Blau machen für mehr Grün

Hi there,

die ersten Kölner Balkon-Gurken sind geerntet. Vom Samenkorn zum fertigen eßbaren Produkt. Selbst auf engstem Raum. Das finde ich immer wieder faszinierend. Mutter Natur, du Gute! Mein Leben ist derzeit gärtnergrün. Balkonien grünt und blüht. Vor unserem Haus habe ich eine Baumbeet Patenschaft übernommen und gärtnere dort mit zwei Nachbarinnen fleißig herum. Hätte nie gedacht, dass ich das mal machen würde, fand ich doch eigentlich immer einen Hauch spießig. Aber jetzt finde ich es großartig, meine direkte Umgebung ein wenig schöner und den Bienchen und Schmetterlingen einen klitzekleinen zusätzlichen Ort zu schaffen. „Urban Gardening“ gehört ja schließlich nicht erst seit gestern zum guten Ton. Wie, du hast Geranien auf dem Balkon? Die sind doch überhaupt nicht insektenfreundlich. Hopp, hopp zum Markt, Lavendel kaufen!

Meine Gärtner-Begeisterung geht gar so weit, dass ich kürzlich eine Lesung zum Thema besuchte. „Bin im Garten“ heißt das neue Buch von Meike Winnemuth. Genau. Die, die bei Günter Jauch 2011 eine halbe Million Euro abräumte, anschließend eine 12-monatige Weltreise unternahm und darüber ein Buch geschrieben hat. In „Das große Los“ erzählt sie über ihr Reisejahr. Das Buch bekam ich 2013 zum Abschied geschenkt und es verschwand als allerletztes Teil in unserem Überseecontainer. Eher skeptisch nahm ich, die „Roman-Leserin“, es irgendwann zur Hand. Es wurde zu einem meiner persönlichen Pageturner. Und das liegt nicht nur daran, dass Frau Winnemuth seit ihrer Weltreise ausschließlich blaue Klamotten trägt. Vielmehr schreibt sie mir so oft aus der Seele. Was aufbrechen, reisen und entdecken, ankommen und wieder weggehen, neugierig sein, sich auf Land und Leute einlassen und die Liebe zum Meer angeht. Dass sie einen Reise-Monat auf Hawaii verbracht und sich dort auf Spurensuche nach einem meiner Serienhelden der 80er Jahre, Privatdetektiv Magnum, begeben hat, war da nur noch das Sahnehäubchen obendrauf.

Und nun ein neues Projekt und ein neues Buch: „Bin im Garten –  Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“. Nach der Weltreise suchte sie einen Ort zum Bleiben, steht im Klappentext. Der Moment, an dem sie die vage Idee von einer Heimat-Scholle bekam, ereignete sich fast 12.000 km entfernt vom heutigen Garten, auch auf Hawaii. Bei einem Morgenspaziergang am Strand sah sie einen Mann mit Hund, der still aufs Meer hinaus schaute. „Der geht hier jeden Tag her und anschließend frühstückt er. Der hat ein Leben und ich nicht“, dachte sie, die wie eine Nomadin durch die Welt reiste. „Ich will denselben Baum im Frühling, im Sommer, im Herbst und meinetwegen sogar im Winter sehen, dachte ich plötzlich, ich will den Wandel, aber am selben Ort, denn nur dort erlebt man ihn wirklich. Ich will irgendwo hingehören. Ich will endlich wieder ein Zuhause. Eine Heimat.“ Als sie diese Passage auf der Lesung vorlas, musste ich arg schlucken. Da war es wieder. Mit aller Wucht. Das Heimat-Thema. Das mich seit unserem Weggang in die USA und unserer Wiederkehr nach Deutschland so sehr beschäftigt.

Das Buch ist wie ein Tagebuch geschrieben und bei vielen Einträgen denke ich: ja ganz genau! Zum Beispiel, wenn Meike Winnemuth Sätze wie diesen schreibt: „Es geht darum herauszufinden, was einem persönlich wirklich wichtig und unverzichtbar ist. Der Rest kann weg.“ Einfache Weisheit? Von wegen. Wir sind nun fast ein Jahr wieder hier und der Prozess, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, hält an. Materiell, aber auch, und vor allem, immateriell. Wie sieht die große Aufgabe der Zukunft aus? Oder sind es viele kleine? Was verankert mich wieder fest im Kölner Boden? Wofür schlägt mein Herz am meisten? Worauf möchte ich mich fokussieren? Brauche ich jetzt etwa einen Garten? Eine Parzelle beim Kleingärtnerverein? Gar ein Häuschen auf dem Land? Hilfe, ich bin doch ein Stadtmädchen. Nicht so einfach, wieder Wurzeln zu schlagen, wenn man einmal entwurzelt war. Es wieder wachsen zu lassen, zu ernten. Vielleicht wühle ich deshalb gerade so gerne in der Erde. Auf unseren Balkonen und im Baumbeet vor der Tür.

