Detroit

Blau machen für mehr Grün

Hi there,

die ersten Kölner Balkon-Gurken sind geerntet. Vom Samenkorn zum fertigen eßbaren Produkt. Selbst auf engstem Raum. Das finde ich immer wieder faszinierend. Mutter Natur, du Gute! Mein Leben ist derzeit gärtnergrün. Balkonien grünt und blüht. Vor unserem Haus habe ich eine Baumbeet Patenschaft übernommen und gärtnere dort mit zwei Nachbarinnen fleißig herum. Hätte nie gedacht, dass ich das mal machen würde, fand ich doch eigentlich immer einen Hauch spießig. Aber jetzt finde ich es großartig, meine direkte Umgebung ein wenig schöner und den Bienchen und Schmetterlingen einen klitzekleinen zusätzlichen Ort zu schaffen. „Urban Gardening“ gehört ja schließlich nicht erst seit gestern zum guten Ton. Wie, du hast Geranien auf dem Balkon? Die sind doch überhaupt nicht insektenfreundlich. Hopp, hopp zum Markt, Lavendel kaufen!

Meine Gärtner-Begeisterung geht gar so weit, dass ich kürzlich eine Lesung zum Thema besuchte. „Bin im Garten“ heißt das neue Buch von Meike Winnemuth. Genau. Die, die bei Günter Jauch 2011 eine halbe Million Euro abräumte, anschließend eine 12-monatige Weltreise unternahm und darüber ein Buch geschrieben hat. In „Das große Los“ erzählt sie über ihr Reisejahr. Das Buch bekam ich 2013 zum Abschied geschenkt und es verschwand als allerletztes Teil in unserem Überseecontainer. Eher skeptisch nahm ich, die „Roman-Leserin“, es irgendwann zur Hand. Es wurde zu einem meiner persönlichen Pageturner. Und das liegt nicht nur daran, dass Frau Winnemuth seit ihrer Weltreise ausschließlich blaue Klamotten trägt. Vielmehr schreibt sie mir so oft aus der Seele. Was aufbrechen, reisen und entdecken, ankommen und wieder weggehen, neugierig sein, sich auf Land und Leute einlassen und die Liebe zum Meer angeht. Dass sie einen Reise-Monat auf Hawaii verbracht und sich dort auf Spurensuche nach einem meiner Serienhelden der 80er Jahre, Privatdetektiv Magnum, begeben hat, war da nur noch das Sahnehäubchen obendrauf.

Und nun ein neues Projekt und ein neues Buch: „Bin im Garten –  Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“. Nach der Weltreise suchte sie einen Ort zum Bleiben, steht im Klappentext. Der Moment, an dem sie die vage Idee von einer Heimat-Scholle bekam, ereignete sich fast 12.000 km entfernt vom heutigen Garten, auch auf Hawaii. Bei einem Morgenspaziergang am Strand sah sie einen Mann mit Hund, der still aufs Meer hinaus schaute. „Der geht hier jeden Tag her und anschließend frühstückt er. Der hat ein Leben und ich nicht“, dachte sie, die wie eine Nomadin durch die Welt reiste. „Ich will denselben Baum im Frühling, im Sommer, im Herbst und meinetwegen sogar im Winter sehen, dachte ich plötzlich, ich will den Wandel, aber am selben Ort, denn nur dort erlebt man ihn wirklich. Ich will irgendwo hingehören. Ich will endlich wieder ein Zuhause. Eine Heimat.“ Als sie diese Passage auf der Lesung vorlas, musste ich arg schlucken. Da war es wieder. Mit aller Wucht. Das Heimat-Thema. Das mich seit unserem Weggang in die USA und unserer Wiederkehr nach Deutschland so sehr beschäftigt.

Das Buch ist wie ein Tagebuch geschrieben und bei vielen Einträgen denke ich: ja ganz genau! Zum Beispiel, wenn Meike Winnemuth Sätze wie diesen schreibt: „Es geht darum herauszufinden, was einem persönlich wirklich wichtig und unverzichtbar ist. Der Rest kann weg.“ Einfache Weisheit? Von wegen. Wir sind nun fast ein Jahr wieder hier und der Prozess, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, hält an. Materiell, aber auch, und vor allem, immateriell. Wie sieht die große Aufgabe der Zukunft aus? Oder sind es viele kleine? Was verankert mich wieder fest im Kölner Boden? Wofür schlägt mein Herz am meisten? Worauf möchte ich mich fokussieren? Brauche ich jetzt etwa einen Garten? Eine Parzelle beim Kleingärtnerverein? Gar ein Häuschen auf dem Land? Hilfe, ich bin doch ein Stadtmädchen. Nicht so einfach, wieder Wurzeln zu schlagen, wenn man einmal entwurzelt war. Es wieder wachsen zu lassen, zu ernten. Vielleicht wühle ich deshalb gerade so gerne in der Erde. Auf unseren Balkonen und im Baumbeet vor der Tür.

