Detroit

black & white

„What living around black people for the last decade has taught me is less about what it means to be black and more about what ist means to be white.“
Drew Philp, Autor „A 500 Dollar House in Detroit“

Hi there!

Färbt man einen Stadtplan vom Großraum Detroit nach der Hautfarbe ihrer Bewohner, ergibt sich ein brutales Bild. Das Bild der am stärksten segregierten Stadt der USA. Die berühmte „8 Mile Road“, die eine waagerechte 20 Meilen lange Linie zwischen dem inneren Stadtgebiet Detroits und den angrenzenden nördlichen Vororten zieht, trennt die schwarze Bevölkerung räumlich von der mit weißer Hautfarbe. Während der Anteil der Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA rund 14% beträgt, haben in Detroit südlich der 8 Mile Road rund 85% der Menschen einen afroamerikanischen Hintergrund. Gründe für dieses Ungleichgewicht sind neben dem massiven Wegzug der weißen Bevölkerung aus dem innerstädtischen Bereich, diskriminierende Praktiken in der Wohnungspolitik. Weiße Familien wurden mit subventionierten Krediten in die grünen Vororte gelockt, schwarze Hauskäufer bekamen keine Hypothek. Auch Baugesellschaften erhielten billige Kredite, wenn sie sich verpflichteten, ihre Objekte nicht an schwarze Bürger zu verkaufen. Der Wegzug der weißen Bewohner führte zu einem Absinken der Immobilienpreise in der Stadt. Parallel verschwanden Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen sanken. Ein Teufelskreis, der sich über die Jahre desaströs auf die Infrastruktur Detroits ausgewirkt hat.

Über die „8 Mile Wall“, die eine visuelle Grenze zwischen weißen und schwarzen Neighborhoods im Norden der Stadt zieht, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog berichtet. Dann hörte ich von einer weiteren „Grenzlinie“. Eine, die das schwarze, schmuddelige und kriminelle (so zumindest die weitläufige Meinung vieler) Detroit von den weißen, wohlhabenden Gemeinden im Osten der Stadt trennen soll. Dort wo der Detroit River in den Lake St. Clair mündet, beginnen die von altem Geld dominierten „Grosse Pointe“ Gemeinden. Hier wurde die dominierende Hautfarbe zwischen 1945 und 1960 über ein Punkte-System bestimmt. Potentielle Hauskäufer mussten eine bestimmte Punktzahl erreichen, um Eigentum erwerben zu dürfen. Die Immobilienfirmen beauftragten private Ermittler, die die Bewerber nach Dunkelheit ihrer Hautfarbe, Akzent, Religion, Ausbildung, Kleidung und Lebensweise (z.B. hatte man vornehmlich weiße Freunde) beurteilte. Das diskriminierende System wirkt auch über 50 Jahre nach Abschaffung der legalen Rassentrennung in den USA nach. Weniger als 10% der Grosse Pointe Bewohner sind schwarz.

„Grosse Point Park“ ist die erste der fünf Gemeinden, die sich an das Stadtgebiet von Detroit anschließt. Über die Kercheval Avenue fährt man von Detroit direkt hinein nach Grosse Pointe Park. An einem kalten Februartag sind wir ihr durch die östlich von Downtown liegenden Stadtteile gefolgt. Wir parken auf der Detroit Seite und überqueren die „Grenze“ zwischen Detroit und Grosse Point Park zu Fuß. Der Kontrast könnte nicht krasser ausfallen. Bröckelnde Fassaden, leer stehende Geschäfte, Seitenstraßen mit verlassenen, teils niederbrannten Wohnhäusern und verwaisten Grundstücken auf der einen Seite. Hat man den Kreisverkehr durchschritten, betritt man eine komplett andere Welt. Die vor uns liegende schicke Geschäftsstraße wird mit dezenter Musik beschallt. Bänke, hochwertige Straßenlaternen, hübsche Fassaden, riesige Standuhren und  Kunstobjekte säumen die gepflegten Bürgersteige. Boutique, Bakery, Craft Beer Brauerei mit Biergarten – alles da, alles tippi toppi. Auch ein Blick in die angrenzenden Wohnstraßen verrät: hier ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher als einen Steinwurf entfernt in Detroit. In der einst wohlhabendsten Stadt der USA leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Während in Detroit die Straßenbeleuchtung in vielen Nachbarschaften aus Geldmangel abgeschaltet wurde, verschlingt die Weihnachtsbeleuchtung der Grosse Pointe Villen sicherlich so manche Kilowatt Stunde Strom. Während Detroiter Familien das Wasser abgestellt wird, plätschern hier im Sommer Springbrunnen munter vor gigantischen Villen mit weißen Säulen. 2016 hatte in Detroit einer von sechs Haushalten keinen Zugang zu Frischwasser. Die Vereinten Nationen haben das massenhafte Abschalten von Wasser in Detroit eine „violation of human rights“ genannt. Vier der fünf „Großen Seen“, das größte Frischwasser-Reservoir der Erde, umspülen Michigan. Just saying. Mit Wasser gespart wird bestimmt nicht, wenn es um die penibel manikürten Rasenflächen der Grosse Pointe Villen geht. Ich weiß: das ist auch ein wenig „schwarz-weiß“ beschrieben … aber nirgendwo sonst habe ich hier einen so extrem offensichtlichen Wechsel der Szenerie erlebt. Die Krise in Detroit – und die damit einhergegangene Trennung in fast ausschließlich schwarze und weiße Stadteile – ist zudem nicht durch mangelnde persönliche Verantwortung Einzelner, sondern unter anderem durch eine gezielte (politisch motivierte) Steuerung von außen entstanden.

