black & white

„What living around black people for the last decade has taught me is less about what it means to be black and more about what ist means to be white.“
Drew Philp, Autor „A 500 Dollar House in Detroit“

Hi there!

Färbt man einen Stadtplan vom Großraum Detroit nach der Hautfarbe ihrer Bewohner, ergibt sich ein brutales Bild. Das Bild der am stärksten segregierten Stadt der USA. Die berühmte „8 Mile Road“, die eine waagerechte 20 Meilen lange Linie zwischen dem inneren Stadtgebiet Detroits und den angrenzenden nördlichen Vororten zieht, trennt die schwarze Bevölkerung räumlich von der mit weißer Hautfarbe. Während der Anteil der Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA rund 14% beträgt, haben in Detroit südlich der 8 Mile Road rund 85% der Menschen einen afroamerikanischen Hintergrund. Gründe für dieses Ungleichgewicht sind neben dem massiven Wegzug der weißen Bevölkerung aus dem innerstädtischen Bereich, diskriminierende Praktiken in der Wohnungspolitik. Weiße Familien wurden mit subventionierten Krediten in die grünen Vororte gelockt, schwarze Hauskäufer bekamen keine Hypothek. Auch Baugesellschaften erhielten billige Kredite, wenn sie sich verpflichteten, ihre Objekte nicht an schwarze Bürger zu verkaufen. Der Wegzug der weißen Bewohner führte zu einem Absinken der Immobilienpreise in der Stadt. Parallel verschwanden Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen sanken. Ein Teufelskreis, der sich über die Jahre desaströs auf die Infrastruktur Detroits ausgewirkt hat.

Über die „8 Mile Wall“, die eine visuelle Grenze zwischen weißen und schwarzen Neighborhoods im Norden der Stadt zieht, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog berichtet. Dann hörte ich von einer weiteren „Grenzlinie“. Eine, die das schwarze, schmuddelige und kriminelle (so zumindest die weitläufige Meinung vieler) Detroit von den weißen, wohlhabenden Gemeinden im Osten der Stadt trennen soll. Dort wo der Detroit River in den Lake St. Clair mündet, beginnen die von altem Geld dominierten „Grosse Pointe“ Gemeinden. Hier wurde die dominierende Hautfarbe zwischen 1945 und 1960 über ein Punkte-System bestimmt. Potentielle Hauskäufer mussten eine bestimmte Punktzahl erreichen, um Eigentum erwerben zu dürfen. Die Immobilienfirmen beauftragten private Ermittler, die die Bewerber nach Dunkelheit ihrer Hautfarbe, Akzent, Religion, Ausbildung, Kleidung und Lebensweise (z.B. hatte man vornehmlich weiße Freunde) beurteilte. Das diskriminierende System wirkt auch über 50 Jahre nach Abschaffung der legalen Rassentrennung in den USA nach. Weniger als 10% der Grosse Pointe Bewohner sind schwarz.

„Grosse Point Park“ ist die erste der fünf Gemeinden, die sich an das Stadtgebiet von Detroit anschließt. Über die Kercheval Avenue fährt man von Detroit direkt hinein nach Grosse Pointe Park. An einem kalten Februartag sind wir ihr durch die östlich von Downtown liegenden Stadtteile gefolgt. Wir parken auf der Detroit Seite und überqueren die „Grenze“ zwischen Detroit und Grosse Point Park zu Fuß. Der Kontrast könnte nicht krasser ausfallen. Bröckelnde Fassaden, leer stehende Geschäfte, Seitenstraßen mit verlassenen, teils niederbrannten Wohnhäusern und verwaisten Grundstücken auf der einen Seite. Hat man den Kreisverkehr durchschritten, betritt man eine komplett andere Welt. Die vor uns liegende schicke Geschäftsstraße wird mit dezenter Musik beschallt. Bänke, hochwertige Straßenlaternen, hübsche Fassaden, riesige Standuhren und  Kunstobjekte säumen die gepflegten Bürgersteige. Boutique, Bakery, Craft Beer Brauerei mit Biergarten – alles da, alles tippi toppi. Auch ein Blick in die angrenzenden Wohnstraßen verrät: hier ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher als einen Steinwurf entfernt in Detroit. In der einst wohlhabendsten Stadt der USA leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Während in Detroit die Straßenbeleuchtung in vielen Nachbarschaften aus Geldmangel abgeschaltet wurde, verschlingt die Weihnachtsbeleuchtung der Grosse Pointe Villen sicherlich so manche Kilowatt Stunde Strom. Während Detroiter Familien das Wasser abgestellt wird, plätschern hier im Sommer Springbrunnen munter vor gigantischen Villen mit weißen Säulen. 2016 hatte in Detroit einer von sechs Haushalten keinen Zugang zu Frischwasser. Die Vereinten Nationen haben das massenhafte Abschalten von Wasser in Detroit eine „violation of human rights“ genannt. Vier der fünf „Großen Seen“, das größte Frischwasser-Reservoir der Erde, umspülen Michigan. Just saying. Mit Wasser gespart wird bestimmt nicht, wenn es um die penibel manikürten Rasenflächen der Grosse Pointe Villen geht. Ich weiß: das ist auch ein wenig „schwarz-weiß“ beschrieben … aber nirgendwo sonst habe ich hier einen so extrem offensichtlichen Wechsel der Szenerie erlebt. Die Krise in Detroit – und die damit einhergegangene Trennung in fast ausschließlich schwarze und weiße Stadteile – ist zudem nicht durch mangelnde persönliche Verantwortung Einzelner, sondern unter anderem durch eine gezielte (politisch motivierte) Steuerung von außen entstanden.

Um in der schönen, heilen Welt von Grosse Pointe unter sich zu bleiben, hat man sich so einiges einfallen lassen. Es begann im Winter 2014, als von Detroit kommende Autofahrer sich plötzlich einer riesigen Schneewand auf der Kercheval Avenue gegenüber sahen. Genau an der Stelle, wo sich heute der Kreisverkehr befindet. Angeblich wusste man in diesem extrem schneereichen Winter nicht mehr, wohin mit dem weißen Zeug. Klar, dann türmt man es mitten auf einer viel genutzten Verkehrsader auf. Der Schnee schmolz, der einspurige Kreisverkehr wurde errichtet. Es folgte ein Farmers Market mit fest installierten Buden, deren geschlossene Rückwände wie eine Blockade Richtung Detroit wirkte. Nach heftigen Protesten wurden die Buden wieder entfernt. Einen weiteren Versuch, eine visuelle Grenzlinie zu ziehen, erfolgte mit Weihnachtsbäumen. Im Sommer 2015 wurde der Kreisel dann mit 15 überdimensionalen Blumentöpfen bestückt. Seitdem streiten sich die Geister, ob dies eine weitere diskriminierende „keep Detroiters out“- Blockade ist, oder die Kombination aus Kreisverkehr und Riesen-Pötte der Verkehrsberuhigung und Verschönerung dienen. Im letzten Sommer wurde das Ensemble um die Skulptur „Sails of Two Cities“ ergänzt. Die Künstler und Brüder Israel und Eric Nordin haben sich dabei von der Lage am Wasser, die Detroit und Grosse Pointe gemeinsam haben, leiten lassen. Zwei Boote, die harmonisch miteinander segeln. Ob die Skulptur die offenen Wunden heilt? Sicherlich nicht. Aber vielleicht ist sie ein versöhnliches Angebot, miteinander im Dialog weiterzukommen. Black & white. Gemeinsam.