit winter she came up with the idea of a coat for the homeless that transforms into a sleeping bag. A coat during the day, a warm protection during the night. She did her research in several homeless shelters to find out about the needs of those who should benefit from her idea. It was during that time that she gained the nick name „The crazy coat lady“.  When she finally distributed some of the coats to homeless people a women jelled at her: „I don’t need a coat, I need a job“. That incident was the beginning of the idea of Empowerment Plan. Veronika wanted to go a step further and not just cure the symptoms, but fight the cause. Hire homeless individuals and train them for a job. She was 22 years old when she tried to find supporters for her plan. „Nobody believed in the success of my idea. People did not trust homeless people to fix themselves a proper sandwich, let alone learn how to sew“, said Veronika in one of her interviews later. But she moved on with her vision and hired two women with private donations to start sewing coats.

After her graduation 2012 she founded „The Empowerment Plan Detroit“ and moved the young company to „Ponyride“, an old warehouse downtown Detroit where young entrepreneurs with community oriented, sustainable business ideas can rent cheap spaces to help them grow their business. I had read about the project several times and loved the idea to combine the production of a product that fulfills a need with the opportunity to break the cycle of poverty and homelessness. But what impressed me most, was that Veronika Scott prevailed against all obstacles and and pushed her idea through. Very inspiring. And characteristic for a new generation of creative and progressive people in Detroit, who work every single day to bring the city back. Thanks to an email contact with The Empowerment Plan I got an invitation to check out the project on site. An alternative way of „Sightseeing Detroit“ for me as well as for my friend visiting from Germany. Now I am a little proud to tell this story here in my blog.

We did not meet founder and CEO Veronika Scott, but Development Directer Erika George. She is a graduate from the University of Michigan. Right after her graduation she started her career at Empowerment Plan and stayed. „I have such tremendous respect for the women who work here. Most of them are not older than myself. They have gone through extreme difficult times and they already have children to care for“, she says. It’s obvious, her commitment at Empowerment Plan is so much more than a job for her. With great enthusiasm and a huge amount of positive energy she tells us about the „plan“ that empowers women to regain stability over their lives. 39 former homeless (most of them single women) have been trained here to be seamstresses and work full time. All have moved into permanent housing and a lot of them were able to move on to other jobs. Empowerment plan wants to serve as a transition place with the goal to give as many people as possible the chance for a new beginning. The actual location has reached its limit. To be able to employ 40 seamstresses at the same time, the organization plans to move to a larger location this year. Right now about 20 women sew 35 coats a day. Since the beginning 5 years ago a total of 20.000 coats have been produced. Charities bought the coats and distributed them to 41 US states, 6 Canadian provinces and several countries overseas.

Carhartt, a Detroit based clothing company, is one of the main donors. Besides industrial sewing machines they deliver the durable, waterproof fabric for the outer shell. Carmaker General Motors donates upcycled automotive insulation for the warm lining inside. Since the first coat design and functionality have constantly been improved. Newest addition is the removable feet part that can be used as a bag during the day. The coat rolls up easily and can be carried over the shoulder. Since the multifunctional piece has as well drawn a lot of attention outside homeless shelters a retail sale is planned.

The Empowerment Plan has been featured in the media across the globe and a lot of celebrities show interest in the project. Popstar Madonna, who grew up in the suburbs of Detroit, visited the little factory 2014 and paid for the training of three new seamstresses. Although Veronika’s expectations of the coat quality are high – together with her team she creates a new model every year – her main focus remains on the the people who produce the coats. Besides sewing, The Empowerment Plan offers training in other parts of live, such as financial literacy, professional development courses and GED classes.

„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people. Without this team of badass women Empowerment Plan would not be successful“, says Veronika Scott. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org