Um in der schönen, heilen Welt von Grosse Pointe unter sich zu bleiben, hat man sich so einiges einfallen lassen. Es begann im Winter 2014, als von Detroit kommende Autofahrer sich plötzlich einer riesigen Schneewand auf der Kercheval Avenue gegenüber sahen. Genau an der Stelle, wo sich heute der Kreisverkehr befindet. Angeblich wusste man in diesem extrem schneereichen Winter nicht mehr, wohin mit dem weißen Zeug. Klar, dann türmt man es mitten auf einer viel genutzten Verkehrsader auf. Der Schnee schmolz, der einspurige Kreisverkehr wurde errichtet. Es folgte ein Farmers Market mit fest installierten Buden, deren geschlossene Rückwände wie eine Blockade Richtung Detroit wirkte. Nach heftigen Protesten wurden die Buden wieder entfernt. Einen weiteren Versuch, eine visuelle Grenzlinie zu ziehen, erfolgte mit Weihnachtsbäumen. Im Sommer 2015 wurde der Kreisel dann mit 15 überdimensionalen Blumentöpfen bestückt. Seitdem streiten sich die Geister, ob dies eine weitere diskriminierende „keep Detroiters out“- Blockade ist, oder die Kombination aus Kreisverkehr und Riesen-Pötte der Verkehrsberuhigung und Verschönerung dienen. Im letzten Sommer wurde das Ensemble um die Skulptur „Sails of Two Cities“ ergänzt. Die Künstler und Brüder Israel und Eric Nordin haben sich dabei von der Lage am Wasser, die Detroit und Grosse Pointe gemeinsam haben, leiten lassen. Zwei Boote, die harmonisch miteinander segeln. Ob die Skulptur die offenen Wunden heilt? Sicherlich nicht. Aber vielleicht ist sie ein versöhnliches Angebot, miteinander im Dialog weiterzukommen. Black & white. Gemeinsam.

 

changing lives through art

DSC_0080

Hi there!

Tyree Guyton wuchs in der „McDougall-Hunt“ Neighborhood im Osten Detroits auf. Als er 1986 in die Straße seiner Kindheit zurückkehrte, war er schockiert über das Ausmaß des Verfalls. Gemeinsam mit seinem Großvater begann er, verlassene Grundstücke aufzuräumen. Mit den Fundstücken verwandelte er die Heidelberg Street in einen öffentlichen Kunstraum. Leere Grundstücke wurden zur Ausstellungsfläche für seine kreativen Installationen aus Schuhen, Stofftieren, Autoteilen, Türen. Verlassene Häuser bemalte er mit leuchtenden bunten Punkten oder riesigen Ziffern und nannte sie „Polka Dot House“ oder „Number House“. Punkt für Punkt wurde so im Laufe der nächsten Jahre aus einem trostlosen Straßenblock das bunte, international beachtete Outdoor Kunstmuseum „The Heidelberg Project“. Pinsel und Besen statt Waffen und Drogen. Er bezog vor allem Kinder aus der Nachbarschaft mit ein, und führte Workshops in Schulen durch. Seine Mission: Das Leben der Menschen verändern, ihnen eine neue, positive Perspektive eröffnen, in dem sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen. Veränderungen sehr direkt in einem begrenzten Raum angehen – ein Konzept, das man aktuell in Detroit in vielen Bereichen und Nachbarschaften beobachten kann. Viele kleine Lösungen statt einiger weniger großer, die die Menschen nicht mit einbeziehen. Dahinter steckt die Idee von einer Gemeinschaft, die eine eigene Dynamik entwickelt, sich aus eigener Kraft neu erfindet und dann in der Lage ist, sich selbst zu erhalten.

1F4C854E-9086-42F3-B79A-0CAEE282C54B

IMG_1094

Der Gedanke „The next big thing will be a lot of small things“ des belgischen Designers Thomas Lommée kommt mir in dem Zusammenhang in den Kopf. Tyree Guyton hat vor 30 Jahren einfach angefangen, die Welt in seinem überschaubaren Lebensumfeld ein wenig besser, ein wenig bunter, ein wenig hoffnungsvoller zu machen. Das Projekt ist – wie Detroit selbst – seit dem ersten Pinselstrich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Aber es hat sich immer wieder in irgendeiner Form verändert und weiterentwickelt. Selbst nachdem zwischen 2013 und 2016 einige Häuser der Brandstiftung zum Opfer fielen, hat Guyton sich nicht entmutigen lassen. Es sind die Ideen, Visionen und Prinzipien, die den Künstler und sein Team immer wieder antreiben. Nicht so sehr die einzelnen Objekte. „Things can be replaced, so we are not so much attached to these things as much as we are attached to the principle of pushing forward“, formuliert seine Frau und Projekt-Partnerin, Jenenne Whitfield, es. Das Heidelberg Projekt hat in drei Jahrzehnten Diskussionen in Detroit angeregt, auf vergessene Nachbarschaften aufmerksam gemacht und vieles in Bewegung gebracht.

DSC_0121

AA7AF68E-1B5F-4A7A-A7F4-6F07C00D2813

Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Tyree Guyton nennt diese nächste Stufe „Heidelberg 3.0“. Erklärtes Ziel: das Projekt zu einem Musterbeispiel dafür zu machen, wie urbane Gemeinschaften sich aus eigener Kraft transformieren können. Er möchte einen neuen Weg beschreiten, Visionen und Hoffnung in Stadtteile wie den der McDougall-Hunt Neighborhood zu tragen. Die Gestaltung eines Kunstwerkes ist ihm zu wenig. Er möchte inklusive Gemeinschaften formen. Auf der Heidelberg Street sollen Ateliers entstehen, in denen Künstler eine Weile arbeiten können. Im Gegenzug leisten sie einen Beitrag zur Heidelberg Mission und bieten beispielsweise Workshops für Nachbarn an. Ein weiterer „Heidelberg 3.0“ Baustein ist die Gründung der „Heidelberg Arts Leadership Academy“ – ein Nachmittagsprogramm für Schüler der vierten bis zwölften Klasse, das die Kinder und Jugendlichen zu sogenannten „Change Agents“ für ihre eigenen Gemeinden ausbilden soll.

