lost place

Der Teufelsberg

Geschichte No. 4 – Endspurt in den Frühling

Hi there!

Großer Lauschangriff. Die zweithöchste Erhebung Berlins bot ideale Bedingungen zum Abhören. Das machte sich der US-Geheimdienst NSA in den 1950er Jahren zu Nutzen. Zunächst mobil, bevor er in den 1960er Jahren auf dem Teufelsberg im Stadtteil Grunewald eine stationäre Abhöranlage mit fünf Türmen errichtete, um Informationen aus dem damaligen Ost-Block und aus den Institutionen der ehemaligen DDR abzufangen. Auch der britische Geheimdienst nutzte die Anlage. Jedoch operierten die beiden Alliierten vollkommen getrennt voneinander. Man munkelt sogar, sie hätten sich gegenseitig abgehört. Bis zu 1.500 Menschen arbeiteten in den markanten weißen Kuppeln der “Field Station Berlin” im Drei-Schicht-Betrieb. Mit immer ausgefeilterer Technik wurde der Teufelsberg zur wichtigsten Lauschstation der Welt. Die “Ohren” reichten bis nach Moskau. Bis heute herrscht über die gesammelten Informationen strenge Geheimhaltung. Erst 2022 sollen sich in den USA die Archive öffnen.

Der Berg, der heute mit seinem fantastischen Blick über Berlin so grün und beschaulich wirkt, ist aufgebaut auf den Trümmern des Wahnsinns der NS-Regierung und des darauf folgenden Zweiten Weltkrieges. In den 1940er Jahren ließ Hitler hier eine “Wehrtechnische Fakultät” bauen. Sie sollte der erste Schritt zur Umgestaltung Berlins zur Hauptstadt von “Germania” sein. Nach Ausbruch des Krieges wurde das Vorhaben 1940 gestoppt, der Rohbau wenig später durch Bomben zerstört. Ein Fundament aus Trümmern blieb, worauf nach Kriegsende rund die Hälfte der Trümmer des zerstörten Berlins gestapelt wurde. Nach und nach wuchs der Berg, dessen Namensgeber der unterhalb gelegenen Teufelssee ist, an. Im letzten Schritt wurde der südliche Teil bepflanzt und aufgeforstet, so dass aus Kriegsruinen ein grünes Naherholungsgebiet entstand.

Nach dem Mauerfall verlor die Abhörstation ihre Daseinsberechtigung. Sie operierte noch bis 1992 und wurde anschließend kurze Zeit für die zivile Luftüberwachung genutzt. Nachdem einige private Investoren mit ihren Projekten (Exklusive Appartements, Hotel, Spionage Museum, Yoga-Zentrum) scheiterten, begann die Anlage zu verfallen.

Seit 2018 steht der Teufelsberg als Relikt des Kalten Krieges unter Denkmalschutz. In der von Wäldern umgebenen Anlage dürfen keine neuen Gebäude errichtet werden. Das Gelände befindet sich aktuell im Privatbesitz der Investorengemeinschaft Teufelsberg Berlin und kann offiziell besichtigt werden. Künstler aus aller Welt haben auf den Wänden der Gebäude eine riesige Graffiti-Galerie errichtet. Die eindrucksvollen, bunten Wandbilder sind bis zu 270 Quadratmeter groß.

Die herrlichen Rundum-Blicke, die bunte Street Art Szene, die geheimnisumwitterte Geschichte und der morbide Charme machen den Teufelsberg zu einem spannenden Ziel im Grunewald. Die ehemaligen Abhörtürme mit den im Wind flatternden Stofffetzen wirken wie aus einer anderen Welt.

Das Strandbad Tegel

Endspurt in den Frühling – Story No. 1

“Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.”

Jean Paul

Hi there!

Das klappt ja seit dem Wochenende schon mal prima. Meine Lockdown-Laune steigt mit jedem lauen Luftzug, mit jedem noch so kleinem Grün da draußen. Der kalendarische Frühlingsbeginn ist am 20. März. Wer Lust auf frisch servierte brittamachtblau Geschichten vom deutschen Reisesommer und -herbst 2020 hat: voilà! “Endspurt in den Frühling” – fröhlich in die nächsten vier Wochen eingestreut. Vielleicht mit der ein oder anderen Anregung für deutsche Reise-Abenteuer 2021. Who knows? Die Meteorologen “befehlen” den Frühling übrigens schon für den 1. März. Da mischen sich in diesem Jahr dann frisch geschnittene Köpfe ins frische Grün. 😉

Hier geht es mit einem “Lost Place” los, einem vergessenen Ort. Eingeworfene Scheiben, wild wucherndes Grün, vor sich hin gammelnde Gebäude, staubige Relikte aus besseren Zeiten signalisieren mir nicht “hier gibt es nix zu gucken”, sie ziehen mich magisch an. Ich mag es, das Morbide festzuhalten und die einstige Schönheit hinter Staub und Verfall zu erahnen. Mir vorzustellen, wie das Leben war, bevor der Ort verlassen wurde. Aber das wisst ihr ja schon.

Im letzten Jahr sind einige verlassene Orte vor meine Fotolinse gehuscht. Und da ich bei diesem frühlingshaften Wetter leicht übermütig werde und an den ersten Sprung in einen See oder Pool denke, habe ich mich als erste Geschichte für das Strandbad Tegel im Berliner Bezirk Reinickendorf entschieden. Seit 2016 steht dort die Uhr still.

