Detroit

feeding body & soul

Hi there!

Was eigentlich als ein Beitrag mit vielen bunten Bildern – genauer gesagt Wandbildern (Murals) – mit wenig Text gedacht war, braucht nun doch ein paar mehr Worte. Denn wenn man vom Kunst-Festival „Murals in the Market“ erzählt, geht das nicht, ohne über das hoch interessante und für die Stadt Detroit so wichtige Umfeld, in dem das Festival stattfindet, zu berichten.

L1120578

„Eastern Market“ ist das größte und älteste (seit 1891) Marktgelände in Amerika, das ganzjährig geöffnet hat. Ende der 40er Jahre ließen sich neben dem Wochenmarkt auch Großhändler und kleine Lebensmittelmanufakturen in die Nachbarschaft nieder. Viele davon sind Fleisch verarbeitende Betriebe. Fünf historische Markthallen und zahlreiche Backsteinbauten umfasst das Viertel. Während der Woche werden hier ab den frühen Morgenstunden Lebensmittel, das meiste davon aus der Region, en gros verkauft. Es geht lebhaft zu, auch bei den zahlreichen inhabergeführten Einzelhändlern und Restaurants.

L1060916

DSC_0070

image1

An 52 Samstagen im Jahr bekommt „lebhaft“ jedoch eine völlig andere Dimension. Dann brummt es am Eastern Market. Die Stände quellen über, alles ist grün und bunt. Spare Ribs brutzeln auf dem Grill vor Bert’s Marketplace. Über allem wabert Jazz, Blues und Motown Sound. Der Besuch ist ein authentische Detroit Erlebnis, ein buntes Miteinander der Kulturen. Eine einmalige Einkaufserfahrung mit Live Musik, Food Trucks und einer wunderbar quirligen Atmosphäre. Mehr als 40.000 Menschen zieht der Markt wöchentlich an. 300 Stände versorgen Detroiter und Besucher gleichermaßen mit Saisonalem – von den ersten Blumen im Frühling, über die bunte Vielfalt an Früchten und Gemüse im Sommer, bis hin zu Michigan Äpfeln im Herbst und Weihnachtsbäumen im Winter. Vieles kommt von den kleinen Farmen, die im Laufe der letzten Jahre im gesamten Stadtgebiet entstanden sind. Die Marktverwaltung hat mit zahlreichen Initiativen dafür gesorgt, dass die frischen Lebensmittel, Backwaren, Fleisch und Fisch für alle Detroiter zugänglich sind. Nicht nur für gut verdienende Foodies.

DSC_0064So lebhaft wie heute ging es nicht immer zu. In den siebziger Jahren war der Markt ziemlich heruntergekommen, das Geld in Detroit knapp. Als erste Maßnahmen zur Wiederbelebung und Verschönerung wurden große bunte Wandbilder an die Markthallen und umliegenden Gebäude angebracht. Weitere Verbesserungen und ein steigendes Interesse an frischen, lokalen Waren zogen wieder mehr Käufer an. 2006 übertrug die Stadt Detroit den Markt einer non-profit Organisation. Nach und nach werden die historischen Hallen renoviert. In einer von ihnen befindet sich eine industrielle Küche. Hier werden angehende Unternehmer bei der Gründung ihrer Lebensmittel-Firma mit Trainingsmaßnahmen unterstützt. Es gibt ehrgeizig Pläne, das gesamte Gebiet „Eastern Market“ in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln. Was hier zu gelingen scheint, ist die sicherlich eine der größten Herausforderungen für Detroit’s Städteplaner. Eine Balance finden zwischen neuen schicken Lofts und hippen Restaurants, wo die gut verdienende (meist weiße) Mittelschicht wohnt und ausgeht, und den vielen sanierungsbedürftigen Nachbarschaften mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung. 

L1120584

Zurück zur Kunst. Das Phantasietier „Veggie-Ta-Bull“ ist eines der bekanntesten, älteren Murals. Es vereint zwei der wesentlichen Produkte des Eastern Market: Gemüse und Fleisch. Street Art hat hier also eine lange Tradition. Die setzte das Design-Festival „Murals in the Market“ nun im dritten Jahr in Folge fort. Acht Tage lang sprühten und pinselten im September wieder mehr als 50 lokale und internationale (auch aus Deutschland) Künstler ihre farbenfrohen Werke auf Wände, Ladenfassaden und andere freie Flächen. Als am vergangenen Wochenende Farbtöpfe und Sprühflaschen eingepackt wurden, war die Zahl der fantastischen, riesigen Wandbilder auf 150 angestiegen. Diese extreme Dichte an Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur wunderschön, sie macht das Viertel um den Eastern Market zu einem „must-see“ in Detroit. Das zieht zusätzliche Besucher an, die einen Spaziergang durch die bunte Kunstszene machen und mit dem ein oder anderen Dollar die lokale Wirtschaft unterstützen. 

