Ann Arbor

relocation countdown …

„I am not the same, having seen the moon shine on the other side of the word“
Mary Anne Radmacher

Hi there!

„60 days until Check-in LH 443 Detroit to Frankfurt“. Wir hatten ja eigentlich genug Zeit, uns auf den Abschied vorzubereiten. Aber wie bei so vielen anderen Terminen denkt man „ach, ist ja noch lange hin“. Aber plötzlich ist der Zeitpunkt „just around the corner“. Bei mir war es die Buchung unserer Heimatflüge vor einigen Wochen, die das baldige Ende unserer Zeit hier offiziell besiegelt hat. Touchdown Germany. Ziemlich genau fünf Jahre, nachdem wir an einem sonnigen Morgen in Köln zu unserer „Mission Michigan“ aufgebrochen sind. Damals noch nicht ahnend, was für eine intensive und erlebnisreiche Zeit wir hier verbringen würden. Wie sehr Ann Arbor zu einem Zuhause werden würde. Wie vielen wunderbaren Menschen wir begegnen würden. Wie sich unser Zweitklässler ohne ein Wort Englisch zu einem bilingualen (und teilweise amerikanisierten) Teenager entwickeln würde. Welche fantastischen Orte und Landschaften wir besuchen würden. Was für eine irre Bereicherung all‘ diese Erfahrungen für uns sein würden. Echt jetzt? Ich hatte dem Abenteuer Amerika anfangs eine Absage erteilt???

Wie oft bekomme ich dieser Tage zu hören: „Und du wolltest erst gar nicht gehen. Und nun fällt es dir so schwer, Abschied zu nehmen.“ Ja, ich habe ordentlich unterschätzt, dass „going home“ auch kein Kindergeburtstag ist. Es ist eben etwas anderes, als aus einem längeren Urlaub heimzukehren. Es fühlt sich eher an, als stolpere man von einem Leben in ein anderes. Auch wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass ich nicht ewig diese zwei Leben führen möchte. Ein Teil des Herzens in Deutschland und ein Teil hier. Oder wie unser Sohn es im August 2015 mit Blick auf den Kölner Dom vor einer Rückreise nach Michigan ausdrückte: „Ich möchte zwei Hälften haben. Eine fliegt nach USA, eine bleibt hier.“ Er war auch der Hauptgrund, warum ich mich anfangs schwer getan habe, ja zu sagen. Und nun ist die Sorge wieder da. Wird er den Schulwechsel gut schaffen? Schnell neue Freunde finden? Oder an alte Freundschaften anknüpfen? Er ist sehr offen und freut sich auf Deutschland, auf Köln. Kölsche Jung‘ halt, und Großstadtkind. Und dennoch ist auch bei ihm seit Mitte Mai schlagartig durchgesickert, dass die Zeit hier abläuft. „Wir sitzen nur noch 22 Tage in diesem Setting“, sagt er eines morgens am Frühstückstisch vor der Schule. Mit etwas mehr Tränenflüssigkeit in den Augen als sonst. Schluck.

Mir gehen ob des bevorstehenden Umzugs so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. So viele kleine und größere „goodbyes“ wollen gesagt und gefühlt werden. So vieles noch erlebt werden. So viele Geschichten noch erzählt werden. Daher kam mir die Idee, all diesem Wirrwarr einen Rahmen hier im Blog zu geben. Los geht es also heute mit dem „Relocation Countdown“ – 60 days to go. Die sommerliche Version von „wir warten auf’s Christkind“, nur ohne Elfe. 😉 Nein, nein – keine Sorge!! Ich werde nicht täglich etwas einstellen. Dafür habe ich gar keine Zeit, und 20 Tage lang werden wir noch unterwegs sein. Die letzte große Reise unseres USA-Aufenthaltes. Literally: The last frontier. Alaska.

