feeding body & soul
Hi there!
Was eigentlich als ein Beitrag mit vielen bunten Bildern – genauer gesagt Wandbildern (Murals) – mit wenig Text gedacht war, braucht nun doch ein paar mehr Worte. Denn wenn man vom Kunst-Festival “Murals in the Market” erzählt, geht das nicht, ohne über das hoch interessante und für die Stadt Detroit so wichtige Umfeld, in dem das Festival stattfindet, zu berichten.
“Eastern Market” ist das größte und älteste (seit 1891) Marktgelände in Amerika, das ganzjährig geöffnet hat. Ende der 40er Jahre ließen sich neben dem Wochenmarkt auch Großhändler und kleine Lebensmittelmanufakturen in die Nachbarschaft nieder. Viele davon sind Fleisch verarbeitende Betriebe. Fünf historische Markthallen und zahlreiche Backsteinbauten umfasst das Viertel. Während der Woche werden hier ab den frühen Morgenstunden Lebensmittel, das meiste davon aus der Region, en gros verkauft. Es geht lebhaft zu, auch bei den zahlreichen inhabergeführten Einzelhändlern und Restaurants.
An 52 Samstagen im Jahr bekommt “lebhaft” jedoch eine völlig andere Dimension. Dann brummt es am Eastern Market. Die Stände quellen über, alles ist grün und bunt. Spare Ribs brutzeln auf dem Grill vor Bert’s Marketplace. Über allem wabert Jazz, Blues und Motown Sound. Der Besuch ist ein authentische Detroit Erlebnis, ein buntes Miteinander der Kulturen. Eine einmalige Einkaufserfahrung mit Live Musik, Food Trucks und einer wunderbar quirligen Atmosphäre. Mehr als 40.000 Menschen zieht der Markt wöchentlich an. 300 Stände versorgen Detroiter und Besucher gleichermaßen mit Saisonalem – von den ersten Blumen im Frühling, über die bunte Vielfalt an Früchten und Gemüse im Sommer, bis hin zu Michigan Äpfeln im Herbst und Weihnachtsbäumen im Winter. Vieles kommt von den kleinen Farmen, die im Laufe der letzten Jahre im gesamten Stadtgebiet entstanden sind. Die Marktverwaltung hat mit zahlreichen Initiativen dafür gesorgt, dass die frischen Lebensmittel, Backwaren, Fleisch und Fisch für alle Detroiter zugänglich sind. Nicht nur für gut verdienende Foodies.
So lebhaft wie heute ging es nicht immer zu. In den siebziger Jahren war der Markt ziemlich heruntergekommen, das Geld in Detroit knapp. Als erste Maßnahmen zur Wiederbelebung und Verschönerung wurden große bunte Wandbilder an die Markthallen und umliegenden Gebäude angebracht. Weitere Verbesserungen und ein steigendes Interesse an frischen, lokalen Waren zogen wieder mehr Käufer an. 2006 übertrug die Stadt Detroit den Markt einer non-profit Organisation. Nach und nach werden die historischen Hallen renoviert. In einer von ihnen befindet sich eine industrielle Küche. Hier werden angehende Unternehmer bei der Gründung ihrer Lebensmittel-Firma mit Trainingsmaßnahmen unterstützt. Es gibt ehrgeizig Pläne, das gesamte Gebiet “Eastern Market” in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln. Was hier zu gelingen scheint, ist die sicherlich eine der größten Herausforderungen für Detroit’s Städteplaner. Eine Balance finden zwischen neuen schicken Lofts und hippen Restaurants, wo die gut verdienende (meist weiße) Mittelschicht wohnt und ausgeht, und den vielen sanierungsbedürftigen Nachbarschaften mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung.
