About Britta Ullrich

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homecoming

Hi there!

7 am, Ann Arbor, Michigan am letzten Freitag. Abreisetag. Ich drehe mich noch einmal um, lasse die letzten zwei Wochen vor meinem geistigen Auge vorüberziehen. 7.15 am, ich kann mich noch nicht durchringen, aufzustehen. So, als könnte ich damit unseren Aufenthalt in jener kleinen Collegestadt, die uns in fünf Jahren so sehr ans Herz gewachsen ist, verlängern. Seit rund neun Monaten sind wir zurück in unserer Heimat Köln und es vergeht kein Tag, an dem sich die Gedanken nicht plötzlich über das große Wasser hinüber nach Michigan schleichen. Umso gespannter waren wir, wie der erste Besuch dort sein würde. Als Gast in Detroit zu landen. Durch die alte Nachbarschaft zu fahren, ohne dort zu wohnen. „Unser“ Haus zu sehen, ohne hineingehen zu können. Geschäfte und Restaurants wie ein Tourist zu besuchen. Freunde zu treffen mit dem Wissen, dass wir nicht nächste Woche wieder kurz auf einen Kaffee vorbeikommen können.

Es gab viele emotionale Momente in diesen zwei Wochen. Zum ersten Mal geschluckt habe ich, als wir am Ankunftstag den so oft zurück gelegten Heimweg zum Haus abgefahren sind. Nur noch hinter die Fassade unseres Lebens von fünf intensiven Jahren schauen zu können, hat mir ein paar Tränen abgerungen. Zumal alles so aussah, als hätten wir gerade den Schlüssel herumgedreht. Ein zurückgelassener Blumentopf auf der Treppe, ein vom Sohn gebasteltes Häuschen im Vorgarten und unser kleiner Gartenzwerg, der versehentlich nicht eingepackt worden war. Den haben wir kurzer Hand gekidnappt und nun grinst er auf unserem Kölner Balkon vor sich hin.

Schnell ist klar: es war richtig, genau jetzt zu kommen. Gute Freunde werden diesen Sommer ebenfalls zurück nach Deutschland gehen, andere werden im nächsten Jahr folgen. Das Puzzle wird nie wieder so komplett sein, wie wir es im letzten Jahr verlassen haben. Zukünftige Besuche in Ann Arbor werden sicherlich schön, aber anders sein.

Der Heimatbesuch umgekehrt bot auch die Chance, zu hinterfragen, wie gut wir wirklich wieder in Deutschland angekommen sind. Fast alle stellen ja diese Frage. Nur fast niemand kann wirklich nachvollziehen, wie hin- und hergerissen wir uns oft fühlen. Die Jahre im Ausland und die gemachten Erfahrungen werden immer etwas sein, was uns von jenen, die nicht für längere Zeit in einem anderen Land gelebt haben, trennt. Das ist ein simpler Fakt, den ich nicht wertend meine. Wirklich teilen lassen sich die Erfahrungen nur mit anderen Expats. Und jeder, selbst jedes Familienmitglied, muss ohnehin seinen eigenen Weg finden. Ich bin an einen Ort zurückgekommen, mit dem ich den größten Teil meiner Lebensgeschichte verbinde. Je nach Alter der Kinder ist das anders. In unserem Fall sind wir mit einem 8-jährigen Grundschulkind weggegangen und mit einem 13-jährigen Teenager, der den größten Teil seiner Schulzeit in der amerikanischen Schule verbracht hat, wiedergekommen. In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert, die Entwicklungsschritte waren groß. Für ihn gab es keine Rückkehr in eine unveränderte Situation. Neues Schulsystem, neue Kinder, neue Wege, neue Freundschaften.

Zurück nach Michigan. Montagmorgen: Spaziergang durch Downtown A2. Ich gerate an jeder Ecke ins Schwärmen. Mann zu Kind: „Vor sechs Jahren standen wir während der Vorab-Reise an genau dieser Ecke und Mama hat gesagt, hier könne sie nicht leben“. Kind zu mir: „Und jetzt vergötterst du diese Stadt“. Und fügt hinzu: „Ann Arbor ist schon besonders.“ Seufz – ja, das ist es.

Vieles fühlte sich an, als wären wir nie weg gewesen …

Tuuut tuuut“ – das vertraute Geräusch der Eisenbahn, die auf ihrem Weg von Detroit nach Chicago Ann Arbor passiert, war auch von unserem Ferienhaus zu hören.

Home is where your wifi connects automatically“ – Cafés, Restaurants, Läden … mein Telefon war überall gleich drin.

Whats your phone number?“ – Die amerikanische Mobilnummer ist zum Glück für immer abgespeichert. Und so funktionierte die Kundenkarte im Laufschuhladen meines Vertrauens noch.

I havent seen you in a while“ – Wiedererkannt! In Geschäften und Restaurants, in denen wir Stammkunden waren … sind?

Only in Michigan – Während Deutschland bei unserer Abreise üppig grünte und blühte, macht der Winter in Michigan nur langsam dem Frühling Platz. Wir sehen schon beim Landeanflug auf Detroit, dass es kaum Grün an den Bäumen gibt. Die erste Woche ist kühl, der uns vertraute eisige Wind weht oft. Aber Michigan wäre nicht Michigan, wenn sich das nicht von einem auf den anderen Tag ändern würde. Und so folgte einem fiesen 5 Grad kalten Karsamstag ein 20 Grad warmer Ostersonntag, der mit einem Sonnenbrand im Nacken endete. Und ich wette, in drei Wochen liegen alle am Pool.

Detroit has never left – Es war toll zu sehen, dass der Aufschwung in dieser spannenden Stadt weitergeht. Zwei Tage haben wir Sightseeing in Motown gemacht. Bei alten Bekannten vorbeigeschaut, aber auch Neues entdeckt. An der Michigan Central Station wird fleißig gewerkelt:

Das Kunstprojekt „Heidelberg Street“ präsentierte sich wie bei jedem Besuch etwas anders. Das im letzten Jahr gestartete Programm „Heidelberg Arts Leadership Academy“ unterstützt immer mehr Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Schulen in ihrer Weiterentwicklung:

Im Stadtteil Eastern Market sind neue beeindruckende Wandgemälde entstanden. Das Projekt „Murals in the Market“ geht 2019 in sein fünftes Jahr:

Alternative Streetart entdecken wir im „Lincoln Street Park“. Das außergewöhnliche Outdoor Studio entstand 2011 als Kooperation des Kunst- und Kulturausschusses der Stadt Detroit, dem nahegelegen Recycle Center und einer Gemeinschaft lokaler Künstler auf einem ehemaligen Industriegelände:

