Ann Arbor

So long, Ann Arbor

(Familienfotos und Portrait: Silke Masullo)

Hi there,

that’s it. Heute Nachmittag hebt der Lufthansa Kranich seine Nase gen Osten und fliegt uns über den Atlantik auf den alten Kontinent zurück. Five years gone by in the blink of an eye. Herkommen war einfacher. Mit dem Wissen darum, dass wir irgendwann zurückgehen würde. Jetzt fühlt es sich so viel endgültiger an. Und wie beende ich nun diesen „Relocation Countdown“? Ohne mich zu wiederholen. Vieles was mir wichtig war, habe ich schon an anderer Stellen gesagt. Aber meine kleine Therapie braucht einen Abschluss. Ich versuche es mal mit ein paar Antworten auf Fragen, die mir in den letzten Wochen gestellt wurden.

Hast du oft Heimweh gehabt?
Nein, nicht wirklich. Es war eher Wehmut … Köln zu Karneval, der Stadtwald um die Ecke, das Veedel („walkable urbanism is the highest luxury“ – hat eine amerikanische Bekannte über das Leben in deutschen Städten gesagt. Fand ich sehr treffend), unsere Straße, unser Haus (schnell mal zur Freundin auf einen Wein runter), die Kölner Lebensart, Berlin, Bella Italia … alles, was mir in der Heimat Europa lieb und teuer ist. Neben Familie und Freunden, die ich hier natürlich sehr vermisst habe. Aber „that goes without saying“, wie die Amerikaner es ausdrücken.

Was wirst du vermissen?
Der Blick auf das große Michigan „M“ am Stadion auf dem Weg in die Stadt. Die alten Nachbarschaften Ann Arbor’s mit ihren charmanten historischen Häusern und ihren altem Baumbeständen. Koriander immer frisch (und ausnahmsweise unverpackt) im Supermarkt. Die vielen himmelblauen, hellen Midwest Tage. Das glitzernde Winter Wonderland. Die unwirklichen Eiszapfen. Die kurzen und unkomplizierten Wege in small town Ann Arbor. Das immer präsente gelbe M auf blauem Grund. Michigan Craft Beer. Den Außen-Pool im Sportclub. Die freundliche, offene Art der Amerikaner. Der fantastisch bunte und lange Herbst. Der Blick auf unseren Wendehammer beim ersten Kaffee an einem sonnigen Morgen. Cruisen durch die Countryside mit ihren typischen roten Scheunen und Farmhäusern. Barn Sales. Detroit. So nah an einer der für mich spannendsten Städte der Welt zu leben.

Hat das Leben in Amerika dich persönlich verändert?
Diese Frage habe ich gestern Abend mit nein beantwortet. Aber heute morgen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und dann fiel mir eine Zeile des Poetry Slammers Florian Cieslik ein. „Manchmal musst du weg gehn‘, um nach Hause zu kommen, um zu wachsen.“ Und vielleicht ist es das. Die Veränderung wird sich erst mit einem Abstand einstellen.

Was bringst du mit nach Deutschland?
Neben unendlich vielen Erinnerungen ungefähr 380 verschraubbare Gläser zum Einwecken und Einfrieren mit. Tupperware war gestern. Aber im Ernst. Die Erfahrung, einen fremden Ort zu einem wirklichen Zuhause machen zu können. Nicht nur mit einer schönen Wohnungseinrichtung. Sondern indem man sich auf das Leben, auf die andere Kultur einlässt. Neugierig ist. Alles entdecken möchte. Auch die kleinen lokalen Dinge. Der regelmässige Besuch des Farmers Markets, das Pancake Frühstück auf der kleinen Maple Syrup Farm ein paar Meilen außerhalb von Ann Arbor, das neue Cafe in Detroit’s West Village. Neue Freundschaften schließen. Ann Arbor hat ein Wort für Menschen, die hier seit langem lokal verwurzelt sind. Townie. So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ich behaupte mal ganz frech, dass ich mir in den fünf Jahren ein paar Prozent „Townie“ erworben habe.

Hast du deine „Bucket List“ abgearbeitet?
Nein. Auch wenn ich gerade in diesem letzten Jahr noch ordentlich reingehauen habe. Egal wann man geht, man ist nie fertig. Aber dafür gibt es eine Million Gründe, zurückzukommen.

Welche Momente werden dir besonders in Erinnerung bleiben?
Der erste Schultag unseres Sohnes. Als ein mutiger 8-jähriger Junge ohne ein Wort Englisch in dem großen gelben Schulbus verschwand. Der letzter Schultag an der Grundschule. Unser erstes Football Spiel im Michigan Stadium. Die Sonnenuntergänge am Lake Michigan. Das Schlendern durch Downtown Ann Arbor, wenn die Sonne sich senkt und die roten Backstein-Häuser in ein goldenes Licht taucht. Die Blicke aus der Vogelperspektive im Flieger hinunter auf die Shoreline des Lake Michigan. Die ersten Schritte hinein in die Michigan Central Station. Viele große Momente, unzählige kleine.

