Germany

Wanderlust

Jetzt übertreiben die Vulkan-Eifeler ja wohl ihre Lage. Gerolsteiner Dolomiten-Rundweg – wie jetzt? Bei Dolomiten denke ich natürlich an die gleichnamige Gebirgsgruppe in Italien. Dort, wo die höchste Erhebung 3.343 Meter über dem Meeresspiegel in den Himmel ragt. Der Munterley ist mit gerade mal 482 Metern der höchste Felsen der Dolomiten bei Gerolstein in der Vulkaneifel. Wie beim großen Bruder wechseln sich auch in den Gerolsteiner Dolomiten sanfte Abschnitte mit steil aufragenden Felssäulen aus Kalkstein ab. Nur eben ein paar Nummern kleiner. Der Name “Dolomit” benennt das Gestein, das sich vor 400 Millionen Jahren, als sich an dieser Stelle der Eifel ein tropisches Meeresbecken befand, als Sediment gebildet hat.

Ordentlich steil bergauf führt der erste Teil des Wanderweges. Anstrengend, aber sehr beeindruckend. Bis zum Munterley schlängelt sich ein schmaler Pfad in Serpentinen bis zum Aussichtspunkt. Von hier eröffnet sich ein traumhafter Blick über Gerolstein und das Umland. Der Wanderlust weiter folgend führt der Weg super abwechslungsreich durch wunderschöne Waldstücke, über herrlich saftige Wiesen, an ehemaligen (heute nicht mehr zu erkennenden) Vulkankratern vorbei.

Die Buchenloch-Höhle suchten Eiszeitjäger vor 400.000 Jahren auf, um zu rasten und Bären im Winterschlaf zu erlegen.

Auf zahlreichen Infotafel wird die geologische Situation sehr anschaulich beschrieben. Man lernt z.B., wie Kalksteine entstanden sind, wie Lavaströme ihren Weg ober- und unterirdisch gefunden haben. Der Vulkanismus hat hier in der Vulkaneifel verschiedenen Formen hervorgebracht hat. Unter anderem die wunderbaren, teilweise mit Wasser gefüllten, Maare.

Unterschiedlichen Lavaschichten.

Der letzte Vulkan brach vor mehr als 10.000 Jahren aus. Es gibt keine zuverlässigen Prognosen über mögliche zukünftige Ausbrüche. Meine Empfehlung: Wanderschuhe schnüren, Rucksack auf und dieses wunderschöne Stück Erde erwandern und genießen.

Brandenburgs Zauberberg

Noch ein Lost Place. Aber anders. Einen, den man offiziell bei verschiedenen Führungen entdecken oder aus der Vogelperspektive betrachten kann. Der 800 Meter lange Baumkronen- und Zeitreisepfad “Baum und Zeit” eröffnet hoch über der Ruine des “Alpenhauses”, einem ehemaligen Klinikgebäude für Frauen, einzigartige Perspektiven über das weitläufige Gelände der ehemaligen Lungenheilanstalt und in die Natur darüber hinaus.

Seit 1945 wächst ein Dachwald auf der Ruine des Alpenhauses.

Die Geschichte der Beelitzer Heilstätten ist spannend und wechselvoll. Im ausgehenden 19. Jahrhundert grassierte auch in Berlin die hochansteckende Infektionskrankheit Tuberkulose. In der Stadt war es eng, die hygienischen Zustände in den Berliner Mietskasernen miserabel. Um der Situation Herr zu werden, kaufte die Landesversicherungsanstalt Berlin 1898 ein ausgedehntes Waldstück in Brandenburg. Hier draußen in der sauberen Luft der brandenburgischen Kiefernwälder sollten sich Berlins Großstadtpatienten erholen und ihre Arbeitsfähigkeit zurückgewinnen. Nahe der Stadt Beelitz (Genau, da kommt der leckere Beelitzer Spargel her) entstand eine moderne Lungenheilanstalt und ein Sanatorium mit rund 1200 Betten.