DSC_0090

DSC_0099-2

DSC_0199

DSC_0104-3

DSC_0136-3

DSC_0134-2

IMG_1100

DSC_0094-2

DSC_0102

DSC_0060

DSC_0093-2

DSC_0082

DSC_0138-3

DSC_0103-3

Das Foto eines 10jährigen Jungen, das der Detroiter Fotograf Rick Williams am Eastern Market schoss, diente als Vorlage für dieses Mural. Brandan „BMike“Odums aus New Orleans setzte es in Knallfarben in Szene. „Es war der extrem intensive Blick seiner Augen, die mich angezogen haben“, sagt Williams über den Jungen auf dem Foto in einem Interview. Er wird eine Blume in der Hand halten und das Mural wird um die Worte „They tried to bury us. They didn’t know we were seeds“ ergänzt. Damit schlägt „BMike“ eine Brücke zu einem seiner anderen Projekte in New Orleans. „I think that’s what Detroit is about, and that’s what New Orleans is about,“ sagt der Künstler.

DSC_0099

Wir sind bereits überzeugte und begeisterte Eastern Market „Touristen“, und nehmen gerne Besuch aus Deutschland mit auf diese besondere Bilder-Tour. Fast immer machen wir dann auch bei der „Division Street Boutique“ halt. So auch am vorletzten September-Sonntag, als wir vielen Street Art Künstlern über die Schulter schauen konnten. Und schwupp landete eines der kultigen „Detroit hustles harder“ T-Shirts in der Tüte. Ja, Detroit muss sich meist sehr viel mehr anstrengen. Dafür kommen ungewöhnliche, einzigartige Sachen heraus. Nothing stops Detroit!

One stitch at a time

13920096_1243975598960278_6676557292418618198_o

Foto: The Empowerment Plan 

Hi there!

Es gibt rund 20.000 obdachlose Menschen in Detroit. Die Zahl hat mich total umgehauen. Denn bei meinen Besuchen in der Stadt habe ich nur selten obdachlose Menschen gesehen. Im Gegensatz zu Los Angeles, wo ich vor einigen Wochen angesichts der offensichtlich großen Anzahl von Menschen ohne Dach über dem Kopf schockiert war. In Detroit sind sie mehr oder weniger unsichtbar. Sie halten sich vorrangig in den vielen verlassenen Gebäuden der Stadt auf. Veronika Scott kennt keine Berührungsängste gegenüber Menschen, die auf der Straße leben. Sie ist selbst am Rande der Gesellschaft in Detroit aufgewachsen und weiß um die Situation und die Sorgen der Betroffenen. Ihre berufliche Karriere hat sie mit der Hilfe für Obdachlose verknüpft. Ihr Non-Profit-Unternehmen „The Empowerment Plan Detroit“ stellt hauptsächlich alleinerziehende Frauen aus Obdachlosenheimen ein, gibt ihnen Arbeit und ihre Würde zurück. Stich für Stich.

12417914_1105404969484009_1308639050010505723_n

Foto: Brian Kelly 

Während ihres Design-Studiums sollte Veronika für eine Projektarbeit ein nützliches Produkt entwickeln. Der brutale Winter von Detroit brachte sie auf die Idee, einen Mantel-Schlafsack für Obdachlose zu nähen. Tagsüber ein Mantel, nachts ein wärmender Schutz zum Schlafen. Sie verbrachte viel Zeit in verschiedenen Obdachlosenheimen, um die Bedürfnisse der Betroffenen kennen zu lernen. „The crazy coat lady“ wurde sie dort genannt. Und als sie schließlich nach zahlreichen Prototypen einige Mantel-Schlafsäcke an obdachlose Menschen verteilte, brüllte sie eine Frau wütend an: „Ich brauche keinen Mantel, ich brauche einen Job“. Bei Veronika machte es ein zweites Mal „klick“. Ihr Produkt war nur so etwas wie ein Pflaster, um die Symptome zu lindern. Sie wollte einen Schritt weiter gehen und die Ursache bekämpfen. Menschen aus der Obdachlosigkeit heraus anstellen. Ihnen Fertigkeiten zur Ausübung eines Jobs vermitteln. Sie war damals 22 Jahre alt und versuchte, Unterstützer für ihre Idee zu finden. „Niemand hat zunächst an den Erfolg geglaubt. Viele trauten Obdachlosen nicht einmal zu, sich ein ordentliches Sandwich zu machen, geschweige denn, Nähen zu lernen“, sagt sie in einem Interview. Mit ersten privaten Spendengeldern versucht sie es dennoch, und stellt zunächst zwei Frauen ein.