Michigan & Ann Arbor werden für uns immer ein Stück Heimat bleiben. Den größten Anteil daran haben die unzähligen wunderbaren Menschen, deren Wege sich mit unseren hier gekreuzt haben. Viele sind zu wirklichen Freunden geworden und wir werden in enger Verbindung bleiben. Man geht halt niemals so ganz.

Ann Arbor – we will miss you so much. Aber es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Ein neues Kapital aufzuschlagen. Wir werden uns wiedersehen. So oft wie möglich. Denken werden wir ohnehin jeden Tag an dich. Schon gleich am Morgen, wenn wir Radio Köln einschalten. 107,1. Die gleiche Welle, auf der Radio Ann Arbor funkt. Was für ein Zufall.

Wir gehen mit unendlicher Dankbarkeit. Darüber, dass wir so viel reicher geworden sind und so viele intensive Erfahrungen machen durften. Als Familie, und jeder von uns auf seine eigene Weise. Das wird uns niemand mehr nehmen können. Nie war mehr Anfang als jetzt. Nie waren wir mehr gespannt darauf, wie sich das Leben ab Morgen anfühlen wird. Hey Kölle, wir freuen uns tierisch op dich! Aber du musst nachsichtig mit uns sein. Unser Herz wird freudig hüpfen, wenn der ICE morgen früh über die Hohenzollernbrücke fährt und deine Domspitzen ins Bild kommen. Aber eine kleine Hintergrundmusik wird ab jetzt für immer „go blue“ spielen.

 

3 days to go … Alles auf Anfang

„Nie war mehr Anfang als jetzt“ – Walt Whitman

Good Morning Ann Arbor!

Unsere materiellen Dinge in Boxen und Bubble Wrap verstaut, das Haus leer. Wir fühlen uns exakt so, wie vor fünf Jahren, als wir in das fast leere Haus eingezogen sind. Edel-Camping – damals vier Wochen lang, jetzt nur vier Nächte. Alles auf ein Minimum reduziert. Ein paar Ikea Teller und Tassen, Kaffeemaschine, Toaster, der alte Esstisch unseres Vermieters. So sehr ich das Umzugs-Chaos gehasst habe, so sehr liebe ich nun das leere (und wieder saubere) Haus. Befreiend. Und erstaunlich, mit wie wenig man doch eigentlich auskommt.

Na, wer ist hier schon mal aufgewacht? 😉

Die drei Tage Umzug haben mich dafür viele Nerven gekostet. Wenn ich in nächster Zeit hören sollte, wie Tape abgerollt wird, schreie ich. Zum Glück dauert es nun mindestens fünf Wochen, bevor der Container in Köln eintrifft. Dann brauche ich viel guten Zuspruch und jede Menge Baldrian. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie man Möbel wieder zusammenbaut, wenn die dazugehörigen Schrauben in irgendwelchen anderen Kisten verschwunden sind. But for now: not my problem!

Ich geniesse gerade meinen dritten Kaffee in der morgendlichen Kühle. Ich traue mich das kaum zu schreiben …

Apropros Umzugs-Chaos … die eigentliche Katastrophe ist ja eine ganz andere. „Wo ist meine Ducky?“ ertönte es am ersten Abend durch“s Haus. Für alle nicht Eingeweihten: Ducky ist das Lieblings-Stofftier meines Sohnes. Die Ente begleitet ihn, seit sie ihm im Kölner Karneval in den Kinderwagen gereicht wurde. Beziehungsweise Ducky 2.0. Das Original wurde vor einigen Jahren aus dem Verkehr gezogen, um seinen Erhalt zu sichern 😉 Ihr denkt jetzt bestimmt, teure Ware von Steiff oder so. Ne, ne. Ducky trägt ein TCM Label. Wird aber mittlerweile auf ebay als „Kult/Retro-Ente“ gehandelt. Lange Rede …. ihr ahnt es schon: Ente „Ducky“ ist in eine der Boxen abgetaucht und wird nun (blau verplombt) über den Atlantik schwimmen. Abenteuerlustig, die Gute. Fliegen kann ja jeder. Drückt bitte ganz fest die Daumen, dass sie Luft zum Schnattern hat und es ein glückliches Wiedersehen in Köln gibt!!! In der Zwischenzeit hält „Billy“ das Bison die Stellung. 

Dagegen nimmt sich mein kaputter Vintage Schrank, der die Treppe mehr heruntergerutscht ist, als das er getragen wurde, wie eine Kleinigkeit aus. Alles auf Anfang eben.

 

5 days to go … should I stay or should I go?

„You will never be completely at home again, because par of your heart will always be elsewhere. That is the price you pay for the richness of loving and knowing people in more than one place.“
Miriam Adeney

Hi there!