Eine eigene Bäckerei und Metzgerei sowie nahe gelegene Obst- und Gemüseanbauflächen stellten die Versorgung von Patienten und Personal sicher. Sogar ein eigenes Postamt gab es. Ein Heizkraftwerk (die erste Kraft-Wärme-Kopplungsanlage Deutschlands) auf dem Gelände machte die Heilstätten in Punkto Energieversorgung autark.

Während der beiden Weltkriege diente die Einrichtung als Lazarett. Nach dem zweiten Weltkrieg besetzte die Rote Armee das Areal und nutzte die Beelitzer Heilstätten als Militärhospital. Kurz nach dem Fall der Mauer fanden hier Erich Honecker und seine Frau Margot für ein knappes Jahr Unterschlupf, bevor man sie nach Moskau ausflog.

Der ehemalige Operationssaal in der “Alten Chirurgie”
Kernbestandteil der Therapien waren Liegekuren an der frischen Luft.

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland im Jahre 1994 beginnt der Verfall der Klinikbauten und die Verwilderung des Geländes. Viele Gebäude fallen dem Vandalismus zum Opfer. Die ehemalige Heilstätte lockt jahrelang Geisterjäger und andere Horror-Abenteurer an. Wer würde nachts in den langen Fluren, den leeren Räume mit offen stehenden Fenstern und Türen nicht unheimliche Geräusche, Schritte und Schreie hören?

Seit einigen Jahren ist der Spuk vorbei. Die historischen Gebäude werden nach und nach originalgetreu restauriert. Auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen Heilstätten entsteht unter anderem ein neuer Stadtteil mit zahlreichen Wohneinheiten.

Aus dem verlassenen Ort wird ein geretteter Ort. Einer, dessen Geschichten noch lange erzählt werden.

Ein Dorf voller Studenten

“Olydorf” nennen die Bewohner:innen das wahrscheinlich coolste Studentenwohnheim Deutschlands. Hier wohnt jeder Student, jede Studentin im eigenen Häuschen. Die 1.052 zweigeschossigen Minihäuser stehen dicht an dicht am Rande des Olympiaparks in München. Jede Fassade darf selbst gestaltet werden. Bunte Farben gegen den grauen Beton. Reichlich Raum für Individualität innerhalb einer großen Wohngemeinschaft mit dörflichem Charakter. Die schmalen Gassen zwischen den Häusern wirken wie eine Outdoor-Flur, wo Begegnung und Kommunikation spontan und unkompliziert stattfinden können. Aber man hat auch jederzeit die Möglichkeit, die eigene Haustür hinter sich zu schließen.

Gebaut wurde das Bungalowdorf 1972 als Unterkunft für Athletinnen während der Olympischen Sommerspiele. Anschließend zogen Studenten in die damals 800 Würfel in Sichtbetonbauweise ein.

2007 wiesen die Häuser so große Mängel auf, dass man sich für einen Abriss und Neubau des Dorfes entschied. Bei der Neuplanung wurden die wesentlichen Gestaltungselemente beibehalten. Um noch mehr Studierende unterbringen zu können, wurden die einzelnen Häuser jedoch verkleinert. Rund 250 Einheiten mehr umfasst das Bungalowdorf heute. Gewohnt wird seit 2009 auf 18,8 Quadratmetern mit kleiner Dachterrasse und begrünten Dächern.

Der Wohnraum pro Person ist eng bemessen, aber es gibt jede Menge grünen Freiraum drumherum. Auf dem ehemaligen Gelände der Olympischen Spiele kann man Laufen, Inlineskaten, im Gras chillen oder eine der zahlreichen Sportstätten nutzen. Außerdem finden hier Konzerte, Sportevents, Ausstellungen und Open-Air-Kino statt.

Hach! Hier pflügte Mark Spitz 1972 durch’s olympische Wasser und gewann 7 x Gold.

