changing lives through art

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Hi there!

Tyree Guyton wuchs in der „McDougall-Hunt“ Neighborhood im Osten Detroits auf. Als er 1986 in die Straße seiner Kindheit zurückkehrte, war er schockiert über das Ausmaß des Verfalls. Gemeinsam mit seinem Großvater begann er, verlassene Grundstücke aufzuräumen. Mit den Fundstücken verwandelte er die Heidelberg Street in einen öffentlichen Kunstraum. Leere Grundstücke wurden zur Ausstellungsfläche für seine kreativen Installationen aus Schuhen, Stofftieren, Autoteilen, Türen. Verlassene Häuser bemalte er mit leuchtenden bunten Punkten oder riesigen Ziffern und nannte sie „Polka Dot House“ oder „Number House“. Punkt für Punkt wurde so im Laufe der nächsten Jahre aus einem trostlosen Straßenblock das bunte, international beachtete Outdoor Kunstmuseum „The Heidelberg Project“. Pinsel und Besen statt Waffen und Drogen. Er bezog vor allem Kinder aus der Nachbarschaft mit ein, und führte Workshops in Schulen durch. Seine Mission: Das Leben der Menschen verändern, ihnen eine neue, positive Perspektive eröffnen, in dem sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen. Veränderungen sehr direkt in einem begrenzten Raum angehen – ein Konzept, das man aktuell in Detroit in vielen Bereichen und Nachbarschaften beobachten kann. Viele kleine Lösungen statt einiger weniger großer, die die Menschen nicht mit einbeziehen. Dahinter steckt die Idee von einer Gemeinschaft, die eine eigene Dynamik entwickelt, sich aus eigener Kraft neu erfindet und dann in der Lage ist, sich selbst zu erhalten.

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Der Gedanke „The next big thing will be a lot of small things“ des belgischen Designers Thomas Lommée kommt mir in dem Zusammenhang in den Kopf. Tyree Guyton hat vor 30 Jahren einfach angefangen, die Welt in seinem überschaubaren Lebensumfeld ein wenig besser, ein wenig bunter, ein wenig hoffnungsvoller zu machen. Das Projekt ist – wie Detroit selbst – seit dem ersten Pinselstrich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Aber es hat sich immer wieder in irgendeiner Form verändert und weiterentwickelt. Selbst nachdem zwischen 2013 und 2016 einige Häuser der Brandstiftung zum Opfer fielen, hat Guyton sich nicht entmutigen lassen. Es sind die Ideen, Visionen und Prinzipien, die den Künstler und sein Team immer wieder antreiben. Nicht so sehr die einzelnen Objekte. „Things can be replaced, so we are not so much attached to these things as much as we are attached to the principle of pushing forward“, formuliert seine Frau und Projekt-Partnerin, Jenenne Whitfield, es. Das Heidelberg Projekt hat in drei Jahrzehnten Diskussionen in Detroit angeregt, auf vergessene Nachbarschaften aufmerksam gemacht und vieles in Bewegung gebracht.

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Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Tyree Guyton nennt diese nächste Stufe „Heidelberg 3.0“. Erklärtes Ziel: das Projekt zu einem Musterbeispiel dafür zu machen, wie urbane Gemeinschaften sich aus eigener Kraft transformieren können. Er möchte einen neuen Weg beschreiten, Visionen und Hoffnung in Stadtteile wie den der McDougall-Hunt Neighborhood zu tragen. Die Gestaltung eines Kunstwerkes ist ihm zu wenig. Er möchte inklusive Gemeinschaften formen. Auf der Heidelberg Street sollen Ateliers entstehen, in denen Künstler eine Weile arbeiten können. Im Gegenzug leisten sie einen Beitrag zur Heidelberg Mission und bieten beispielsweise Workshops für Nachbarn an. Ein weiterer „Heidelberg 3.0“ Baustein ist die Gründung der „Heidelberg Arts Leadership Academy“ – ein Nachmittagsprogramm für Schüler der vierten bis zwölften Klasse, das die Kinder und Jugendlichen zu sogenannten „Change Agents“ für ihre eigenen Gemeinden ausbilden soll.

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Ich war im August 2013 zum ersten Mal in der Heidelberg Street. Damals standen noch alle Häuser. Ich habe auf den Stufen des „Soul Houses“, das über und über mit Schallplatten bestückt war, gesessen. Bis heute bin ich unzählige Male dort gewesen, meist mit Besuch aus Deutschland. Es war nie langweilig, denn bei jedem Besuch präsentierte sich das Heidelberg Projekt anders. Und trotzdem finden sich in dieser lebendigen Outdoor Kunstgalerie einige Symbole, Gegenstände und Leitideen immer wieder. Uhren und die Zeit sind so ein Beispiel. „Alles dreht sich um die Zeit. Alles ist im Fluß. Die Zeit verändert die Dinge ständig. Zeit kann man nicht abschalten“, hat Tyree Guyton eine seiner Leitideen beschrieben, als ich ihn gemeinsam mit einer Freundin im letzten Jahr persönlich kennenlernen durfte. Da hatte er gerade öffentlich gemacht, welche Veränderungen er für das Projekt in den nächsten Jahren angestrebt.