Es ist immer heiß, wenn Umzug bei uns passiert. Im Juli 2013 haben die Umzugsleute in Köln geschwitzt, als sie unsere Sachen vom dritten Stock hinuntergetragen haben. Als der Container dann im September hier in Ann Arbor ankam, war es ebenfalls sehr heiß und schwül. Und auch heute steht die Sonne hoch am Himmel und das Quecksilber zeigt 30 Grad. I know … verglichen mit den aktuellen Temperaturen in Deutschland ist es hier quasi kühl. Anfang September soll das Schiff in Rotterdam ankommen … ich gehe dann mal von einem wunderbaren September in Köln aus 😉

Heute wurde aber erst mal eingepackt. Nach und nach verschwanden unsere Sachen in Kisten. Nach und nach sieht das Haus weniger nach einem Zuhause aus. In den letzten zwei Wochen haben wir wie irre aussortiert, einen Garage Sale veranstaltet, vieles an Freunde und Nachbarn verschenkt, ein Auto voller Kisten zur Salvation Army gefahren. Eine hervorragende Entschlackungskur für unseren Hausstand. Der Versuch, möglichst nichts mitzunehmen, was wir nicht mehr brauchen. Ich befürchte, es werden trotzdem ein paar Dinge mit über den Atlantik schippern. Well.

Eine amerikanische Freundin, die viele Jahre in Deutschland und England gelebt hat, meinte letztlich „International moves make you realize, what is really important.“ Für sie waren das nicht irgendwelche teuren Geräte oder Möbel, sondern ihr Geschirr von Ikea. Sie lädt gerne zu Dinner-Parties ein. Auch wir sind hier in den Genuss zahlreicher köstlicher Abende bei ihr gekommen. „Diese schönen Abende mit Freunden sind es, die mir etwas bedeuten und an die ich mich später gerne erinnern möchte. Um auch am neuen Wohnort wieder für bleibende Erinnerungen zu sorgen, benötige ich mein Ikea Geschirr.“ Wie so oft sind es die kleinen Dinge, die wirklich zählen.

Jetzt am Abend türmen sich die Kisten im Haus. Neben dem üblichem Kram werden jede Menge USA, Michigan, Ann Arbor und Detroit Memorabilia ab Freitag ihren Weg nach Köln antreten. Aber die wirklichen Erinnerungen benötigen keine Umverpackung, die reisen in unseren Herzen mit. Und es ist viel, was sich da über die letzten fünf Jahre angesammelt hat. Our hearts are so full. Höre ich mich da gerade ein wenig amerikanisch-kitschig an? Grins. Hat wohl ein wenig abgefärbt. Ich spreche ja auch automatisch eine Oktave höher, wenn ich mich mit amerikanischen Freundinnen unterhalte. Aber das nur am Rande.

Heute Morgen hing nur noch ein einsamer Bierdeckel am Kühlschrank … Im Herzen Kölsch. In diesem kleinen Satz schwingt sehr viel Hoffnung mit, dass ich mich dort wieder genauso Zuhause fühlen werde, wie vor unserer Abreise. Auch wenn Michigan für immer seinen Platz in unseren Herzen (und in unseren Schränken ;-)) erobert hat.

 

14 days to go … The joy of movement


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Dance like nobody’s watching!

Hi there!

Komme gerade von „NIA“ zurück. Hä, was??? Genau, deswegen habe ich mich entschlossen, NIA (Nee-a) einen kleinen Beitrag zu widmen. Und weil ich so oft gefragt werde, was das eigentlich genau ist. Und weil einige meiner Kölner Freunde denken, ich würde Bauchtanz machen. Das habe ich tatsächlich auch mal ausprobiert, aber eher unfreiwillig. Sportlich experimentiert habe ich im ersten Jahr hier ohnehin eine ganze Menge … Yoga, Bollyfit, Pilates, Dance Fit, Total Body Conditioning, Extreme Jump & Pump – ach, wie die Kurse alle hießen. Aber wirklich hängengeblieben bin ich bei NIA. Das steht für „Neuromuscular Integrative Action“. Hört sich viel zu wissenschaftlich an, finde ich.

NIA eine einzigartige Kombination aus Tanz (Modern & Jazz Dance), Yoga, Kampfsport (Tai Chi) und sanften Bewegungs- und Entspannungstechniken wie Feldenkrais und Pilates. Ein ganzheitliches Fitness-Konzept, das mit 52 einfachen Bewegungen alle Muskelgruppen des Körpers, aber auch Geist und Seele anspricht. Und das ohne Drill. Trotzdem bekommt man ein intensives Kardio-Workout, die Muskulatur wird gestärkt und gedehnt, und am Ende der extrem vielseitigen Stunde gibt es eine angeleitete Entspannungsphase. Getanzt wird barfuß zu Musik. Pop, Klassik, Kabarett, Hip-Hop – jedes Programm hat seinen eigenen Mix. Das bringt gute Laune und macht riesigen Spaß. „The sweetest sweat on earth“, nennt eine meiner Trainerinnen es hier.


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Die Amerikanerin Debbie Rosas und ihr Partner Carlos Aya Rosas haben die NIA Technik, die ausschließlich von lizensierten Trainern angeleitet wird, entwickelt. Debbie suchte Anfang der 80er Jahre nach mehreren Sportverletzungen eine alternative Trainingsmethode, die Ausdauer und Stärkung der Muskulatur verband. Aber nicht dem Motto „no pain, no gain“ folgte. Spaß machen sollte es, Freude sollte man bei dem Workout erleben. Alle Sinne sollten angesprochen werden. Eher heilend, nicht ermüdend.