Ein leichter Gartenvirus hatte mich schon in Michigan erfasst. Da habe ich vier Sommer lang Tomaten, Gurken, Salat, Kohlrabi, Zucchini und noch mehr Tomaten (mit so lustigen Namen wie Moonglow, Tommy Toe, German Lunchbox, Ukrainian Purple, Velvet Red oder Wisconsin Chief) angepflanzt. Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit, wenn man mit ein wenig Pflege, Wasser und gutem Zureden den kleinen Plätzchen zu großem Wachstum verhelfen kann und dann noch mit der leckeren Ernte für’s Abendbrot belohnt wird.

Detroit ist so etwas wie die Wiege des Urban Gardening. Und so wundert es sicherlich niemanden (#ilovedetroit), dass der Besuch einer urbanen Farm schon länger auf meiner „Bucket List“ stand. Im letzten Frühsommer habe ich mich dann endlich mit einer guten Freundin frühmorgens auf den Weg gemacht, um auf der „Earthworks Urban Farm“ zu helfen. Mit anderen Freiwilligen jäteten wir Unkraut zwischen den Kartoffelpflanzen und bekamen einen Einblick in die täglichen Abläufe eines landwirtschaftlichen Betriebes mitten in der Stadt.

In Detroit’s weitläufigem Stadtgebiet gibt es heute rund 1.600 Nutzgärten und Farmen, die Obst und Gemüse anbauen. Die Stadt verfügt über jede Menge freier Flächen. Seit den 90er Jahren werden auf diesen Brachen Nutzgärten angelegt, um die Versorgung der Stadt mit landwirtschaftlichen Produkten zu sichern. Mit dem massenhaften Wegzug der Menschen verließen auch die Supermärkte die Stadt. Was blieb, waren Tankstellen mit ihren angeschlossenen Convenience Läden, die aber kaum frisches Obst und Gemüse anbieten. Viele Farmen und Kooperativen verkaufen ihre Produkte mittlerweile auch auf den Wochenmärkten. Die non-profit Organisation „Keep Growing Detroit“ unterstützt die Farmen mit dem Ziel, den größten Teil des in Detroit benötigten Obst und Gemüse innerhalb der Stadtgrenzen zu produzieren.

Die „Earthworks Urban Farm“ hat ihre eigene Geschichte. Sie ist hervorgegangen aus der „Capuchin Soup Kitchen“, einer bereits 1929 gegründeten Organisation, die neben Nahrung auch Kleidung und Weiterbildungsprogramme für Bedürftige anbietet. Täglich werden 2000 Mahlzeiten serviert, es gibt ein Duschprogramm, eine Lebensmittelausgabe, Nachhilfe und Kunsttherapie für Kinder. 1997 ergänzte der Kapuzinermönch Rick Samyn die Suppenküche um einen Gemüsegarten. Seine Mission: die Gemeinschaft in der Nachbarschaft zu stärken, der jüngeren Generation zu zeigen, wie man gute Lebensmittel selbst erzeugen kann. Aus dem kleinen Garten wurde Stück für Stück die „Earthworks Urban Farm“ mit einer heutigen Fläche von über 10.000 Quadratmetern. Sie ist bio zertifiziert und hat mittlerweile Gewächshäuser, um auch in den Wintermonaten produzieren zu können. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden in der Suppenküche verwendet und an einem wöchentlichen Marktstand verkauft. Viele andere Gemeinschaftsgärten in Detroit beziehen Setzlinge von hier. Außerdem geben die Earthworks Farmer ihr Wissen an Schulen weiter. Übergeordnetes Ziel der Farm ist es, die Menschen der Stadt unabhängig von Supermärkten zu machen. Zur Capuchin Soup Kitchen gehört auch die „On the Rise Bakery“. Hier arbeiten Menschen, die nach einem Gefängnisaufenthalt oder nach Abschluss eines Drogenentzugs eine zweite Chance bekommen.

In deutschen Städten entstehen auch immer mehr Gemeinschaftsgärten. Die „Eßbare Stadt“ ist unübersehbarer Trend. Wäre es nicht toll, sich einen Teil der Mahlzeit einfach in der Nachbarschaft zu pflücken? Über’s Hochbeet hinweg einen kurzen Schwatz mit der netten Dame von nebenan zu halten. Mehr Gemeinschaft in der zum Teil anonymen Stadt. Mir gefällt dieser Gedanke gut und die Idee von der „Eßbaren Straße“ spukt nun in meinem Kopf. Gartenromantik direkt vor der eigenen Haustür. Ein wenig wie in Peter Alexanders Lied von der kleinen Kneipe. „… da, wo das Leben noch lebenswert ist. Dort in der Kneipe in unserer Straße. Da fragt dich keiner, was du hast oder bist.“ Hach. Genug geträumt. Ärmel hochkrempeln und hopp hopp an die Harke. Alles andere wächst dann sicherlich von ganz alleine.

7 days to go … last stop Michigan Central Station

(einige Fotos: Tino Ullrich)

Hi there!