Über Projekte, die noch Zeit brauchen, sind wir auch gestolpert:

Ein tolles Beispiel für die Anstrengungen der Stadt, Detroit weiter zu beleben und schöne Orte für Bewohner und Besucher zu schaffen, ist der „Dequindre Cut Greenway“. Auf einer stillgelegten Eisenbahntrasse wurde im Mai 2009 ein Weg für Radfahrer und Fußgänger angelegt, der 2016 auf seine heutige Länge von 2 Meilen verlängert wurde. Ein cooler, zentraler urbaner Erholungsort, der vom Detroit River in die Stadt hinein bis zum Eastern Market führt und einige Stadtviertel miteinander verbindet. Unter Brücken und an alten Brückenpfeilern haben Graffiti-Künstler ihre Werke hinterlassen:

Unter anderem finden sich hier Arbeiten der „Hygienic Dress League“. Das Künstler-Ehepaar hat mit vielen spektakulären Kunstinstallationen in Detroiter Industrieruinen weltweite Bekanntheit erlangt:

Wir haben uns den Dequindre Cut mit dem E-Scooter (großer Spaß!) erschlossen. So wie wir durch dieses Stück des neuen Detroit gedüst sind, so schnell ist unsere Zeit in Michigan gerast. Jetzt sitze ich hier in meinem Michigan Hoodie und frage mich, ob das alles nur ein schöner Traum war. However – it was so good to see you, Ann Arbor & friends!

 

Eine ganze Stadt unter einem Dach

Hi there!

Die Abstände der Blog-Einträge werden größer, das Heimweh nach Michigan an manchen Tagen auch. Wir sind in ein neues Jahr gegangen. Das erste seit fünf Jahren, das wir wieder komplett in unserer alten Heimat verbringen werden. Vieles fühlt sich schon wieder selbstverständlich an, anderes noch nicht. Ich „begegne“ immer noch Menschen, die ich aus Michigan kenne. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass es sich bei dem von mir in den USA lieb gewonnenen „Tarragon Leaf“ (Kräuter, die ich für Salatsaucen entdeckt hatte) schlicht und ergreifend um „Estragon“ handelt. Statt gleich mal die Übersetzer App zu bemühen, habe ich in unzähligen Geschäften danach geahndet und das Verkaufspersonal damit genervt. Ich wollte einfach daran glauben, dass es sich um ganz besondere Kräuter handelt, und sie gedanklich schon auf die Einkaufsliste für den nächsten USA Besuch gesetzt. Ein Stück geschmackliche Amerika-Heimat – wenn auch ungewöhnlich und sehr persönlich – zuhause in Köln.

Großer Bogen … aber auch speziell und ungewöhnlich: der Ort Whittier in Alaska, den wir im letzten Sommer besucht haben. Hier teilen sich fast alle der 220 Einwohner ein großes Zuhause. Sie leben unter einem Dach. In den knapp 200 Wohnungen der 14 Stockwerke des „Begich Towers“. Eine kleine Stadt für sich in einem riesigen Gebäude. Mit eigener Post, Polizeistation, Waschsalon, ärztlicher Versorgung, Kirche, Wertstoffhof, Stadtverwaltung inklusive Bürgermeister und einem Supermarkt, der von der frischen Gurke, über Dosensuppe bis hin zum Videoverleih alles auf wenigen Quadratmetern anbietet. Ohne das Gebäude je verlassen zu müssen, können die Bewohner im Erdgeschoss alle Erledigungen ihres täglichen Lebens verrichten. Es soll Bewohner geben, die das Haus monatelang nicht verlassen. Über einen Tunnel im Keller gelangen die Kinder zur örtlichen Schule im Nebengebäude. Dies ist vor allem im harten langen Alaska Winter praktisch.

Whittier liegt 60 Kilometer südöstlich von Anchorage und hat eine weitere Besonderheit. Der kleine Ort ist nur über einen einspurigen 2,5 Meilen langen Tunnel erreichbar, der sich einmal stündlich für 5 Minuten in jede Richtung öffnet. Ab 22 Uh bleibt er geschlossen. Schiene und Straße teilen sich seit 2000 den Tunnel. Er wurde 1943 in den Granitfelsen gesprengt, um zur damaligen geheimen Militäreinrichtung der US Armee zu gelangen. Die isolierte Lage zwischen Bergen und Wasser und ein eisfreier Hafen machten Whittier im Zweiten Weltkrieg zu einem perfekten Platz. Von hier aus sollte die Nachschubversorgung ins Innere des Staates sichergestellt werden. Nach dem zweiten Weltkrieg war der Hafen kurze Zeit verlassen. Dann reaktivierte die US Armee den Standort aufgrund der Ereignisse des Kalten Krieges wieder und baute mehrere Gebäudekomplexe, um rund 1000 Truppenmitglieder unterzubringen. Der Staat Alaska übernahm später sämtliche Gebäude und baute die Begich Towers 1974 zu dem heutigen Apartment-Komplex um. Wo einst Arbeiter und Angehörige der US Armee lebten, zogen Zivilisten ein.

Whittier liegt am Prince William Sound, der 1989 traurige Berühmtheit erlangte, als der Öltanker Exxon Valdez hier den größten Ölunfall der US-Geschichte verursachte. 40.000 Tonnen Erdöl verschmutzten die einmalige Naturlandschaft. Die größte Stadt ist Valdez, hier endet die Trans Alaska Öl Pipeline. Trotz der verheerenden Katastrophe und den zunehmenden Auswirkungen der Klimawandels verfügt der Prince William Sound vor der Kulisse einer fantastischen Welt aus Gezeitengletschern immer noch über eine beeindruckende Tierwelt mit Buckel- und Killer-Walen, Seeottern, Seelöwen, Seeadlern und viele andere Vogelarten.

 

Die einmalige Lage macht die Stadt zum idealen Ausgangspunkt für Gletscher- und Wildlife Touren. In den kurzen Sommern erwacht der Ort aus seiner Lethargie, dann kommen die Touristen aus aller Welt. Auch wir haben eine Tages-Cruise per Boot gebucht, als wir uns an einem regnerischen, nebligen Morgen in die Schlage vor dem Tunnel einreihen. Verpasst man die Öffnung, verpasst man eben auch seine Tour. Dem kann man entgehen, wenn man sich in Whittier einquartiert. Die Begich Towers beherbergen sogar ein Bed & Breakfast, dessen Suiten atemberaubende Blicke über das Meer, die Gletscher, Wasserfälle und die umliegenden Berge bieten. Im Hafen gibt es mit ein paar kleinen Läden, Restaurants und Tour-Anbietern außerdem ein bescheidenes touristisches Angebot. Auch ist Whittier an den Alaska Marine Highway, ein Fährsystem, angeschlossen.