Bei meiner ersten Stunde nahm mich eine Kursteilnehmerin zur Seite. „Es ist am Anfang etwas ungewöhnlich, aber nach einige Stunden wirst du es lieben“. Und genau so war es. Am Ende einer Stunde fühle ich mich im Gleichgewicht, Energie geladen und mental fit. Außerdem kommen mir, während ich tanze, immer neue Ideen für andere Dinge. Und der Tanz verstärkt oft meine Freude an den schönen Dingen des Lebens – eine anstehende Reise beispielsweise. „The joy of movement“ wirkt bei mir. Es ist zum Glück eine weltweite Bewegung und es soll auch Möglichkeiten in Köln geben. Und Mädels (no offense, aber für die meisten Männer ist das nix ;-): wer sich das immer noch nicht richtig vorstellen kann: let’s dance together!!

 

relocation countdown …

„I am not the same, having seen the moon shine on the other side of the word“
Mary Anne Radmacher

Hi there!

„60 days until Check-in LH 443 Detroit to Frankfurt“. Wir hatten ja eigentlich genug Zeit, uns auf den Abschied vorzubereiten. Aber wie bei so vielen anderen Terminen denkt man „ach, ist ja noch lange hin“. Aber plötzlich ist der Zeitpunkt „just around the corner“. Bei mir war es die Buchung unserer Heimatflüge vor einigen Wochen, die das baldige Ende unserer Zeit hier offiziell besiegelt hat. Touchdown Germany. Ziemlich genau fünf Jahre, nachdem wir an einem sonnigen Morgen in Köln zu unserer „Mission Michigan“ aufgebrochen sind. Damals noch nicht ahnend, was für eine intensive und erlebnisreiche Zeit wir hier verbringen würden. Wie sehr Ann Arbor zu einem Zuhause werden würde. Wie vielen wunderbaren Menschen wir begegnen würden. Wie sich unser Zweitklässler ohne ein Wort Englisch zu einem bilingualen (und teilweise amerikanisierten) Teenager entwickeln würde. Welche fantastischen Orte und Landschaften wir besuchen würden. Was für eine irre Bereicherung all‘ diese Erfahrungen für uns sein würden. Echt jetzt? Ich hatte dem Abenteuer Amerika anfangs eine Absage erteilt???

Wie oft bekomme ich dieser Tage zu hören: „Und du wolltest erst gar nicht gehen. Und nun fällt es dir so schwer, Abschied zu nehmen.“ Ja, ich habe ordentlich unterschätzt, dass „going home“ auch kein Kindergeburtstag ist. Es ist eben etwas anderes, als aus einem längeren Urlaub heimzukehren. Es fühlt sich eher an, als stolpere man von einem Leben in ein anderes. Auch wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass ich nicht ewig diese zwei Leben führen möchte. Ein Teil des Herzens in Deutschland und ein Teil hier. Oder wie unser Sohn es im August 2015 mit Blick auf den Kölner Dom vor einer Rückreise nach Michigan ausdrückte: „Ich möchte zwei Hälften haben. Eine fliegt nach USA, eine bleibt hier.“ Er war auch der Hauptgrund, warum ich mich anfangs schwer getan habe, ja zu sagen. Und nun ist die Sorge wieder da. Wird er den Schulwechsel gut schaffen? Schnell neue Freunde finden? Oder an alte Freundschaften anknüpfen? Er ist sehr offen und freut sich auf Deutschland, auf Köln. Kölsche Jung‘ halt, und Großstadtkind. Und dennoch ist auch bei ihm seit Mitte Mai schlagartig durchgesickert, dass die Zeit hier abläuft. „Wir sitzen nur noch 22 Tage in diesem Setting“, sagt er eines morgens am Frühstückstisch vor der Schule. Mit etwas mehr Tränenflüssigkeit in den Augen als sonst. Schluck.

Mir gehen ob des bevorstehenden Umzugs so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. So viele kleine und größere „goodbyes“ wollen gesagt und gefühlt werden. So vieles noch erlebt werden. So viele Geschichten noch erzählt werden. Daher kam mir die Idee, all diesem Wirrwarr einen Rahmen hier im Blog zu geben. Los geht es also heute mit dem „Relocation Countdown“ – 60 days to go. Die sommerliche Version von „wir warten auf’s Christkind“, nur ohne Elfe. 😉 Nein, nein – keine Sorge!! Ich werde nicht täglich etwas einstellen. Dafür habe ich gar keine Zeit, und 20 Tage lang werden wir noch unterwegs sein. Die letzte große Reise unseres USA-Aufenthaltes. Literally: The last frontier. Alaska.