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Ein Vorhaben, das Hoffnung macht. Hoffnung auf neue Chancen für die Menschen der McDougall-Hunt Nachbarschaft. Die Not in dem Viertel ist groß, 40% der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Eines von fünf Häusern steht leer. Es ist eine große Herausforderung, die Interessen der Bewohner und die der Macher und mittlerweile jährlich 200.000 Besucher dieses öffentlichen Kunstraumes in Einklang zu bringen. Das alles passiert, während weniger als drei Meilen südwestlich gigantische Bauprojekte wie die neue Hockey Arena, Luxushotels und schicke Bürogebäude hochgezogen werden. Die große Aufgabe der Zukunft für Detroit bleibt. Einen guten Weg für Stadtteile wie diesen zu finden. Einen, der die langjährigen Bewohner mit einbezieht. Einen, der zwischen einer sozialen Umstrukturierung von außen und dem kompletten Vergessen der vielen Stadtteile jenseits von Downtown liegt. One step at a time.

Can I help you?

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Hi there!

Morgens um 10 in der Mall. Die Geschäfte haben gerade ihre Türen geöffnet. Es sind noch nicht viele Shopper unterwegs. Eigentlich eine prima Zeit, schnell ein paar Sachen zu erledigen oder in Ruhe zu stöbern. Eigentlich. Aber leider bist du dann auch eines der wenigen Ansprechpartner für das emsige Verkaufspersonal. „Hi, how are you this morning? Can I help you?“ Ich antworte geduldig und noch gut gelaunt wie immer: „I am fine, thank you. How are you? I am just browsing,“ und setze meinen Weg in den Laden fort. Nix da. „My name is Laura. This is Amanda. If you have any questions, please let us know.“ Ok, alles klar. Ich bedanke mich noch einmal brav und weiter geht’s. „Oh, we have an important information for you. The whole store is 40% off. It just started this morning. Even our new collection … blablabla.“ Ich höre gar nicht mehr richtig hin, denn das 40% off Schild hatte ich ja schon beim Betreten des Ladens gesehen. Das hätten wir also geklärt. Na, dann mal schauen, was es für Schnapper gibt. Nicht für lange, denn am nächsten Ständer tut eine weitere Dame fleißig ihren Job: „Hey, good morning. The whole store is …“ „Thank you, your colleague already told me“. (Und außerdem kann ich lesen) Keine Chance, die Sätze werden weiter abgespult und ich erfahre ein drittes Mal, dass es einen 40%igen Nachlass heute gibt. Außer auf Tiernahrung 😉

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Das amerikanische Verkaufs- und Servicepersonal ist unglaublich freundlich und dem Kunden zugewandt. Wenn auch oft sehr oberflächlich. Denn wenn ich den Laden verlasse, habe ich meist den Eindruck, die gleiche Person, die mich überschwänglich begrüßte, erinnert sich eigentlich schon nicht mehr an mich und spult gewohnheitsmäßig Sätze wie  „Thanks for stopping by“ oder „Have a great rest of the day“ ab. Aber wehe, man nimmt das Angebot „Can I help you“ tatsächlich wahr. Das mag bei einfachen Sachen („wo finde ich Produkt x“ oder „gibt es das auch in Größe Y“?) ja manchmal (mmmmh, eher selten) noch funktionieren. Aber bitte, bitte, lieber Kunde, stell‘ keine detaillierten Fragen zum Produkt. Schon gar nicht zu einem erklärungsbedürftigen Teil. Und auf gar keinen Fall so was Gemeines wie „wo ist denn jetzt der Unterschied zwischen Produkt x und y?“. Dann bist du fast immer genauso schlau wie vorher.

O-Ton meines damals 8-jährigen am Ende eines „Beratungsgesprächs“ in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses: „Mama, du hast der doch jetzt mehr zu den Cremes erzählt, als die dir“. Wo Kind Recht hat, hat es Recht.