Aber zurück nach Ann Arbor, Michigan … dort, wo wir die meisten Tage der letzten fünf Jahren verbracht haben. Der Ort, der uns am meisten ans Herz gewachsen ist. Dort, wo das gelbe „M“ auf blauem Grund im täglichen Straßenbild präsent und überall liebevoll umarmt wird. Ein Deutscher, der die „University of Michigan“ in blau-gelb fantastisch auf dem Basketball-Court vertreten hat, hat kürzlich auch Abschied genommen. Der Berliner Moritz Wagner wurde 2013 als erster deutscher Basketballspieler in die Mannschaft der „Wolverines“ (das Maskottchen der Universität) aufgenommen. Vom ersten Training bis zum letzten „March Madness“ (dem wichtigsten Turnier der College-Teams), haben wir seinen Weg und seine unzähligen Körbe verfolgt, teilweise live. In der Saison 2017/18 schaffte er mit dem Team das March Madness Finale. Wooohooo, was für ein Turnier! Ann Arbor stand Kopf und war noch etwas blau/gelber als sonst. Am Tag nach dem (leider verlorenen) Finalspiel, hat Mo (wie er hier genannt wird) bekannt gegeben, dass er in die Profiliga wechseln wird. Im Juni wird er am NBL (National Basketball League) Draft teilnehmen. Ein Satz aus seinem sehr emotionalen Abschiedsbrief an Michigan, die Uni und Ann Arbor spricht mir aus dem Herzen:

„Ann Arbor will always be the first American city that I ever really knew. In my opinion, it’s the perfect place to live — not too big, not too small. You get all four seasons, great sports, and some of the nicest and most genuine people I have met. I’ll miss Ann Arbor a ton and come back as much as I can.“

„Genuine people“ kennen wir auf beiden Seiten des Atlantiks. Und die stehen ganz oben, wenn wir gefragt waren, worauf wir uns am meisten freuen, und was den Abschied am schwersten macht. But I am also still crazy in love with this small college town of Ann Arbor!

 

Countdown to Christmas …

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Ein bisschen Hogwarts in Ann Arbor

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Die „University of Michigan“ hat viele tolle Gebäude – historische und moderne. Eines der schönsten Ensembles auf dem Campus ist für mich das „Law Quadrangle“. Nach dem Vorbild englischer Universitäten wie Oxford oder Cambridge wurde der Komplex mit seinen fünf Gebäuden zwischen 1923 – 1933 im gotischen Stil errichtet. Ein ehemaliger Jura-Student machte mit einer großzügigen Spende diesen fantastischen Bau für die Rechtswissenschaften möglich. Herzstück ist der große Lesesaal, der an die Great Hall in Hogwarts erinnert. Als ich zum ersten Mal durch den Torbogen in den grünen Innenhof dieser Jura-Fakultät ging, kam mir Harry Potter mit einem Stapel Bücher unterm‘ Arm vor meinem geistigen Auge entgegengelaufen. In dieser leicht magischen, friedlichen Atmosphäre hätte ich auch gerne studiert. Im historischen Lesesaal stehen alte Bücher in den Regalen, eine moderne Bibliothek wurde unterirdisch angelegt. Charmant finde ich jedes Mal den Kontrast zwischen dem altehrwürdigem Saal mit seinen prächtigen Kronleuchtern, Holz vertäfelten Decken, altmodischen Leselampen und kunstvoll gestalteten Glasfenstern und den heutigen Jurastudenten, die lässig an ihren modernen Laptops arbeiten.

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Noch einmal schlafen … 😉

Countdown to Christmas …

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Am zweiten Advent gibt es Weihnachtliches aus Downtown Ann Arbor. Ab Anfang November schwingt die lokale Künstlergruppe „The Novemberistas“ ihre Pinsel und verwandelt seit vielen Jahren die Schaufenster in wunderbare winterlich weihnachtliche Bilder. Drei bis vier Fensterbilder schaffen die fleißigen acht „Brush Monkeys“, wie sie sich selber nennen, täglich. Bis kurz nach Thanksgiving sind sie fertig mit circa 100 Winterszenen, in denen Rentiere, Elfen, Eisbären und viele Schneemänner- und frauen große und kleine Shopper verzaubern.

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Und wenn alles geschafft ist, heißt es bei den Novemberistas „BDGU“ – Brushes down, glasses up! Cheers!!

Stundenplan war gestern

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Hi there!

Der gute alte Stundenplan … ich habe ihn geliebt. Er lag im Schreibwarenladen aus, es gab ihn in der Apotheke oder bei der Bank. Erst mal alle mitnehmen, dann für ein Design entscheiden. So habe ich das jedenfalls zu meiner Schulzeit gemacht. Und später gab es Eigenkreationen, damit sie ins entsprechende Mäppchen passten. Ach, nicht zu vergessen meine Snoopy Kalenderbücher, die ich eine zeitlang als Hausausgabenbücher genutzt habe. Die gesammelten Werke vergangener Schultage schlummern immer noch in irgendeiner Kiste in Köln.

