Neulich im Museum …

Hi there,

Detroit verbindet jeder mit der Automobilindustrie. Klar, die Motor City. Dieser Tage zeigt die automobile Welt auf der „North American International Auto Show“ wieder ihre neuesten Modelle und Technologien. Das Auto ist so verwoben mit der Geschichte und dem Schicksal der Stadt wie kaum etwas anderes. Ein ganz besonderer Ort in Detroit vermag es, Teile dieses Erbes zu erklären. Er befindet sich im „Detroit Institute of Arts“, dem prachtvollen Kunstmuseum der Stadt.
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Was? Wir gehen in ein großes Kunstmuseum und schauen uns „nur“ einen Raum an? Genau, das machen wir! Denn selbst wenn es an Zeit oder Kunstinteresse für das gesamte Museum fehlt, lohnt sich ein Besuch im „Diego Rivera Court“. Der mexikanische Wandmaler Diego Rivera hat hier zwischen April 1932 und März 1933 ein fantastisches Fresko („The Detroit Industry Murals“) als Hommage an die Automobilindustrie und ihre Arbeiter geschaffen. Finanziert hat das aus 27 Einzel-Tafeln bestehende Wandbild Edsel Ford. Der Sohn von Firmengründer Henry Ford stand damals der Kunst-Kommission des Museums vor. Die Idee zum Industrie-Fresko hatte William Valentine, der deutschstämmige Direktor des DIA. Model stand die „River Rouge Factory“ der Ford Motor Company. Rivera kam gemeinsam mit seiner Frau Frida Kahlo nach Detroit. Es war hier, wo auch ihre Karriere als Künstlerin in Bewegung kam. Vor zwei Jahren hat das Museum dem ungleichen Künstlerpaar eine fantastische Ausstellung über ihre Zeit in Detroit gewidmet.

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Bevor der Künstler seine Arbeit im Innenhof des Museums begann, studierte er einen Monat lang intensiv die Prozesse in der Autofabrik und fertigte unzählige Skizzen an. Ich habe während meiner zahlreichen Besuche im Rivera Court mehrfach dem Audio-Führer und den Erklärungen verschiedener ehrenamtlicher Museumshelfer gelauscht. Außerdem liegt hier ein Buch aus dem Museums-Shop, das alle Details des riesigen Wandbildes erläutert. Genug Material, um darüber zu schreiben. Und dann lese ich letzte Woche zufällig, wie Drew Philp in seinem Buch „The 500 Dollar House in Detroit“ einer Freundin den Rivera Court nahebringt. Bang! Der Text fasst die Darstellungen auf den 27 Tafeln des Wandbildes so wunderbar zusammen und bringt sie überdies in einen größeren Zusammenhang, dass ich ihn hier gerne (im Original und in der deutschen Übersetzung) zitieren möchte.

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„Up ahead was Rivera Court, where the master himself had spent a summer convincing the world of the beauty of the working man along the walls of one of America’s greatest museums. He worked just blocks from where mass manufacturing was born, when the middle class had been brought to life on five dollars a day, and where the struggle of building objects with one’s hands became honorable and noble. He painted the workers larger than the king. We stepped inside. Completed in 1933, the frescoes depict life inside Ford’s auto factories and the endless nobility of man. The twenty-seven panels portray advancements in science and technology, the fruits of the earth, the feminine and life-giving in relation to the masculine, hope, cooperation, and the totality of the human spirit, the interconnectedness of humankind, industry and the soul. Nowhere in the community of Detroit, and everywhere like it, better portrayed than in what is likely the finest example of Mexican mural art in the United States. This is where generations of artists have come to dip into the well of inspiration, the church of creativity, the warm embrace of the imagination clasping hands with reality. I explain all this to Cecilia as we hold hands together alone in the empty museum.

I tell her: It took an outsider, a Mexican Communist, to show our heroism to ourselves. He showed us that what is inside us here is inside all of us, everywhere, man’s legacy to the word. The figures are huge and all work together, different colors of men working and struggling and pushing toward one goal. Sand, rubber, and iron went in one end – and only but through the hands of man – a car came out the other. This is Detroit’s history, the heroism of the forge and crucible on display, a reminder of who we are as men and women and citizens of this planet. A gift to the city of Detroit, the fresco offers a choice: panels depicting poison gas and bombing planes mirror panels depicting vaccinations and aircraft of exploration.

They are not just offering us a choice of good or evil, forward or backward. They offer the choice between creativity and destruction. Rivera begs us to choose to create, to bring new life into this world, to make not just products but a brand-new heroic world of brother- and sisterhood, of nobility and honor. It could have been my grandfather or my father or anyone in my family depicted up there, and maybe yours. He’s asking all of us to do this. You. Create something every day. Despite what they may tell you, you artists, you mothers, you misfits of creativity, the world depends on what you can dream up. The ice caps aren’t getting bigger. The bombs are still being produced. The cities never stopped being torn apart with inequality and suffering. Practice. Practice creating that new world. our very survival depends on what you can create. You. Not someone else. You.“ – from „The 500 Dollar House in Detroit“ – Rebuilding an Abandoned home and an American City“ by Drew Philp, 2017 (Scribner) 