40508307-6720-4E6C-9F1B-7BA0A231A523

Ich war im August 2013 zum ersten Mal in der Heidelberg Street. Damals standen noch alle Häuser. Ich habe auf den Stufen des „Soul Houses“, das über und über mit Schallplatten bestückt war, gesessen. Bis heute bin ich unzählige Male dort gewesen, meist mit Besuch aus Deutschland. Es war nie langweilig, denn bei jedem Besuch präsentierte sich das Heidelberg Projekt anders. Und trotzdem finden sich in dieser lebendigen Outdoor Kunstgalerie einige Symbole, Gegenstände und Leitideen immer wieder. Uhren und die Zeit sind so ein Beispiel. „Alles dreht sich um die Zeit. Alles ist im Fluß. Die Zeit verändert die Dinge ständig. Zeit kann man nicht abschalten“, hat Tyree Guyton eine seiner Leitideen beschrieben, als ich ihn gemeinsam mit einer Freundin im letzten Jahr persönlich kennenlernen durfte. Da hatte er gerade öffentlich gemacht, welche Veränderungen er für das Projekt in den nächsten Jahren angestrebt.

IMG_1824-2

E1159C29-FA4F-4AD2-AF4C-D7BF0529EC3E

DSC_0103

Ein Vorhaben, das Hoffnung macht. Hoffnung auf neue Chancen für die Menschen der McDougall-Hunt Nachbarschaft. Die Not in dem Viertel ist groß, 40% der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Eines von fünf Häusern steht leer. Es ist eine große Herausforderung, die Interessen der Bewohner und die der Macher und mittlerweile jährlich 200.000 Besucher dieses öffentlichen Kunstraumes in Einklang zu bringen. Das alles passiert, während weniger als drei Meilen südwestlich gigantische Bauprojekte wie die neue Hockey Arena, Luxushotels und schicke Bürogebäude hochgezogen werden. Die große Aufgabe der Zukunft für Detroit bleibt. Einen guten Weg für Stadtteile wie diesen zu finden. Einen, der die langjährigen Bewohner mit einbezieht. Einen, der zwischen einer sozialen Umstrukturierung von außen und dem kompletten Vergessen der vielen Stadtteile jenseits von Downtown liegt. One step at a time.

Countdown to Christmas …

IMG_5889

 

 

 

 

 

 

Art Deco in Detroit

Detroit stieg in den 1920er Jahren zu einem beispiellos reichen weltweiten Industrie- und Handelsstandort auf. Zeugen dieser Zeit sind wunderschöne Art Deco Gebäude in der Stadt. Zwei von ihnen stechen besonders hervor. Ich weiß noch, als wir das erste Mal, eher zufällig, ins Guardian Building hinein gingen. Im Winter 2014. Draußen war es eisig kalt, grau, trostlos. Drinnen ein plötzlicher Glanz, wir haben unseren Augen kaum getraut. Vor allem hatten wir das in Detroit irgendwie nicht erwartet.

B481BAA5-6B97-4C62-93EB-57609D3814EF

DSC_0131

 

DSC_0204-3

DSC_0205-6

IMG_3359

Das Guardian Building, auch als Detroit’s „Cathedral of Finance“ bekannt, wurde 1929 in der Innenstadt eröffnet. Schon die Fassade des 36 Stockwerke hohen Gebäudes ist unglaublich schön. Die glasierten Kacheln, deren leuchtende Farben sich auch im Inneren wiederfinden, stammen aus der Pewabic Pottery in Detroit. Innen wird es noch prächtiger. Ein riesiges buntes Wandmosaik mit Blattgold Einlegearbeiten nimmt die eine Stirnseite ein. Es zeigt Szenen aus der Industrie-, Handels- und Agrargeschichte Michigans. Das Guardian Building wurde ausschließlich mit Menschen aus dem eigenen Staat realisiert. Architekt, Handwerker und Künstler – alles Michigander.

49BA4DE0-B1D0-4911-9FF6-2541CD3D5A69

DSC_0014

IMG_1080

Das Fisher Building, 1928 fertig gestellt, war ein Geschenk der wohlhabenden Fisher Brüder (das Unternehmen „Fisher Body“ baute Karosserien für verschiedene Automobilhersteller, bevor General Motors die Firma übernahm) an die Stadt Detroit. Architekt Albert Kahn erhielt von ihnen den Auftrag, das schönste Gebäude der Welt zu bauen. Nicht weit von Downtown entstand gemeinsam mit der General Motors Zentrale gegenüber das „New Center“. Das Fisher Building beherbergte neben der Fisher Firmenzentrale luxuriöse Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants und das prachtvolle Fisher Theater. Die Fassade beeindruckt, aber die wahre Schönheit des Gebäudes findet man in seinem opulenten Inneren. Vierzig verschieden Arten Marmor wurden hier verbaut, die prächtigen Deckengewölbe sind in leuchtenden Farben bemalt. Viel Glanz, viel Gold, ein rauschendes Fest für die Augen.

Countdown to Christmas …

IMG_5599

 

 

 

 

 

 

Für mich ist sie die schönste Ruine Detroits – die Michigan Central Station. Mächtig und alleine steht sie mit ihrem prächtigen Eingangsportal an der Michigan Avenue, eine der Hauptzufahrtsstraßen nach Downtown Detroit. Das ist gleichzeitig mein favorisierter Weg hinein in die Stadt. Am liebsten fahre ich sogar ein paar Ausfahrten früher vom Highway ab, um mich dem Zentrum entlang der Michigan Avenue langsam zu nähern. Auf diesem Weg sieht man Detroit in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Zunächst zeigt die Michigan Avenue genau jenes Gesicht, das die meisten von Detroit im Kopf haben: leer stehende Häuser, zum Teil mit Holzbrettern notdürftig zugenagelt, schmuddelige Geschäfte, herunter gekommene Tankstellen, billige Fastfood Läden, jugendliche Crack-Dealer, Trostlosigkeit. Mit dem plötzlich auftauchenden monumentalen Bau des ehemaligen Bahnhofs wandelt sich das Bild. Hier beginnt „Corktown“, das älteste Viertel Detroits. Ein Stadtteil, der sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat. Mich erinnert er mit seiner lebendigen Szene an Kreuzberg.

