Köln

So long, Ann Arbor

(Familienfotos und Portrait: Silke Masullo)

Hi there,

that’s it. Heute Nachmittag hebt der Lufthansa Kranich seine Nase gen Osten und fliegt uns über den Atlantik auf den alten Kontinent zurück. Five years gone by in the blink of an eye. Herkommen war einfacher. Mit dem Wissen darum, dass wir irgendwann zurückgehen würde. Jetzt fühlt es sich so viel endgültiger an. Und wie beende ich nun diesen „Relocation Countdown“? Ohne mich zu wiederholen. Vieles was mir wichtig war, habe ich schon an anderer Stellen gesagt. Aber meine kleine Therapie braucht einen Abschluss. Ich versuche es mal mit ein paar Antworten auf Fragen, die mir in den letzten Wochen gestellt wurden.

Hast du oft Heimweh gehabt?
Nein, nicht wirklich. Es war eher Wehmut … Köln zu Karneval, der Stadtwald um die Ecke, das Veedel („walkable urbanism is the highest luxury“ – hat eine amerikanische Bekannte über das Leben in deutschen Städten gesagt. Fand ich sehr treffend), unsere Straße, unser Haus (schnell mal zur Freundin auf einen Wein runter), die Kölner Lebensart, Berlin, Bella Italia … alles, was mir in der Heimat Europa lieb und teuer ist. Neben Familie und Freunden, die ich hier natürlich sehr vermisst habe. Aber „that goes without saying“, wie die Amerikaner es ausdrücken.

Was wirst du vermissen?
Der Blick auf das große Michigan „M“ am Stadion auf dem Weg in die Stadt. Die alten Nachbarschaften Ann Arbor’s mit ihren charmanten historischen Häusern und ihren altem Baumbeständen. Koriander immer frisch (und ausnahmsweise unverpackt) im Supermarkt. Die vielen himmelblauen, hellen Midwest Tage. Das glitzernde Winter Wonderland. Die unwirklichen Eiszapfen. Die kurzen und unkomplizierten Wege in small town Ann Arbor. Das immer präsente gelbe M auf blauem Grund. Michigan Craft Beer. Den Außen-Pool im Sportclub. Die freundliche, offene Art der Amerikaner. Der fantastisch bunte und lange Herbst. Der Blick auf unseren Wendehammer beim ersten Kaffee an einem sonnigen Morgen. Cruisen durch die Countryside mit ihren typischen roten Scheunen und Farmhäusern. Barn Sales. Detroit. So nah an einer der für mich spannendsten Städte der Welt zu leben.

Hat das Leben in Amerika dich persönlich verändert?
Diese Frage habe ich gestern Abend mit nein beantwortet. Aber heute morgen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und dann fiel mir eine Zeile des Poetry Slammers Florian Cieslik ein. „Manchmal musst du weg gehn‘, um nach Hause zu kommen, um zu wachsen.“ Und vielleicht ist es das. Die Veränderung wird sich erst mit einem Abstand einstellen.

Was bringst du mit nach Deutschland?
Neben unendlich vielen Erinnerungen ungefähr 380 verschraubbare Gläser zum Einwecken und Einfrieren mit. Tupperware war gestern. Aber im Ernst. Die Erfahrung, einen fremden Ort zu einem wirklichen Zuhause machen zu können. Nicht nur mit einer schönen Wohnungseinrichtung. Sondern indem man sich auf das Leben, auf die andere Kultur einlässt. Neugierig ist. Alles entdecken möchte. Auch die kleinen lokalen Dinge. Der regelmässige Besuch des Farmers Markets, das Pancake Frühstück auf der kleinen Maple Syrup Farm ein paar Meilen außerhalb von Ann Arbor, das neue Cafe in Detroit’s West Village. Neue Freundschaften schließen. Ann Arbor hat ein Wort für Menschen, die hier seit langem lokal verwurzelt sind. Townie. So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ich behaupte mal ganz frech, dass ich mir in den fünf Jahren ein paar Prozent „Townie“ erworben habe.

Hast du deine „Bucket List“ abgearbeitet?
Nein. Auch wenn ich gerade in diesem letzten Jahr noch ordentlich reingehauen habe. Egal wann man geht, man ist nie fertig. Aber dafür gibt es eine Million Gründe, zurückzukommen.

Welche Momente werden dir besonders in Erinnerung bleiben?
Der erste Schultag unseres Sohnes. Als ein mutiger 8-jähriger Junge ohne ein Wort Englisch in dem großen gelben Schulbus verschwand. Der letzter Schultag an der Grundschule. Unser erstes Football Spiel im Michigan Stadium. Die Sonnenuntergänge am Lake Michigan. Das Schlendern durch Downtown Ann Arbor, wenn die Sonne sich senkt und die roten Backstein-Häuser in ein goldenes Licht taucht. Die Blicke aus der Vogelperspektive im Flieger hinunter auf die Shoreline des Lake Michigan. Die ersten Schritte hinein in die Michigan Central Station. Viele große Momente, unzählige kleine.

Michigan & Ann Arbor werden für uns immer ein Stück Heimat bleiben. Den größten Anteil daran haben die unzähligen wunderbaren Menschen, deren Wege sich mit unseren hier gekreuzt haben. Viele sind zu wirklichen Freunden geworden und wir werden in enger Verbindung bleiben. Man geht halt niemals so ganz.

Ann Arbor – we will miss you so much. Aber es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Ein neues Kapital aufzuschlagen. Wir werden uns wiedersehen. So oft wie möglich. Denken werden wir ohnehin jeden Tag an dich. Schon gleich am Morgen, wenn wir Radio Köln einschalten. 107,1. Die gleiche Welle, auf der Radio Ann Arbor funkt. Was für ein Zufall.