Ein amerikanischer Middle Schooler braucht keinen old school Stundenplan. Abgesehen davon, dass hier jeder Tag gleich abläuft, ist das gesamte Leben des Schulkindes online einsehbar. „Power School“ heißt das Zauberwort. Den Begriff hatte ich wohl als Randnotiz auf dem Info-Abend vor den großen Ferien notiert, über dessen Tragweite war ich mir jedoch im Juni noch nicht bewusst. Als die Zugangsdaten dann kurz vor Schulstart einflogen, war ich noch im Ferienmodus. Zurück im Ann Arbor Public School Gebiet habe ich mich dann gleich mal eingeloggt. Aha: Tagesablauf, Noten, Hausaufgaben, Cafeteria-Guthaben, Anwesenheit .. alles online 24/7 einsehbar. So weit, so gut. Neue Verwunderung entstand, als mir eine befreundete Mutter einen Screenshot ihres Kindes schickte, um zu schauen, ob die Jungs gemeinsame Kurse haben. Mmmmh, das sah ganz anders aus, als auf meiner PC-Ansicht. „Ja, hast du dir denn die App noch nicht aufs‘ smart phone geladen?“ die überraschte Info auf meine offenbar naive Nachfrage. Puuh, hatte ich etwa noch vor Schulbeginn den Anschluss an die schöne neue digitale Schulwelt verpasst? Nachsitzen! Nostalgie hin- oder her, die Power School App befindet sich nun auch auf meine ersten phone-Seite. Jederzeit bereit für das nächste Update.

Toll!! Jetzt kann ich beim Warten an der Supermarktkasse, beim Friseur, beim Lunch oder grad‘ mal an der roten Ampel checken, was so in der Schule läuft. Hat Kind auch die Englisch Hausaufgaben rechtzeitig abgegeben? Wieviele Punkte gab es im Spanisch-Test? Wie steht es mit der Beteiligung in World History? Ah, den Extra-Bonus in Mathe eingeheimst, sehr schön! Ups, zu spät zu Science erschienen? Waaas??? Im Unterricht dazwischen gequatscht? Das ideale Tool für alle Helikopter Moms and Dads, die ihre Kreise am liebsten auch im Klassenzimmer und auf den Fluren ziehen würden. Ich persönlich möchte das alles gar nicht im Stundentakt wissen! Ich bin auch keine (Achtung neuer Begriff! Und ich schwöre: das habe ich mir nicht ausgedacht!!) „Pop-Up-Mom“. So bezeichnen sich Mütter, die immer mal wieder unangemeldet im Klassenraum ihrer Kinder auftauchen (und noch mächtig stolz darauf sind), um nach dem Rechten sehen. Liebe Schüler der 80er: jetzt stellt euch mal vor, eure Muttis wären einfach so im Klassenraum erschienen. Ihr hättet doch gedacht, euer Haus wäre abgebrannt oder der Opa gestorben.

Die wirklich wichtigen Informationen kommen übrigens noch mit der guten alten Email. Zum Beispiel, dass ein Schüler eine Waffe auf dem Schulcampus gesehen haben will und darauf hin unter riesigem Sicherheits-Brimborium sämtliche Spinde, Rucksäcke und Klassenräume durchsucht wurden. Ein paar Stunden später am gleichen Tag erhielt ich dann noch einen Anruf, der mich (zusätzlich zum Vermerk in Power School und via Stimme vom Band) über das Zuspätkommen meines Schülers in einem Kurs informierte. Bei meinem Rückruf habe ich freundlich aber bestimmt deutlich gemacht, was mich wirklich beunruhigt. Yikes! Welcome to Middle School.2016! Und einen wehmütigen Gruß an die guten alten Schultage mit handgeschriebenen Stundenplänen!

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from farm to table …

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… or to the White House.

Hi there!

