Detroit

Detroit – the Motor City

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Foto: Walter P. Reuther Library, Archives of Labor and Urban Affairs, Wayne State University
Ford Model T auf einer winterlichen Ausfahrt auf der Belle Isle, Detroit 

Hi there,

während ich die Eindrücke unserer Winterferien an die Westküste noch auf mich wirken lasse, schiebe ich erst mal einen Beitrag aus der Motor City ein. In Detroit dreht sich gerade alles wieder um die Zukunft unserer Mobilität, auf der „North American International Autoshow“. In den Messehallen des Cobo-Centers blinkt traditionell viel poliertes Chrom. Aber Detroit und Michigan haben sich über die Fahrzeugproduktion hinaus auch als globale Forschungszentren für autonome Fahrzeug-Technologie etabliert. Dieser Entwicklung trägt der Bereich „AutoMobiliD“ auf der Messe Rechnung. Hier decken Hersteller, Zulieferer und Tech Start-ups die Bereiche Autonomes Fahren, Elektro-Mobilität und Konzepte für urbane Mobilität ab. Hier werden Technologien und Initiativen gezeigt und diskutiert, die uns zukünftig „bewegen“ werden.

Detroit also wieder. Mehr als 100 Jahre nachdem Henry Ford in dieser Stadt das Fließband als neuen Produktionsprozess für sein legendäres „Model T“ etablierte, und damit den Grundstein für die Motorisierung der Welt legte. Die Motor City, in der das historische Herz der amerikanischen Automobilindustrie schlägt, möchte erneut Geschichte in Sachen Mobilität schreiben.

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Aus den Pionierzeiten der automobilen Entwicklung sind leider nicht mehr viele Orte in Detroit erhalten. Ein Juwel hat die bewegten Zeiten jedoch überdauert, die „Ford Piquette Avenue Plant“. Ein dreistöckiger Backsteinbau, in dem Henry Ford 1904 mit 41 Jahren den zweiten Sitz der „Ford Motor Company“ einrichtete. Das Gelände wird heute von der non-profit Organisation „Model T Automotive Heritage Complex“ als Museum betrieben und gilt als älteste öffentlich zugängliche Autofabrik der Welt. Trotzdem ist es ein wenig Geheimtipp, denn die meisten Detroit Besucher touren die „River Rouge Factory“ von Ford, in der noch heute produziert wird. Aber wenn man sehen will, wo alles angefangen hat, wo das berühmte Model T geboren wurde, dann kommt man hierher, ins ehemalige Herz des automobilen Detroits. Reist zurück in die Pionierzeiten der Automobils, atmet historische Luft und hat fast das Gefühl, Henry Ford säße noch in seinem Büro oder tüftle im Entwicklungsraum an jenem Produkt, dass unsere Lebensweise so massiv veränderte wie kaum ein zweites. „From here, he put the world on wheels“, sagt einer der freiwilligen Tour-Guides und ehemaliger Ford Mitarbeiter stolz zu Beginn unserer Tour. In Kleidung jener Zeit wird hier die Geschichte erzählt, die den Transport und die amerikanische Industrie revolutionierte. Aber eins nach dem anderen …

Dem Model T gingen verschiede Modelle voraus, aber keines war geeignet für die Serienproduktion. Schließlich ließ Henry Ford einen „Experimental Room“ im dritten Stock des Piquette Avenue Gebäudes einrichten, wo er mit einem kleinen Team an einem neuen Model arbeitete. Endlich 1908 gelang es, das Fahrzeug, von dem der umtriebige Tüftler geträumt hatte, zu entwickeln. Es war leichter als seine Vorgänger, günstiger in der Produktion, einfach zu fahren, auch auf schlechten Landstraßen oder in widrigen Wetterbedingungen, sehr stabil, und hatte fünf Sitzplätze. In den nächsten 15 Monaten rollten 12.000 (!) Model T’s aus der Piquette Avenue Plant und wurden von hier auf die Schiene verladen. Ich bin immer noch beeindruckt, das in diesen heute so nostalgisch anmutenden Räumen tatsächlich so viele Autos – quasi von Hand – gefertigt worden sind.

