homecoming

Hi there!

7 am, Ann Arbor, Michigan am letzten Freitag. Abreisetag. Ich drehe mich noch einmal um, lasse die letzten zwei Wochen vor meinem geistigen Auge vorüberziehen. 7.15 am, ich kann mich noch nicht durchringen, aufzustehen. So, als könnte ich damit unseren Aufenthalt in jener kleinen Collegestadt, die uns in fünf Jahren so sehr ans Herz gewachsen ist, verlängern. Seit rund neun Monaten sind wir zurück in unserer Heimat Köln und es vergeht kein Tag, an dem sich die Gedanken nicht plötzlich über das große Wasser hinüber nach Michigan schleichen. Umso gespannter waren wir, wie der erste Besuch dort sein würde. Als Gast in Detroit zu landen. Durch die alte Nachbarschaft zu fahren, ohne dort zu wohnen. „Unser“ Haus zu sehen, ohne hineingehen zu können. Geschäfte und Restaurants wie ein Tourist zu besuchen. Freunde zu treffen mit dem Wissen, dass wir nicht nächste Woche wieder kurz auf einen Kaffee vorbeikommen können.

Es gab viele emotionale Momente in diesen zwei Wochen. Zum ersten Mal geschluckt habe ich, als wir am Ankunftstag den so oft zurück gelegten Heimweg zum Haus abgefahren sind. Nur noch hinter die Fassade unseres Lebens von fünf intensiven Jahren schauen zu können, hat mir ein paar Tränen abgerungen. Zumal alles so aussah, als hätten wir gerade den Schlüssel herumgedreht. Ein zurückgelassener Blumentopf auf der Treppe, ein vom Sohn gebasteltes Häuschen im Vorgarten und unser kleiner Gartenzwerg, der versehentlich nicht eingepackt worden war. Den haben wir kurzer Hand gekidnappt und nun grinst er auf unserem Kölner Balkon vor sich hin.

Schnell ist klar: es war richtig, genau jetzt zu kommen. Gute Freunde werden diesen Sommer ebenfalls zurück nach Deutschland gehen, andere werden im nächsten Jahr folgen. Das Puzzle wird nie wieder so komplett sein, wie wir es im letzten Jahr verlassen haben. Zukünftige Besuche in Ann Arbor werden sicherlich schön, aber anders sein.

Der Heimatbesuch umgekehrt bot auch die Chance, zu hinterfragen, wie gut wir wirklich wieder in Deutschland angekommen sind. Fast alle stellen ja diese Frage. Nur fast niemand kann wirklich nachvollziehen, wie hin- und hergerissen wir uns oft fühlen. Die Jahre im Ausland und die gemachten Erfahrungen werden immer etwas sein, was uns von jenen, die nicht für längere Zeit in einem anderen Land gelebt haben, trennt. Das ist ein simpler Fakt, den ich nicht wertend meine. Wirklich teilen lassen sich die Erfahrungen nur mit anderen Expats. Und jeder, selbst jedes Familienmitglied, muss ohnehin seinen eigenen Weg finden. Ich bin an einen Ort zurückgekommen, mit dem ich den größten Teil meiner Lebensgeschichte verbinde. Je nach Alter der Kinder ist das anders. In unserem Fall sind wir mit einem 8-jährigen Grundschulkind weggegangen und mit einem 13-jährigen Teenager, der den größten Teil seiner Schulzeit in der amerikanischen Schule verbracht hat, wiedergekommen. In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert, die Entwicklungsschritte waren groß. Für ihn gab es keine Rückkehr in eine unveränderte Situation. Neues Schulsystem, neue Kinder, neue Wege, neue Freundschaften.

Zurück nach Michigan. Montagmorgen: Spaziergang durch Downtown A2. Ich gerate an jeder Ecke ins Schwärmen. Mann zu Kind: „Vor sechs Jahren standen wir während der Vorab-Reise an genau dieser Ecke und Mama hat gesagt, hier könne sie nicht leben“. Kind zu mir: „Und jetzt vergötterst du diese Stadt“. Und fügt hinzu: „Ann Arbor ist schon besonders.“ Seufz – ja, das ist es.