„Ich persönlich träume von einer Gelegenheit, dieses wunderschöne Wahrzeichen von innen zu sehen.“ So endet mein Dezember Blog-Beitrag über die „Michigan Central Station“, den historischen Bahnhof von Detroit. Da war die Zukunft dieser seit drei Jahrzehnten leer stehenden Ruine noch ungewiss. Jetzt steht ihr eine glanzvolle Zukunft bevor. Und manchmal werden Träume tatsächlich wahr. Gestern haben sich die ansonsten streng bewachten Tore ins Innere des ehemaligen Bahnhofs für uns geöffnet. Ich kann immer noch noch glauben, dass ich tatsächlich da drin war. In der prachtvollen Wartehalle, im ehemaligen Restaurant- und Barbereich, und dort, wo 1988 das letzte Ticket verkauft wurde. Und … oder habe ich das heute Nacht eben doch nur geträumt? Auf dem Dach, 18 Stockwerke hoch über Detroit. Downtown geradeaus, die Ambassador Brücke (Bridge to Canada) über den Detroit River zur Rechten und links unten wie eine Miniatur-Filmkulisse der Stadtteil Corktown. Kann mich mal jemand kneifen?

Die Ford Motor Company hat die über 100 Jahre alte Michigan Central Station vor einigen Wochen gekauft. Sie wird das monumentale Gebäude zum Herzstück des neuen Ford Hi-Tech Campus machen. Von hier aus wird das Unternehmen seine Vision für die Zukunft von Transport und Mobilität weiter entwicklen. Neben Büroflächen für die Bereiche „autonomes Fahren“ und „Elektro-Fahrzeuge“ wird der historische Bahnhof im Erdgeschoß für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Dort, wo früher die Menschen auf die Abfahrt ihrer Züge warteten, wird es einen Mix aus Einzelhandel, Gastronomie und Community-Flächen geben.

Der Bahnhof liegt im ältesten Stadtteil Detroits, in Corktown. Ford hat bereits im letzten Jahr ein weiteres Gebäude in der Nachbarschaft bezogen. In einer ehemaligen Strickerei arbeitet heute das „Team Edison“. Hier tüfteln rund 200 Ingenieure, Designer und Softwareentwickler an zukünftigen Produkten und Konzepten rund um die persönliche Mobilität. Damit hat Ford wieder eine Präsenz in der Stadt, in der die Ford Motor Company 1903 gegründet wurde. Die heutige Konzernzentrale befindet sich im rund 15 Meilen entfernten Dearborn, der Geburtsstadt von Firmengründer Henry Ford. Für die Stadt Detroit wird der Kauf dieses Wahrzeichens mehr bedeuten, als „nur“ die Renovierung einer weiteren Ruine. Laut Ford sollen rund 2.500 Mitarbeiter bis 2022 hier arbeiten. Insgesamt wird es Raum für etwa 5000 Arbeitsplätze geben. Das wird wesentlichen Einfluß auf Wachstum und Entwicklung der Motorcity haben. Und der Bahnhof wird nach so langer Zeit der Ungewissheit wieder eine wesentliche Rolle in Sachen Transport und Mobilität spielen.

Ich habe es schön öfter im Zusammenhang mit den Ruinen von Detroit geschrieben. Aber nie hatte „a moment in time“ eine größere Bedeutung als gestern Abend. Schon bald werden die Renovierungsarbeiten beginnen. 2022 sollen sie abgeschlossen sein. Bis dahin halte ich die Michigan Central Station so in Erinnerung, wie sie sich mir gestern präsentiert hat. Das Beste von Detroit zum Schluß. Manchmal werden Träume eben wahr. Thank you, Ford.

 

black & white

„What living around black people for the last decade has taught me is less about what it means to be black and more about what ist means to be white.“
Drew Philp, Autor „A 500 Dollar House in Detroit“

Hi there!

Färbt man einen Stadtplan vom Großraum Detroit nach der Hautfarbe ihrer Bewohner, ergibt sich ein brutales Bild. Das Bild der am stärksten segregierten Stadt der USA. Die berühmte „8 Mile Road“, die eine waagerechte 20 Meilen lange Linie zwischen dem inneren Stadtgebiet Detroits und den angrenzenden nördlichen Vororten zieht, trennt die schwarze Bevölkerung räumlich von der mit weißer Hautfarbe. Während der Anteil der Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA rund 14% beträgt, haben in Detroit südlich der 8 Mile Road rund 85% der Menschen einen afroamerikanischen Hintergrund. Gründe für dieses Ungleichgewicht sind neben dem massiven Wegzug der weißen Bevölkerung aus dem innerstädtischen Bereich, diskriminierende Praktiken in der Wohnungspolitik. Weiße Familien wurden mit subventionierten Krediten in die grünen Vororte gelockt, schwarze Hauskäufer bekamen keine Hypothek. Auch Baugesellschaften erhielten billige Kredite, wenn sie sich verpflichteten, ihre Objekte nicht an schwarze Bürger zu verkaufen. Der Wegzug der weißen Bewohner führte zu einem Absinken der Immobilienpreise in der Stadt. Parallel verschwanden Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen sanken. Ein Teufelskreis, der sich über die Jahre desaströs auf die Infrastruktur Detroits ausgewirkt hat.