L1140579

Im Winter 2014 noch ohne Fenster

L1030576

Fast 30 Jahre ist es her, dass der letzte Zug die Michigan Central Station verlassen hat. 1914 öffnete sie, gebaut im klassischen „Beaux-Arts“ Stil von den Architekten, die auch New York’s Grand Central Station entwarfen. Damals war sie das größte Bahnhofsgebäude der Welt, 200 Züge verließen täglich Detroit. Niemand hatte die wachsende Bedeutung der persönlichen Mobilität vorhergesehen. Im zweiten Weltkrieg noch stark durch das amerikanische Militär genutzt, wurde es nach dem Krieg ruhiger um die Central Station. Die Menschen begannen auf das Auto umzusteigen.

IMG_1103

Unzählige alternative Nutzungsmöglichkeiten wurden in den letzten drei Jahrzehnten diskutiert – vom Polizei Hauptquartier, über ein Casino bis hin zu einem Zoll-Handelszentrum. 2009 wurde sogar der Abriß beschlossen, obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Im selben Jahr fand es einen Käufer, der mit der Renovierung im Inneren begann. 2015 wird der Fortschritt auch außen sichtbar, über 1000 neue Fenster wurden eingesetzt. Trotzdem gibt es bisher keinen konkreten Plan für die Zukunft dieses immer noch prachtvollen Gebäudes. Es ist das bekannteste und augenfälligste Symbol für Aufstieg und Fall der Stadt Detroit. Ich persönlich träume von einer Gelegenheit, dieses wunderschöne Wahrzeichen von innen zu sehen. Oder gar aufs‘ Dach zu gelangen. Um eines der coolen Fotos zu schießen, die man im Netz findet, und die gemacht wurden, bevor das Gebäude komplett abgeriegelt wurde.

Countdown to Christmas …

IMG_5597

 

 

 

 

 

 

Schon so oft habe ich es vom Freeway aus glitzern gesehen. Im Januar war ich mit einer Freundin aus Deutschland endlich dort. Im „African Bead Museum“ in Detroit. Zehn Jahre lang hat der Afroamerikaner Olayami Dabls beim „Charles H. Wright Museum of African American History“ als Kurator und Künstler gearbeitet. Die Zeit dort inspirierte ihn vor 16 Jahren zur Gründung des African Bead Museums, das auch ein Ort der Begegnung ist und Verständnis für die Bedeutung der afrikanischen Kultur stärken soll. Wesentlich in einer Stadt, in der über 80% der Menschen schwarz sind. Im Shop gibt es eine riesige Auswahl an Perlen, einige von ihnen sind mehr als 400 Jahre alt. Außerdem Bücher, Gemälde und Skulpturen von lokalen afroamerikanischen Künstlern. Die Außenfassade des Hauptgebäudes ist ein Gesamtkunstwerk aus Spiegeln, Glasstücken, farbenfrohen Mustern und afrikanischen Motiven.

DSC_0229

DSC_0167

6EF33B55-5151-4D05-A750-878D3EF21FAA

DSC_0218

DSC_0184

DE567532-2151-4CB1-9EC6-8B5A96E3DC05

Das Areal mit 18 Outdoor Installationen nimmt fast einen gesamten Block ein. Dabls hat hier eine außergewöhnliche Phantasiewelt aus Eisen, Stein, Holz Spiegeln und vielen anderen Fundstücken geschaffen. Sie stammen allesamt aus niedergebrannten oder verlassenen Häusern. Dabls hat sie recycelt und nun führen sie ein zweites, schönes Dasein und erzählen Geschichten aus der afrikanischen Kultur. Eine „Phoenix aus der Asche-Erfolgsgeschichte“, wie so viele in Detroit.

 

Countdown to Christmas …

IMG_5479

 

 

 

 

 

 

„I had come to a hotel downtown for a live auction of properties in Detroit. Starting bid was $500, less than the price of a decent television … We were a long way from „Yes we can.“ But there was one place people did. One place of except. That was Detroit.“

Anfang und Ende des Prologs im Buch „A $ 500 House in Detroit“. Der Autor Drew Philp hat sein Buch vor einigen Wochen in der Bibliothek Ann Arbor vorgestellt. Er hat mich tief beeindruckt (und natürlich mit signiertem Buch in der Tasche) zurückgelassen. Noch als Student der „University of Michigan“ hier in Ann Arbor hat er mit 23 Jahren seine komfortable Campus-Unterkunft gegen eine unbewohnbare Hausruine in Detroit getauscht. Ein seit Jahren verlassenes Haus, gefüllt mit Müll, ohne Fenster, Wasser, Strom oder dichtes Dach. Im Buch beschreibt Philp den schrittweisen Wiederaufbau, den er fast ausschließlich mit seinen eigenen Händen und der Hilfe von Familie und Freunden bewerkstelligt hat. Raum für Raum. Es erzählt davon, wie die Gemeinschaft im Stadtteil funktioniert, und wie er sich als neuer Nachbar eingebracht hat.

L1140584

L1150054

L1150964

Das Buch geht jedoch über seine persönliche Geschichte hinaus. Es beschreibt auch die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung Detroits in den letzten zehn Jahren. Philp skizziert seine eigene Vision, wie die Zukunft in einer Stadt, in der Armut, eine hohe Kriminalität und die Rassenproblematik immer noch die drängendsten Themen sind, aussehen könnte. Und da spielen das persönliche Engagement jedes einzelnen Bewohners und die kleinen Lösungen die größten Rollen. Mit jedem wieder aufgebauten Haus, jedem urbanen Garten, jeder Bürgerinitiative wächst das neue Detroit ein Stückchen mehr.