Vieles fühlte sich an, als wären wir nie weg gewesen …

Tuuut tuuut“ – das vertraute Geräusch der Eisenbahn, die auf ihrem Weg von Detroit nach Chicago Ann Arbor passiert, war auch von unserem Ferienhaus zu hören.

Home is where your wifi connects automatically“ – Cafés, Restaurants, Läden … mein Telefon war überall gleich drin.

Whats your phone number?“ – Die amerikanische Mobilnummer ist zum Glück für immer abgespeichert. Und so funktionierte die Kundenkarte im Laufschuhladen meines Vertrauens noch.

I havent seen you in a while“ – Wiedererkannt! In Geschäften und Restaurants, in denen wir Stammkunden waren … sind?

Only in Michigan – Während Deutschland bei unserer Abreise üppig grünte und blühte, macht der Winter in Michigan nur langsam dem Frühling Platz. Wir sehen schon beim Landeanflug auf Detroit, dass es kaum Grün an den Bäumen gibt. Die erste Woche ist kühl, der uns vertraute eisige Wind weht oft. Aber Michigan wäre nicht Michigan, wenn sich das nicht von einem auf den anderen Tag ändern würde. Und so folgte einem fiesen 5 Grad kalten Karsamstag ein 20 Grad warmer Ostersonntag, der mit einem Sonnenbrand im Nacken endete. Und ich wette, in drei Wochen liegen alle am Pool.

Detroit has never left – Es war toll zu sehen, dass der Aufschwung in dieser spannenden Stadt weitergeht. Zwei Tage haben wir Sightseeing in Motown gemacht. Bei alten Bekannten vorbeigeschaut, aber auch Neues entdeckt. An der Michigan Central Station wird fleißig gewerkelt:

Das Kunstprojekt „Heidelberg Street“ präsentierte sich wie bei jedem Besuch etwas anders. Das im letzten Jahr gestartete Programm „Heidelberg Arts Leadership Academy“ unterstützt immer mehr Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Schulen in ihrer Weiterentwicklung:

Im Stadtteil Eastern Market sind neue beeindruckende Wandgemälde entstanden. Das Projekt „Murals in the Market“ geht 2019 in sein fünftes Jahr:

Alternative Streetart entdecken wir im „Lincoln Street Park“. Das außergewöhnliche Outdoor Studio entstand 2011 als Kooperation des Kunst- und Kulturausschusses der Stadt Detroit, dem nahegelegen Recycle Center und einer Gemeinschaft lokaler Künstler auf einem ehemaligen Industriegelände:

Über Projekte, die noch Zeit brauchen, sind wir auch gestolpert:

Ein tolles Beispiel für die Anstrengungen der Stadt, Detroit weiter zu beleben und schöne Orte für Bewohner und Besucher zu schaffen, ist der „Dequindre Cut Greenway“. Auf einer stillgelegten Eisenbahntrasse wurde im Mai 2009 ein Weg für Radfahrer und Fußgänger angelegt, der 2016 auf seine heutige Länge von 2 Meilen verlängert wurde. Ein cooler, zentraler urbaner Erholungsort, der vom Detroit River in die Stadt hinein bis zum Eastern Market führt und einige Stadtviertel miteinander verbindet. Unter Brücken und an alten Brückenpfeilern haben Graffiti-Künstler ihre Werke hinterlassen:

Unter anderem finden sich hier Arbeiten der „Hygienic Dress League“. Das Künstler-Ehepaar hat mit vielen spektakulären Kunstinstallationen in Detroiter Industrieruinen weltweite Bekanntheit erlangt:

Wir haben uns den Dequindre Cut mit dem E-Scooter (großer Spaß!) erschlossen. So wie wir durch dieses Stück des neuen Detroit gedüst sind, so schnell ist unsere Zeit in Michigan gerast. Jetzt sitze ich hier in meinem Michigan Hoodie und frage mich, ob das alles nur ein schöner Traum war. However – it was so good to see you, Ann Arbor & friends!