SleepingBag_MaddieToro

Coat_MaddieToro (1)

Fotos: Geoff George

Nach ihrem College-Abschluss 2012 gründet sie dann „The Empowerment Plan“ und zieht mit dem jungen Unternehmen ins „Ponyride“. In dem alten Lagerhaus im Detroiter Stadtteil Corktown können junge Unternehmer mit sozial orientierten, nachhaltigen Geschäftsideen günstige Räumlichkeiten als Starthilfe anmieten.

Ich hatte schon öfter über das Projekt gelesen. Ich fand die Idee großartig, die Produktion eines sinnvollen Produktes mit der Chance für Menschen, den Teufelskreis von Armut und Obdachlosigkeit zu durchbrechen, zu verknüpfen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch, dass die junge Gründerin sich mit einer unglaublichen Energie gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Sehr inspirierend. Und beispielhaft für eine neue Generation in Detroit, die die Stadt mit ihrem Engagement und ihrer Kreativität Tag für Tag wieder nach vorne bringen möchte. Dank eines zufälligen Email-Kontaktes bekam ich eine Einladung, mir das Projekt vor Ort anzuschauen. Sightseeing Detroit einmal anders. Auch für meine deutsche Freundin, die letzte Woche zu Besuch war. Ich bin jetzt ein wenig stolz, diese Geschichte hier im Blog erzählen zu können.

DSC_0587

DSC_0583

Die Gründerin Veronika haben wir zwar nicht angetroffen, aber die PR-Frau Erika George. Sie ist eigentlich Grundschullehrerin, hat an der University of Michigan in Ann Arbor studiert. Gleich nach ihrem Abschluss hat sie bei Empowerment Plan angefangen und ist geblieben. „Ich habe einen unglaublichen Respekt vor den Frauen, die hier arbeiten. Die meisten sind nicht älter als ich, haben Unglaubliches erlebt und oft schon mehrerer Kinder zu versorgen“, sagt sie. Man merkt, dass die Aufgabe bei Empowerment Plan kein reiner Job für sie ist. Und so erzählt sie uns mit unglaublicher Begeisterung und positiver Energie von dem „Plan“, der Frauen befähigt, ihrem Leben wieder Stabilität zu geben. 39 ehemals obdachlose Menschen (die Mehrzahl davon alleinerziehende Frauen) wurden hier zu Näherinnen ausgebildet und erhielten einen Vollzeit Job. Alle haben wieder ein Dach über dem Kopf, viele konnten nach einer Weile in andere Unternehmen wechseln. Empowerment Plan versteht sich als Übergangsstation. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen die Chance zu einem Neuanfang zu geben. Die Kapazität der aktuellen Räumlichkeit hat daher ihr Limit erreicht. Für 2017 ist ein Umzug in größere Räume geplant, um bis Jahresende 40 Näherinnen parallel beschäftigen zu können. Aktuell fertigen rund 20 Frauen 35 Mäntel täglich. Die seit Gründung vor 5 Jahren produzierten 20.000 Mäntel wurden von Hilfsorganisationen gekauft und in 41 US-Staaten, 6 kanadischen Provinzen und verschiedene Übersee-Länder verteilt.

DSC_0550

Angel_BrianKelly

Foto: The Empowerment Plan

DSC_0549

Die in Detroit beheimatete Bekleidungsfirma Carhartt ist eine der Hauptsponsoren. Neben Industrienähmaschinen liefert sie das wetterfeste Außenmaterial für die Mäntel. Autobauer General Motors steuert das warme Innenfutter bei, recycelte Isoliermaterialien. Seit dem ersten Mantel haben sich Design und Funktionalität ständig verbessert. Neueste Ergänzung ist das abnehmbare Fußteil, das auch als Tasche verwendbar ist. Der Mantel lässt sich außerdem so zusammenrollen, dass er bequem über der Schulter getragen werden kann. Das multifunktionale Kleidungsstück kommt auch bei Menschen mit festem Wohnsitz gut an, der Verkauf an Privatpersonen ist für dieses Jahr geplant.