„Agriculture is the most healthful, most useful and most noble employment of man.“

hat George Washington, einer der Gründerväter und erster Präsident der USA gesagt. Wenn er nicht gerade für die Unabhängigkeit kämpfte oder sein Land später regierte, baute er Tabak, Weizen und andere Getreidesorten an. Er war für seine Zeit sogar ungewöhnlich innovativ bei der Entwicklung neuer Anbaumethoden. Landwirtschaft, Präsidentschaft … in den letzten beiden Wochen waren das zwei spannende Gegenpole meiner amerikanischen Erfahrung. Vom harmonischen „farm to table dinner“ zum schrillen Kampf ums Weiße Haus. Und trotzdem gibt es einen interessanten Zusammenhang. Aber mal schön der Reihe nach.

Oooooom! Entspannter und beschwingter hätte der Ausklang des vorletzten Wochenendes nicht sein können. Nur wenige Meilen von unserer Vorstadtsiedlung entfernt (dort, wo die Straßen schon nicht mehr asphaltiert sind), liegt die „White Lotus Farm“. Ein 11 Hektar großes grünes, blühendes Paradies, das von einer buddhistischen Gemeinschaft betrieben wird. Sie bewirtschaftet die Farm, auf der saisonales Gemüse angebaut, Ziegenkäse hergestellt und Brot (best Baguette and Croissants in town!!) gebacken wird, nach biodynamischen Grundsätzen. Neben den Nutzbeeten wurden wunderschöne Gärten nach dem Vorbild europäischer und asiatischer Gärten angelegt. Sie sind nicht nur blühende Schönheiten, sondern haben auch eine praktische Funktion. Getreu dem Grundsatz des englischen Gartengurus und Pioneers der biologischen Landwirtschaft, Alan Chadwick, der in dem Nebeneinander von Nutz- und Ziergarten eine „ganzheitliche Umgebung für Fruchtbarkeit“ sah. Neben den Einflüssen aus Europa und Asien, werden auch alte, einheimische Apfelsorten angebaut. Die restaurierte Scheune, eine der letzten Original Scheunen in Michigan, die von der Lutherischen Glaubensgemeinschaft erbaut wurden, beherbergt heute Räume für Meditation und Yoga. Die Einkünfte der Farm unterstützen das spirituelle Leben der Gemeinschaft. Ein deutsches Mitglied erzählte uns, dass ein solcher Ort, wo Buddhismus ganz praktisch gelebt wird, sehr selten zu finden ist. Spanned war es, mehr über das Konzept der White Lotus Farm zu erfahren, deren Produkte ich schon länger auf dem Markt kaufe. Und das fünfgängige Dinner, das uns im Anschluss an eine Farm-Tour an zwei langen Tischen mitten auf der grünen Wiese serviert wurde, war ein kulinarischer Traum. Zubereitet hatte es der asiatische Chefkoch eines lokalen Restaurants. Bon Appétit & Oooooom!

Los ging’s mit lecker Blubberbrause aus Michigan, Farmbrot, Ziegenkäse und anderen köstlichen Kleinigkeiten. Trotz Porzellan und goldenem Besteck … ohne den guten alten Plastikcooler geht bei amerikanischen Outdoor Veranstaltungen nix. 😉

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Der Besitz und das Bewirtschaften von Land ist tief in der amerikanischen Kultur verankert. Sowohl bei den Ureinwohnern als auch bei den frühen europäischen Einwanderern, den Pilgrims, hat die Landwirtschaft eine wichtige Rolle bei der Bildung und Entwicklung des Landes gespielt. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren Farmer, ebenso eine ganze Reihe späterer Präsidenten. Nach George Washington war auch Thomas Jefferson ein experimentierfreudiger Farmer, der nach Feierabend mit unzähligen Frucht- und Gemüsearten experimentierte, u.a. mit für diese Zeit exotischen Sorten wie Kichererbsen und Kale. Abraham Lincoln wuchs auf einer Farm auf und nutzte seine „farm boy“ Kindheit, um seine bescheidenen Wurzeln zu demonstrieren. Theodore Roosevelt nannte sich selbst „Cowboy of Dakota“, er unterhielt eine Viehfarm, bevor er Präsident wurde. Harry S. Truman wuchs auf einer Farm in Missouri auf. Seine Mutter sagte später über ihn: „Auf der Farm hat Harry seinen gesunden Menschenverstand ausgebildet“. Lyndon B. Johnson, oft in Cowboy Boots und mit Stetson Hut zu sehen, wurde auf einer Ranch geboren, die er später selber führte. Während seiner Präsidentschaft lud er Staatsgäste dorthin ein, u.a. Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der berühmteste „Farm-Präsident“ ist sicherlich Jimmy Carter. Er wuchs auf der Erdnussfarm seiner Eltern in Georgia auf. Ronald Reagan und George W. Bush nutzten ihre Farmen in Kalifornien und Texas, um dort mit Staatsgästen Gespräche in einer informellen Atmosphäre abseits von Washington D.C. zu führen. Einige der ehemaligen Präsidentschaftsfarmen werden heute vom „National Park Service“ bewirtschaftet und stehen Besuchern offen.