Es ist schon ein sehr spezieller Ort. Eine uneinnehmbare Festung am Ende der Welt. Irgendwie immer noch. Nach unserer Tour laufen wir staunend durch den Fußgängertunnel unter den Eisenbahnschienen hinauf zu dem gigantischen Gebäudekomplex. Besucher stören hier niemanden und so schauen wir uns die Infrastruktur im Erdgeschoß an. Kaufen ein paar Kleinigkeiten im Kozy Corner Store und fragen uns, wie es wäre, hier monatelang einkaserniert zu sein. So spektakulär die Szenerie auch ist, wir sind froh, am frühen Abend wieder durch den Tunnel hinaus fahren zu können.

 

 

Welcome back home!

Hi there!

nein, nein, ich habe den Blog nicht eingestellt. Aber die letzten drei Monaten waren so voll und bewegt, dass mir die Ruhe fehlte, meine Gedanken zu sortieren. So richtig abgeschlossen (zumindest, was die physische Bewegungen von Mensch und Material angeht) ist unsere Relocation seit vorletzter Woche. Da habe ich die letzten 8 Kisten Luftfracht entgegen genommen. Der amerikanische Vorstadt-Haushalt ist zurück in der Kölner Stadtwohnung. Und vermisst schon jetzt die wunderbar geräumigen und teilweise begehbaren Einbauschränke mit ihrem unendlichen Stauraum. Verschlanken lautet seit unserer Ankunft das Motto. Anderthalb Haushalte auf das wirklich Wesentliche reduzieren. Da wird klar, wie viele unnötige (oder solche, die nur für kurze Zeit einen Zweck erfüllten) Dinge auf den unterschiedlichsten Wegen in unserem Leben gelandet sind. Ballast abwerfen fällt schwer. Man könnte das ja noch noch mal gebrauchen. Wenn die Sachen dann weg sind, vermisst man sie aber meist nicht mehr. Die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo hat die Methode „Magic Cleaning“ entwickelt und empfiehlt, nur die Dinge zu behalten, die einen wirklich glücklich machen. Guter Ansatz!

„Seid ihr jetzt wirklich wieder ganz hier?“ „Wie ist es denn so, wieder in Köln zu sein?“ „Habt Ihr Euch schon wieder eingelebt?“ „Ist weggehen einfacher als wiederkommen?“

Diese Fragen werden mir immer wieder gestellt. Auf die letzte habe ich eine klare Antwort: wiederkommen ist schwerer. Die anderen sind weniger einfach und eindeutig zu beantworten. Es ist wunderbar, wieder hier zu sein. Aber es wäre auch wunderbar, in Michigan zu sein. Mitten im deutschen Alltag schieben sich immer wieder Bilder aus unserem amerikanischen Leben vor mein geistiges Auge. Typische Wege wie die Fahrt nach Downtown, der Gang zum Markt. Wiederkehrende Situationen wie der erste Blick morgens aus dem Fenster, Frühstück machen, Treppe runter gehen. Außerdem „begegne“ ich jetzt ständig Menschen aus Ann Arbor. So habe ich in den Kölner Straßen bereits die Mathelehrerin meines Sohnes gesehen, den freundlichen Honigverkäufer vom Farmers Market, die Bedienung eines meiner Lieblingscafés, und einige mehr. Call me crazy. Aber ich bin das ja zum Glück nicht alleine. An einer roten Ampel meint mein Sohn letztlich zu mir: „An was erinnert dich diese Szene?“ Mir ist gleich klar, dass er ein Bild von drüben meint. Und tatsächlich sah die Ecke aus wie eine markante Kreuzung in Downtown Ann Arbor.

Bis zum Schulstart Ende August fühlte sich Aufenthalt an, als wären wir wie die Jahre zuvor auf Heimaturlaub. Nur ohne Rückflugticket nach Detroit. Dafür wird die Wäsche wieder richtig sauber. Auch wenn nur ein Drittel in die deutsche Maschine passt. Wir können wieder Fenster kippen. Es gibt wieder tolle frische (und überraschend günstige) Blumensträuße. Eine lokale Zeitung, die täglich erscheint und nicht fast ausschließlich aus Werbung besteht. Einen weitläufigen Stadtwald gleich um die Ecke. Raus ins Grüne, ohne erst mit dem Auto fahren zu müssen. Einkaufen, Kino, Leute treffen – geht alles ohne vier Räder. Auf zwei Beinen oder zwei Rädern. Auch mal mit dem Leih-Bike, von denen immer einige gleich um die Ecke stehen. Welcome back to urban lifestyle.

„Welcome back to Germany“ ist seit unsere Rückkehr ein geflügeltes Wort geworden. Wir sagen es manchmal schmunzelnd, manchmal kopfschüttelnd. Es ist ein wenig so, wie in unserer Anfangszeit in Michigan. Manche Dinge fallen jetzt mit dem Abstand von fünf Jahren ganz neu auf. Beispiel Entschuldigungszettel für die Schule. Was drüben geschmeidig mit einem Zweizeiler per Email erledigt werden konnte, benötigt hier ein dicht beschriebenes DIN4 Blatt, das „Allgemeines Entschuldigungsverfahren“. Welcome back to German public schools.

Zwischen Wohnung entrümpeln und Schulbeginn wollten wir ein paar Tage in die Eifel. Weiter „Welcome back“ Momente, dieses Mal in Sachen deutsche Dienstleistung. „Ich hab‘ hier in der Küche abgenommen. Können Sie später noch mal anrufen?“ „Ich bin gerade beim Abkassieren. Können Sie später noch mal anrufen?“ Schließlich hat es mit der Verbindung zwischen Küche und Rezeption geklappt und das Projekt „Heimat neu entdecken“ konnte beginnen. Details zu den Wartezeiten auf Speis und Trank im Hotelrestaurant würden jetzt zu weit führen. Da schwärme ich lieber von meinem ersten Ausflug in die fantastische Vulkaneifel. Ich wusste nämlich nicht, dass schlappe anderthalb Autostunden von Köln ein kleines Paradies liegt. Dass man dort in klares, sanftes Wasser der Maare abtauchen kann und ein unvergleichliches Schwimm-Gefühl erlebt. Grün eingerahmt und gefühlt Lichtjahre von Köln’s n überfüllten Freibädern entfernt. Mehr verrat‘ ich jetzt nicht. Will ja nächsten Sommer nicht die halbe Stadt dort treffen 😉