Über die „8 Mile Wall“, die eine visuelle Grenze zwischen weißen und schwarzen Neighborhoods im Norden der Stadt zieht, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog berichtet. Dann hörte ich von einer weiteren „Grenzlinie“. Eine, die das schwarze, schmuddelige und kriminelle (so zumindest die weitläufige Meinung vieler) Detroit von den weißen, wohlhabenden Gemeinden im Osten der Stadt trennen soll. Dort wo der Detroit River in den Lake St. Clair mündet, beginnen die von altem Geld dominierten „Grosse Pointe“ Gemeinden. Hier wurde die dominierende Hautfarbe zwischen 1945 und 1960 über ein Punkte-System bestimmt. Potentielle Hauskäufer mussten eine bestimmte Punktzahl erreichen, um Eigentum erwerben zu dürfen. Die Immobilienfirmen beauftragten private Ermittler, die die Bewerber nach Dunkelheit ihrer Hautfarbe, Akzent, Religion, Ausbildung, Kleidung und Lebensweise (z.B. hatte man vornehmlich weiße Freunde) beurteilte. Das diskriminierende System wirkt auch über 50 Jahre nach Abschaffung der legalen Rassentrennung in den USA nach. Weniger als 10% der Grosse Pointe Bewohner sind schwarz.

„Grosse Point Park“ ist die erste der fünf Gemeinden, die sich an das Stadtgebiet von Detroit anschließt. Über die Kercheval Avenue fährt man von Detroit direkt hinein nach Grosse Pointe Park. An einem kalten Februartag sind wir ihr durch die östlich von Downtown liegenden Stadtteile gefolgt. Wir parken auf der Detroit Seite und überqueren die „Grenze“ zwischen Detroit und Grosse Point Park zu Fuß. Der Kontrast könnte nicht krasser ausfallen. Bröckelnde Fassaden, leer stehende Geschäfte, Seitenstraßen mit verlassenen, teils niederbrannten Wohnhäusern und verwaisten Grundstücken auf der einen Seite. Hat man den Kreisverkehr durchschritten, betritt man eine komplett andere Welt. Die vor uns liegende schicke Geschäftsstraße wird mit dezenter Musik beschallt. Bänke, hochwertige Straßenlaternen, hübsche Fassaden, riesige Standuhren und  Kunstobjekte säumen die gepflegten Bürgersteige. Boutique, Bakery, Craft Beer Brauerei mit Biergarten – alles da, alles tippi toppi. Auch ein Blick in die angrenzenden Wohnstraßen verrät: hier ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher als einen Steinwurf entfernt in Detroit. In der einst wohlhabendsten Stadt der USA leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Während in Detroit die Straßenbeleuchtung in vielen Nachbarschaften aus Geldmangel abgeschaltet wurde, verschlingt die Weihnachtsbeleuchtung der Grosse Pointe Villen sicherlich so manche Kilowatt Stunde Strom. Während Detroiter Familien das Wasser abgestellt wird, plätschern hier im Sommer Springbrunnen munter vor gigantischen Villen mit weißen Säulen. 2016 hatte in Detroit einer von sechs Haushalten keinen Zugang zu Frischwasser. Die Vereinten Nationen haben das massenhafte Abschalten von Wasser in Detroit eine „violation of human rights“ genannt. Vier der fünf „Großen Seen“, das größte Frischwasser-Reservoir der Erde, umspülen Michigan. Just saying. Mit Wasser gespart wird bestimmt nicht, wenn es um die penibel manikürten Rasenflächen der Grosse Pointe Villen geht. Ich weiß: das ist auch ein wenig „schwarz-weiß“ beschrieben … aber nirgendwo sonst habe ich hier einen so extrem offensichtlichen Wechsel der Szenerie erlebt. Die Krise in Detroit – und die damit einhergegangene Trennung in fast ausschließlich schwarze und weiße Stadteile – ist zudem nicht durch mangelnde persönliche Verantwortung Einzelner, sondern unter anderem durch eine gezielte (politisch motivierte) Steuerung von außen entstanden.