DSC_0537

DSC_0533

Das Projekt findet weltweit Beachtung in der Presse, Prominente interessieren sich für Empowerment Plan. So stattete der in Detroit aufgewachsene Popstar Madonna der kleinen Manufaktur 2014 einen Besuch ab und finanzierte die Ausbildung von drei neuen Näherinnen.

Auch wenn ihr Anspruch an den Mantel hoch ist und sie jedes Jahr gemeinsam mit dem Team ein neues Modell heraus bringt, der Hauptfokus von Veronika Scott liegt auf den Menschen, die ihn produzieren. Ihnen bringt sie nicht nur das Nähen bei. Es gibt Trainingsangebote für viele andere Lebensbereiche, wie der Umgang mit den persönlichen Finanzen, professionelles Auftreten und Vorbereitungskurse für den Highschool Abschluss.

Takecia&Autumn_TheEmpowermentPlan

Foto: The Empowerment Plan

DSC_0571

„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people“, sagt Veronika Scott. Die Frauen im Team nennt sie „Badass“, knallharte Typen, ohne die der Empowerment Plan kein solcher Erfolg wäre. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org

 

English version

Detroit has 20.000 homeless people. This number was a total surprise for me. During my visits all over to the city I rarely noticed homeless people. Unlike in Los Angeles, where I was shocked a few weeks ago seeing so many homeless living in the streets or at the beach. In Detroit they seem to be invisible. Most of them hide in the many abandonned buildings throughout the city. Detroit native Veronika Scott grew up in poverty and knows about their troubles and worries. She combines her professional career with the help for homeless people. Her non-profit organization „The Empowerment Plan Detroit“ hires mostly single parents from homeless shelters and gives them a job and their dignity back. One stitch at a time.

While attending „The College for Creative Studies“ in Detroit she had to create a product that would fill a need in her community. In the brutal Detroit winter she came up with the idea of a coat for the homeless that transforms into a sleeping bag. A coat during the day, a warm protection during the night. She did her research in several homeless shelters to find out about the needs of those who should benefit from her idea. It was during that time that she gained the nick name „The crazy coat lady“.  When she finally distributed some of the coats to homeless people a women jelled at her: „I don’t need a coat, I need a job“. That incident was the beginning of the idea of Empowerment Plan. Veronika wanted to go a step further and not just cure the symptoms, but fight the cause. Hire homeless individuals and train them for a job. She was 22 years old when she tried to find supporters for her plan. „Nobody believed in the success of my idea. People did not trust homeless people to fix themselves a proper sandwich, let alone learn how to sew“, said Veronika in one of her interviews later. But she moved on with her vision and hired two women with private donations to start sewing coats.

After her graduation 2012 she founded „The Empowerment Plan Detroit“ and moved the young company to „Ponyride“, an old warehouse downtown Detroit where young entrepreneurs with community oriented, sustainable business ideas can rent cheap spaces to help them grow their business. I had read about the project several times and loved the idea to combine the production of a product that fulfills a need with the opportunity to break the cycle of poverty and homelessness. But what impressed me most, was that Veronika Scott prevailed against all obstacles and and pushed her idea through. Very inspiring. And characteristic for a new generation of creative and progressive people in Detroit, who work every single day to bring the city back. Thanks to an email contact with The Empowerment Plan I got an invitation to check out the project on site. An alternative way of „Sightseeing Detroit“ for me as well as for my friend visiting from Germany. Now I am a little proud to tell this story here in my blog.

We did not meet founder and CEO Veronika Scott, but Development Directer Erika George. She is a graduate from the University of Michigan. Right after her graduation she started her career at Empowerment Plan and stayed. „I have such tremendous respect for the women who work here. Most of them are not older than myself. They have gone through extreme difficult times and they already have children to care for“, she says. It’s obvious, her commitment at Empowerment Plan is so much more than a job for her. With great enthusiasm and a huge amount of positive energy she tells us about the „plan“ that empowers women to regain stability over their lives. 39 former homeless (most of them single women) have been trained here to be seamstresses and work full time. All have moved into permanent housing and a lot of them were able to move on to other jobs. Empowerment plan wants to serve as a transition place with the goal to give as many people as possible the chance for a new beginning. The actual location has reached its limit. To be able to employ 40 seamstresses at the same time, the organization plans to move to a larger location this year. Right now about 20 women sew 35 coats a day. Since the beginning 5 years ago a total of 20.000 coats have been produced. Charities bought the coats and distributed them to 41 US states, 6 Canadian provinces and several countries overseas.

