Dancing in the streets


DSC_0037„As a songwriter I wanted to write about what people needed, wether it was love, a reason to dance, a reason to cry.“  

aus Berry Gordy’s Biografie „To be loved. The Music, The Magic, The Memories of Motown“

Hi there!

Ich hatte mal wieder lieben Besuch aus Deutschland. Das heißt in der Regel: auf nach Detroit! Ich freue mich immer, wenn ich diese faszinierende Stadt unseren Gästen zeigen darf. Erste Station an diesem kalten sonnigen Michigan Wintermorgen: ein Einfamilienhaus am West Grand Boulevard, in dem Musikgeschichte geschrieben wurde. Hier entstand der legendäre Motown-Sound. Hier traten junge, talentierte, aber unbekannte „Kids“ aus Detroit durch eine Tür hinein, und gingen durch eine andere als Stars hinaus. Ihre Scheiben landeten von hier auf den Plattentellern der DJs des Landes und darüber hinaus.

Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder, die Temptations, Smokey Robinson, Martha Reeves, die Supremes, die Four Tops, … sie alle nahmen ihre Hits im legendären „Studio A“ auf. Der junge Afro-Amerikaner Berry Gordy gründete 1959 das Schallplatten-Label „Motown Records“. Er war Songschreiber, Produzent und kreativer Kopf von „Hitsville U.S.A.“, wie die erfolgreiche Hit-Fabrik auch genannt wurde. Die Jackson Five mit Michael Jackson sangen hier, in der ehemaligen Garage des Hauses, 1968 zum ersten Mal vor. In der oberen Etage des heutigen Museums liegen die silbernen Handschuhe und der schwarze Hut von Michael Jackson’s erstem Moonwalk hinter Glas. Der spätere Superstar hat sie dem Museum gespendet.

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DSC_0049Das Motown Museum kann man nur per Tour besichtigen. Innenaufnahmen sind strengstens untersagt. Dafür steckt die Begeisterung unseres weiblichen Tourguides für die Geschichte und die Musik von Motown sofort an. Sie unterhält uns so lebhaft mit Fakten und Anekdoten, dass man gut nachspüren kann, was für eine aufregende Zeit dies in Detroit gewesen sein muss.

Berry Gordy erwirbt das blau-weiße Haus 1959 mit einem 800 Dollar Darlehen seiner Familie. Dem Einstieg ins Musikgeschäft gehen verschiedene andere berufliche Stationen voraus. Er boxt, arbeitet im Lebensmittelgeschäft seiner Eltern, auf dem Bau, und schließlich bei der Ford Motor Company. Dort gefällt ihm zwar die monotone Arbeit am Fließband nicht, jedoch lässt er sich von den Klängen der Maschinen inspirieren und schreibt nach Feierabend Songs dazu. Der Motown-Sound, der hier in Downtown Detroit kreiert wird, ist neu. Anders, als alles, was man bisher gehört hat. Der Sound vereint Black Gospel Music mit Jazz. Kirchenmusik mit weltlichen Klängen. Zur Begleitung der Sänger und Sängerinnen spielen fast täglich die „Funk Brothers“ im Studio A auf. Diese sorgfältig zusammengestellte Gruppe von Studiomusikern ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor von Motown. Die Musik der Band ist auf mehr Nr. 1 Platten zu hören, als Elvis, The Beatles, The Rolling Stones und The Beach Boys zusammen hatten. Im angrenzenden Kontrollraum werden die Songs gemischt, meist entstehen zahlreiche Versionen. Berry Gordy ist ein Perfektionist und gibt sich nur mit dem perfekten Song zufrieden. Eine „Echo-Kammer“ im ersten Stock dient als Resonanzkörper, lange bevor Synthesizer oder Computer diese Aufgabe übernehmen. Das Stück „Shop around“ von den „Miracles“ wird Motown’s erster Millionen-Hit.