Um in der schönen, heilen Welt von Grosse Pointe unter sich zu bleiben, hat man sich so einiges einfallen lassen. Es begann im Winter 2014, als von Detroit kommende Autofahrer sich plötzlich einer riesigen Schneewand auf der Kercheval Avenue gegenüber sahen. Genau an der Stelle, wo sich heute der Kreisverkehr befindet. Angeblich wusste man in diesem extrem schneereichen Winter nicht mehr, wohin mit dem weißen Zeug. Klar, dann türmt man es mitten auf einer viel genutzten Verkehrsader auf. Der Schnee schmolz, der einspurige Kreisverkehr wurde errichtet. Es folgte ein Farmers Market mit fest installierten Buden, deren geschlossene Rückwände wie eine Blockade Richtung Detroit wirkte. Nach heftigen Protesten wurden die Buden wieder entfernt. Einen weiteren Versuch, eine visuelle Grenzlinie zu ziehen, erfolgte mit Weihnachtsbäumen. Im Sommer 2015 wurde der Kreisel dann mit 15 überdimensionalen Blumentöpfen bestückt. Seitdem streiten sich die Geister, ob dies eine weitere diskriminierende „keep Detroiters out“- Blockade ist, oder die Kombination aus Kreisverkehr und Riesen-Pötte der Verkehrsberuhigung und Verschönerung dienen. Im letzten Sommer wurde das Ensemble um die Skulptur „Sails of Two Cities“ ergänzt. Die Künstler und Brüder Israel und Eric Nordin haben sich dabei von der Lage am Wasser, die Detroit und Grosse Pointe gemeinsam haben, leiten lassen. Zwei Boote, die harmonisch miteinander segeln. Ob die Skulptur die offenen Wunden heilt? Sicherlich nicht. Aber vielleicht ist sie ein versöhnliches Angebot, miteinander im Dialog weiterzukommen. Black & white. Gemeinsam.

changing lives through art

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Hi there!

Tyree Guyton wuchs in der „McDougall-Hunt“ Neighborhood im Osten Detroits auf. Als er 1986 in die Straße seiner Kindheit zurückkehrte, war er schockiert über das Ausmaß des Verfalls. Gemeinsam mit seinem Großvater begann er, verlassene Grundstücke aufzuräumen. Mit den Fundstücken verwandelte er die Heidelberg Street in einen öffentlichen Kunstraum. Leere Grundstücke wurden zur Ausstellungsfläche für seine kreativen Installationen aus Schuhen, Stofftieren, Autoteilen, Türen. Verlassene Häuser bemalte er mit leuchtenden bunten Punkten oder riesigen Ziffern und nannte sie „Polka Dot House“ oder „Number House“. Punkt für Punkt wurde so im Laufe der nächsten Jahre aus einem trostlosen Straßenblock das bunte, international beachtete Outdoor Kunstmuseum „The Heidelberg Project“. Pinsel und Besen statt Waffen und Drogen. Er bezog vor allem Kinder aus der Nachbarschaft mit ein, und führte Workshops in Schulen durch. Seine Mission: Das Leben der Menschen verändern, ihnen eine neue, positive Perspektive eröffnen, in dem sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen. Veränderungen sehr direkt in einem begrenzten Raum angehen – ein Konzept, das man aktuell in Detroit in vielen Bereichen und Nachbarschaften beobachten kann. Viele kleine Lösungen statt einiger weniger großer, die die Menschen nicht mit einbeziehen. Dahinter steckt die Idee von einer Gemeinschaft, die eine eigene Dynamik entwickelt, sich aus eigener Kraft neu erfindet und dann in der Lage ist, sich selbst zu erhalten.

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Der Gedanke „The next big thing will be a lot of small things“ des belgischen Designers Thomas Lommée kommt mir in dem Zusammenhang in den Kopf. Tyree Guyton hat vor 30 Jahren einfach angefangen, die Welt in seinem überschaubaren Lebensumfeld ein wenig besser, ein wenig bunter, ein wenig hoffnungsvoller zu machen. Das Projekt ist – wie Detroit selbst – seit dem ersten Pinselstrich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Aber es hat sich immer wieder in irgendeiner Form verändert und weiterentwickelt. Selbst nachdem zwischen 2013 und 2016 einige Häuser der Brandstiftung zum Opfer fielen, hat Guyton sich nicht entmutigen lassen. Es sind die Ideen, Visionen und Prinzipien, die den Künstler und sein Team immer wieder antreiben. Nicht so sehr die einzelnen Objekte. „Things can be replaced, so we are not so much attached to these things as much as we are attached to the principle of pushing forward“, formuliert seine Frau und Projekt-Partnerin, Jenenne Whitfield, es. Das Heidelberg Projekt hat in drei Jahrzehnten Diskussionen in Detroit angeregt, auf vergessene Nachbarschaften aufmerksam gemacht und vieles in Bewegung gebracht.

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Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Tyree Guyton nennt diese nächste Stufe „Heidelberg 3.0“. Erklärtes Ziel: das Projekt zu einem Musterbeispiel dafür zu machen, wie urbane Gemeinschaften sich aus eigener Kraft transformieren können. Er möchte einen neuen Weg beschreiten, Visionen und Hoffnung in Stadtteile wie den der McDougall-Hunt Neighborhood zu tragen. Die Gestaltung eines Kunstwerkes ist ihm zu wenig. Er möchte inklusive Gemeinschaften formen. Auf der Heidelberg Street sollen Ateliers entstehen, in denen Künstler eine Weile arbeiten können. Im Gegenzug leisten sie einen Beitrag zur Heidelberg Mission und bieten beispielsweise Workshops für Nachbarn an. Ein weiterer „Heidelberg 3.0“ Baustein ist die Gründung der „Heidelberg Arts Leadership Academy“ – ein Nachmittagsprogramm für Schüler der vierten bis zwölften Klasse, das die Kinder und Jugendlichen zu sogenannten „Change Agents“ für ihre eigenen Gemeinden ausbilden soll.

