Welcome back home!

Hi there!

nein, nein, ich habe den Blog nicht eingestellt. Aber die letzten drei Monaten waren so voll und bewegt, dass mir die Ruhe fehlte, meine Gedanken zu sortieren. So richtig abgeschlossen (zumindest, was die physische Bewegungen von Mensch und Material angeht) ist unsere Relocation seit vorletzter Woche. Da habe ich die letzten 8 Kisten Luftfracht entgegen genommen. Der amerikanische Vorstadt-Haushalt ist zurück in der Kölner Stadtwohnung. Und vermisst schon jetzt die wunderbar geräumigen und teilweise begehbaren Einbauschränke mit ihrem unendlichen Stauraum. Verschlanken lautet seit unserer Ankunft das Motto. Anderthalb Haushalte auf das wirklich Wesentliche reduzieren. Da wird klar, wie viele unnötige (oder solche, die nur für kurze Zeit einen Zweck erfüllten) Dinge auf den unterschiedlichsten Wegen in unserem Leben gelandet sind. Ballast abwerfen fällt schwer. Man könnte das ja noch noch mal gebrauchen. Wenn die Sachen dann weg sind, vermisst man sie aber meist nicht mehr. Die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo hat die Methode „Magic Cleaning“ entwickelt und empfiehlt, nur die Dinge zu behalten, die einen wirklich glücklich machen. Guter Ansatz!

„Seid ihr jetzt wirklich wieder ganz hier?“ „Wie ist es denn so, wieder in Köln zu sein?“ „Habt Ihr Euch schon wieder eingelebt?“ „Ist weggehen einfacher als wiederkommen?“

Diese Fragen werden mir immer wieder gestellt. Auf die letzte habe ich eine klare Antwort: wiederkommen ist schwerer. Die anderen sind weniger einfach und eindeutig zu beantworten. Es ist wunderbar, wieder hier zu sein. Aber es wäre auch wunderbar, in Michigan zu sein. Mitten im deutschen Alltag schieben sich immer wieder Bilder aus unserem amerikanischen Leben vor mein geistiges Auge. Typische Wege wie die Fahrt nach Downtown, der Gang zum Markt. Wiederkehrende Situationen wie der erste Blick morgens aus dem Fenster, Frühstück machen, Treppe runter gehen. Außerdem „begegne“ ich jetzt ständig Menschen aus Ann Arbor. So habe ich in den Kölner Straßen bereits die Mathelehrerin meines Sohnes gesehen, den freundlichen Honigverkäufer vom Farmers Market, die Bedienung eines meiner Lieblingscafés, und einige mehr. Call me crazy. Aber ich bin das ja zum Glück nicht alleine. An einer roten Ampel meint mein Sohn letztlich zu mir: „An was erinnert dich diese Szene?“ Mir ist gleich klar, dass er ein Bild von drüben meint. Und tatsächlich sah die Ecke aus wie eine markante Kreuzung in Downtown Ann Arbor.

Bis zum Schulstart Ende August fühlte sich Aufenthalt an, als wären wir wie die Jahre zuvor auf Heimaturlaub. Nur ohne Rückflugticket nach Detroit. Dafür wird die Wäsche wieder richtig sauber. Auch wenn nur ein Drittel in die deutsche Maschine passt. Wir können wieder Fenster kippen. Es gibt wieder tolle frische (und überraschend günstige) Blumensträuße. Eine lokale Zeitung, die täglich erscheint und nicht fast ausschließlich aus Werbung besteht. Einen weitläufigen Stadtwald gleich um die Ecke. Raus ins Grüne, ohne erst mit dem Auto fahren zu müssen. Einkaufen, Kino, Leute treffen – geht alles ohne vier Räder. Auf zwei Beinen oder zwei Rädern. Auch mal mit dem Leih-Bike, von denen immer einige gleich um die Ecke stehen. Welcome back to urban lifestyle.

„Welcome back to Germany“ ist seit unsere Rückkehr ein geflügeltes Wort geworden. Wir sagen es manchmal schmunzelnd, manchmal kopfschüttelnd. Es ist ein wenig so, wie in unserer Anfangszeit in Michigan. Manche Dinge fallen jetzt mit dem Abstand von fünf Jahren ganz neu auf. Beispiel Entschuldigungszettel für die Schule. Was drüben geschmeidig mit einem Zweizeiler per Email erledigt werden konnte, benötigt hier ein dicht beschriebenes DIN4 Blatt, das „Allgemeines Entschuldigungsverfahren“. Welcome back to German public schools.