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Also nüscht wie raus zum Tegeler See. Wunderschön liegt das leere Strandbad mitten im Tegeler Forst. Die Berliner sind Wasserratten, die Berliner Bäder Betriebe die größte Betreibergesellschaft von Bädern und Badeseen in Europa. Bis 2016 betrieb die BBB auch das Strandbad Tegel. Zuletzt kamen wohl immer weniger Besucher, wofür u.a. die Einstellung der Buslinie, die bis zum Bad fuhr, verantwortlich gemacht wird.

Das Schild am Eingang hat Moos angesetzt, die Tischtennisplatten auch.

Der Spielplatz ist leer, hier hört man keine Kinder toben und lachen.

Die blauen Schließfächer in der Umkleide scheinen hoffnungsvoll auf Badegäste zu warten. Einige kommen trotz verschlossener Tore dennoch. Sie werden regelmässig von einer Sicherheitsfirma verscheucht. Dann haben die Enten und Schwäne die Bucht zwischen dem 500 Meter langen Sandstrand, der einsam vor sich hin dümpelnden Badeinsel, der Rutschen-Platform und der verwahrlosten Bademeisterkabine, die man über einen zugewucherten Steg erreicht, wieder für sich.

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Aber es gibt gute Neuigkeiten: das seit fast fünf Jahren vor sich hin rottende Strandbad soll im Mai zu neuem Leben erweckt werden. Eine der größten Nachbarschaftsinitiativen der Stadt Berlin hat eine Betreibergesellschaft gegründet, um das Strandbad aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Kinder und Jugendliche sollen freien Eintritt bekommen, es sind Freizeit- und Kulturangebote geplant. Liebe Berliner: ihr müsst jetzt janz stark sein. Kulinarisch soll hier demnächst gesund und vorwiegend vegetarisch gekocht werden. Also ran an die Buletten, äh Tofuburger. Es sieht also nach einem Happy End für das 40.000 Quadratmeter große Naturschwimmbad, das 1933 die ersten Badegäste empfing, aus.

“Mit Kind & Kegel auf nach Tegel” steht immer noch trotzig über dem Restaurant. Die Eistafel am Kiosk verspricht “Sommer im Herzen”. Ein einsamer Sonnenschirm würde wohl gerne wieder Schattenspender für Badegäste sein.

Ich freue mich wie Bolle auf Badespaß und Tofubulette im neuen Strandbad Tegel … aber auch überall sonst. Bis dahin versuche ich mit Sommer im Herzen durch den Lockdown zu kommen.

xmas countdown

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Lost Place mit Zukunft

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Das rostrote Riesenrad mit den bunten Gondeln hat schon lange keinen Fahrgast mehr befördert. Nur der Wind treibt es manchmal an. Ich stelle mir das unheimlich vor, wenn sich das Rad quietschend in Bewegung setzt. Viel lieber mag ich mir lachende, fröhliche Kinder oder verliebte Paare vorstellen, die glücklich durch die Lüfte schweben und sich am Ausblick auf viel Grün und die nahe Spree erfreuen. Vergangenheit, aber vielleicht auch Zukunft des 45 Meter hohen und mit 40 Gondeln ausgestatteten Wahrzeichens des ehemaligen Kulturparks Plänterwald im Stadtteil Berlin-Treptow.

Der Park wurde 1969 von der DDR als “VEB Kulturpark” gebaut und blieb der einzige Vergnügungspark der DDR. Kurz bevor die Mauer fiel, wurde das Riesenrad anläßlich des 40. Jahrestags der DDR 1989 sogar noch erneuert.

Nach der Wende wurde der Park 1991 privatisiert und schrittweise umgestaltet, um mit westlichen Standards mithalten zu können. Viele der zusätzlichen Attraktionen erwarb der neue Eigentümer von einem insolventen Vergnügungspark bei Paris. Leider brachten sie dem Plänterwald auch kein Glück. Die Besucherzahlen gingen stetig zurück. Schließlich musste der Park 2001 Insolvenz anmelden.

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Das Gelände wurde sich selbst überlassen und rottete viele Jahre vor sich hin. Die Natur eroberte sich das Areal stückweise zurück, überwuchert heute die rostenden Gleise und Streben der Achterbahn “Spreeblitz” und der Wildwasserbahn “Grand Canyon”. Über die Zeit wurde ein wilder verwunschener Dschungel aus dem ehemals berühmten Freizeitpark. Ein Biotop, in dem sich Frösche, Vögel, Fledermäuse und Biber wohlfühlen.

Seit 2016 entwickelt “Grün Berlin” ein neues Konzept für die grüne Oase hinter’m Zaun. Der neue Spreepark soll ein öffentlich zugänglicher Natur- und Erholungspark werden, der Raum für Kunst und Kultur bietet.

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Einzelne Elemente des ehemaligen Freizeitparks sollen erhalten bleiben. Als Erinnerung an seine bewegte Vergangenheit. Die Ikone Riesenrad soll sich, wenn möglich, wieder drehen. Die Achterbahn mit dem Katzengesicht, in dessen Maul die alten Gleise verschwinden, soll zu einem begehbaren Baumwipfelpfad umfunktioniert werden. An der Wildwasserbahn soll man zukünftig entlang spazieren können. Als originelle Sitzmöglichkeit für ein Cafés könnten die Teetassen des Karussells dienen.

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Die Ideen zur Neugestaltung klingen sehr vielversprechend. Wenn es gelingt, die Magie vergangener Zeiten mit einem zukunftsweisenden Konzept zu verbinden, werden Berliner und Besucher aus aller Welt wieder wunderbare Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Wie die zwei Damen auf unserer Tour, die den Park noch aus DDR Zeiten kannten und in Erinnerungen an seine glanzvollen Zeiten schwelgten.

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