„As we rebuild this ashen city, we’re deciding on an epic scale what we value as Americans in the 21st century. The American Dream is alive in Detroit, even if it flickers.“ Drew Philip

 

Countdown to Christmas …

IMG_5439

 

 

 

 

 

Disney in Detroit

image1

Fast komplett vom Großraums Detroit eingeschlossen, liegt die Stadt Hamtramck. Polnische Einwanderer kamen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Stadt und fanden Arbeit in der Autofabrik der Dodge Brüder. Noch heute sind die polnische Bäckereien (sie liefern am Fat Tuesday die köstlichen „Paczkis“ kistenweise nach Ann Arbor) und Metzgereien über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Die Demographie hat sich jedoch verändert. Heute ist Hamtramck ein bunter Mix der Kulturen. Menschen aus Albanien, Bosnien, Armenien, dem Libanon, Jemen und  Bangladesh fanden hier eine neue Heimat.

Auch Dmytro Sylak kam als Einwanderer. Er wuchs in der Ukraine auf und immigrierte in den 1950er Jahren mit seiner Frau nach Hamtramck. 30 Jahre lang arbeitete er bei General Motors. Als er Mitte der 1980er Jahre in Rente ging und ein Hobby suchte, begann er, Teile seines Wohnhauses in eine Kunstinstallation zu verwanden. Über 30 Jahre ist das riesige Konstrukt organisch gewachsen. Sylak hat es ohne vorherigen Plan Stück für Stück mit selbst gefertigten und gefundenen Objekten errichtet und immer wieder verändert. Das ungewöhnliche Kunstobjekt sitzt zwischen den beiden Garagen des Hauses. Überall ragen bewegliche Skulpturen in die Luft, bewegen sich im Wind, leuchten teilweise im Dunklen auf. Die Garagen sind Galeriefläche für eine bunte Mischung aus amerikanischen Abbildungen und Erinnerungen an Szylak’s europäische Vergangenheit.  2015 verstarb der Künstler im Alter von 92 Jahren. Die Zukunft des Hamtramck Disneyland war zunächst ungewiss. Dann hat eine Gruppe von Bewohnern und Künstlern den Erhalt dieser ungewöhnlichen Outdoor-Installation übernommen. Als Dmytro Sylak noch lebte, gab er persönliche Touren durch seine farbenfrohe Phantasiewelt aus Mickey Mouse, Schaukelpferd, Reklameschildern und Spielzeugfiguren. 2006 hat das Modell Kate Moss hier sogar ein Foto-Shooting veranstaltet. Habt ihr Santa entdeckt?

L1060398 (1)

L1060394 (1)

Countdown to Christmas …

IMG_5431

 

 

 

 

 

 

 

Freunde der Architektur!

Detroit überrascht oft mit Vierteln, die man so nicht erwarten würde. Östlich an Downtown angrenzend liegt gut versteckt in einer grünen, urbanen Oase der historische Distrikt „Lafayette Park“. Kein Geringerer als der in Aachen geborene und 1939 in die USA ausgewanderte Bauhaus Architekt „Ludwig Mies van der Rohe“ hat sie zwischen 1956 – 1959 gebaut. Sie ist die weltweit größte Wohnanlage van der Rohes und ein einmaliges Beispiel der Idee Bauhaus. Der Lafayette Park umfasst 186 Einfamilien-Häuser, 3 Apartmenthäuser, eine Schule, einige Einzelhandelsgeschäfte und eine Grünfläche. Das Viertel ist im „National Register of Historic Places“ gelistet und seit 2015 als „National Historic Landmark“ des United States National Park Service. Es soll Menschen geben, die aus Kalifornien nach Detroit ziehen, nur um in einem Mies van der Rohe Haus zu leben. In einigen Teilen der Stadt kann man noch Häuser ab 500 Dollar kaufen. Für eine Mies Einheit werden jedoch aktuell um eine halbe Million Dollar für ca. 140 Quadratmeter aufgerufen.

F3B38AFA-F754-423E-8728-AD10DA81D229

L1060581 (1) L1060582

feeding body & soul

Hi there!

Was eigentlich als ein Beitrag mit vielen bunten Bildern – genauer gesagt Wandbildern (Murals) – mit wenig Text gedacht war, braucht nun doch ein paar mehr Worte. Denn wenn man vom Kunst-Festival „Murals in the Market“ erzählt, geht das nicht, ohne über das hoch interessante und für die Stadt Detroit so wichtige Umfeld, in dem das Festival stattfindet, zu berichten.

L1120578

„Eastern Market“ ist das größte und älteste (seit 1891) Marktgelände in Amerika, das ganzjährig geöffnet hat. Ende der 40er Jahre ließen sich neben dem Wochenmarkt auch Großhändler und kleine Lebensmittelmanufakturen in die Nachbarschaft nieder. Viele davon sind Fleisch verarbeitende Betriebe. Fünf historische Markthallen und zahlreiche Backsteinbauten umfasst das Viertel. Während der Woche werden hier ab den frühen Morgenstunden Lebensmittel, das meiste davon aus der Region, en gros verkauft. Es geht lebhaft zu, auch bei den zahlreichen inhabergeführten Einzelhändlern und Restaurants.