Wir gehen mit unendlicher Dankbarkeit. Darüber, dass wir so viel reicher geworden sind und so viele intensive Erfahrungen machen durften. Als Familie, und jeder von uns auf seine eigene Weise. Das wird uns niemand mehr nehmen können. Nie war mehr Anfang als jetzt. Nie waren wir mehr gespannt darauf, wie sich das Leben ab Morgen anfühlen wird. Hey Kölle, wir freuen uns tierisch op dich! Aber du musst nachsichtig mit uns sein. Unser Herz wird freudig hüpfen, wenn der ICE morgen früh über die Hohenzollernbrücke fährt und deine Domspitzen ins Bild kommen. Aber eine kleine Hintergrundmusik wird ab jetzt für immer „go blue“ spielen.

 

home for thanksgiving

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Hi there,

dieses Jahr haben wir zum amerikanischen Familien-Feiertag Thanksgiving mal das gemacht, was alle Amerikaner machen – wir sind nach Hause gereist. Zwar gab es in Deutschland keinen Truthahn, dafür aber andere lang vermisste Leckereien. Allen voran Gans mit Rotkohl und Klößchen. Ach, was hatte ich mich darauf gefreut. Und Feldsalat. Der wird hier einfach nicht angebaut. Auch zu Kasseler mit Sauerkraut und Kartoffelpüree (mashed potatoes können die Amis allerdings auch meist richtig gut) habe ich mich hinreißen lassen. Fehlten eigentlich nur noch Reibekuchen mit Apfelmus. Dafür hatte Glühwein Konjunktur und ich habe mich vom Lichter- und Sternenglanz auf den Kölner Weihnachtsmärkten verzaubern lassen. Ach, was viel schön!

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Ich war sehr gespannt, wie so ein kurzer, irgendwie spontan eingeschobener Heimaturlaub sich anfühlen würde. Es war extrem anstrengend und intensiv, aber auch wunderschön! Als wir Sonntag wieder im Flieger nach Detroit saßen, kam es mir fast vor, als hätte ich das alles nur geträumt. Mein Elfjähriger fragte mich dann irgendwann über dem Atlantik: „Mama, wie fand’s du es?“ Da fiel mir nur spontan die Zeile eines meiner BAP Lieblingslieder (Jradaduss) ein: „Et woor schoen, et woor joot, ahm Eng e bessje ze kort …“ (für Nicht-Kölner: „Es war schön, es war gut, am Ende ein wenig zu kurz“). Ob er BAP kenne, frage ich überflüssigerweise. „Was denkst du denn. Ich bin doch ein kölscher‘ Jung“. Na denn.

Seit das möglicherweise letzte Jahr für uns hier in Michigan angebrochen ist, werde ich bei einigen Sachen sehr wehmütig. Das fing am Ende des Sommers an, als ich am letzten Pool-Tag bis zum Ende blieb. Gleich am nächsten Tag folgte ein vielleicht letztes Mal „Back to school“, die möglicherweise letzte Michigan Football Saison hatte begonnen (nicht das ich ein Riesenfan dieses Sports bin, aber an Spieltagen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre in der Stadt), die Blätter färbten sich eventuell ein letztes Mal so irre intensiv bunt, wie ich es bisher nicht kannte, Halloween, Christmas, … Ach herrje, wie wird es werden, das Zurückkehren in die eigentliche Heimat? Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu viel darüber nachzudenken. „Go with the flow“ oder so ähnlich. Nicht im Sinne von passiv „treiben lassen“, vielmehr aktiv das gestalten und bewusst erleben, was sich ergibt. Ohne Fünfjahresplan. Ohne zwischen den beiden Welten diesseits und jenseits des Atlantiks hin- und hergerissen zu sein.

Genug herum philosophiert, zurück in die reale Ann Arbor Welt. It’s beginning to look a lot like Christmas. Als wir abgereisten, standen noch die Kürbisse vor den Türen und das ein oder andere Gruselelement war noch von Halloween übrig geblieben. Szenenwechsel: alles ist erleuchtet und blinkende Rehe und überdimensionale Blow-up Santas haben wieder das Terrain in unserer Hood übernommen. Da müssen wir noch dringend nachrüsten. Außerdem wird es Zeit, wieder ein paar Späße mit „Elf on the shelf“ zu treiben. Die lustige Elfe ist hier in vielen Familien eine vorweihnachtliche Tradition. Eine Art Adventskalender. Über Nacht kommt sie vom Nordpol zurück und sucht sich jeweils einen neuen Platz im Haus. Nach dem Aufwachen laufen die Kinder aufgeregt durch alle Zimmer und suchen nach dem rot-weißen Püppchen. Gefunden, darf sie nicht berührt werden, sonst verliert sie ihren Zauber. Tagsüber beobachtet sie, ob die Kids „naughty or nice“ sind und gibt Santa am Nordpol dann allabendlich Rapport.

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Mein kölscher Junge glaubt zwar nicht mehr an Santa, aber die Elfe wird trotzdem allmorgendlich erwartet. Wie war das mit dem Glauben an den Weihnachtsmann? „Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen,“ schreibt der Kolumnist der „New York Sun“, Francis P. Church, der achtjährigen Virginia aus New York. Sie hatte sich 1897 mit der Frage „Gibt es einen Weihnachtsmann?“ an die Tageszeitung gewandt. Der Briefwechsel wurde über ein halbes Jahrhundert – bis zur Einstellung der „Sun“ 1950 jedes Jahr zur Weihnachtszeit auf der Titelseite abgedruckt. Später hat die Welt am Sonntag diese Tradition übernommen. In diesem Sinne: feel the christmas spirit! Ach ja, und den Truthahn gibt es bei uns zur Bescherung.