Aber zurück nach Ann Arbor, Michigan … dort, wo wir die meisten Tage der letzten fünf Jahren verbracht haben. Der Ort, der uns am meisten ans Herz gewachsen ist. Dort, wo das gelbe „M“ auf blauem Grund im täglichen Straßenbild präsent und überall liebevoll umarmt wird. Ein Deutscher, der die „University of Michigan“ in blau-gelb fantastisch auf dem Basketball-Court vertreten hat, hat kürzlich auch Abschied genommen. Der Berliner Moritz Wagner wurde 2013 als erster deutscher Basketballspieler in die Mannschaft der „Wolverines“ (das Maskottchen der Universität) aufgenommen. Vom ersten Training bis zum letzten „March Madness“ (dem wichtigsten Turnier der College-Teams), haben wir seinen Weg und seine unzähligen Körbe verfolgt, teilweise live. In der Saison 2017/18 schaffte er mit dem Team das March Madness Finale. Wooohooo, was für ein Turnier! Ann Arbor stand Kopf und war noch etwas blau/gelber als sonst. Am Tag nach dem (leider verlorenen) Finalspiel, hat Mo (wie er hier genannt wird) bekannt gegeben, dass er in die Profiliga wechseln wird. Im Juni wird er am NBL (National Basketball League) Draft teilnehmen. Ein Satz aus seinem sehr emotionalen Abschiedsbrief an Michigan, die Uni und Ann Arbor spricht mir aus dem Herzen:

„Ann Arbor will always be the first American city that I ever really knew. In my opinion, it’s the perfect place to live — not too big, not too small. You get all four seasons, great sports, and some of the nicest and most genuine people I have met. I’ll miss Ann Arbor a ton and come back as much as I can.“

„Genuine people“ kennen wir auf beiden Seiten des Atlantiks. Und die stehen ganz oben, wenn wir gefragt waren, worauf wir uns am meisten freuen, und was den Abschied am schwersten macht. But I am also still crazy in love with this small college town of Ann Arbor!

 

Countdown to Christmas …

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Ein bisschen Hogwarts in Ann Arbor

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Die „University of Michigan“ hat viele tolle Gebäude – historische und moderne. Eines der schönsten Ensembles auf dem Campus ist für mich das „Law Quadrangle“. Nach dem Vorbild englischer Universitäten wie Oxford oder Cambridge wurde der Komplex mit seinen fünf Gebäuden zwischen 1923 – 1933 im gotischen Stil errichtet. Ein ehemaliger Jura-Student machte mit einer großzügigen Spende diesen fantastischen Bau für die Rechtswissenschaften möglich. Herzstück ist der große Lesesaal, der an die Great Hall in Hogwarts erinnert. Als ich zum ersten Mal durch den Torbogen in den grünen Innenhof dieser Jura-Fakultät ging, kam mir Harry Potter mit einem Stapel Bücher unterm‘ Arm vor meinem geistigen Auge entgegengelaufen. In dieser leicht magischen, friedlichen Atmosphäre hätte ich auch gerne studiert. Im historischen Lesesaal stehen alte Bücher in den Regalen, eine moderne Bibliothek wurde unterirdisch angelegt. Charmant finde ich jedes Mal den Kontrast zwischen dem altehrwürdigem Saal mit seinen prächtigen Kronleuchtern, Holz vertäfelten Decken, altmodischen Leselampen und kunstvoll gestalteten Glasfenstern und den heutigen Jurastudenten, die lässig an ihren modernen Laptops arbeiten.

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Noch einmal schlafen … 😉

Countdown to Christmas …

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Am zweiten Advent gibt es Weihnachtliches aus Downtown Ann Arbor. Ab Anfang November schwingt die lokale Künstlergruppe „The Novemberistas“ ihre Pinsel und verwandelt seit vielen Jahren die Schaufenster in wunderbare winterlich weihnachtliche Bilder. Drei bis vier Fensterbilder schaffen die fleißigen acht „Brush Monkeys“, wie sie sich selber nennen, täglich. Bis kurz nach Thanksgiving sind sie fertig mit circa 100 Winterszenen, in denen Rentiere, Elfen, Eisbären und viele Schneemänner- und frauen große und kleine Shopper verzaubern.

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Und wenn alles geschafft ist, heißt es bei den Novemberistas „BDGU“ – Brushes down, glasses up! Cheers!!

Back to school

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Hi there!

Back to school. So knapp sind wir noch nie in den amerikanischen „back to school“ Wahnsinn hinein katapultiert worden. Nach fast fünf Wochen Deutschland sind wir erst am Tag vor dem Start ins neue Schuljahr zurückgekommen. Und gleich überwältigt von allem, was neu ist und sofort erledigt werden will. Im neuen Look präsentiert sich „Powerschool“. Ihr erinnert euch … die App, die jede Bewegung des Kindes stalker-mässig auf die Handys der Eltern schickt. Trotz dieser digitalen Fortschrittlichkeit müssen aber immer noch stapelweise Papiere ausgefüllt werden. Jeder Lehrer kommt mit einem eigenen Pamphlet (Syllabus genannt), das neben Unterrichtsprogramm und Materialliste auch Bewertungskriterien und einen Verhaltenskodex für die jeweilige Klasse beinhaltet. Durchlesen, mit Kind besprechen, unterschreiben – für JEDES Fach. Nö … gibt natürlich keine Überschneidungen.