L1060916

DSC_0070

image1

An 52 Samstagen im Jahr bekommt „lebhaft“ jedoch eine völlig andere Dimension. Dann brummt es am Eastern Market. Die Stände quellen über, alles ist grün und bunt. Spare Ribs brutzeln auf dem Grill vor Bert’s Marketplace. Über allem wabert Jazz, Blues und Motown Sound. Der Besuch ist ein authentische Detroit Erlebnis, ein buntes Miteinander der Kulturen. Eine einmalige Einkaufserfahrung mit Live Musik, Food Trucks und einer wunderbar quirligen Atmosphäre. Mehr als 40.000 Menschen zieht der Markt wöchentlich an. 300 Stände versorgen Detroiter und Besucher gleichermaßen mit Saisonalem – von den ersten Blumen im Frühling, über die bunte Vielfalt an Früchten und Gemüse im Sommer, bis hin zu Michigan Äpfeln im Herbst und Weihnachtsbäumen im Winter. Vieles kommt von den kleinen Farmen, die im Laufe der letzten Jahre im gesamten Stadtgebiet entstanden sind. Die Marktverwaltung hat mit zahlreichen Initiativen dafür gesorgt, dass die frischen Lebensmittel, Backwaren, Fleisch und Fisch für alle Detroiter zugänglich sind. Nicht nur für gut verdienende Foodies.

DSC_0064So lebhaft wie heute ging es nicht immer zu. In den siebziger Jahren war der Markt ziemlich heruntergekommen, das Geld in Detroit knapp. Als erste Maßnahmen zur Wiederbelebung und Verschönerung wurden große bunte Wandbilder an die Markthallen und umliegenden Gebäude angebracht. Weitere Verbesserungen und ein steigendes Interesse an frischen, lokalen Waren zogen wieder mehr Käufer an. 2006 übertrug die Stadt Detroit den Markt einer non-profit Organisation. Nach und nach werden die historischen Hallen renoviert. In einer von ihnen befindet sich eine industrielle Küche. Hier werden angehende Unternehmer bei der Gründung ihrer Lebensmittel-Firma mit Trainingsmaßnahmen unterstützt. Es gibt ehrgeizig Pläne, das gesamte Gebiet „Eastern Market“ in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln. Was hier zu gelingen scheint, ist die sicherlich eine der größten Herausforderungen für Detroit’s Städteplaner. Eine Balance finden zwischen neuen schicken Lofts und hippen Restaurants, wo die gut verdienende (meist weiße) Mittelschicht wohnt und ausgeht, und den vielen sanierungsbedürftigen Nachbarschaften mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung. 

L1120584

Zurück zur Kunst. Das Phantasietier „Veggie-Ta-Bull“ ist eines der bekanntesten, älteren Murals. Es vereint zwei der wesentlichen Produkte des Eastern Market: Gemüse und Fleisch. Street Art hat hier also eine lange Tradition. Die setzte das Design-Festival „Murals in the Market“ nun im dritten Jahr in Folge fort. Acht Tage lang sprühten und pinselten im September wieder mehr als 50 lokale und internationale (auch aus Deutschland) Künstler ihre farbenfrohen Werke auf Wände, Ladenfassaden und andere freie Flächen. Als am vergangenen Wochenende Farbtöpfe und Sprühflaschen eingepackt wurden, war die Zahl der fantastischen, riesigen Wandbilder auf 150 angestiegen. Diese extreme Dichte an Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur wunderschön, sie macht das Viertel um den Eastern Market zu einem „must-see“ in Detroit. Das zieht zusätzliche Besucher an, die einen Spaziergang durch die bunte Kunstszene machen und mit dem ein oder anderen Dollar die lokale Wirtschaft unterstützen. 

DSC_0090

DSC_0099-2

DSC_0199

DSC_0104-3

DSC_0136-3

DSC_0134-2

IMG_1100

DSC_0094-2

DSC_0102

DSC_0060

DSC_0093-2

DSC_0082

DSC_0138-3

DSC_0103-3

Das Foto eines 10jährigen Jungen, das der Detroiter Fotograf Rick Williams am Eastern Market schoss, diente als Vorlage für dieses Mural. Brandan „BMike“Odums aus New Orleans setzte es in Knallfarben in Szene. „Es war der extrem intensive Blick seiner Augen, die mich angezogen haben“, sagt Williams über den Jungen auf dem Foto in einem Interview. Er wird eine Blume in der Hand halten und das Mural wird um die Worte „They tried to bury us. They didn’t know we were seeds“ ergänzt. Damit schlägt „BMike“ eine Brücke zu einem seiner anderen Projekte in New Orleans. „I think that’s what Detroit is about, and that’s what New Orleans is about,“ sagt der Künstler.

DSC_0099

Wir sind bereits überzeugte und begeisterte Eastern Market „Touristen“, und nehmen gerne Besuch aus Deutschland mit auf diese besondere Bilder-Tour. Fast immer machen wir dann auch bei der „Division Street Boutique“ halt. So auch am vorletzten September-Sonntag, als wir vielen Street Art Künstlern über die Schulter schauen konnten. Und schwupp landete eines der kultigen „Detroit hustles harder“ T-Shirts in der Tüte. Ja, Detroit muss sich meist sehr viel mehr anstrengen. Dafür kommen ungewöhnliche, einzigartige Sachen heraus. Nothing stops Detroit!

One stitch at a time

13920096_1243975598960278_6676557292418618198_o

Foto: The Empowerment Plan 

Hi there!

Es gibt rund 20.000 obdachlose Menschen in Detroit. Die Zahl hat mich total umgehauen. Denn bei meinen Besuchen in der Stadt habe ich nur selten obdachlose Menschen gesehen. Im Gegensatz zu Los Angeles, wo ich vor einigen Wochen angesichts der offensichtlich großen Anzahl von Menschen ohne Dach über dem Kopf schockiert war. In Detroit sind sie mehr oder weniger unsichtbar. Sie halten sich vorrangig in den vielen verlassenen Gebäuden der Stadt auf. Veronika Scott kennt keine Berührungsängste gegenüber Menschen, die auf der Straße leben. Sie ist selbst am Rande der Gesellschaft in Detroit aufgewachsen und weiß um die Situation und die Sorgen der Betroffenen. Ihre berufliche Karriere hat sie mit der Hilfe für Obdachlose verknüpft. Ihr Non-Profit-Unternehmen „The Empowerment Plan Detroit“ stellt hauptsächlich alleinerziehende Frauen aus Obdachlosenheimen ein, gibt ihnen Arbeit und ihre Würde zurück. Stich für Stich.