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Der „Experimental Room“ mit Zeichentisch und Henry Ford’s Sitzplatz 

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Das Model T wurde zu einem der beliebtesten Fahrzeuge und die Ford Piquette Plant schnell zu klein, um den steigenden Bedarf zu decken. Mit dem Umzug in die neu gebaute „Highland Park Plant“ schlug Ford ein neues Kapitel in der Automobilproduktion auf. Highland Park wurde 1913 die erste Produktionsstätte weltweit, die Autos per Fließband produzierte. Die Produktionszeit eines Model T sank von 728 auf 93 Minuten. Kostete ein Fahrzeug in der herkömmlichen Methode 700 Dollar, konnte es nun für 350 Dollar angeboten werden. Das machte es für die meisten Amerikaner erschwinglich. Henry Ford wollte, dass auch seine Arbeiter sich einen Ford leisten konnten und zahlte ihnen mit 5 Dollar pro Stunde einen drei Mal höheren Stundenlohn als allgemein üblich. Außerdem reduzierte er die Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden und etablierte einen 3-Schichtbetrieb. Das Model T wurde nun rund um die Uhr produziert und zum meistverkauften Auto der Welt. Zwischen 1908 und 1927 wurden in den USA 15 Millionen Stück gebaut. Heute existieren nur noch ca. 1% aller gefertigten Exemplare. Das Konzept des Fließbandes entstammt übrigens nicht einem Geistesblitz von Henry Ford. Er schaute sich das Prinzip der Fertigungsstraße auf den großen Schlachthöfen von Chicago ab, und kopierte es nach monatelangen, aufwändigen Versuchen für seine Autofertigung.

Trotz mehrfacher Erweiterung der Highland Park Plant, wurde Ende 1920 ein weiterer Umzug in die „River Rouge Plant“ notwendig. Über die Rouge Plant, wo heute der Pick-up Truck F-150 produziert wird, dann ein anderes Mal. Für heute mag ich es bei einem Stück faszinierender Industriegeschichte belassen.

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Als wir den Geburtsort des Model T verlassen und noch einmal zurück blicken, scheint es fast so, als würde Henry Ford uns hinterher schauen …

Borderlines

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Hi there!

„Mr. Gorbatschow. Tear down this wall,“
Ronald Reagan

1987 forderte der damalige US-Präsident Ronald Reagan in seiner historischen Rede am Brandenburger Tor das Ende der Berliner Mauer. Zwei Jahre später fiel sie. Friedlich. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an die Fernsehbilder von vor fast 27 Jahren denke. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich im August 1990 zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor ging. Der Potsdamer Platz damals noch eine riesige Brache. Aber die Idee der Freiheit hatte sich durchgesetzt. Heute möchte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat wieder Mauern errichten. „Beautiful“ soll sie werden, und die Mexikaner sollen für sie bezahlen. Eines der traurigen und verstörenden Details des US-Wahlkampfes 2016. Diese Woche flimmerte das letzte TV-Duell Clinton vs. Trump über die amerikanischen Bildschirme, live aus Las Vegas. Anlässlich des Mega-Events säumte eine Mauer aus Taco Food-Trucks das Trump International Hotel. Als symbolischer Protest gegen den Hass, den der Hotelbesitzer immer wieder gegenüber anderen Nationalitäten und Religionen sät.