Carhartt, a Detroit based clothing company, is one of the main donors. Besides industrial sewing machines they deliver the durable, waterproof fabric for the outer shell. Carmaker General Motors donates upcycled automotive insulation for the warm lining inside. Since the first coat design and functionality have constantly been improved. Newest addition is the removable feet part that can be used as a bag during the day. The coat rolls up easily and can be carried over the shoulder. Since the multifunctional piece has as well drawn a lot of attention outside homeless shelters a retail sale is planned.

The Empowerment Plan has been featured in the media across the globe and a lot of celebrities show interest in the project. Popstar Madonna, who grew up in the suburbs of Detroit, visited the little factory 2014 and paid for the training of three new seamstresses. Although Veronika’s expectations of the coat quality are high – together with her team she creates a new model every year – her main focus remains on the the people who produce the coats. Besides sewing, The Empowerment Plan offers training in other parts of live, such as financial literacy, professional development courses and GED classes.

„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people. Without this team of badass women Empowerment Plan would not be successful“, says Veronika Scott. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org

 

Detroit – the Motor City

winter model t

Foto: Walter P. Reuther Library, Archives of Labor and Urban Affairs, Wayne State University
Ford Model T auf einer winterlichen Ausfahrt auf der Belle Isle, Detroit 

Hi there,

während ich die Eindrücke unserer Winterferien an die Westküste noch auf mich wirken lasse, schiebe ich erst mal einen Beitrag aus der Motor City ein. In Detroit dreht sich gerade alles wieder um die Zukunft unserer Mobilität, auf der „North American International Autoshow“. In den Messehallen des Cobo-Centers blinkt traditionell viel poliertes Chrom. Aber Detroit und Michigan haben sich über die Fahrzeugproduktion hinaus auch als globale Forschungszentren für autonome Fahrzeug-Technologie etabliert. Dieser Entwicklung trägt der Bereich „AutoMobiliD“ auf der Messe Rechnung. Hier decken Hersteller, Zulieferer und Tech Start-ups die Bereiche Autonomes Fahren, Elektro-Mobilität und Konzepte für urbane Mobilität ab. Hier werden Technologien und Initiativen gezeigt und diskutiert, die uns zukünftig „bewegen“ werden.

Detroit also wieder. Mehr als 100 Jahre nachdem Henry Ford in dieser Stadt das Fließband als neuen Produktionsprozess für sein legendäres „Model T“ etablierte, und damit den Grundstein für die Motorisierung der Welt legte. Die Motor City, in der das historische Herz der amerikanischen Automobilindustrie schlägt, möchte erneut Geschichte in Sachen Mobilität schreiben.

DSC_0212

IMG_3540

DSC_0300

DSC_0301

Aus den Pionierzeiten der automobilen Entwicklung sind leider nicht mehr viele Orte in Detroit erhalten. Ein Juwel hat die bewegten Zeiten jedoch überdauert, die „Ford Piquette Avenue Plant“. Ein dreistöckiger Backsteinbau, in dem Henry Ford 1904 mit 41 Jahren den zweiten Sitz der „Ford Motor Company“ einrichtete. Das Gelände wird heute von der non-profit Organisation „Model T Automotive Heritage Complex“ als Museum betrieben und gilt als älteste öffentlich zugängliche Autofabrik der Welt. Trotzdem ist es ein wenig Geheimtipp, denn die meisten Detroit Besucher touren die „River Rouge Factory“ von Ford, in der noch heute produziert wird. Aber wenn man sehen will, wo alles angefangen hat, wo das berühmte Model T geboren wurde, dann kommt man hierher, ins ehemalige Herz des automobilen Detroits. Reist zurück in die Pionierzeiten der Automobils, atmet historische Luft und hat fast das Gefühl, Henry Ford säße noch in seinem Büro oder tüftle im Entwicklungsraum an jenem Produkt, dass unsere Lebensweise so massiv veränderte wie kaum ein zweites. „From here, he put the world on wheels“, sagt einer der freiwilligen Tour-Guides und ehemaliger Ford Mitarbeiter stolz zu Beginn unserer Tour. In Kleidung jener Zeit wird hier die Geschichte erzählt, die den Transport und die amerikanische Industrie revolutionierte. Aber eins nach dem anderen …