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Ich war im August 2013 zum ersten Mal in der Heidelberg Street. Damals standen noch alle Häuser. Ich habe auf den Stufen des „Soul Houses“, das über und über mit Schallplatten bestückt war, gesessen. Bis heute bin ich unzählige Male dort gewesen, meist mit Besuch aus Deutschland. Es war nie langweilig, denn bei jedem Besuch präsentierte sich das Heidelberg Projekt anders. Und trotzdem finden sich in dieser lebendigen Outdoor Kunstgalerie einige Symbole, Gegenstände und Leitideen immer wieder. Uhren und die Zeit sind so ein Beispiel. „Alles dreht sich um die Zeit. Alles ist im Fluß. Die Zeit verändert die Dinge ständig. Zeit kann man nicht abschalten“, hat Tyree Guyton eine seiner Leitideen beschrieben, als ich ihn gemeinsam mit einer Freundin im letzten Jahr persönlich kennenlernen durfte. Da hatte er gerade öffentlich gemacht, welche Veränderungen er für das Projekt in den nächsten Jahren angestrebt.

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Ein Vorhaben, das Hoffnung macht. Hoffnung auf neue Chancen für die Menschen der McDougall-Hunt Nachbarschaft. Die Not in dem Viertel ist groß, 40% der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Eines von fünf Häusern steht leer. Es ist eine große Herausforderung, die Interessen der Bewohner und die der Macher und mittlerweile jährlich 200.000 Besucher dieses öffentlichen Kunstraumes in Einklang zu bringen. Das alles passiert, während weniger als drei Meilen südwestlich gigantische Bauprojekte wie die neue Hockey Arena, Luxushotels und schicke Bürogebäude hochgezogen werden. Die große Aufgabe der Zukunft für Detroit bleibt. Einen guten Weg für Stadtteile wie diesen zu finden. Einen, der die langjährigen Bewohner mit einbezieht. Einen, der zwischen einer sozialen Umstrukturierung von außen und dem kompletten Vergessen der vielen Stadtteile jenseits von Downtown liegt. One step at a time.

Countdown to Christmas …

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Art Deco in Detroit

Detroit stieg in den 1920er Jahren zu einem beispiellos reichen weltweiten Industrie- und Handelsstandort auf. Zeugen dieser Zeit sind wunderschöne Art Deco Gebäude in der Stadt. Zwei von ihnen stechen besonders hervor. Ich weiß noch, als wir das erste Mal, eher zufällig, ins Guardian Building hinein gingen. Im Winter 2014. Draußen war es eisig kalt, grau, trostlos. Drinnen ein plötzlicher Glanz, wir haben unseren Augen kaum getraut. Vor allem hatten wir das in Detroit irgendwie nicht erwartet.

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Das Guardian Building, auch als Detroit’s „Cathedral of Finance“ bekannt, wurde 1929 in der Innenstadt eröffnet. Schon die Fassade des 36 Stockwerke hohen Gebäudes ist unglaublich schön. Die glasierten Kacheln, deren leuchtende Farben sich auch im Inneren wiederfinden, stammen aus der Pewabic Pottery in Detroit. Innen wird es noch prächtiger. Ein riesiges buntes Wandmosaik mit Blattgold Einlegearbeiten nimmt die eine Stirnseite ein. Es zeigt Szenen aus der Industrie-, Handels- und Agrargeschichte Michigans. Das Guardian Building wurde ausschließlich mit Menschen aus dem eigenen Staat realisiert. Architekt, Handwerker und Künstler – alles Michigander.

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Das Fisher Building, 1928 fertig gestellt, war ein Geschenk der wohlhabenden Fisher Brüder (das Unternehmen „Fisher Body“ baute Karosserien für verschiedene Automobilhersteller, bevor General Motors die Firma übernahm) an die Stadt Detroit. Architekt Albert Kahn erhielt von ihnen den Auftrag, das schönste Gebäude der Welt zu bauen. Nicht weit von Downtown entstand gemeinsam mit der General Motors Zentrale gegenüber das „New Center“. Das Fisher Building beherbergte neben der Fisher Firmenzentrale luxuriöse Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants und das prachtvolle Fisher Theater. Die Fassade beeindruckt, aber die wahre Schönheit des Gebäudes findet man in seinem opulenten Inneren. Vierzig verschieden Arten Marmor wurden hier verbaut, die prächtigen Deckengewölbe sind in leuchtenden Farben bemalt. Viel Glanz, viel Gold, ein rauschendes Fest für die Augen.