Gefühlte hundert Male habe ich dieser Tage Adresse und Telefonnummern niedergeschrieben. Und das bei einem Einzelkind!! Formulare zum Gesundheitsstatus, Labor-Sicherheit, Anmeldung zum Sportprogramm, zum Picture Day (klar, findet gleich am 2. Schultag statt … argh, haben wir denn noch ein sauberes Hemd?), zur Klassenfahrt. Die ging übrigens heute morgen los. Jetzt denkt Ihr sicher, der Termin wird ja wohl vor den Ferien bekannt gewesen sein. Ha! Langfristige Planung wird vollkommen überbewertet, das machen nur Deutsche so. Gleich am 3. Schultag Elternabend … im Schnelldurchgang durch alle Klassen des Kindes, wo der/die Lehrer/in praktisch das präsentiert, was wir in Papierform eh‘ schon durchgelesen haben. Auch so eine interessante amerikanische Eigenart – alles so oft wie möglich wiederholen. Beim Arzt muss man auch jedes Mal die gleichen Formulare ausfüllen und bekommt bei einem Besuch mindestens zwei Mal von unterschiedlichen Personen die gleichen Fragen gestellt. Stellt sich mir immer die Frage: trauen die dem Patienten oder ihrem eigenen System nicht?

Trotzdem war es überaus erfrischend, die neuen Lehrer persönlich kennen zu lernen. Denn eines muss man ihnen hier lassen: alle lehren offenbar aus Leidenschaft, sind hoch motiviert, super freundlich und wollen das Beste aus den Kids herausholen. Also wollen wir brav alle gewünschten Materialien einkaufen. Aber was ist bei „Target“ los? Der Laden, der normalerweise alles kann. In der riesigen „Back to school“ Ecke sind bereits in der ersten Schulwoche die Halloween Artikel eingezogen. In den regulären Schreibwaren-Gängen sehen die Regale nach DDR Mangelwirtschaft aus. Unglaublich. Oder ein weiterer Beweis für meine Theorie, dass die „seasons“, an denen entlang sich das amerikanische Leben orientiert, von cleveren Marketingspezialisten ausgeklügelt wurde, um den Konsum immer wieder auf Neue anzuheizen. Das sitze ich aus. Mir kommt vor Oktober kein Kürbis ins Haus!

Dafür liebe ich den beginnenden Herbst hier, der immer noch viele Tage mit sommerlichen Temperaturen und laue Abende mit sich bringt. Außerdem steht diese Zeit wie keine andere für unseren Start in Michigan vor vier Jahren. So ist es bestimmt kein Zufall, dass ich in der Septembersonne (so denn ich vor lauter Zettel ausfüllen, Materiallisten abarbeiten, Lehrer-Emails lesen, Klassenfahrt-Tasche packen dazu komme) den gerade frisch erschienenen 6. Band der Bretagne Krimi Serie um Commissaire Dupin lese, und dabei viel an unser erstes Jahr hier denken muss. Als mein 8-jähriger zum ersten Mal in den Schulbus stieg, habe ich Band 1 gelesen. Nun steht diese Buchreihe wie keine andere für unseren Start hier. Nur, dass ich jetzt öfter zur Lesebrille greifen muss. 😉 Ich lese übrigens am liebsten in meiner Muttersprache, auch wenn ich zwischendurch mal englische Titel einstreue. Genauso wie ich auf dem Flug nach Deutschland die Filme lieber in deutscher Sprache schaue. Auf dem Flug hierher in Englisch. Verrückt.

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Als wir letzen Montag in Detroit landeten, war mein erster Gedanke: das ist wohl der letzte touch down als Michigan Resident, bevor wir im nächsten Sommer zurück nach Deutschland ziehen. Ja, Köln ist unsere Heimat, aber Ann Arbor ist es auch geworden. Nach Hause kommen – das ist derzeit hier, denn in Köln fühlt es sich trotz aller wunderbaren Begegnungen mit Familie und Freunden provisorisch an, nach Übergang. Weil bei einem Heimaturlaub immer klar ist, dass wir nicht bleiben. Wie wird es dann sein, wenn wir tatsächlich bleiben? Ich habe diese Frage schon im letzten Jahr hier gestellt, nun wird sie drängender. Und ich merke immer mehr, welch‘ großen Respekt ich vor dem Zurückkommen habe. Denn wir kommen nicht aus einem längeren Urlaub zurück, sondern aus einem anderen Leben. Ein Leben, dass wir auch lieb gewonnen haben. Ein Leben, in dem wir die kleine Stadt Ann Arbor und den „Great Lakes“ Staat Michigan zu unserer zweiten Heimat gemacht haben. Ein Leben, in dem sich anfänglich flüchtige Begegnungen zu echten Freundschaften entwickelt haben. Auch wenn immer klar war, dass unsere Zeit hier endlich ist. Aber es wird mit jedem Jahr auch ein wenig schwerer, die Zelte hier abzubrechen. Einen Umstand, den ich noch vor zwei Jahren gehörig unterschätzt habe. Yes, liebe Silke … I hear you! 😉