Heimat neu oder wieder entdecken. Nie kreisten meine Gedanken um die Idee Heimat mehr in meinem Kopf als in den letzten Jahren. Jenseits der politischen Dimension, mit der der Begriff seit einiger Zeit von populistischen Meinungsmachern diesseits und jenseits des Atlantiks aufgeladen wird. Völlig unpolitisch begebe ich mich oft auf die Suche, was Heimat für mich persönlich bedeutet. Ja, liebe Heimat, du machst es mir nicht leicht. Du liegst eben nicht nur einfach und klar in meiner Vergangenheit. Du hast auch viel mit meiner Gegenwart zu tun. Und in der Zukunft spielst du auch eine Rolle. Du scheinst zeitlos zu sein. Auf jeden Fall bist du ein subjektives, sehr privates Gefühl. Eines, das sich schwer erklären lässt. Du bist eben nicht nur ein Ort, du bist mehrere Orte. „Heimat ist dort, wo die Wurzeln liegen“. Ja, da bist du für mich ein großer Teil meiner inneren Heimat. Da bestehst du aber auch schon aus vielen Orten. Dem hell erleuchteten Weihnachtszimmer am Heiligen Abend. Der Küche der Großeltern. Den Ferienorten, an denen wir unbeschwerte Familienurlaube verbrachten. Dem Schwimmbad, in dem ich tausende von Metern zurück legte. Nachbar’s Grundstück, durch das wir im Sommer verbotenerweise streiften. Heimat, du bist ein Puzzle aus Erinnerungen. Mit Gefühlen wie Vertrautheit, Zugehörigkeit und Aufgehoben sein. „Home is where my heart is“. Wenn es doch im Hier und Jetzt nur so einfach mit dir wäre, liebe Heimat. „Hey Kölle, du bes e Jeföhl“. Ja, absolut. Eines, das sich in der Fremde nur schwer erklären lässt. Weil man es nur verstehen kann, wenn man ein kölsches Herz hat. Genau so, wie man die Zerrissenheit zwischen zwei Orten nur verstehen kann, wen man sie selber erlebt hat. Ach, liebe Heimat: komme ich je wieder ganz in Köln an? Aber vielleicht muss ich das ja auch gar nicht. Ich bin total gerne hier. Aber ich wäre auch gerne in Ann Arbor, in Detroit, in Michigan. Liebe Heimat, du bist im Hier und Jetzt in der Hauptsache die große Stadt Köln und gleich danach die kleine Stadt Ann Arbor. Und in zweiter Linie all jene Orte, an die es mich immer wieder hin zurück zieht. Überall dorthin, wo ich mir einen Raum geschaffen habe, der ein Stück von dir ist. Du bist mehrere Sehnsuchtsorte, liebe Heimat. Vielfältig und bunt. Auch in der Zukunft sehe ich dich. Mit all‘ den Geschichten, die ich gerne an diesen Lieblingsorten noch schreiben möchte. Und die irgendwann den Stempel „Heimat“ verdienen. Welcome back home.

Es ist lang geworden. Und sehr persönlich. Trotzdem möchte ich noch eine letzte, mir oft gestellte, Frage beantworten. „Was passiert mit dem Blog?“ Ich habe ihn zu lieb gewonnen, als das ich ihn nach unserem Abenteuer Amerika einfach einstellen könnte. Außerdem gibt es noch ein paar Geschichten von der anderen Seite des Atlantiks zu erzählen. Zum Beispiel die des Ortes Whittier in Alaska. In dem ungewöhnlichen Ort, der nur durch einen einspurigen Tunnel erreichbar ist, leben alle rund 200 Einwohner unter einem Dach. Oder mein Tag als freiwillige Helferin auf der Earthworks Urban Farm in Detroit. Nachschlag für alle, die mögen. Außerdem habe ich mir vorgenommen, so oft wie möglich auch in der Kölner Heimat und drum herum blau zu machen. Ich war zum Beispiel noch nie im Kolumba Museum, nicht im EL-DE-Haus, nicht im Karnevalsmuseum, nicht in der Drachenburg … Welcome back home!

 

So long, Ann Arbor

(Familienfotos und Portrait: Silke Masullo)

Hi there,

that’s it. Heute Nachmittag hebt der Lufthansa Kranich seine Nase gen Osten und fliegt uns über den Atlantik auf den alten Kontinent zurück. Five years gone by in the blink of an eye. Herkommen war einfacher. Mit dem Wissen darum, dass wir irgendwann zurückgehen würde. Jetzt fühlt es sich so viel endgültiger an. Und wie beende ich nun diesen „Relocation Countdown“? Ohne mich zu wiederholen. Vieles was mir wichtig war, habe ich schon an anderer Stellen gesagt. Aber meine kleine Therapie braucht einen Abschluss. Ich versuche es mal mit ein paar Antworten auf Fragen, die mir in den letzten Wochen gestellt wurden.

Hast du oft Heimweh gehabt?
Nein, nicht wirklich. Es war eher Wehmut … Köln zu Karneval, der Stadtwald um die Ecke, das Veedel („walkable urbanism is the highest luxury“ – hat eine amerikanische Bekannte über das Leben in deutschen Städten gesagt. Fand ich sehr treffend), unsere Straße, unser Haus (schnell mal zur Freundin auf einen Wein runter), die Kölner Lebensart, Berlin, Bella Italia … alles, was mir in der Heimat Europa lieb und teuer ist. Neben Familie und Freunden, die ich hier natürlich sehr vermisst habe. Aber „that goes without saying“, wie die Amerikaner es ausdrücken.

Was wirst du vermissen?
Der Blick auf das große Michigan „M“ am Stadion auf dem Weg in die Stadt. Die alten Nachbarschaften Ann Arbor’s mit ihren charmanten historischen Häusern und ihren altem Baumbeständen. Koriander immer frisch (und ausnahmsweise unverpackt) im Supermarkt. Die vielen himmelblauen, hellen Midwest Tage. Das glitzernde Winter Wonderland. Die unwirklichen Eiszapfen. Die kurzen und unkomplizierten Wege in small town Ann Arbor. Das immer präsente gelbe M auf blauem Grund. Michigan Craft Beer. Den Außen-Pool im Sportclub. Die freundliche, offene Art der Amerikaner. Der fantastisch bunte und lange Herbst. Der Blick auf unseren Wendehammer beim ersten Kaffee an einem sonnigen Morgen. Cruisen durch die Countryside mit ihren typischen roten Scheunen und Farmhäusern. Barn Sales. Detroit. So nah an einer der für mich spannendsten Städte der Welt zu leben.