Zwischen Wohnung entrümpeln und Schulbeginn wollten wir ein paar Tage in die Eifel. Weiter „Welcome back“ Momente, dieses Mal in Sachen deutsche Dienstleistung. „Ich hab‘ hier in der Küche abgenommen. Können Sie später noch mal anrufen?“ „Ich bin gerade beim Abkassieren. Können Sie später noch mal anrufen?“ Schließlich hat es mit der Verbindung zwischen Küche und Rezeption geklappt und das Projekt „Heimat neu entdecken“ konnte beginnen. Details zu den Wartezeiten auf Speis und Trank im Hotelrestaurant würden jetzt zu weit führen. Da schwärme ich lieber von meinem ersten Ausflug in die fantastische Vulkaneifel. Ich wusste nämlich nicht, dass schlappe anderthalb Autostunden von Köln ein kleines Paradies liegt. Dass man dort in klares, sanftes Wasser der Maare abtauchen kann und ein unvergleichliches Schwimm-Gefühl erlebt. Grün eingerahmt und gefühlt Lichtjahre von Köln’s n überfüllten Freibädern entfernt. Mehr verrat‘ ich jetzt nicht. Will ja nächsten Sommer nicht die halbe Stadt dort treffen 😉

Heimat neu oder wieder entdecken. Nie kreisten meine Gedanken um die Idee Heimat mehr in meinem Kopf als in den letzten Jahren. Jenseits der politischen Dimension, mit der der Begriff seit einiger Zeit von populistischen Meinungsmachern diesseits und jenseits des Atlantiks aufgeladen wird. Völlig unpolitisch begebe ich mich oft auf die Suche, was Heimat für mich persönlich bedeutet. Ja, liebe Heimat, du machst es mir nicht leicht. Du liegst eben nicht nur einfach und klar in meiner Vergangenheit. Du hast auch viel mit meiner Gegenwart zu tun. Und in der Zukunft spielst du auch eine Rolle. Du scheinst zeitlos zu sein. Auf jeden Fall bist du ein subjektives, sehr privates Gefühl. Eines, das sich schwer erklären lässt. Du bist eben nicht nur ein Ort, du bist mehrere Orte. „Heimat ist dort, wo die Wurzeln liegen“. Ja, da bist du für mich ein großer Teil meiner inneren Heimat. Da bestehst du aber auch schon aus vielen Orten. Dem hell erleuchteten Weihnachtszimmer am Heiligen Abend. Der Küche der Großeltern. Den Ferienorten, an denen wir unbeschwerte Familienurlaube verbrachten. Dem Schwimmbad, in dem ich tausende von Metern zurück legte. Nachbar’s Grundstück, durch das wir im Sommer verbotenerweise streiften. Heimat, du bist ein Puzzle aus Erinnerungen. Mit Gefühlen wie Vertrautheit, Zugehörigkeit und Aufgehoben sein. „Home is where my heart is“. Wenn es doch im Hier und Jetzt nur so einfach mit dir wäre, liebe Heimat. „Hey Kölle, du bes e Jeföhl“. Ja, absolut. Eines, das sich in der Fremde nur schwer erklären lässt. Weil man es nur verstehen kann, wenn man ein kölsches Herz hat. Genau so, wie man die Zerrissenheit zwischen zwei Orten nur verstehen kann, wen man sie selber erlebt hat. Ach, liebe Heimat: komme ich je wieder ganz in Köln an? Aber vielleicht muss ich das ja auch gar nicht. Ich bin total gerne hier. Aber ich wäre auch gerne in Ann Arbor, in Detroit, in Michigan. Liebe Heimat, du bist im Hier und Jetzt in der Hauptsache die große Stadt Köln und gleich danach die kleine Stadt Ann Arbor. Und in zweiter Linie all jene Orte, an die es mich immer wieder hin zurück zieht. Überall dorthin, wo ich mir einen Raum geschaffen habe, der ein Stück von dir ist. Du bist mehrere Sehnsuchtsorte, liebe Heimat. Vielfältig und bunt. Auch in der Zukunft sehe ich dich. Mit all‘ den Geschichten, die ich gerne an diesen Lieblingsorten noch schreiben möchte. Und die irgendwann den Stempel „Heimat“ verdienen. Welcome back home.

Es ist lang geworden. Und sehr persönlich. Trotzdem möchte ich noch eine letzte, mir oft gestellte, Frage beantworten. „Was passiert mit dem Blog?“ Ich habe ihn zu lieb gewonnen, als das ich ihn nach unserem Abenteuer Amerika einfach einstellen könnte. Außerdem gibt es noch ein paar Geschichten von der anderen Seite des Atlantiks zu erzählen. Zum Beispiel die des Ortes Whittier in Alaska. In dem ungewöhnlichen Ort, der nur durch einen einspurigen Tunnel erreichbar ist, leben alle rund 200 Einwohner unter einem Dach. Oder mein Tag als freiwillige Helferin auf der Earthworks Urban Farm in Detroit. Nachschlag für alle, die mögen. Außerdem habe ich mir vorgenommen, so oft wie möglich auch in der Kölner Heimat und drum herum blau zu machen. Ich war zum Beispiel noch nie im Kolumba Museum, nicht im EL-DE-Haus, nicht im Karnevalsmuseum, nicht in der Drachenburg … Welcome back home!