Over the counter

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Hi there!

Irgendwie ahnte ich ja, dass Amerikaner sehr sorglos mit Medikamenten umgehen. Warum sonst werden hochdosierte Schmerzmittel in XXL-Packungen einfach so im Supermarkt rezeptfrei verkauft. „Over the counter“ nennt sich das hier, auch wenn sie gleich im Regal neben Zahnpasta, Duschgel und Wimperntusche abgegriffen werden können. Das „Value Pack“ Ibuprofen mit 1000 (!!!) Tabletten schnell mal im Vorbeigehen. Nichts geht über eine gute Vorratshaltung. Nur, warum sollte man sich mit vierstelligen Mengen an Schmerztabletten bevorraten? So viele Kaugummis oder Bonbons habe ich ja auch nicht im Haus. Gut, ich persönlich bin ohnehin kein Freund von Großpackungen. Ich mache auch keinen Wocheneinkauf. „I never make plans that far ahead“, Typ wie Rick aus „Casablanca“.

In den USA ist man hingegen groß mit Großpackungen. Und da bilden Schmerzmittel keine Ausnahme. Ich meine jetzt natürlich nicht chronisch kranke Menschen, die solche Medikamente leider wirklich in größeren Mengen benötigen. Es ist der gedankenlose Konsum von Tabletten, als wären es Gummibärchen, der mich irritiert. Weil das kleinste Unwohlsein, der geringste Schmerz unterdrückt werden muss. Jeder Zustand, der nicht 100% angenehm ist, muss korrigiert werden. Etwas wärmer draußen? Gleich die Klimaanlage auf höchste Stufe. Auto im Winter kalt? Motor starten, noch bevor man unter die Dusche springt. Kind abholen im Sommer? Im Auto bei laufendem Motor und geschlossenen Fenstern sitzen bleiben, bis Kind einsteigt.

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Ich schweife ab. Wir waren beim Umgang mit Medikamenten, vor allem mit Schmerzmitteln. Painkiller. Vergangenen Herbst hat mein Kind eine feste Klammer bekommen. In der Schule gab es natürlich schon viele Kids mit Drähten im Mund. Und alle wurden offenbar in den Tagen nach dem Einsetzen großzügig mit Schmerzmitteln versorgt. So weist mich auch der Kieferorthopäde bereits im Vorgespräch darauf hing, dass es ein paar Tage sehr unangenehm bis schmerzhaft werden könnte. Aber kein Problem: „Er soll einfach die Schmerzmittel nehmen, die er sonst auch immer nimmt.“ What??? Wir.nehmen.sonst.keine.Schmerzmittel! Hätte mir der Arzt wahrscheinlich nicht geglaubt. Also schweige ich, und denke mir meinen Teil. In der Woche drauf wird die Klammer eingesetzt. Erst der Doc persönlich. Erneuter Hinweis auf Schmerzmittel. Dann die Zahnarzthelferin mit Instruktionen zur Pflege der Zähne mit Klammer. Alles klar. Schnell und schmerzlos. Ha! Zum Abschied noch einmal ein wichtiger Rat … ja, ja, die Schmerzmittel, die wir sonst so nehmen. Auf dem Heimweg wird mein Auto von einer magischen Hand (oder war das der verlängerte Arm der Pharma-Industrie???) auf den Target Parkplatz gelenkt. „Target kann alles“ (alternative Auslegung von „einmal hin – alles drin) sagen wir immer, also auch Medikamente. Over the counter. Die amerikanische Gesundheitsmaschinerie hat es geschafft. Mutter ist in Sorge und möchte wenigstens ein Mittelchen im Haus haben. Man weiß ja nie. Es dauert eine Weile, bis wir uns durch die Vielfalt der Marken, Dosierungen und Darreichungsformen gewühlt haben. Das größte Problem während unsere Suche sind übrigens nicht die Schmerzen meines Sohnes. Viel schwieriger ist es, eine Packung mit weniger als 100 Tabletten zu finden. Schließlich stehen wir mit einem kleinen Pappwürfel an der Kasse. Strike, nur 20 Drops!

Bereit für den Ernstfall fahren wir nach Hause. Die einzige Medizin, die wir an diesem Abend benötigen ist Kartoffelpüree. Und auch an den Folgetagen bleibt die Painkiller-Packung zu. Ungläublichkeit bei den Freunden in der Schule. Am Tag vor Heiligabend dann der nächste „Ernstfall“. Kind klemmt sich den Daumen heftig in der Autotür ein. Autsch! Ich bin nur froh, dass er die Tür selber zugeschlagen hat. Aber das nur am Rande. Ein blauer Daumen, kein schönes Weihnachtsgeschenk. Ich denke an die 20 Pillen im Schrank. Aber Kind beißt die Zähne zusammen und packt ein Pflaster drauf. Drei Wochen später lassen wir dann doch mal einen Arzt drauf schauen und wollen wissen, ob der Nagel gezogen werden muss. Erste Frage: Nimmt er noch Schmerzmittel? Zweite Ansage: normalerweise hätte ich das sofort geröntgt und eine Ladung Tetanus gegeben. Nun denn, die Gefahr einer Blutvergiftung dürfte wohl nach drei Wochen gebannt sein … außerdem ist Kind ohnehin geimpft. Also werden wir mit dem Hinweis, abwarten und schauen, notfalls Schmerzmittel nehmen, wieder nach Hause geschickt. Sechs Wochen später sieht der Nagel nicht viel besser aus. Er tut nur nicht weh. Nächster Termin. Diesmal bei einem sogenannten Nagel-Spezialisten. Ihr ahnt es schon. „Wie lange hat Ihr Kind Schmerzmittel genommen?“ What’s wrong with you Docs?

Warum soll man seinen Körper nicht mehr spüren? Schließlich hat Schmerz ja auch eine Aufgabe. Er ist ein Signal, dass Schonung angesagt ist. Nicht-Funktionieren ist offenbar keine Option für Amerikaner. Heilung mit Bettruhe, Tee oder „just take it easy“ kommt nicht in Frage. Failure is not an option. Anders ist auch die Hysterie, die jeden Herbst in Sachen Grippeimpfung verbreitet wird, nicht zu erklären. Den „Flu-Shot“ kann man sich in jedem Drugstore geben lassen. No appointment needed. Werbung an jeder Ecke. Auch der Schuldistrikt rät alljährlich dringend zur Impfung. Eine Mutter erzählt mir, dass sie früher ihren Sohn in einer „Drive Thru“ Apotheke hat impfen lassen. Im Auto sitzen bleiben, schnell die Portion Chemie in den Körper jagen, und weiter. Treten trotz Impfung Anzeichen einer Grippeerkrankung auf: zack, Tamiflu drauf, wieder fit am nächsten Tag. Immer bereit, die nächste Mondlandung anzusteuern. Der Inhalt unserer Mini-Pillen-Packung ist noch mindestens bis 2020 haltbar. Doch irgendwie beruhigend. 😉 Gesundes Wochenende allerseits!

P.S. Wir haben übrigens unseren 5. Michigan Winter umgeimpft (!!) ohne Grippe überstanden. Und der neue Nagel wächst auch langsam.