Hat das Leben in Amerika dich persönlich verändert?
Diese Frage habe ich gestern Abend mit nein beantwortet. Aber heute morgen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und dann fiel mir eine Zeile des Poetry Slammers Florian Cieslik ein. „Manchmal musst du weg gehn‘, um nach Hause zu kommen, um zu wachsen.“ Und vielleicht ist es das. Die Veränderung wird sich erst mit einem Abstand einstellen.

Was bringst du mit nach Deutschland?
Neben unendlich vielen Erinnerungen ungefähr 380 verschraubbare Gläser zum Einwecken und Einfrieren mit. Tupperware war gestern. Aber im Ernst. Die Erfahrung, einen fremden Ort zu einem wirklichen Zuhause machen zu können. Nicht nur mit einer schönen Wohnungseinrichtung. Sondern indem man sich auf das Leben, auf die andere Kultur einlässt. Neugierig ist. Alles entdecken möchte. Auch die kleinen lokalen Dinge. Der regelmässige Besuch des Farmers Markets, das Pancake Frühstück auf der kleinen Maple Syrup Farm ein paar Meilen außerhalb von Ann Arbor, das neue Cafe in Detroit’s West Village. Neue Freundschaften schließen. Ann Arbor hat ein Wort für Menschen, die hier seit langem lokal verwurzelt sind. Townie. So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ich behaupte mal ganz frech, dass ich mir in den fünf Jahren ein paar Prozent „Townie“ erworben habe.

Hast du deine „Bucket List“ abgearbeitet?
Nein. Auch wenn ich gerade in diesem letzten Jahr noch ordentlich reingehauen habe. Egal wann man geht, man ist nie fertig. Aber dafür gibt es eine Million Gründe, zurückzukommen.

Welche Momente werden dir besonders in Erinnerung bleiben?
Der erste Schultag unseres Sohnes. Als ein mutiger 8-jähriger Junge ohne ein Wort Englisch in dem großen gelben Schulbus verschwand. Der letzter Schultag an der Grundschule. Unser erstes Football Spiel im Michigan Stadium. Die Sonnenuntergänge am Lake Michigan. Das Schlendern durch Downtown Ann Arbor, wenn die Sonne sich senkt und die roten Backstein-Häuser in ein goldenes Licht taucht. Die Blicke aus der Vogelperspektive im Flieger hinunter auf die Shoreline des Lake Michigan. Die ersten Schritte hinein in die Michigan Central Station. Viele große Momente, unzählige kleine.

Michigan & Ann Arbor werden für uns immer ein Stück Heimat bleiben. Den größten Anteil daran haben die unzähligen wunderbaren Menschen, deren Wege sich mit unseren hier gekreuzt haben. Viele sind zu wirklichen Freunden geworden und wir werden in enger Verbindung bleiben. Man geht halt niemals so ganz.

Ann Arbor – we will miss you so much. Aber es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Ein neues Kapital aufzuschlagen. Wir werden uns wiedersehen. So oft wie möglich. Denken werden wir ohnehin jeden Tag an dich. Schon gleich am Morgen, wenn wir Radio Köln einschalten. 107,1. Die gleiche Welle, auf der Radio Ann Arbor funkt. Was für ein Zufall.

Wir gehen mit unendlicher Dankbarkeit. Darüber, dass wir so viel reicher geworden sind und so viele intensive Erfahrungen machen durften. Als Familie, und jeder von uns auf seine eigene Weise. Das wird uns niemand mehr nehmen können. Nie war mehr Anfang als jetzt. Nie waren wir mehr gespannt darauf, wie sich das Leben ab Morgen anfühlen wird. Hey Kölle, wir freuen uns tierisch op dich! Aber du musst nachsichtig mit uns sein. Unser Herz wird freudig hüpfen, wenn der ICE morgen früh über die Hohenzollernbrücke fährt und deine Domspitzen ins Bild kommen. Aber eine kleine Hintergrundmusik wird ab jetzt für immer „go blue“ spielen.

 

3 days to go … Alles auf Anfang

„Nie war mehr Anfang als jetzt“ – Walt Whitman

Good Morning Ann Arbor!

Unsere materiellen Dinge in Boxen und Bubble Wrap verstaut, das Haus leer. Wir fühlen uns exakt so, wie vor fünf Jahren, als wir in das fast leere Haus eingezogen sind. Edel-Camping – damals vier Wochen lang, jetzt nur vier Nächte. Alles auf ein Minimum reduziert. Ein paar Ikea Teller und Tassen, Kaffeemaschine, Toaster, der alte Esstisch unseres Vermieters. So sehr ich das Umzugs-Chaos gehasst habe, so sehr liebe ich nun das leere (und wieder saubere) Haus. Befreiend. Und erstaunlich, mit wie wenig man doch eigentlich auskommt.

Na, wer ist hier schon mal aufgewacht? 😉

Die drei Tage Umzug haben mich dafür viele Nerven gekostet. Wenn ich in nächster Zeit hören sollte, wie Tape abgerollt wird, schreie ich. Zum Glück dauert es nun mindestens fünf Wochen, bevor der Container in Köln eintrifft. Dann brauche ich viel guten Zuspruch und jede Menge Baldrian. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie man Möbel wieder zusammenbaut, wenn die dazugehörigen Schrauben in irgendwelchen anderen Kisten verschwunden sind. But for now: not my problem!

Ich geniesse gerade meinen dritten Kaffee in der morgendlichen Kühle. Ich traue mich das kaum zu schreiben …

Apropros Umzugs-Chaos … die eigentliche Katastrophe ist ja eine ganz andere. „Wo ist meine Ducky?“ ertönte es am ersten Abend durch“s Haus. Für alle nicht Eingeweihten: Ducky ist das Lieblings-Stofftier meines Sohnes. Die Ente begleitet ihn, seit sie ihm im Kölner Karneval in den Kinderwagen gereicht wurde. Beziehungsweise Ducky 2.0. Das Original wurde vor einigen Jahren aus dem Verkehr gezogen, um seinen Erhalt zu sichern 😉 Ihr denkt jetzt bestimmt, teure Ware von Steiff oder so. Ne, ne. Ducky trägt ein TCM Label. Wird aber mittlerweile auf ebay als „Kult/Retro-Ente“ gehandelt. Lange Rede …. ihr ahnt es schon: Ente „Ducky“ ist in eine der Boxen abgetaucht und wird nun (blau verplombt) über den Atlantik schwimmen. Abenteuerlustig, die Gute. Fliegen kann ja jeder. Drückt bitte ganz fest die Daumen, dass sie Luft zum Schnattern hat und es ein glückliches Wiedersehen in Köln gibt!!! In der Zwischenzeit hält „Billy“ das Bison die Stellung. 