12417914_1105404969484009_1308639050010505723_n

Foto: Brian Kelly 

Während ihres Design-Studiums sollte Veronika für eine Projektarbeit ein nützliches Produkt entwickeln. Der brutale Winter von Detroit brachte sie auf die Idee, einen Mantel-Schlafsack für Obdachlose zu nähen. Tagsüber ein Mantel, nachts ein wärmender Schutz zum Schlafen. Sie verbrachte viel Zeit in verschiedenen Obdachlosenheimen, um die Bedürfnisse der Betroffenen kennen zu lernen. „The crazy coat lady“ wurde sie dort genannt. Und als sie schließlich nach zahlreichen Prototypen einige Mantel-Schlafsäcke an obdachlose Menschen verteilte, brüllte sie eine Frau wütend an: „Ich brauche keinen Mantel, ich brauche einen Job“. Bei Veronika machte es ein zweites Mal „klick“. Ihr Produkt war nur so etwas wie ein Pflaster, um die Symptome zu lindern. Sie wollte einen Schritt weiter gehen und die Ursache bekämpfen. Menschen aus der Obdachlosigkeit heraus anstellen. Ihnen Fertigkeiten zur Ausübung eines Jobs vermitteln. Sie war damals 22 Jahre alt und versuchte, Unterstützer für ihre Idee zu finden. „Niemand hat zunächst an den Erfolg geglaubt. Viele trauten Obdachlosen nicht einmal zu, sich ein ordentliches Sandwich zu machen, geschweige denn, Nähen zu lernen“, sagt sie in einem Interview. Mit ersten privaten Spendengeldern versucht sie es dennoch, und stellt zunächst zwei Frauen ein.

SleepingBag_MaddieToro

Coat_MaddieToro (1)

Fotos: Geoff George

Nach ihrem College-Abschluss 2012 gründet sie dann „The Empowerment Plan“ und zieht mit dem jungen Unternehmen ins „Ponyride“. In dem alten Lagerhaus im Detroiter Stadtteil Corktown können junge Unternehmer mit sozial orientierten, nachhaltigen Geschäftsideen günstige Räumlichkeiten als Starthilfe anmieten.

Ich hatte schon öfter über das Projekt gelesen. Ich fand die Idee großartig, die Produktion eines sinnvollen Produktes mit der Chance für Menschen, den Teufelskreis von Armut und Obdachlosigkeit zu durchbrechen, zu verknüpfen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch, dass die junge Gründerin sich mit einer unglaublichen Energie gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Sehr inspirierend. Und beispielhaft für eine neue Generation in Detroit, die die Stadt mit ihrem Engagement und ihrer Kreativität Tag für Tag wieder nach vorne bringen möchte. Dank eines zufälligen Email-Kontaktes bekam ich eine Einladung, mir das Projekt vor Ort anzuschauen. Sightseeing Detroit einmal anders. Auch für meine deutsche Freundin, die letzte Woche zu Besuch war. Ich bin jetzt ein wenig stolz, diese Geschichte hier im Blog erzählen zu können.

DSC_0587

DSC_0583

Die Gründerin Veronika haben wir zwar nicht angetroffen, aber die PR-Frau Erika George. Sie ist eigentlich Grundschullehrerin, hat an der University of Michigan in Ann Arbor studiert. Gleich nach ihrem Abschluss hat sie bei Empowerment Plan angefangen und ist geblieben. „Ich habe einen unglaublichen Respekt vor den Frauen, die hier arbeiten. Die meisten sind nicht älter als ich, haben Unglaubliches erlebt und oft schon mehrerer Kinder zu versorgen“, sagt sie. Man merkt, dass die Aufgabe bei Empowerment Plan kein reiner Job für sie ist. Und so erzählt sie uns mit unglaublicher Begeisterung und positiver Energie von dem „Plan“, der Frauen befähigt, ihrem Leben wieder Stabilität zu geben. 39 ehemals obdachlose Menschen (die Mehrzahl davon alleinerziehende Frauen) wurden hier zu Näherinnen ausgebildet und erhielten einen Vollzeit Job. Alle haben wieder ein Dach über dem Kopf, viele konnten nach einer Weile in andere Unternehmen wechseln. Empowerment Plan versteht sich als Übergangsstation. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen die Chance zu einem Neuanfang zu geben. Die Kapazität der aktuellen Räumlichkeit hat daher ihr Limit erreicht. Für 2017 ist ein Umzug in größere Räume geplant, um bis Jahresende 40 Näherinnen parallel beschäftigen zu können. Aktuell fertigen rund 20 Frauen 35 Mäntel täglich. Die seit Gründung vor 5 Jahren produzierten 20.000 Mäntel wurden von Hilfsorganisationen gekauft und in 41 US-Staaten, 6 kanadischen Provinzen und verschiedene Übersee-Länder verteilt.

DSC_0550

Angel_BrianKelly

Foto: The Empowerment Plan

DSC_0549

Die in Detroit beheimatete Bekleidungsfirma Carhartt ist eine der Hauptsponsoren. Neben Industrienähmaschinen liefert sie das wetterfeste Außenmaterial für die Mäntel. Autobauer General Motors steuert das warme Innenfutter bei, recycelte Isoliermaterialien. Seit dem ersten Mantel haben sich Design und Funktionalität ständig verbessert. Neueste Ergänzung ist das abnehmbare Fußteil, das auch als Tasche verwendbar ist. Der Mantel lässt sich außerdem so zusammenrollen, dass er bequem über der Schulter getragen werden kann. Das multifunktionale Kleidungsstück kommt auch bei Menschen mit festem Wohnsitz gut an, der Verkauf an Privatpersonen ist für dieses Jahr geplant.