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Auch am Weißen Haus legten verschiedene First Ladies seit seiner Fertigstellung 1800 Gemüsegärten an. Eleanor Roosevelt pflanzte während des zweiten Weltkrieges den „White House Victory Garden“, um für Zeiten möglicher Lebensmittelknappheit für das Anlegen von Gärten bei der amerikanischen Bevölkerung zu werben. Hillary Clinton ließ einen Gemüsegarten auf dem Dach des Weißen Hauses anlegen und Michelle Obama erweitere die Gartenflächen erheblich, um Grundschulkindern die Vorzüge einer gesunden Ernährung nahe zu bringen. Farmen und Farmland sind für Amerikanern mehr als ein Ort für Landwirtschaft. Sie stehen für Tradition und harte Arbeit. Der Wunsch, Land zu besitzen und es zu bewirtschaften, scheint noch immer tief in den meisten Amerikanern verwurzelt zu sein.

Vom harmonischen „Oooom“ am Sonntagabend, ging es nahtlos über zu den lauten und schrillen Tönen des Präsidentschaftswahlkampfes. Der erreichte in den letzten beiden Wochen mit den Parteitagen der rivalisierenden Parteien seinen vorläufigen Höhepunkt. Puuh – anstrengend war das … jeden Abend vor der Glotze. Aber besondere Ereignisse bedürfen besonderer Maßnahmen. Jeweils von Montag bis Donnerstag: Reden, Reden, Reden. Einige davon sehr bewegend, viele mit enormen Pathos, dazu viel Lobhudelei, unglaubliche Inszenierungen, den ein oder anderen Skandal, wenig neue Inhalte. Und am Ende die obligatorischen Ballons (viele Ballons in rot, weiß, blau), die von den Arenen-Decken in Cleveland and Philadelphia auf die nun offiziell gekürten Präsidentschaftskandidaten und ihre Anhänger hinab schwebten. Das ist das Bild, das ich auch von der Berichterstattung in Deutschland von vergangenen US-Wahlkämpfen im Kopf hatte. Nun bin ich zum ersten und vermutlich zum letzten Mal während des langen Wahlkampfes im Land und finde es super spannend, das alles „vor Ort“ zu erleben. Auch wenn es, wie alle Amerikaner um mich herum nicht müde werden zu betonen, ein ungewöhnlicher, nicht typischer Wahlkampf ist. Wäre ich jetzt gar nicht drauf gekommen. Trotzdem habe ich so manches Detail besser verstanden, vom komplizierten Vorwahl-System über die Bedeutung von Super-Pacs, „the winner takes it all“-Staaten bis hin zu den Wahlmännern und -frauen. Nun geht der Wahlkampf in seine finale Phase. 45. Präsident(in) gesucht! Demokratin vs. Republikaner. Elefanten vs. Esel. Blau vs. rot. Am 8. November wissen wir mehr. Ein Dienstag übrigens. Weil ein Sonntag nicht geht, da steht der traditionelle Kirchenbesuch an. Und Montag ist Anreisetag zum Wahllokal. Mit der Kutsche kann das halt schon mal dauern.

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Ach je … ich könnte mich jetzt richtig in Schwung schreiben … und zum Beispiel hinterfragen, wie zeitgemäß das 2nd Amendment (Recht auf Selbstverteidigung) der vor rund 240 Jahren geschriebenen „Constitution“ noch ist, aber ich mache lieber einen Punkt und rufe zuversichtlich „Let’s go blue“!

 

Ann Arbor – how are you?

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„When I arrived in 1934, at the bottom of the Depression, I fell in love with the place, as groggy as I was from the bus ride, because I was out of the warehouse at last and at least formally part of a beautiful town, the college town of Ann Arbor.“ (Arthur Miller)

Hi there!