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Berry Gordy sorgt aber nicht nur für den richtigen Sound, er entwickelt die Künstler auch zu Stars, mit allem was dazu gehört. Viele stammen aus sehr einfachen Verhältnissen. Hier lernen sie, sich in der Welt der Stars zu bewegen. Das elegante Erscheinungsbild seiner Musiker wird zum Markenzeichen von Motown Records. Um mehr Raum für all diese Aktivitäten zu schaffen, kauft Berry Gordy weitere 7 Häuser entlang des West Grand Boulevard. Wie bei einer Fertigungsstraße (auch diese Idee stammte aus seiner Zeit bei Ford) erfüllt jedes Haus eine andere Funktion. Im „Artist Development House“ lernen die Künstler Tanzschritte, Choreographie und gutes Benehmen. Im „Publishing Office“ werden die Plattenverkäufe organisiert, zwei weitere Häuser sind für Marketing und Reisen der Stars zuständig, eines für „International Talent Management“ und im „Money House“ holen die Künstler sich ihre Schecks ab. Motown operiert praktisch rund um die Uhr. Berry Gordy wollte die musikalische Kreativität nicht von Öffnungszeiten abhängig machen. Zwischen 1959 und 1972 haben 450 Menschen in Detroit am Erfolg von Motown Records gearbeitet. 1966 erzielt das Unternehmen einen Vorsteuergewinn von 20.000.000 US Dollar. 1968 zieht die Motown Record Corporation in ein größeres Gebäude innerhalb Detroits um, bevor Berry Gordy das Plattenlabel Anfang der 70er Jahre nach Los Angeles verlegt.

Seit 1985 ist es ein Museum, gegründet von Esther Gordy Edwards, der jüngsten Schwester von Berry Gordy, die während der 60er Jahre für Motown Records arbeitete. Sie war es, die ihren Bruder Berry in Kalifornien anrief, als die ersten Tour-Busse am West Grand Boulevard vorfuhren. „Gordy, I think we made history here“, soll sie gesagt haben. Der Sound, der aus dem Studio A auf den Plattentellern und Bühnen der Welt landete, hat in der Tat Musikgeschichte gemacht. Gleichzeitig schafft es die Musik der schwarzen Motown-Künstler auch, Rassen-Barrieren zu durchbrechen. „Unsere Musik brachte schwarz und weiß zusammen, die Menschen tanzten gemeinsam und hielten sich an den Händen“ erinnert sich Smokey Robinson.

Der Besuch des Motown Museums ist ein Flashback in die 60er Jahre. Neben Studio, Kontrollraum, Plattenarchiv, Büro und Empfang ist auch die Wohnung von Berry Gordy und seiner Familie im Originalzustand erhalten. Die Farben orange, braun und beige dominieren. Im Süßigkeiten-Automaten stecken noch Schoko-Riegel aus dieser Zeit. Der Zigarettenautomat sieht genau so aus, wie jene in deutschen Dorfkneipen, an denen wir mit einem Fünfmarkstück Zigaretten für unsere Eltern gezogen haben.

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Unsere Tour endet im Studio A. Hier steht ein alter Steinway-Flügel, dessen Rechnung für die aufwändige Restaurierung vor einigen Jahren kein geringerer als Sir Paul McCartney übernahm. Überhaupt schauen immer mal wieder Musikgrößen in „Hitsville U.S.A.“ vorbei. Usher, Beyoncé und Jay Z durfte unser quirliger Tourguide erst vor Kurzem die Hände schütteln. Das erhält sie uns stolz, und schwärmt von Usher’s gutem Aussehen.

Für einen kurzen Moment dürfen auch wir uns wie Motown Stars fühlen. Tanzschritt rechts, Tanzschritt links singen wir gemeinsam „My girl“ von den Temptations . „I’ve got sunshine on a cloudy day. When it’s cold outside I’ve got the month of May. I guess you’d say. What can make me feel this way? My girl … Talkin‘ ‚bout my girl …“

Noch schnell eine Runde „Shop around“ im Giftshop, bevor wir im klirrend kalten Detroit auch vom Monat Mai träumen.