Dagegen nimmt sich mein kaputter Vintage Schrank, der die Treppe mehr heruntergerutscht ist, als das er getragen wurde, wie eine Kleinigkeit aus. Alles auf Anfang eben.

 

5 days to go … should I stay or should I go?

„You will never be completely at home again, because par of your heart will always be elsewhere. That is the price you pay for the richness of loving and knowing people in more than one place.“
Miriam Adeney

Hi there!

Es ist immer heiß, wenn Umzug bei uns passiert. Im Juli 2013 haben die Umzugsleute in Köln geschwitzt, als sie unsere Sachen vom dritten Stock hinuntergetragen haben. Als der Container dann im September hier in Ann Arbor ankam, war es ebenfalls sehr heiß und schwül. Und auch heute steht die Sonne hoch am Himmel und das Quecksilber zeigt 30 Grad. I know … verglichen mit den aktuellen Temperaturen in Deutschland ist es hier quasi kühl. Anfang September soll das Schiff in Rotterdam ankommen … ich gehe dann mal von einem wunderbaren September in Köln aus 😉

Heute wurde aber erst mal eingepackt. Nach und nach verschwanden unsere Sachen in Kisten. Nach und nach sieht das Haus weniger nach einem Zuhause aus. In den letzten zwei Wochen haben wir wie irre aussortiert, einen Garage Sale veranstaltet, vieles an Freunde und Nachbarn verschenkt, ein Auto voller Kisten zur Salvation Army gefahren. Eine hervorragende Entschlackungskur für unseren Hausstand. Der Versuch, möglichst nichts mitzunehmen, was wir nicht mehr brauchen. Ich befürchte, es werden trotzdem ein paar Dinge mit über den Atlantik schippern. Well.

Eine amerikanische Freundin, die viele Jahre in Deutschland und England gelebt hat, meinte letztlich „International moves make you realize, what is really important.“ Für sie waren das nicht irgendwelche teuren Geräte oder Möbel, sondern ihr Geschirr von Ikea. Sie lädt gerne zu Dinner-Parties ein. Auch wir sind hier in den Genuss zahlreicher köstlicher Abende bei ihr gekommen. „Diese schönen Abende mit Freunden sind es, die mir etwas bedeuten und an die ich mich später gerne erinnern möchte. Um auch am neuen Wohnort wieder für bleibende Erinnerungen zu sorgen, benötige ich mein Ikea Geschirr.“ Wie so oft sind es die kleinen Dinge, die wirklich zählen.

Jetzt am Abend türmen sich die Kisten im Haus. Neben dem üblichem Kram werden jede Menge USA, Michigan, Ann Arbor und Detroit Memorabilia ab Freitag ihren Weg nach Köln antreten. Aber die wirklichen Erinnerungen benötigen keine Umverpackung, die reisen in unseren Herzen mit. Und es ist viel, was sich da über die letzten fünf Jahre angesammelt hat. Our hearts are so full. Höre ich mich da gerade ein wenig amerikanisch-kitschig an? Grins. Hat wohl ein wenig abgefärbt. Ich spreche ja auch automatisch eine Oktave höher, wenn ich mich mit amerikanischen Freundinnen unterhalte. Aber das nur am Rande.

Heute Morgen hing nur noch ein einsamer Bierdeckel am Kühlschrank … Im Herzen Kölsch. In diesem kleinen Satz schwingt sehr viel Hoffnung mit, dass ich mich dort wieder genauso Zuhause fühlen werde, wie vor unserer Abreise. Auch wenn Michigan für immer seinen Platz in unseren Herzen (und in unseren Schränken ;-)) erobert hat.

 

7 days to go … last stop Michigan Central Station

(einige Fotos: Tino Ullrich)

Hi there!

„Ich persönlich träume von einer Gelegenheit, dieses wunderschöne Wahrzeichen von innen zu sehen.“ So endet mein Dezember Blog-Beitrag über die „Michigan Central Station“, den historischen Bahnhof von Detroit. Da war die Zukunft dieser seit drei Jahrzehnten leer stehenden Ruine noch ungewiss. Jetzt steht ihr eine glanzvolle Zukunft bevor. Und manchmal werden Träume tatsächlich wahr. Gestern haben sich die ansonsten streng bewachten Tore ins Innere des ehemaligen Bahnhofs für uns geöffnet. Ich kann immer noch noch glauben, dass ich tatsächlich da drin war. In der prachtvollen Wartehalle, im ehemaligen Restaurant- und Barbereich, und dort, wo 1988 das letzte Ticket verkauft wurde. Und … oder habe ich das heute Nacht eben doch nur geträumt? Auf dem Dach, 18 Stockwerke hoch über Detroit. Downtown geradeaus, die Ambassador Brücke (Bridge to Canada) über den Detroit River zur Rechten und links unten wie eine Miniatur-Filmkulisse der Stadtteil Corktown. Kann mich mal jemand kneifen?

Die Ford Motor Company hat die über 100 Jahre alte Michigan Central Station vor einigen Wochen gekauft. Sie wird das monumentale Gebäude zum Herzstück des neuen Ford Hi-Tech Campus machen. Von hier aus wird das Unternehmen seine Vision für die Zukunft von Transport und Mobilität weiter entwicklen. Neben Büroflächen für die Bereiche „autonomes Fahren“ und „Elektro-Fahrzeuge“ wird der historische Bahnhof im Erdgeschoß für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Dort, wo früher die Menschen auf die Abfahrt ihrer Züge warteten, wird es einen Mix aus Einzelhandel, Gastronomie und Community-Flächen geben.