Wie versprochen: Ann Arbor! Für den Schriftsteller Arthur Miller, der als Student der University of Michigan einige Jahre in Ann Arbor lebte, war es Liebe auf den ersten Blick. Für mich eher eine auf den zweiten oder dritten Blick. Letzte Woche vor genau drei Jahren fand meine erste Begegnung mit Ann Arbor statt, und es sah erst mal nicht danach aus, als würden wir beide gute Freunde werden. Es war heiß und schwül. Ich mochte das Hotel nicht. Die Klimaanlage war furchtbar laut. Ein Zimmerwechsel machte es nur unwesentlich besser. Also erst mal nach Downtown, soll ja so hübsch sein. An diesem Ankunftstag hätte es mir die malerischste Innenstadt wohl nicht recht machen können. Neun Stunden Flug, Jetlag, Hitze. Fast so schlimm wie Hunger, Pippi, Durst. Und „on top“ die permanente Frage: „How. are. you. doing?“. Schlecht!! Ich sah mein Leben gerade für ein paar Jahre im „fast forward“ Mode an mir vorüber rasen. Meinen 8-Jährigen vom Kind zum Teenager mutieren. Und plötzlich war ich mir alles andere als sicher, ob ich bei der „Mission Michigan“ noch mitmachen wollte. Ganz unglücklich nippte ich auf der belebten Main Street an meinem Getränk. Um uns herum tobte das Leben, Ann Arbor feierte den Sommer. Ein Setting, das ich heute ganz wunderbar finde. Aber an jenem ersten Michigan-Tag war ich kurz davor, dem nächsten, der mir ein „How are you“ entgegen schmetterte, an die Gurgel zu gehen. Umso größer war meine Überraschung, als ich mich einige Monate später „Fine. How are you?“ antworten hörte. Da war ich wohl angekommen. Im Land des zwanglosen Small Talks, in dem es den Fragenden nicht wirklich interessiert, wie es einem geht. Hauptsache, man hat mal drüber gesprochen. Die Steigerung von „how are you?“ ist übrigens „how is your day going so far?“. Gerne zwischen Schinken abschneiden und über die Theke reichen untergebracht. Meine gute Erziehung verbietet mir die Gegenfrage: „was zum Teufel geht dich das denn an?“.

How is Ann Arbor? Ann Arbor ist liberal und weltoffen. Ein bunter Mix verschiedener Kulturen und Nationalitäten. Politisch betrachtet ist Ann Arbor eine demokratische Insel im republikanischen Michigan. Eine Insel, hinter deren Stadtgrenzen erst die amerikanische Wirklichkeit zu beginnen scheint. Fallen in der Stadt die Bernie Sanders Plakate in den Vorgärten ins Auge, weht einige Meilen außerhalb, wo es gleich deutlich ländlicher zugeht, die ein oder andere Südstaaten Flagge. Ann Arbor ist grün, bunt, ein wenig Hippie, viel Yuppie. Die Kleinstadt Oase landet regelmässig auf den vorderen Plätzen, wenn es um Orte mit hoher Lebensqualität und Familienfreundlichkeit geht. Die Innenstadt ist ein gewachsenes Zentrum mit vielen schönen alten Backsteinhäusern, einer lebendigen Gastronomie- und Einzelhandelsszene. Einige Mikrobrauereien brauen hier leckere Biere, auch für verwöhnte deutsche Gaumen. In den Cafés sitzen Studenten mit ihren Laptops. Die kleine Stadt ist an vielen Ecken Großstadt. Und in vielerlei Hinsicht nicht Amerika.

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Gegründet wurde Ann Arbor 1824. Die beiden Gründer benannten Ann Arbor nach ihren Ehefrauen, die beide Ann hießen, und nach den Eichenbaum-Alleen, die auf ihrem neu erworbenen Land standen. Die vielen baumgesäumten Straßen in und rund um Downtown geben Ann Arbor heute den Beinamen „Tree Town“. Außerdem gibt es viele Parks und Grünflächen, Gärten und das bewaldete Ufer entlang des Huron River. Von den 120.000 Einwohnern („Ann Aborites“) sind rund 40.000 Studenten der University of Michigan. Downtown und der zentrale Campus entwickelten sich parallel, so dass es keine direkte Trennung zwischen der Innenstadt und dem Gelände der Universität gibt. Das macht Ann Arbor heute sehr jung und lebendig. Leute, die hier aufgewachsen sind oder schon sehr lange hier leben, nennen sich „townies“. Domino’s Pizza wurde hier gegründet, die Konzernzentrale befindet sich auch heute noch hier. Bob Seger und Iggy Pop wuchsen in Ann Arbor auf. Madonna hat an der University of Michigan studiert, heute ist ihre Tochter hier eingeschrieben. Ann Arbor hat den persönlichen Konsum von Marijuana legalisiert. Seit 1972 findet jeden April das „Hash Bash“ Festival auf dem Gelände der Uni statt. Google’s hoch profitables Programm „AdWords“ sitzt in Ann Arbor. Bei der lokalen Institution „Zingerman’s“, die weit über Ann Arbor für ihr unglaublich leckeren Sandwiches bekannt ist, hat schon President Obama 2014 ein Reuben Sandwich verspeist. Soweit ein paar Ann Arbor „(fun) facts“.