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„Vor uns lag der Rivera Court, in dem der Meister selbst einen Sommer lang verbracht hatte, um die Welt entlang der Wände eines der großartigsten Museen Amerikas‘ von der Schönheit der Arbeiterklasse zu überzeugen. Er arbeitete ein paar Straßenecken entfernt von dem Ort, an dem die Massenfertigung erfunden und die amerikanische Mittelklasse geboren wurde. Dort, wo es ehrenhaft und nobel wurde, Dinge mit der eigenen Hände Arbeit herzustellen. Er malte die Arbeiter größer als den König. Wir traten ein. 1933 fertiggestellt, beschreiben die Fresken das Leben innerhalb Ford’s Autofabriken und die grenzenlose Überlegenheit des Mannes. Die 27 Tafeln zeigen die Errungenschaften in Wissenschaft und Technik, die Früchte der Erde, die Leben gebende Weiblichkeit im Vergleich zur Männlichkeit, Hoffnung, Gemeinschaft, und die Einheit des menschlichen Daseins. Das Zusammenspiel von Menschheit, Industrie und Seele. Nirgends in Detroit oder in den Vereinigten Staaten ist dies besser dargestellt als in diesem wahrscheinlich großartigsten Beispiel mexikanischer Wandmalerei. Hierher pilgern Generationen von Künstlern, um sich inspirieren zu lassen. Es ist eine Kirche der Kreativität. Eine warme Umarmung der Idee, die Wirklichkeit fest in die eigenen Hände zu nehmen. Ich erzähle all‘ dies Cecilia, während wir uns – alleine im leeren Museum – an den Händen halten. 

Ich sage zu ihr: Es musste erst jemand von außen, ein mexikanischer Kommunist, kommen, um uns unser eigenes Heldentum vor Augen zu führen. Er hat uns gezeigt, was in uns allen steckt, hier in Detroit und überall sonst: es ist das Vermächtnis der Menschheit an die Welt. Seine Figuren sind groß und arbeiten alle zusammen, Männer unterschiedlicher Hautfarben arbeiten gemeinsam hart für ein Ziel. Sand, Gummi und Eisen fließen an einer Seite hinein, und nur durch die Arbeit der Männer, entsteht am anderen Ende ein Auto. Hier wird die Geschichte von Detroit ausgestellt: die Heldentaten am Schmelztiegel sind eine Erinnerung daran, wer wir als Männer und Frauen und als Bürger der Erde sind. Als Geschenk an die Stadt Detroit bietet das Fresko die Wahl: Tafeln, die Giftgas und Bomben werfende Flugzeuge zeigen, stehen Abbildungen gegenüber, auf denen Impfungen und Passagiermaschinen zu sehen sind. 

Sie bieten uns nicht nur die Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen rückwärtsgewandt oder fortschrittlich. Sie bieten die Wahl zwischen Kreativität und Zerstörung. Rivera fleht uns an, die Kreativität zu wählen, neues Leben in die Welt zu bringen, nicht nur Produkte zu machen, sondern auch eine neue Welt der Brüderlichkeit zu schaffen, nobel und ehrenhaft. Es hätte mein Großvater oder mein Vater, oder jeder andere meiner Familie sein können, der hier dargestellt ist. Oder vielleicht auch Deiner. Er bittet uns alle, dies zu tun. Dich. Schaffe etwas, jeden Tag. Gegen alle Widerstände. Ihr Künstler, Ihr Mütter, Ihr kreative Außenseiter, die Welt hängt von dem ab, was Ihr hervorbringen könnt. Die Polkappen schmelzen weiter. Es werden immer noch Bomben hergestellt. In den Städten herrscht nach wie vor Ungleichheit und Leid. Übt. Übt, diese neue Welt zu schaffen. Unser eigenes Überleben hängt davon ab, was Du erschaffen kannst. Du. Nicht jemand anderes. Du.“ 

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Damals wie heute sind in der „Ford River Rouge Factory“ Besucher willkommen. Hier realisierte Henry Ford bereits 1928 seine Vision, die gesamte Produktionskette an einem Ort zusammenzuführen. Material und fertige Fahrzeuge werden über eigene Docks am River Rouge und per Bahn an- und abtransportiert. Auf den Gelände befinden sich ein Stahlwerk und eine eigene Stromproduktion. Mehr als 100.000 Arbeiter waren 1930 in der Rouge Factory beschäftigt. Schmelzöfen und Docks wurden mittlerweile an andere Unternehmen verkauft, das gesamte Areal in den 90er Jahren umfassend modernisiert. Heute laufen in der „Dearborn Truck Plant“, die nun Teil des Industrieparks „Ford Rouge Center“ ist, täglich 1200 F-150 Pick-up Trucks vom Band. Bei einer Tour durch die Autofabrik kann man auch eines der weltweit größten „Living Roofs“ bestaunen. 454.000 qm Dachfläche wurde mit dürreresistenten Bodendenkern bepflanzt, die Regenwasser sammeln und filtern. Es isoliert die Fabrikhalle im Sommer wie im Winter und reduziert damit den Energieverbrauch signifikant. Außerdem finden hier – mitten in einem Industriekomplex – Vögel und Insekten einen Lebensraum.

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William Clay „Bill“ Ford, Jr. (Urenkel von Henry Ford) und Vorstandsvorsitzender der Ford Motor Company hat sich maßgeblich für die Realisierung des grünen Daches eingesetzt. Er gilt innerhalb des Konzerns als energischer Anwalt für die Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und alternative Mobilitätskonzepte. Ein traditionelles Industrieunternehmen Ressourcen schonend und nachhaltig in die Zukunft führen, das ist die Herausforderung von heute. Die Botschaft, die Diego Rivera Detroit und der Welt vor fast 100 Jahren hinterlassen hat, scheint aktueller denn je.