Auch Detroit hat eine Mauer, die „8 Mile Wall“. Die knapp einen Kilometer lange Mauer wurde 1940 als physische, wenn auch mehr symbolische Barriere, errichtet, um schwarze und weiße Wohngebiete voneinander zu trennen. Einheimische nennen sie auch „Berlin Wall of Detroit“. Die erste große Welle an schwarzen Einwanderern aus dem Süden kam mit dem ersten Weltkrieg um 1914 nach Detroit. Sie siedelten sich auf der einen Seite der später errichteten Mauer an. In der wachsenden Automobilindustrie der 20er und 30er Jahre fanden Schwarze wie Weiße Einwanderer neue Chancen in Detroit. Wo einst nur Farmland war, fand nun eine rasante industrielle Entwicklung statt. Damit einher ging eine flächenmäßige Ausdehnung der Stadt und die Errichtung neuer Wohngebiete. Der Häuserbau wurde teilweise über Regierungskredite finanziert. Diese Kredite wurden jedoch oft nicht für Häuser in Nachbarschaften mit überwiegend schwarzer Bevölkerung gewährt. Somit blieben die Schwarzen um die 8. Meile herum zunächst unter sich. Als eine Baufirma nach neuen Möglichkeiten der Landerschließung suchte, kam sie auf die Idee, eine visuelle Trennung zwischen den bestehenden schwarzen und den geplanten neuen weißen Vierteln zu errichten. Diese absurde Maßnahme reichte, um weitere Regierungskredite zu erhalten.

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Über die Jahre gelang dann doch mit der Bürgerrechtsbewegung und einer wachsenden schwarzen Mittelschicht eine gewisse Integration. Nach den schlimmen Rassenunruhen 1967 beginnt die weiße Bevölkerung jedoch die Innenstadt Detroits zu verlassen und hinter die 8. Meile in die Vororte zu ziehen. Heute hat Detroit einen schwarzen Bevölkerungsanteil von 85%. Künstler aus Detroit haben die Mauer 2006 mit bunten Wandgemälden bemalt. Die plakativen Szenen zeigen Bilder und Botschaften eines friedlichen und freiheitlichen Miteinanders, unabhängig von der Hautfarbe. Sie erinnern u.a. an die enormen Anstrengungen der Bürgerrechtsbewegung im Kampf gegen die Rassentrennung.

Ein Abschnitt zeigt sie die bekannte Bürgerrechtlerin Rosa Parks beim Einsteigen in jenen gelben öffentlichen Bus, in dem sie sich im Dezember 1955 in ihrer Heimatstadt Montgomery (Alabama) den Anweisungen des Busfahrers widersetzt, ihren Sitzplatz für Weiße zu räumen. Diese mutige Aktion und ihre anschließende Verhaftung führten zu einem über ein Jahr andauernden Bus-Boykott der schwarzen Bevölkerung von Montgomery. Sie boykottierten solange die Busse, bis die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln im Bundesstaat Alabama schließlich aufgehoben wurde. Erst 1964 beende der „Civil Rights Act“ offiziell überall in den USA die Rassentrennung.

Rosa Parks verlor trotz allem ihren Job, und zog zwei Jahre später mit ihrem Mann nach Detroit. Bis zu ihrem Tod 2005 setzte sie sich für eine Chancengleichheit von African Americans ein. Sie wird hier wie im ganzen Land auch heute noch als „First Lady of the Civil Rights“ verehrt. Im US Kapitol in Washington D.C. steht ihre Statue zwischen anderen amerikanischen Persönlichkeiten, die das Land entscheidend prägten. Der gelbe Bus steht übrigens im Henry Ford Museum in Dearborn. Das „Charles H. Wright Museum of African American History“ in Detroit erzählt ihre beeindruckende Geschichte.

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Von einer echten Chancengleichheit scheint Amerika auch über 50 Jahre nach der Aufhebung der Rassentrennung noch weit entfernt zu sein. Das hat leider auch der erste schwarze Präsident nicht ändern können. Ganz sicher wird es jemand, der den Wahlkampf mit rassistischen Äußerungen vergiftet, nicht ändern. „When they go low, we go high“, hat Michelle Obama in ihrer beeindruckenden Rede auf dem Parteitag der Demokraten gesagt. Ich spiel‘ jetzt mal die Frauenpower Karte aus und hoffe, dass im Januar die erste Mrs. President ins Weiße Haus einziehen wird.

Detroit Ruins – Inside

Hi there!