DSC_0537

DSC_0533

Das Projekt findet weltweit Beachtung in der Presse, Prominente interessieren sich für Empowerment Plan. So stattete der in Detroit aufgewachsene Popstar Madonna der kleinen Manufaktur 2014 einen Besuch ab und finanzierte die Ausbildung von drei neuen Näherinnen.

Auch wenn ihr Anspruch an den Mantel hoch ist und sie jedes Jahr gemeinsam mit dem Team ein neues Modell heraus bringt, der Hauptfokus von Veronika Scott liegt auf den Menschen, die ihn produzieren. Ihnen bringt sie nicht nur das Nähen bei. Es gibt Trainingsangebote für viele andere Lebensbereiche, wie der Umgang mit den persönlichen Finanzen, professionelles Auftreten und Vorbereitungskurse für den Highschool Abschluss.

Takecia&Autumn_TheEmpowermentPlan

Foto: The Empowerment Plan

DSC_0571

„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people“, sagt Veronika Scott. Die Frauen im Team nennt sie „Badass“, knallharte Typen, ohne die der Empowerment Plan kein solcher Erfolg wäre. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org

 

English version

Detroit has 20.000 homeless people. This number was a total surprise for me. During my visits all over to the city I rarely noticed homeless people. Unlike in Los Angeles, where I was shocked a few weeks ago seeing so many homeless living in the streets or at the beach. In Detroit they seem to be invisible. Most of them hide in the many abandonned buildings throughout the city. Detroit native Veronika Scott grew up in poverty and knows about their troubles and worries. She combines her professional career with the help for homeless people. Her non-profit organization „The Empowerment Plan Detroit“ hires mostly single parents from homeless shelters and gives them a job and their dignity back. One stitch at a time.

While attending „The College for Creative Studies“ in Detroit she had to create a product that would fill a need in her community. In the brutal Detroit winter she came up with the idea of a coat for the homeless that transforms into a sleeping bag. A coat during the day, a warm protection during the night. She did her research in several homeless shelters to find out about the needs of those who should benefit from her idea. It was during that time that she gained the nick name „The crazy coat lady“.  When she finally distributed some of the coats to homeless people a women jelled at her: „I don’t need a coat, I need a job“. That incident was the beginning of the idea of Empowerment Plan. Veronika wanted to go a step further and not just cure the symptoms, but fight the cause. Hire homeless individuals and train them for a job. She was 22 years old when she tried to find supporters for her plan. „Nobody believed in the success of my idea. People did not trust homeless people to fix themselves a proper sandwich, let alone learn how to sew“, said Veronika in one of her interviews later. But she moved on with her vision and hired two women with private donations to start sewing coats.

After her graduation 2012 she founded „The Empowerment Plan Detroit“ and moved the young company to „Ponyride“, an old warehouse downtown Detroit where young entrepreneurs with community oriented, sustainable business ideas can rent cheap spaces to help them grow their business. I had read about the project several times and loved the idea to combine the production of a product that fulfills a need with the opportunity to break the cycle of poverty and homelessness. But what impressed me most, was that Veronika Scott prevailed against all obstacles and and pushed her idea through. Very inspiring. And characteristic for a new generation of creative and progressive people in Detroit, who work every single day to bring the city back. Thanks to an email contact with The Empowerment Plan I got an invitation to check out the project on site. An alternative way of „Sightseeing Detroit“ for me as well as for my friend visiting from Germany. Now I am a little proud to tell this story here in my blog.

We did not meet founder and CEO Veronika Scott, but Development Directer Erika George. She is a graduate from the University of Michigan. Right after her graduation she started her career at Empowerment Plan and stayed. „I have such tremendous respect for the women who work here. Most of them are not older than myself. They have gone through extreme difficult times and they already have children to care for“, she says. It’s obvious, her commitment at Empowerment Plan is so much more than a job for her. With great enthusiasm and a huge amount of positive energy she tells us about the „plan“ that empowers women to regain stability over their lives. 39 former homeless (most of them single women) have been trained here to be seamstresses and work full time. All have moved into permanent housing and a lot of them were able to move on to other jobs. Empowerment plan wants to serve as a transition place with the goal to give as many people as possible the chance for a new beginning. The actual location has reached its limit. To be able to employ 40 seamstresses at the same time, the organization plans to move to a larger location this year. Right now about 20 women sew 35 coats a day. Since the beginning 5 years ago a total of 20.000 coats have been produced. Charities bought the coats and distributed them to 41 US states, 6 Canadian provinces and several countries overseas.

Carhartt, a Detroit based clothing company, is one of the main donors. Besides industrial sewing machines they deliver the durable, waterproof fabric for the outer shell. Carmaker General Motors donates upcycled automotive insulation for the warm lining inside. Since the first coat design and functionality have constantly been improved. Newest addition is the removable feet part that can be used as a bag during the day. The coat rolls up easily and can be carried over the shoulder. Since the multifunctional piece has as well drawn a lot of attention outside homeless shelters a retail sale is planned.

The Empowerment Plan has been featured in the media across the globe and a lot of celebrities show interest in the project. Popstar Madonna, who grew up in the suburbs of Detroit, visited the little factory 2014 and paid for the training of three new seamstresses. Although Veronika’s expectations of the coat quality are high – together with her team she creates a new model every year – her main focus remains on the the people who produce the coats. Besides sewing, The Empowerment Plan offers training in other parts of live, such as financial literacy, professional development courses and GED classes.

„At the end of the day, the coat is a vehicle for us to employ people. Without this team of badass women Empowerment Plan would not be successful“, says Veronika Scott. One stitch at a time.

www.empowermentplan.org