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Die kleine Stadt Ann Arbor und ich –  wir sind heute ganz dicke. Auch wenn es mir nach drei Jahren immer noch so manches Mal unwirklich erscheint, wenn kurz vor dem Abzweig in unsere Neighborhood das Schild „Ramp to Detroit“ in Sicht kommt. Heimatgefühl stellt sich dafür ein, wenn mich der junge Mann am Marktstand meines Vertrauens mit „wie geht es“ begrüsst, oder die Dame an der Supermarktkasse sich nach unserem letzten Urlaub erkundigt. Das ist dann etwas mehr als das allgegenwärtige „how are you“. Aber letztlich, da bin ich einer Telefonstimme voll auf den Leim gegangen, und habe auf die Standardfrage mit einem zwar knappen, aber gutgläubigen „good“ geantwortet. Nach einer unnatürlichen Pause ging das übliche Verkaufsgeblubber vom Band los … reingefallen!

I hope everybody is having a wonderful Sunday! And a fun and safe summer! Wherever you read this!

 

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Hi there!

Rolle rückwärts! Mir ist aufgefallen, dass ich im letzten Jahr (by the way: „brittamachtblau“ hat heute Geburtstag. Vor genau einem Jahr ist der Blog online gegangen. Darauf einen Cupcake!) viele Beiträge über Detroit gemacht habe. Damit bin ich auch noch nicht durch. Aber unser täglicher Lebensmittelpunkt ist Ann Arbor, hier hat unsere „Mission Michigan“ vor fast drei Jahren (wer hat da eigentlich an der Uhr gedreht?) begonnen. Ein prima Zeitpunkt, um den ein oder anderen Blick auf diese kleine, aber feine Midwest College-Stadt zu werfen.

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Zum Geburtstag gibt’s erst mal Blumen. Und zwar Peonies (Pfingstrosen) aus dem größten „Peony Garden“ Nordamerikas. Der befindet sich im „Nichols Arboretum“, ein zur University of Michigan gehörender herrlicher Park/Garten. Üppige Trauben in pink, fuchsia, zart rosa und schneeweiß bilden ein farbenfrohes Spektakel in den fast 30 bepflanzten Beeten. An diesem Wochenende steht der Garten fast in voller Blüte. Bis zu 10.000 Blüten an 800 Pflanzen erfreuen das Auge der vielen Blumenfreunde, die jedes Jahr im Frühling zu diesem phantastischen Garten Ann Arbors‘ pilgern. Von den mehr als 270 historischen Sorten aus dem 19en und frühen 20sten Jahrhundert kann man nur noch knapp die Hälfte kaufen. Pfingstrosen stammen ursprünglich aus China. Dort findet man sie auch häufig in der Kunst vor. Außerdem sind sie in Japan und Korea sehr beliebt. Über Europa gelangten sie nach Nordamerika. Eine großzügige Pflanzen-Spende alter Sorten von europäischen und nordamerikanischen Züchtern des Unternehmers Dr. W.E. Upjohn an die University of Michigan legte 1922 den Grundstein für den Peony Garden, der 1927 für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Soweit kurz ein paar Fakten … ich lass‘ nun die Blumen sprechen. Enjoy! 

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Ein Jahr Blog. 25 Beiträge. Viel Arbeit. Noch mehr Freude. Viele schöne Rückmeldungen über diverse Kanäle. Ich mach‘ dann mal weiter. 🙂
Ann Arbor und so … und wie das so war, als es 2013 „welcome to Michigan“ hieß … nicht immer nur rosarot … stay tuned!