Dem Model T gingen verschiede Modelle voraus, aber keines war geeignet für die Serienproduktion. Schließlich ließ Henry Ford einen „Experimental Room“ im dritten Stock des Piquette Avenue Gebäudes einrichten, wo er mit einem kleinen Team an einem neuen Model arbeitete. Endlich 1908 gelang es, das Fahrzeug, von dem der umtriebige Tüftler geträumt hatte, zu entwickeln. Es war leichter als seine Vorgänger, günstiger in der Produktion, einfach zu fahren, auch auf schlechten Landstraßen oder in widrigen Wetterbedingungen, sehr stabil, und hatte fünf Sitzplätze. In den nächsten 15 Monaten rollten 12.000 (!) Model T’s aus der Piquette Avenue Plant und wurden von hier auf die Schiene verladen. Ich bin immer noch beeindruckt, das in diesen heute so nostalgisch anmutenden Räumen tatsächlich so viele Autos – quasi von Hand – gefertigt worden sind.

DSC_0298DSC_0289

DSC_0286

Der „Experimental Room“ mit Zeichentisch und Henry Ford’s Sitzplatz 

DSC_0305

DSC_0276

Das Model T wurde zu einem der beliebtesten Fahrzeuge und die Ford Piquette Plant schnell zu klein, um den steigenden Bedarf zu decken. Mit dem Umzug in die neu gebaute „Highland Park Plant“ schlug Ford ein neues Kapitel in der Automobilproduktion auf. Highland Park wurde 1913 die erste Produktionsstätte weltweit, die Autos per Fließband produzierte. Die Produktionszeit eines Model T sank von 728 auf 93 Minuten. Kostete ein Fahrzeug in der herkömmlichen Methode 700 Dollar, konnte es nun für 350 Dollar angeboten werden. Das machte es für die meisten Amerikaner erschwinglich. Henry Ford wollte, dass auch seine Arbeiter sich einen Ford leisten konnten und zahlte ihnen mit 5 Dollar pro Stunde einen drei Mal höheren Stundenlohn als allgemein üblich. Außerdem reduzierte er die Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden und etablierte einen 3-Schichtbetrieb. Das Model T wurde nun rund um die Uhr produziert und zum meistverkauften Auto der Welt. Zwischen 1908 und 1927 wurden in den USA 15 Millionen Stück gebaut. Heute existieren nur noch ca. 1% aller gefertigten Exemplare. Das Konzept des Fließbandes entstammt übrigens nicht einem Geistesblitz von Henry Ford. Er schaute sich das Prinzip der Fertigungsstraße auf den großen Schlachthöfen von Chicago ab, und kopierte es nach monatelangen, aufwändigen Versuchen für seine Autofertigung.

Trotz mehrfacher Erweiterung der Highland Park Plant, wurde Ende 1920 ein weiterer Umzug in die „River Rouge Plant“ notwendig. Über die Rouge Plant, wo heute der Pick-up Truck F-150 produziert wird, dann ein anderes Mal. Für heute mag ich es bei einem Stück faszinierender Industriegeschichte belassen.

IMG_3538DSC_0207

DSC_0333

Als wir den Geburtsort des Model T verlassen und noch einmal zurück blicken, scheint es fast so, als würde Henry Ford uns hinterher schauen …

Borderlines

2016_05_29_Detroit Murals_109

Hi there!

„Mr. Gorbatschow. Tear down this wall,“
Ronald Reagan

1987 forderte der damalige US-Präsident Ronald Reagan in seiner historischen Rede am Brandenburger Tor das Ende der Berliner Mauer. Zwei Jahre später fiel sie. Friedlich. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an die Fernsehbilder von vor fast 27 Jahren denke. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich im August 1990 zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor ging. Der Potsdamer Platz damals noch eine riesige Brache. Aber die Idee der Freiheit hatte sich durchgesetzt. Heute möchte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat wieder Mauern errichten. „Beautiful“ soll sie werden, und die Mexikaner sollen für sie bezahlen. Eines der traurigen und verstörenden Details des US-Wahlkampfes 2016. Diese Woche flimmerte das letzte TV-Duell Clinton vs. Trump über die amerikanischen Bildschirme, live aus Las Vegas. Anlässlich des Mega-Events säumte eine Mauer aus Taco Food-Trucks das Trump International Hotel. Als symbolischer Protest gegen den Hass, den der Hotelbesitzer immer wieder gegenüber anderen Nationalitäten und Religionen sät.