Ein leichter Gartenvirus hatte mich schon in Michigan erfasst. Da habe ich vier Sommer lang Tomaten, Gurken, Salat, Kohlrabi, Zucchini und noch mehr Tomaten (mit so lustigen Namen wie Moonglow, Tommy Toe, German Lunchbox, Ukrainian Purple, Velvet Red oder Wisconsin Chief) angepflanzt. Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit, wenn man mit ein wenig Pflege, Wasser und gutem Zureden den kleinen Plätzchen zu großem Wachstum verhelfen kann und dann noch mit der leckeren Ernte für’s Abendbrot belohnt wird.

Detroit ist so etwas wie die Wiege des Urban Gardening. Und so wundert es sicherlich niemanden (#ilovedetroit), dass der Besuch einer urbanen Farm schon länger auf meiner „Bucket List“ stand. Im letzten Frühsommer habe ich mich dann endlich mit einer guten Freundin frühmorgens auf den Weg gemacht, um auf der „Earthworks Urban Farm“ zu helfen. Mit anderen Freiwilligen jäteten wir Unkraut zwischen den Kartoffelpflanzen und bekamen einen Einblick in die täglichen Abläufe eines landwirtschaftlichen Betriebes mitten in der Stadt.

In Detroit’s weitläufigem Stadtgebiet gibt es heute rund 1.600 Nutzgärten und Farmen, die Obst und Gemüse anbauen. Die Stadt verfügt über jede Menge freier Flächen. Seit den 90er Jahren werden auf diesen Brachen Nutzgärten angelegt, um die Versorgung der Stadt mit landwirtschaftlichen Produkten zu sichern. Mit dem massenhaften Wegzug der Menschen verließen auch die Supermärkte die Stadt. Was blieb, waren Tankstellen mit ihren angeschlossenen Convenience Läden, die aber kaum frisches Obst und Gemüse anbieten. Viele Farmen und Kooperativen verkaufen ihre Produkte mittlerweile auch auf den Wochenmärkten. Die non-profit Organisation „Keep Growing Detroit“ unterstützt die Farmen mit dem Ziel, den größten Teil des in Detroit benötigten Obst und Gemüse innerhalb der Stadtgrenzen zu produzieren.

Die „Earthworks Urban Farm“ hat ihre eigene Geschichte. Sie ist hervorgegangen aus der „Capuchin Soup Kitchen“, einer bereits 1929 gegründeten Organisation, die neben Nahrung auch Kleidung und Weiterbildungsprogramme für Bedürftige anbietet. Täglich werden 2000 Mahlzeiten serviert, es gibt ein Duschprogramm, eine Lebensmittelausgabe, Nachhilfe und Kunsttherapie für Kinder. 1997 ergänzte der Kapuzinermönch Rick Samyn die Suppenküche um einen Gemüsegarten. Seine Mission: die Gemeinschaft in der Nachbarschaft zu stärken, der jüngeren Generation zu zeigen, wie man gute Lebensmittel selbst erzeugen kann. Aus dem kleinen Garten wurde Stück für Stück die „Earthworks Urban Farm“ mit einer heutigen Fläche von über 10.000 Quadratmetern. Sie ist bio zertifiziert und hat mittlerweile Gewächshäuser, um auch in den Wintermonaten produzieren zu können. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden in der Suppenküche verwendet und an einem wöchentlichen Marktstand verkauft. Viele andere Gemeinschaftsgärten in Detroit beziehen Setzlinge von hier. Außerdem geben die Earthworks Farmer ihr Wissen an Schulen weiter. Übergeordnetes Ziel der Farm ist es, die Menschen der Stadt unabhängig von Supermärkten zu machen. Zur Capuchin Soup Kitchen gehört auch die „On the Rise Bakery“. Hier arbeiten Menschen, die nach einem Gefängnisaufenthalt oder nach Abschluss eines Drogenentzugs eine zweite Chance bekommen.

In deutschen Städten entstehen auch immer mehr Gemeinschaftsgärten. Die „Eßbare Stadt“ ist unübersehbarer Trend. Wäre es nicht toll, sich einen Teil der Mahlzeit einfach in der Nachbarschaft zu pflücken? Über’s Hochbeet hinweg einen kurzen Schwatz mit der netten Dame von nebenan zu halten. Mehr Gemeinschaft in der zum Teil anonymen Stadt. Mir gefällt dieser Gedanke gut und die Idee von der „Eßbaren Straße“ spukt nun in meinem Kopf. Gartenromantik direkt vor der eigenen Haustür. Ein wenig wie in Peter Alexanders Lied von der kleinen Kneipe. „… da, wo das Leben noch lebenswert ist. Dort in der Kneipe in unserer Straße. Da fragt dich keiner, was du hast oder bist.“ Hach. Genug geträumt. Ärmel hochkrempeln und hopp hopp an die Harke. Alles andere wächst dann sicherlich von ganz alleine.