Fachgeschäft für Bastelmaterialien aller Art. Gewünschtes Produkt: Schmuckzange für die Reparatur einer Kette. Die vielen unterschiedlichen Zangen verwirren uns. Also fragen wir nach. (Höre ich mich gerade an, wie in einer dieser Sendungen mit versteckter Kamera?) Die Antwort lautet: „Sorry, I don’t know“. „Does someone else in the store know?“. „Nein, hier macht keiner Schmuck“. Zur Erinnerung: wir sind in einem Bastel-Geschäft, nicht an der Käsetheke eines Supermarktes. „Hier macht keiner Schmuck“ ist in unserer Familie zum „Running Gag“ geworden und wird je nach Situation angepasst. „Hier staubsaugt keiner“ oder „Hier kocht keiner“ … Bei uns geht dafür niemand in Pyjama Oberteilen schwimmen. Aber vielleicht war das auch nur eine kreative Idee, uns doch noch ein Schwimm-Shirt zu verkaufen. Hey, in dem Laden schwimmt halt niemand. Ist denn hier jemals jemand zum Mond geflogen?

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Die USA wird ja gerne als glänzendes Gegenbeispiel zur Dienstleistungswüste Deutschland genannt. In Sachen Freundlichkeit, Offenheit, Kundenansprache und Beschwerdemanagement macht dem amerikanischen Verkaufs- und Servicepersonal so schnell auch wirklich niemand etwas vor. Das fällt mir immer dann auf, wenn wir am Frankfurter Flughafen beim Bäcker unser erstes deutsches Brötchen bestellen. Schmeckt zwar unvergleichlich köstlich, wird aber in der Regel ohne besonderen Enthusiasmus über die Theke gereicht. In der amerikanischen Gastronomie-Welt bekommt man neben Essen und Trinken auch immer freundliche Gesichter. Klar, bei dem geringen Stundenlohn sind sie auf ein ordentliches Trinkgeld angewiesen. Aber ganz ehrlich: das ist mir lieber als so mancher miesepetriger Kellner in Deutschland. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn etwas auf dem Teller nicht den Erwartungen entspricht. Zum Beispiel, wenn das Steak medium bestellt wurde, aber zu roh serviert wird. Dann hört man kein „das hat ja hier noch nie jemand gesagt“ oder „das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“. Dann wird sofort gehandelt und das Steak wieder in die Pfanne gehauen. Und vor allem: dann landet das Gericht meist nicht auf der Rechnung. Beschwerdemanagement ganz weit vorne. Das einem der Teller nach dem letzten Bissen entrissen und bereits mit der Rechnung gewedelt wird (aber „no rush, whenever you’re ready“), ist eine andere Geschichte. 😉

Neulich saß ich mit einer Freundin versehentlich im falschen Kinoraum des Michigan Theatre, einem kleinen (Non Profit!) Programmkino. Als wir unseren Fehler bemerkten, war es zu spät zum Wechseln. Also schauten wir einen anderen Film, auch gut. Beim Rausgehen erkundigten wir uns beim Mann an der Kinokasse, wie lange der Film (den wir eigentlich schauen wollten) den noch laufe. Dabei erwähnten wir unser Missgeschick. „Oh, I am sooooo sorry about that,“ entschuldigte er sich mehrfach für UNSERE Doofheit. Es kam noch besser: er bot uns kostenlose Tickets für den richtigen Film an. So sieht wohl Kundenorientierung „taken to the next level“ aus.

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Eines meiner neuen Lieblingsbegriffe beim Shoppen ist „Price Match“. Man braucht nur „piep“ zu sagen und schwupp, bekommt man die Ware billiger. Das funktioniert zum Beispiel so: Online Sonderangebote shoppen und zum local store (in dem ich viel lieber einkaufen würde, wenn es denn dort Hosen für Jungs geben würde. Amerikanische Mittelschüler tragen nämlich fast ausschließlich Sporthosen und dementsprechend ist das Angebot vor Ort, argh!) schicken lassen. Spart die Versandkosten und man kann gleich vor Ort anprobieren und ggf. umtauschen. Die Hosen für den gefühlt täglich wachsenden Sohn passten leider auch nicht. Schade, denn der Preis passte prima. 😉 Die Verkäuferin suchte uns Alternativen heraus, zum regulären Preis. Mehr zu mir selbst meinte ich: „Ach schade, die sind ja jetzt nicht so günstig.“ „Kein Problem“, sagt die freundliche Dame ganz selbstverständlich „dann machen wir schnell einen Price Match“. Dass lieber etwas zu einem günstigeren Preis verkauft wird, als sich mit einem Kunden auseinanderzusetzen, erlebten wir auch vor Kurzem an der Kasse eines Sportgeschäftes. Der Gesamtpreis erschien mir zu hoch und ich fragte nach. Schnell war klar: das Produkt hatte am falschen Ständer gehangen. Das Preisschild am Teil selber wies jedoch den korrekten (höheren) Preis aus. Okay, Irrtum meinerseits. Nehmen wir trotzdem. Aber als der Mann an der Kasse postwendend das magische Wort „Price match“ fallen ließ, habe ich mich natürlich nicht gewehrt.