Countdown to Christmas …

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Für mich ist sie die schönste Ruine Detroits – die Michigan Central Station. Mächtig und alleine steht sie mit ihrem prächtigen Eingangsportal an der Michigan Avenue, eine der Hauptzufahrtsstraßen nach Downtown Detroit. Das ist gleichzeitig mein favorisierter Weg hinein in die Stadt. Am liebsten fahre ich sogar ein paar Ausfahrten früher vom Highway ab, um mich dem Zentrum entlang der Michigan Avenue langsam zu nähern. Auf diesem Weg sieht man Detroit in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Zunächst zeigt die Michigan Avenue genau jenes Gesicht, das die meisten von Detroit im Kopf haben: leer stehende Häuser, zum Teil mit Holzbrettern notdürftig zugenagelt, schmuddelige Geschäfte, herunter gekommene Tankstellen, billige Fastfood Läden, jugendliche Crack-Dealer, Trostlosigkeit. Mit dem plötzlich auftauchenden monumentalen Bau des ehemaligen Bahnhofs wandelt sich das Bild. Hier beginnt „Corktown“, das älteste Viertel Detroits. Ein Stadtteil, der sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat. Mich erinnert er mit seiner lebendigen Szene an Kreuzberg.

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Im Winter 2014 noch ohne Fenster

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Fast 30 Jahre ist es her, dass der letzte Zug die Michigan Central Station verlassen hat. 1914 öffnete sie, gebaut im klassischen „Beaux-Arts“ Stil von den Architekten, die auch New York’s Grand Central Station entwarfen. Damals war sie das größte Bahnhofsgebäude der Welt, 200 Züge verließen täglich Detroit. Niemand hatte die wachsende Bedeutung der persönlichen Mobilität vorhergesehen. Im zweiten Weltkrieg noch stark durch das amerikanische Militär genutzt, wurde es nach dem Krieg ruhiger um die Central Station. Die Menschen begannen auf das Auto umzusteigen.

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Unzählige alternative Nutzungsmöglichkeiten wurden in den letzten drei Jahrzehnten diskutiert – vom Polizei Hauptquartier, über ein Casino bis hin zu einem Zoll-Handelszentrum. 2009 wurde sogar der Abriß beschlossen, obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Im selben Jahr fand es einen Käufer, der mit der Renovierung im Inneren begann. 2015 wird der Fortschritt auch außen sichtbar, über 1000 neue Fenster wurden eingesetzt. Trotzdem gibt es bisher keinen konkreten Plan für die Zukunft dieses immer noch prachtvollen Gebäudes. Es ist das bekannteste und augenfälligste Symbol für Aufstieg und Fall der Stadt Detroit. Ich persönlich träume von einer Gelegenheit, dieses wunderschöne Wahrzeichen von innen zu sehen. Oder gar aufs‘ Dach zu gelangen. Um eines der coolen Fotos zu schießen, die man im Netz findet, und die gemacht wurden, bevor das Gebäude komplett abgeriegelt wurde.

Countdown to Christmas …

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Schon so oft habe ich es vom Freeway aus glitzern gesehen. Im Januar war ich mit einer Freundin aus Deutschland endlich dort. Im „African Bead Museum“ in Detroit. Zehn Jahre lang hat der Afroamerikaner Olayami Dabls beim „Charles H. Wright Museum of African American History“ als Kurator und Künstler gearbeitet. Die Zeit dort inspirierte ihn vor 16 Jahren zur Gründung des African Bead Museums, das auch ein Ort der Begegnung ist und Verständnis für die Bedeutung der afrikanischen Kultur stärken soll. Wesentlich in einer Stadt, in der über 80% der Menschen schwarz sind. Im Shop gibt es eine riesige Auswahl an Perlen, einige von ihnen sind mehr als 400 Jahre alt. Außerdem Bücher, Gemälde und Skulpturen von lokalen afroamerikanischen Künstlern. Die Außenfassade des Hauptgebäudes ist ein Gesamtkunstwerk aus Spiegeln, Glasstücken, farbenfrohen Mustern und afrikanischen Motiven.

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Das Areal mit 18 Outdoor Installationen nimmt fast einen gesamten Block ein. Dabls hat hier eine außergewöhnliche Phantasiewelt aus Eisen, Stein, Holz Spiegeln und vielen anderen Fundstücken geschaffen. Sie stammen allesamt aus niedergebrannten oder verlassenen Häusern. Dabls hat sie recycelt und nun führen sie ein zweites, schönes Dasein und erzählen Geschichten aus der afrikanischen Kultur. Eine „Phoenix aus der Asche-Erfolgsgeschichte“, wie so viele in Detroit.

 

Countdown to Christmas …

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„I had come to a hotel downtown for a live auction of properties in Detroit. Starting bid was $500, less than the price of a decent television … We were a long way from „Yes we can.“ But there was one place people did. One place of except. That was Detroit.“

Anfang und Ende des Prologs im Buch „A $ 500 House in Detroit“. Der Autor Drew Philp hat sein Buch vor einigen Wochen in der Bibliothek Ann Arbor vorgestellt. Er hat mich tief beeindruckt (und natürlich mit signiertem Buch in der Tasche) zurückgelassen. Noch als Student der „University of Michigan“ hier in Ann Arbor hat er mit 23 Jahren seine komfortable Campus-Unterkunft gegen eine unbewohnbare Hausruine in Detroit getauscht. Ein seit Jahren verlassenes Haus, gefüllt mit Müll, ohne Fenster, Wasser, Strom oder dichtes Dach. Im Buch beschreibt Philp den schrittweisen Wiederaufbau, den er fast ausschließlich mit seinen eigenen Händen und der Hilfe von Familie und Freunden bewerkstelligt hat. Raum für Raum. Es erzählt davon, wie die Gemeinschaft im Stadtteil funktioniert, und wie er sich als neuer Nachbar eingebracht hat.