Zurück zur Kunst. Das Phantasietier “Veggie-Ta-Bull” ist eines der bekanntesten, älteren Murals. Es vereint zwei der wesentlichen Produkte des Eastern Market: Gemüse und Fleisch. Street Art hat hier also eine lange Tradition. Die setzte das Design-Festival “Murals in the Market” nun im dritten Jahr in Folge fort. Acht Tage lang sprühten und pinselten im September wieder mehr als 50 lokale und internationale (auch aus Deutschland) Künstler ihre farbenfrohen Werke auf Wände, Ladenfassaden und andere freie Flächen. Als am vergangenen Wochenende Farbtöpfe und Sprühflaschen eingepackt wurden, war die Zahl der fantastischen, riesigen Wandbilder auf 150 angestiegen. Diese extreme Dichte an Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur wunderschön, sie macht das Viertel um den Eastern Market zu einem “must-see” in Detroit. Das zieht zusätzliche Besucher an, die einen Spaziergang durch die bunte Kunstszene machen und mit dem ein oder anderen Dollar die lokale Wirtschaft unterstützen.
Das Foto eines 10jährigen Jungen, das der Detroiter Fotograf Rick Williams am Eastern Market schoss, diente als Vorlage für dieses Mural. Brandan “BMike”Odums aus New Orleans setzte es in Knallfarben in Szene. “Es war der extrem intensive Blick seiner Augen, die mich angezogen haben”, sagt Williams über den Jungen auf dem Foto in einem Interview. Er wird eine Blume in der Hand halten und das Mural wird um die Worte “They tried to bury us. They didn’t know we were seeds” ergänzt. Damit schlägt “BMike” eine Brücke zu einem seiner anderen Projekte in New Orleans. “I think that’s what Detroit is about, and that’s what New Orleans is about,” sagt der Künstler.
Wir sind bereits überzeugte und begeisterte Eastern Market “Touristen”, und nehmen gerne Besuch aus Deutschland mit auf diese besondere Bilder-Tour. Fast immer machen wir dann auch bei der “Division Street Boutique” halt. So auch am vorletzten September-Sonntag, als wir vielen Street Art Künstlern über die Schulter schauen konnten. Und schwupp landete eines der kultigen “Detroit hustles harder” T-Shirts in der Tüte. Ja, Detroit muss sich meist sehr viel mehr anstrengen. Dafür kommen ungewöhnliche, einzigartige Sachen heraus. Nothing stops Detroit!
6. Oktober 2017 @ 14:52
Hi Britta,
da soll jemand sagen Detroit ist eine
tote Stadt. Nein , eine quirlige. Man muss nur wissen, wo etwas los ist.
Dein Bericht wie immer spitze.
8. Oktober 2017 @ 12:50
Lieben Dank, Karola!! Yep – lebhaft an so vielen Ecken!!
6. Oktober 2017 @ 15:04
Großartig 👍🏼
Ich bekomme Hunger, Sehnsucht, kann die Musik hören und die Späte Ribs förmlich riechen. Die Fotos erinnern mich an unsere Tour. Ein dickes Dankeschön für diese neue Tour auf dem Market. 😘👏🏻
8. Oktober 2017 @ 12:49
Thank you my happy Detroit camper!! 🙂 Eastern Market wird immer schöner … xx Britta
8. Oktober 2017 @ 16:44
Sehr cool liebe Britta! Dagegen sind die Märkte in Berlin ja ein Kindergeburtstag….. wie immer hast Du die Situation wunderbar und sehr lebhaft beschrieben, habe das Gefühl ich bin mittendrin 🙂
Lieben Gruß aus der Stadt der Herzen,
Georg
9. Oktober 2017 @ 14:35
Ach, lieber Georg .. dafür ist Berlin doch eine Wolke 😉 Tatsächlich sind die Märkte nicht vergleichbar, alle auf ihre Weise einzigartig! Freut’ mich sehr, dass du dich beim Lesen live dabei fühlst. Und noch mehr freue ich darauf, irgendwann mal wieder gemeinsam mit Euch über einen der Berliner Samstags-Märkte zu schlendern … ob im Osten oder Westen 😉 Sonnige Grüße aus Michigan von Britta 🙂