Detroit hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sich auf das große „D“ einlässt. Ich mag diese kantige Stadt, die mich oft an Berlin kurz nach dem Mauerfall erinnert. Letzte Woche war ich gleich zwei Tage in Folge in Detroit und der Gegensatz hätte nicht krasser ausfallen können. Donnerstag: Sightseeing bei Hochglanzwetter für meinen Besuch aus Deutschland.

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Freitag: Dicke Wolken über Detroit. Foto-Tour durch verlassene Gebäude. Mit einer deutschen Freundin, die auch zur Zeit hier lebt und wie ich von Detroit fasziniert ist. Warum guckt man sich so was an? Um die Stadt und ihre reiche, aber komplizierte Geschichte zwischen Boom und Abschwung, zwischen Abgrund und Aufbruch ein wenig besser zu verstehen.

Als ich 2013 zum ersten Mal das Ausmaß des urbanen Verfalls in Detroit sah, war ich schockiert. Absolut ungläubig darüber, wie eine nordamerikanische Stadt so derartig herunter kommen konnte. Ich blickte fassungslos auf gigantische Industrieruinen, leer stehende Bürohäuser und Hotels in Downtown, verlassene Schulen, Theater, Kirchen und Krankenhäuser, verwaiste Straßenzüge in den Neighborhoods, herunter gebrannte, verlassene, zerstörte Häuser. So deprimierend der Anblick auch war, ich konnte mich nur schwer der Faszination dieser zum Teil morbiden Schönheit entziehen. Find beauty in the ruins. Wie muss es erst im Inneren der Gebäude aussehen? Welches Zeugnis einer ehemals lebendigen Vergangenheit legen sie ab?  „Detroit Urbex“ führt kleine Gruppen durch leer stehende, seit vielen Jahren verlassene Gebäude. Über 70.000 gibt es davon heute in Detroit. Seit den 50er Jahren, als viele Produktionsstandorte der Automobilindustrie die Stadt verließen, ist die Einwohnerzahl von knapp 2 Millionen auf heute rund 700.000 geschrumpft. Mit verheerenden Folgen für die Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet.

Es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis die ungenutzten Gebäude abgetragen oder einer alternativen Nutzung zugeführt worden sind. Ich finde es unglaublich spannend, Detroit eine Weile dabei zuzusehen, wie es wieder auf die Beine kommt. Zu spüren, wie sich diese Stadt neu erfindet. Die Ruinen, der Verfall, all das gehört heute zu Detroit dazu, ist ein Stück authentischer Zeitgeschichte. Wie die Berliner Mauer.

Ich bin noch immer ganz geflasht von dem Erlebten. Ich hätte nie gedacht, dass ich selber einmal vom Dach einer Industrieruine auf Detroit schauen würde. Mich berührt am meisten, dass dies alles „moments in time“ sind, denn Detroit verändert sich jeden Tag. Beim nächsten Mal ist ein Gebäude vielleicht nicht mehr zugänglich, abgerissen oder Renovierungsarbeiten haben begonnen. Who knows. Viele kleine Dinge werden dabei hoffentlich schon bald wieder zu einem großen Ganzen.

So, jetzt aber! Eine kleine 😉 Auswahl meiner Foto-Ausbeute ..

John S. Gray Branch (built 1906), first branch of the Detroit Public Library 

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„EYE DONT CARE ABOUT REAL LIFE – Servite High School (built 1924), East Side Detroit

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St. Margaret Mary Catholic Church (built 1923), East Side Detroit, von 1984-2011 als Baptist Church genutzt

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Fisher Body Plant 21 (built 1926 by Albert Kahn), 1926 von General Motors übernommen, 1984 wird hier die letzte Karosserie produziert, seit 2000 ist die Stadt Detroit Eigentümer. Der Besitzer des Berliner Techno-Clubs Berghain wollte hier einen Club aufmachen. Der Nutzungsplan der Stadt sieht dies offenbar nicht vor. Für 300.000 Dollar steht die asbestbelastet Industrieruine zum Verkauf.

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