Auch Detroit hat eine Mauer, die „8 Mile Wall“. Die knapp einen Kilometer lange Mauer wurde 1940 als physische, wenn auch mehr symbolische Barriere, errichtet, um schwarze und weiße Wohngebiete voneinander zu trennen. Einheimische nennen sie auch „Berlin Wall of Detroit“. Die erste große Welle an schwarzen Einwanderern aus dem Süden kam mit dem ersten Weltkrieg um 1914 nach Detroit. Sie siedelten sich auf der einen Seite der später errichteten Mauer an. In der wachsenden Automobilindustrie der 20er und 30er Jahre fanden Schwarze wie Weiße Einwanderer neue Chancen in Detroit. Wo einst nur Farmland war, fand nun eine rasante industrielle Entwicklung statt. Damit einher ging eine flächenmäßige Ausdehnung der Stadt und die Errichtung neuer Wohngebiete. Der Häuserbau wurde teilweise über Regierungskredite finanziert. Diese Kredite wurden jedoch oft nicht für Häuser in Nachbarschaften mit überwiegend schwarzer Bevölkerung gewährt. Somit blieben die Schwarzen um die 8. Meile herum zunächst unter sich. Als eine Baufirma nach neuen Möglichkeiten der Landerschließung suchte, kam sie auf die Idee, eine visuelle Trennung zwischen den bestehenden schwarzen und den geplanten neuen weißen Vierteln zu errichten. Diese absurde Maßnahme reichte, um weitere Regierungskredite zu erhalten.

L1090270

L1090258

L1090256

Über die Jahre gelang dann doch mit der Bürgerrechtsbewegung und einer wachsenden schwarzen Mittelschicht eine gewisse Integration. Nach den schlimmen Rassenunruhen 1967 beginnt die weiße Bevölkerung jedoch die Innenstadt Detroits zu verlassen und hinter die 8. Meile in die Vororte zu ziehen. Heute hat Detroit einen schwarzen Bevölkerungsanteil von 85%. Künstler aus Detroit haben die Mauer 2006 mit bunten Wandgemälden bemalt. Die plakativen Szenen zeigen Bilder und Botschaften eines friedlichen und freiheitlichen Miteinanders, unabhängig von der Hautfarbe. Sie erinnern u.a. an die enormen Anstrengungen der Bürgerrechtsbewegung im Kampf gegen die Rassentrennung.

Ein Abschnitt zeigt sie die bekannte Bürgerrechtlerin Rosa Parks beim Einsteigen in jenen gelben öffentlichen Bus, in dem sie sich im Dezember 1955 in ihrer Heimatstadt Montgomery (Alabama) den Anweisungen des Busfahrers widersetzt, ihren Sitzplatz für Weiße zu räumen. Diese mutige Aktion und ihre anschließende Verhaftung führten zu einem über ein Jahr andauernden Bus-Boykott der schwarzen Bevölkerung von Montgomery. Sie boykottierten solange die Busse, bis die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln im Bundesstaat Alabama schließlich aufgehoben wurde. Erst 1964 beende der „Civil Rights Act“ offiziell überall in den USA die Rassentrennung.

Rosa Parks verlor trotz allem ihren Job, und zog zwei Jahre später mit ihrem Mann nach Detroit. Bis zu ihrem Tod 2005 setzte sie sich für eine Chancengleichheit von African Americans ein. Sie wird hier wie im ganzen Land auch heute noch als „First Lady of the Civil Rights“ verehrt. Im US Kapitol in Washington D.C. steht ihre Statue zwischen anderen amerikanischen Persönlichkeiten, die das Land entscheidend prägten. Der gelbe Bus steht übrigens im Henry Ford Museum in Dearborn. Das „Charles H. Wright Museum of African American History“ in Detroit erzählt ihre beeindruckende Geschichte.

L1090244

L1090251

2016_05_29_Detroit Murals_96

Von einer echten Chancengleichheit scheint Amerika auch über 50 Jahre nach der Aufhebung der Rassentrennung noch weit entfernt zu sein. Das hat leider auch der erste schwarze Präsident nicht ändern können. Ganz sicher wird es jemand, der den Wahlkampf mit rassistischen Äußerungen vergiftet, nicht ändern. „When they go low, we go high“, hat Michelle Obama in ihrer beeindruckenden Rede auf dem Parteitag der Demokraten gesagt. Ich spiel‘ jetzt mal die Frauenpower Karte aus und hoffe, dass im Januar die erste Mrs. President ins Weiße Haus einziehen wird.