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Ich habe eine Liste gemacht. Mit all‘ den Dingen, die ich noch sehen und erleben möchte. Viele kleine, unspektakuläre Sachen sind das, einige größere. Einen Haken konnte ich bereits setzen. Letzte Woche waren wir endlich bei einer Probe der „Michigan Marching Band“. Der Musikkorps der University of Michigan, der während der College-Football-Saison (und auch bei anderen Sportarten) die Stimmung im Stadion anheizt. Let’s go blue! Diese Woche geht es in die legendäre Studentenbar „Dominick’s“, wo die hausgemachte Sangria in Mason Jars serviert wird und köstlich sein soll – nächster Haken. Sonntag dann eine Ruinen-Tour durch die größte Industrieruine Detroits, die ehemalige Packard Plant. Eine Gelegenheit, auf die ich lange gewartet habe. Es gibt noch so furchtbar viele Geschichten aus dem Land des unbegrenzten Wahnsinns zu erzählen …

Aber ich werde sie auch genießen, die verbleibende Zeit hier in Michigan. Besonders jetzt, wenn der Herbst überall ausgiebig gefeiert wird – mit frisch gepressten Apple Cider, Donuts, Apple picking, Heuwagen-Fahrten, Herbst-Barbecues, Mais-Labyrinthen und ab Oktober auch Pumpkin Picking.

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Cheers! Auf einen intensiven, bunten und fröhlichen Herbst!

 

home for thanksgiving

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Hi there,

dieses Jahr haben wir zum amerikanischen Familien-Feiertag Thanksgiving mal das gemacht, was alle Amerikaner machen – wir sind nach Hause gereist. Zwar gab es in Deutschland keinen Truthahn, dafür aber andere lang vermisste Leckereien. Allen voran Gans mit Rotkohl und Klößchen. Ach, was hatte ich mich darauf gefreut. Und Feldsalat. Der wird hier einfach nicht angebaut. Auch zu Kasseler mit Sauerkraut und Kartoffelpüree (mashed potatoes können die Amis allerdings auch meist richtig gut) habe ich mich hinreißen lassen. Fehlten eigentlich nur noch Reibekuchen mit Apfelmus. Dafür hatte Glühwein Konjunktur und ich habe mich vom Lichter- und Sternenglanz auf den Kölner Weihnachtsmärkten verzaubern lassen. Ach, was viel schön!

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Ich war sehr gespannt, wie so ein kurzer, irgendwie spontan eingeschobener Heimaturlaub sich anfühlen würde. Es war extrem anstrengend und intensiv, aber auch wunderschön! Als wir Sonntag wieder im Flieger nach Detroit saßen, kam es mir fast vor, als hätte ich das alles nur geträumt. Mein Elfjähriger fragte mich dann irgendwann über dem Atlantik: „Mama, wie fand’s du es?“ Da fiel mir nur spontan die Zeile eines meiner BAP Lieblingslieder (Jradaduss) ein: „Et woor schoen, et woor joot, ahm Eng e bessje ze kort …“ (für Nicht-Kölner: „Es war schön, es war gut, am Ende ein wenig zu kurz“). Ob er BAP kenne, frage ich überflüssigerweise. „Was denkst du denn. Ich bin doch ein kölscher‘ Jung“. Na denn.

Seit das möglicherweise letzte Jahr für uns hier in Michigan angebrochen ist, werde ich bei einigen Sachen sehr wehmütig. Das fing am Ende des Sommers an, als ich am letzten Pool-Tag bis zum Ende blieb. Gleich am nächsten Tag folgte ein vielleicht letztes Mal „Back to school“, die möglicherweise letzte Michigan Football Saison hatte begonnen (nicht das ich ein Riesenfan dieses Sports bin, aber an Spieltagen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre in der Stadt), die Blätter färbten sich eventuell ein letztes Mal so irre intensiv bunt, wie ich es bisher nicht kannte, Halloween, Christmas, … Ach herrje, wie wird es werden, das Zurückkehren in die eigentliche Heimat? Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu viel darüber nachzudenken. „Go with the flow“ oder so ähnlich. Nicht im Sinne von passiv „treiben lassen“, vielmehr aktiv das gestalten und bewusst erleben, was sich ergibt. Ohne Fünfjahresplan. Ohne zwischen den beiden Welten diesseits und jenseits des Atlantiks hin- und hergerissen zu sein.

Genug herum philosophiert, zurück in die reale Ann Arbor Welt. It’s beginning to look a lot like Christmas. Als wir abgereisten, standen noch die Kürbisse vor den Türen und das ein oder andere Gruselelement war noch von Halloween übrig geblieben. Szenenwechsel: alles ist erleuchtet und blinkende Rehe und überdimensionale Blow-up Santas haben wieder das Terrain in unserer Hood übernommen. Da müssen wir noch dringend nachrüsten. Außerdem wird es Zeit, wieder ein paar Späße mit „Elf on the shelf“ zu treiben. Die lustige Elfe ist hier in vielen Familien eine vorweihnachtliche Tradition. Eine Art Adventskalender. Über Nacht kommt sie vom Nordpol zurück und sucht sich jeweils einen neuen Platz im Haus. Nach dem Aufwachen laufen die Kinder aufgeregt durch alle Zimmer und suchen nach dem rot-weißen Püppchen. Gefunden, darf sie nicht berührt werden, sonst verliert sie ihren Zauber. Tagsüber beobachtet sie, ob die Kids „naughty or nice“ sind und gibt Santa am Nordpol dann allabendlich Rapport.