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Das Buch geht jedoch über seine persönliche Geschichte hinaus. Es beschreibt auch die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung Detroits in den letzten zehn Jahren. Philp skizziert seine eigene Vision, wie die Zukunft in einer Stadt, in der Armut, eine hohe Kriminalität und die Rassenproblematik immer noch die drängendsten Themen sind, aussehen könnte. Und da spielen das persönliche Engagement jedes einzelnen Bewohners und die kleinen Lösungen die größten Rollen. Mit jedem wieder aufgebauten Haus, jedem urbanen Garten, jeder Bürgerinitiative wächst das neue Detroit ein Stückchen mehr.

„As we rebuild this ashen city, we’re deciding on an epic scale what we value as Americans in the 21st century. The American Dream is alive in Detroit, even if it flickers.“ Drew Philip

 

Countdown to Christmas …

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Disney in Detroit

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Fast komplett vom Großraums Detroit eingeschlossen, liegt die Stadt Hamtramck. Polnische Einwanderer kamen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Stadt und fanden Arbeit in der Autofabrik der Dodge Brüder. Noch heute sind die polnische Bäckereien (sie liefern am Fat Tuesday die köstlichen „Paczkis“ kistenweise nach Ann Arbor) und Metzgereien über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Die Demographie hat sich jedoch verändert. Heute ist Hamtramck ein bunter Mix der Kulturen. Menschen aus Albanien, Bosnien, Armenien, dem Libanon, Jemen und  Bangladesh fanden hier eine neue Heimat.

Auch Dmytro Sylak kam als Einwanderer. Er wuchs in der Ukraine auf und immigrierte in den 1950er Jahren mit seiner Frau nach Hamtramck. 30 Jahre lang arbeitete er bei General Motors. Als er Mitte der 1980er Jahre in Rente ging und ein Hobby suchte, begann er, Teile seines Wohnhauses in eine Kunstinstallation zu verwanden. Über 30 Jahre ist das riesige Konstrukt organisch gewachsen. Sylak hat es ohne vorherigen Plan Stück für Stück mit selbst gefertigten und gefundenen Objekten errichtet und immer wieder verändert. Das ungewöhnliche Kunstobjekt sitzt zwischen den beiden Garagen des Hauses. Überall ragen bewegliche Skulpturen in die Luft, bewegen sich im Wind, leuchten teilweise im Dunklen auf. Die Garagen sind Galeriefläche für eine bunte Mischung aus amerikanischen Abbildungen und Erinnerungen an Szylak’s europäische Vergangenheit.  2015 verstarb der Künstler im Alter von 92 Jahren. Die Zukunft des Hamtramck Disneyland war zunächst ungewiss. Dann hat eine Gruppe von Bewohnern und Künstlern den Erhalt dieser ungewöhnlichen Outdoor-Installation übernommen. Als Dmytro Sylak noch lebte, gab er persönliche Touren durch seine farbenfrohe Phantasiewelt aus Mickey Mouse, Schaukelpferd, Reklameschildern und Spielzeugfiguren. 2006 hat das Modell Kate Moss hier sogar ein Foto-Shooting veranstaltet. Habt ihr Santa entdeckt?

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Countdown to Christmas …

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Freunde der Architektur!

Detroit überrascht oft mit Vierteln, die man so nicht erwarten würde. Östlich an Downtown angrenzend liegt gut versteckt in einer grünen, urbanen Oase der historische Distrikt „Lafayette Park“. Kein Geringerer als der in Aachen geborene und 1939 in die USA ausgewanderte Bauhaus Architekt „Ludwig Mies van der Rohe“ hat sie zwischen 1956 – 1959 gebaut. Sie ist die weltweit größte Wohnanlage van der Rohes und ein einmaliges Beispiel der Idee Bauhaus. Der Lafayette Park umfasst 186 Einfamilien-Häuser, 3 Apartmenthäuser, eine Schule, einige Einzelhandelsgeschäfte und eine Grünfläche. Das Viertel ist im „National Register of Historic Places“ gelistet und seit 2015 als „National Historic Landmark“ des United States National Park Service. Es soll Menschen geben, die aus Kalifornien nach Detroit ziehen, nur um in einem Mies van der Rohe Haus zu leben. In einigen Teilen der Stadt kann man noch Häuser ab 500 Dollar kaufen. Für eine Mies Einheit werden jedoch aktuell um eine halbe Million Dollar für ca. 140 Quadratmeter aufgerufen.

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