Detroit Ruins – Inside

Hi there!

Detroit hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sich auf das große „D“ einlässt. Ich mag diese kantige Stadt, die mich oft an Berlin kurz nach dem Mauerfall erinnert. Letzte Woche war ich gleich zwei Tage in Folge in Detroit und der Gegensatz hätte nicht krasser ausfallen können. Donnerstag: Sightseeing bei Hochglanzwetter für meinen Besuch aus Deutschland.

L1060440L1010061

Freitag: Dicke Wolken über Detroit. Foto-Tour durch verlassene Gebäude. Mit einer deutschen Freundin, die auch zur Zeit hier lebt und wie ich von Detroit fasziniert ist. Warum guckt man sich so was an? Um die Stadt und ihre reiche, aber komplizierte Geschichte zwischen Boom und Abschwung, zwischen Abgrund und Aufbruch ein wenig besser zu verstehen.

Als ich 2013 zum ersten Mal das Ausmaß des urbanen Verfalls in Detroit sah, war ich schockiert. Absolut ungläubig darüber, wie eine nordamerikanische Stadt so derartig herunter kommen konnte. Ich blickte fassungslos auf gigantische Industrieruinen, leer stehende Bürohäuser und Hotels in Downtown, verlassene Schulen, Theater, Kirchen und Krankenhäuser, verwaiste Straßenzüge in den Neighborhoods, herunter gebrannte, verlassene, zerstörte Häuser. So deprimierend der Anblick auch war, ich konnte mich nur schwer der Faszination dieser zum Teil morbiden Schönheit entziehen. Find beauty in the ruins. Wie muss es erst im Inneren der Gebäude aussehen? Welches Zeugnis einer ehemals lebendigen Vergangenheit legen sie ab?  „Detroit Urbex“ führt kleine Gruppen durch leer stehende, seit vielen Jahren verlassene Gebäude. Über 70.000 gibt es davon heute in Detroit. Seit den 50er Jahren, als viele Produktionsstandorte der Automobilindustrie die Stadt verließen, ist die Einwohnerzahl von knapp 2 Millionen auf heute rund 700.000 geschrumpft. Mit verheerenden Folgen für die Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet.

Es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis die ungenutzten Gebäude abgetragen oder einer alternativen Nutzung zugeführt worden sind. Ich finde es unglaublich spannend, Detroit eine Weile dabei zuzusehen, wie es wieder auf die Beine kommt. Zu spüren, wie sich diese Stadt neu erfindet. Die Ruinen, der Verfall, all das gehört heute zu Detroit dazu, ist ein Stück authentischer Zeitgeschichte. Wie die Berliner Mauer.

Ich bin noch immer ganz geflasht von dem Erlebten. Ich hätte nie gedacht, dass ich selber einmal vom Dach einer Industrieruine auf Detroit schauen würde. Mich berührt am meisten, dass dies alles „moments in time“ sind, denn Detroit verändert sich jeden Tag. Beim nächsten Mal ist ein Gebäude vielleicht nicht mehr zugänglich, abgerissen oder Renovierungsarbeiten haben begonnen. Who knows. Viele kleine Dinge werden dabei hoffentlich schon bald wieder zu einem großen Ganzen.

So, jetzt aber! Eine kleine 😉 Auswahl meiner Foto-Ausbeute ..

John S. Gray Branch (built 1906), first branch of the Detroit Public Library 

L1060630
L1060626
L1060609 (1)
L1060614
L1060600

„EYE DONT CARE ABOUT REAL LIFE – Servite High School (built 1924), East Side Detroit

L1060723
L1060670
L1060699
L1060705
L1060704

St. Margaret Mary Catholic Church (built 1923), East Side Detroit, von 1984-2011 als Baptist Church genutzt

L1060731
L1060760
L1060746
L1060766
L1060741
L1060733

Fisher Body Plant 21 (built 1926 by Albert Kahn), 1926 von General Motors übernommen, 1984 wird hier die letzte Karosserie produziert, seit 2000 ist die Stadt Detroit Eigentümer. Der Besitzer des Berliner Techno-Clubs Berghain wollte hier einen Club aufmachen. Der Nutzungsplan der Stadt sieht dies offenbar nicht vor. Für 300.000 Dollar steht die asbestbelastet Industrieruine zum Verkauf.

L1060859
L1060788
L1060800
L1060812
L1060816
L1060823
L1060826
L1060835
L1060832
L1060844
L1060839
L1060849