Der Bahnhof liegt im ältesten Stadtteil Detroits, in Corktown. Ford hat bereits im letzten Jahr ein weiteres Gebäude in der Nachbarschaft bezogen. In einer ehemaligen Strickerei arbeitet heute das „Team Edison“. Hier tüfteln rund 200 Ingenieure, Designer und Softwareentwickler an zukünftigen Produkten und Konzepten rund um die persönliche Mobilität. Damit hat Ford wieder eine Präsenz in der Stadt, in der die Ford Motor Company 1903 gegründet wurde. Die heutige Konzernzentrale befindet sich im rund 15 Meilen entfernten Dearborn, der Geburtsstadt von Firmengründer Henry Ford. Für die Stadt Detroit wird der Kauf dieses Wahrzeichens mehr bedeuten, als „nur“ die Renovierung einer weiteren Ruine. Laut Ford sollen rund 2.500 Mitarbeiter bis 2022 hier arbeiten. Insgesamt wird es Raum für etwa 5000 Arbeitsplätze geben. Das wird wesentlichen Einfluß auf Wachstum und Entwicklung der Motorcity haben. Und der Bahnhof wird nach so langer Zeit der Ungewissheit wieder eine wesentliche Rolle in Sachen Transport und Mobilität spielen.

Ich habe es schön öfter im Zusammenhang mit den Ruinen von Detroit geschrieben. Aber nie hatte „a moment in time“ eine größere Bedeutung als gestern Abend. Schon bald werden die Renovierungsarbeiten beginnen. 2022 sollen sie abgeschlossen sein. Bis dahin halte ich die Michigan Central Station so in Erinnerung, wie sie sich mir gestern präsentiert hat. Das Beste von Detroit zum Schluß. Manchmal werden Träume eben wahr. Thank you, Ford.

 

10 days to go … Climate change is real


Hi there!

Der kleine Shuttle-Bus, der uns zum „Exit Glacier“ bringt, stoppt kurz. „Hier hätten wir im Jahre 1815 vor einer Wand aus Eis gestanden“, erklärt unsere Fahrerin. Das erste Jahres-Schild, das den Rückgang des Gletschers seit Ende der kleinen Eiszeit vor über 200 Jahren markiert. Ab einer kleinen Ranger-Station geht es zu Fuß weiter. Weitere Jahreszahlen-Schilder stehen als stumme Zeugen entlang des Weges bis zum Gletscher-Rand. In den letzten 15 Jahren schrumpfte des Exit Gletscher fast doppelt so schnell, als in über 100 Jahren zuvor zusammen. Der Klimawandel trägt dazu bei, dass auch die anderen Gletscher Alaskas immer schneller abschmelzen. Traurige Rekorde.

Der Exit Glacier wird vom „Harding Icefield“, dem größten der letzten vier Eisfelder der USA, gespeist. Seinen Namen erhielt er, weil er bei der ersten aufgezeichneten Überquerung des Harding Eisfeldes 1968 als Ausgang diente. Das 780 Quadratkilometer große Eisfeld liegt wie eine gigantische Decke aus Schnee und Eis über 40 Gletschern, die von dem Eisfeld in alle Richtungen abgehen und von ihm genährt werden. „Jeden Winter fällt zwar neuer Schnee auf das Feld. Aber leider schmilzt das Eis aufgrund der steigenden Temperaturen schneller, als der Schnee Nachschub liefern kann,“ erklärt uns der Park-Ranger.

Im Sommer 2015 besuchte Barack Obama die Region auf der Kenai Halbinsel und ließ sich auch zu den Gletschern im Kenai Fjord fahren. „Das ist spektakulär. Das müssen wir für unsere Enkel erhalten“, sagte er anläßlich seines Besuches. Das scheint Lichtjahre her. Erst im letzten Jahr ist die aktuelle US-Regierung aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen ausgestiegen. Gesetze zum Umweltschutz wurden aufgeweicht oder abgeschafft. Das „Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen“-Geschrei versucht lauthals die eindeutigen Warnungen von Klimaforschern zu übertönen. Auch der Park-Ranger wird deutlich, nennt Fakten und Ursachen für die offensichtlichen Veränderungen. „The only good news is: we caused it, but we can do something against it. We can reduce our individual ecological footprints“, sagt er und nennt ein paar einfache Beispiele: „Use more often public transportation, travel with a refillable water bottle, carry your reusable bags to the store, and … vote for the right people.“ YES!!!

Zum ersten Mal Gletscher so hautnah zu erleben, gehörte zu den eindrucksvollsten Erlebnissen unserer Reise. Neben dem Exit Glacier (einer der wenigen, die man überhaupt zu Fuß erreichen kann) haben wir sogenannte Tidewater-Gletscher im Kenai Fjord und im Prince William Sound gesehen. Das Wetter war an diesem Tag noch nicht mal schön. Trotzdem stockte mir fast der Atem, als wir uns dem ersten großen Gletscher im Prince William Sound näherten. Die unwirklichen Farben (die bei bewölktem Wetter besonders intensiv erscheinen, wie uns eine alaskanische Fotografin aufklärte), die fantastischen Formen der Eisblöcke, die dramatische Art, wie er sich der Gletscher groß und mächtig direkt vor unseren Augen ins Wasser „ergießt“. Wir haben diese Tour mit einem kleinen Boot gemacht. Eine ganze Weile dümpelten wir in den ruhigen Gewässern vor dem „Surprise Glacier“ und lauschten andächtig dem Knacken des Eises. Mehrfach durften wir das spektakuläre Schauspiel eines kalbenden Gletschers erleben. Wahnsinn, wenn hunderte von Jahren alte Eis mit einem Krachen ins Wasser stürzt.

So fantastisch diese Wunder von Mutter Natur auch sind, so schockierend ist es, mit eigenen Augen ihre offensichtliche Zerstörung zu sehen. Da der Klimawandel nur global wirksam bekämpft werden kann, macht es einen umso wütender, dass viele wesentliche Entscheidungsträger so wenig achtsam mit unserem blauen Planeten umgehen.

 

 

12 days to go … All aboard!

Hi there,

„Traveling on the Alaska Railroad really captures the essence of Alaska.“ Erin Kirkland, Alaska Travel Expert

„Coming up to your right: the little town of Nenana“, ertönt eine freundliche Stimme. Sie gehört einem Student Tour Guide der Alaska Railroad, die in den Sommermonaten mit an Bord des Denali Star, Coastal Classic und Glacier Discovery Zuges geht. Die Guides informieren die Reisenden über Besonderheiten entlang der Strecke und halten nach Tieren Ausschau. Mit viel Begeisterung erzählen sie spannende Geschichten, die sich entlang der Schienen ranken. Zum Beispiel die, das sich in einem kleinen Dorf vor einigen Jahren zwei der meist gesuchtesten Männer der USA versteckt hielten. Das Reisen mit der Alaska Railroad ist ein ganz besonderes Erlebnis. Fast schon eine familiäre Angelegenheit. Gleich zu Anfang wird man eingeladen, im Zug umherzulaufen, die Freiluft-Wagen oder das Glaskuppel-Abteil, das einen 180 Grad Panoramablick auf die fantastische Landschaft bietet, zum Fotografieren und Staunen aufzusuchen. Das macht die Fahrt super kurzweilig. Auf einigen Abschnitten gerät man gar in Streß, so viele wunderbare Foto-Gelegenheiten gibt es. Ich bin quasi ständig in Bewegung gewesen, um die sich permanent ändernde Szenerie aufzusaugen. Hinter jeder Kurve ein neues fantastisches Natur-Bild. Wie ein nicht enden wollender Film zieht die grandiose Landschaft mit ihren Bergen, Canyons, Flüssen, Gletschern, Seen, satten Wiesen, Fjords, grünen Wäldern und Tälern an einem vorüber. Wir konnten Adler, Bären und Elche entlang der Zugstrecke beobachten.