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Mein kölscher Junge glaubt zwar nicht mehr an Santa, aber die Elfe wird trotzdem allmorgendlich erwartet. Wie war das mit dem Glauben an den Weihnachtsmann? „Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen,“ schreibt der Kolumnist der „New York Sun“, Francis P. Church, der achtjährigen Virginia aus New York. Sie hatte sich 1897 mit der Frage „Gibt es einen Weihnachtsmann?“ an die Tageszeitung gewandt. Der Briefwechsel wurde über ein halbes Jahrhundert – bis zur Einstellung der „Sun“ 1950 jedes Jahr zur Weihnachtszeit auf der Titelseite abgedruckt. Später hat die Welt am Sonntag diese Tradition übernommen. In diesem Sinne: feel the christmas spirit! Ach ja, und den Truthahn gibt es bei uns zur Bescherung.

Stundenplan war gestern

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Hi there!

Der gute alte Stundenplan … ich habe ihn geliebt. Er lag im Schreibwarenladen aus, es gab ihn in der Apotheke oder bei der Bank. Erst mal alle mitnehmen, dann für ein Design entscheiden. So habe ich das jedenfalls zu meiner Schulzeit gemacht. Und später gab es Eigenkreationen, damit sie ins entsprechende Mäppchen passten. Ach, nicht zu vergessen meine Snoopy Kalenderbücher, die ich eine zeitlang als Hausausgabenbücher genutzt habe. Die gesammelten Werke vergangener Schultage schlummern immer noch in irgendeiner Kiste in Köln.

Ein amerikanischer Middle Schooler braucht keinen old school Stundenplan. Abgesehen davon, dass hier jeder Tag gleich abläuft, ist das gesamte Leben des Schulkindes online einsehbar. „Power School“ heißt das Zauberwort. Den Begriff hatte ich wohl als Randnotiz auf dem Info-Abend vor den großen Ferien notiert, über dessen Tragweite war ich mir jedoch im Juni noch nicht bewusst. Als die Zugangsdaten dann kurz vor Schulstart einflogen, war ich noch im Ferienmodus. Zurück im Ann Arbor Public School Gebiet habe ich mich dann gleich mal eingeloggt. Aha: Tagesablauf, Noten, Hausaufgaben, Cafeteria-Guthaben, Anwesenheit .. alles online 24/7 einsehbar. So weit, so gut. Neue Verwunderung entstand, als mir eine befreundete Mutter einen Screenshot ihres Kindes schickte, um zu schauen, ob die Jungs gemeinsame Kurse haben. Mmmmh, das sah ganz anders aus, als auf meiner PC-Ansicht. „Ja, hast du dir denn die App noch nicht aufs‘ smart phone geladen?“ die überraschte Info auf meine offenbar naive Nachfrage. Puuh, hatte ich etwa noch vor Schulbeginn den Anschluss an die schöne neue digitale Schulwelt verpasst? Nachsitzen! Nostalgie hin- oder her, die Power School App befindet sich nun auch auf meine ersten phone-Seite. Jederzeit bereit für das nächste Update.

Toll!! Jetzt kann ich beim Warten an der Supermarktkasse, beim Friseur, beim Lunch oder grad‘ mal an der roten Ampel checken, was so in der Schule läuft. Hat Kind auch die Englisch Hausaufgaben rechtzeitig abgegeben? Wieviele Punkte gab es im Spanisch-Test? Wie steht es mit der Beteiligung in World History? Ah, den Extra-Bonus in Mathe eingeheimst, sehr schön! Ups, zu spät zu Science erschienen? Waaas??? Im Unterricht dazwischen gequatscht? Das ideale Tool für alle Helikopter Moms and Dads, die ihre Kreise am liebsten auch im Klassenzimmer und auf den Fluren ziehen würden. Ich persönlich möchte das alles gar nicht im Stundentakt wissen! Ich bin auch keine (Achtung neuer Begriff! Und ich schwöre: das habe ich mir nicht ausgedacht!!) „Pop-Up-Mom“. So bezeichnen sich Mütter, die immer mal wieder unangemeldet im Klassenraum ihrer Kinder auftauchen (und noch mächtig stolz darauf sind), um nach dem Rechten sehen. Liebe Schüler der 80er: jetzt stellt euch mal vor, eure Muttis wären einfach so im Klassenraum erschienen. Ihr hättet doch gedacht, euer Haus wäre abgebrannt oder der Opa gestorben.

Die wirklich wichtigen Informationen kommen übrigens noch mit der guten alten Email. Zum Beispiel, dass ein Schüler eine Waffe auf dem Schulcampus gesehen haben will und darauf hin unter riesigem Sicherheits-Brimborium sämtliche Spinde, Rucksäcke und Klassenräume durchsucht wurden. Ein paar Stunden später am gleichen Tag erhielt ich dann noch einen Anruf, der mich (zusätzlich zum Vermerk in Power School und via Stimme vom Band) über das Zuspätkommen meines Schülers in einem Kurs informierte. Bei meinem Rückruf habe ich freundlich aber bestimmt deutlich gemacht, was mich wirklich beunruhigt. Yikes! Welcome to Middle School.2016! Und einen wehmütigen Gruß an die guten alten Schultage mit handgeschriebenen Stundenplänen!

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