Die Alaska Railroad wurde 1923 fertiggestellt. Sie läuft von Fairbanks im Norden bis nach Seward am Kenai Fjord im Süden. Genau den rund 800 km langen Weg haben wir mit dem Zug bereist, und dabei drei Zwischenstopps eingelegt: am Denali National Park, in der kleinen Stadt Talkeetna und in Anchorage. Vier Abschnitte, alle unterschiedlich, alle ein einzigartiges Erlebnis. Alaska Railroad bietet auf einem Abschnitt sogar „Flag Stops“ an. Mit einer weißen Tuch kann man den Zug überall entlang der Strecke anhalten, um Aufzuspringen. Ein Angebot für Einheimische, die im Hinterland leben. Aber auch für Besucher, die am Morgen irgendwo aussteigen, eine Weile wandern, und sich am Nachmittag wieder zum Ausgangsort zurückfahren lassen.

Auf einer unserer Reise-Abschnitte hielt der Zug in einer kleinen Ortschaft, um den Lokführer mit seiner Tochter aussteigen zu lassen. Schichtwechsel mitten im Nichts. Auf dem Weg nach Anchorage hatte der Zug zwei Stunden Verspätung. Einige Passagiere hätten ihren Flieger verpasst. Kein Problem. Irgendwo vor Anchorage wurde der Zug einfach gestoppt. Dort wartete bereits der vom freundlichen Zugpersonal organisierte Taxi-Transport zum Flughafen. Undenkbar bei der Deutschen Bahn. Aber auch wohl einzigartig für eine nordamerikanische Eisenbahngesellschaft.  Die Alaska Railroad gehört übrigens dem Staat Alaska und ist nicht mit einer anderen amerikanischen oder kanadischen Zuggesellschaft verbunden. Neben Passagieren werden auf allen Abschnitten auch Waren transportiert.

Lässt man sich dann doch mal in seinen Sitz fallen und genießt das langsame Reisen durch diese unendlichen Weiten, ist die Fahrt fast wie Meditation. Das sanfte Ruckeln des Zuges, das melodische „Tuuut, tuuut“ und die am Fenster vorbeiziehende atemberaubende Kulisse, die zu einem großen Teil nicht über den Landweg zugänglich ist. Zum ersten Mal macht „Der Weg ist das Ziel“ für mich wirklich Sinn. Und dann haben wir noch „Alaskan Kölsch“ im Wilderness Bord-Cafe entdeckt … „Besser wäre unerträglich“, um eine gute Freundin zu zitieren. Prost!

 

14 days to go … The joy of movement


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Dance like nobody’s watching!

Hi there!

Komme gerade von „NIA“ zurück. Hä, was??? Genau, deswegen habe ich mich entschlossen, NIA (Nee-a) einen kleinen Beitrag zu widmen. Und weil ich so oft gefragt werde, was das eigentlich genau ist. Und weil einige meiner Kölner Freunde denken, ich würde Bauchtanz machen. Das habe ich tatsächlich auch mal ausprobiert, aber eher unfreiwillig. Sportlich experimentiert habe ich im ersten Jahr hier ohnehin eine ganze Menge … Yoga, Bollyfit, Pilates, Dance Fit, Total Body Conditioning, Extreme Jump & Pump – ach, wie die Kurse alle hießen. Aber wirklich hängengeblieben bin ich bei NIA. Das steht für „Neuromuscular Integrative Action“. Hört sich viel zu wissenschaftlich an, finde ich.

NIA eine einzigartige Kombination aus Tanz (Modern & Jazz Dance), Yoga, Kampfsport (Tai Chi) und sanften Bewegungs- und Entspannungstechniken wie Feldenkrais und Pilates. Ein ganzheitliches Fitness-Konzept, das mit 52 einfachen Bewegungen alle Muskelgruppen des Körpers, aber auch Geist und Seele anspricht. Und das ohne Drill. Trotzdem bekommt man ein intensives Kardio-Workout, die Muskulatur wird gestärkt und gedehnt, und am Ende der extrem vielseitigen Stunde gibt es eine angeleitete Entspannungsphase. Getanzt wird barfuß zu Musik. Pop, Klassik, Kabarett, Hip-Hop – jedes Programm hat seinen eigenen Mix. Das bringt gute Laune und macht riesigen Spaß. „The sweetest sweat on earth“, nennt eine meiner Trainerinnen es hier.


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Die Amerikanerin Debbie Rosas und ihr Partner Carlos Aya Rosas haben die NIA Technik, die ausschließlich von lizensierten Trainern angeleitet wird, entwickelt. Debbie suchte Anfang der 80er Jahre nach mehreren Sportverletzungen eine alternative Trainingsmethode, die Ausdauer und Stärkung der Muskulatur verband. Aber nicht dem Motto „no pain, no gain“ folgte. Spaß machen sollte es, Freude sollte man bei dem Workout erleben. Alle Sinne sollten angesprochen werden. Eher heilend, nicht ermüdend.

Bei meiner ersten Stunde nahm mich eine Kursteilnehmerin zur Seite. „Es ist am Anfang etwas ungewöhnlich, aber nach einige Stunden wirst du es lieben“. Und genau so war es. Am Ende einer Stunde fühle ich mich im Gleichgewicht, Energie geladen und mental fit. Außerdem kommen mir, während ich tanze, immer neue Ideen für andere Dinge. Und der Tanz verstärkt oft meine Freude an den schönen Dingen des Lebens – eine anstehende Reise beispielsweise. „The joy of movement“ wirkt bei mir. Es ist zum Glück eine weltweite Bewegung und es soll auch Möglichkeiten in Köln geben. Und Mädels (no offense, aber für die meisten Männer ist das nix ;-): wer sich das immer noch nicht richtig vorstellen kann: let’s dance together!!