Im Olydorf selbst geht es bunt und international zu. Ein Studenten-Verein organisiert Grillfeste, betreibt Disko, Bar und Bierstube (mia san ja schließlich in München 😉 ), Musikübungsräume, einen Lesesaal, die Imkerei “Bienen im Olymp” sowie eine Dorfwerkstatt, die speziell auf die Minihäuser angepasste Möbel baut. Außerdem gibt der Verein Olydorf e.V. eine Dorfzeitung, das “Dorfbladl” heraus. Das alles in Selbstverwaltung.

Ach, wäre ich doch noch mal Studentin … dann könnte ich vielleicht im Olympiapark meinen Traum vom Tiny House eine Weile leben.

#SolidAHRität

Hi there!

Ich habe lange überlegt, wie ich den Beitrag über das Ahrtal beginnen soll. Bei Durchsicht meiner Fotos wusste ich es dann. Diese Jutetasche habe ich dem 8-jährigen Max im letzten September abgekauft. Kennengelernt habe ich das junge Familienmitglied einer Winzerfamilie bei der Mittagspause der Erntehelfer. Der Grundschüler wollte auch helfen und kam auf die Idee mit den Taschen. Für über 10.000 Euro hatte er da bereits Taschen für die Fluthilfe verkauft. Hut ab, Max! Das Engagement hat mich sehr beeindruckt und berührt. Aber auch nachdenklich gemacht. Weil Kinder doch eigentlich frei von derlei Sorgen und Verantwortungen aufwachsen sollten.

Die Geschichte von Max und den SolidAHRitäts-Beuteln ist exemplarisch dafür, wie stark der Einsatz von Einzelnen und privaten Initiativen ist, um den Wiederaufbau im Ahrtal voranzutreiben.

Ich möchte mit dem heutigen Beitrag einfach ein wenig für diese wunderschöne Region trommeln. Zugegeben: in meiner Weinwelt kamen das Ahrtal und seine Weine bis vor wenigen Jahren nicht vor. Rotweinwanderweg, Weindörfer, Winzerfeste, Straußenwirtschaften – das klang für mich alles furchtbar angestaubt. Zum Glück hat ein erster Besuch 2019 das geändert. Seitdem werde ich nicht müde, begeistert vom Ahrtal zu erzählen. Dass es tolle Weine, zunehmend auch aus biologischen Anbau, hervorbringt. Dass es lauschige Straußenwirtschaften und leckeres Essen gibt. Dass man 40 Minuten von Köln entfernt in eine andere Welt eintauchen kann.

Mein Favorit auf dem Rotweinwanderweg ist das Teilstück Rech – Mayschoß. Dort ist die Landschaft durch die Steillagen besonders beeindruckend und es eröffnen sich immer wieder fantastische Ausblicke über Weinberge und Tal. Das Ahrtal wirbt ganz offiziell wieder für Besuche, um Winzer, Gastgeber und Einzelhändler zu unterstützen. Der Rotweinwanderweg ist wieder komplett “bewanderbar”. Super interessant ist auch ein Besuch des ehemaligen Regierungsbunkers. (siehe Blogbeitrag Dezember 2019)

Wir sind im letzten Herbst der Einladung “Wandern für den Wiederaufbau” gefolgt. Weinberge im herbstlich bunten Kleid sind ein fantastisches Naturschauspiel, das ich bisher nur von Fotos kannte. Unterwegs gab es frischen Federweißer, Wein, herzhafte Leckereien und SolidAHRitäts-Armbänder. Die Stimmung war heiter und hoffnungsvoll. Nicht nur bei den Besuchern, auch bei den Menschen aus dem Ahrtal.

Die schönen Bilder sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für viele Betroffene der Flutkatastrophe noch ein weiter Weg hin zur Normalität ist. Aber das Wissen darum, dass es eine Zukunft gibt und das Ahrtal nicht in Vergessenheit gerät, ist sicherlich ein kleiner Lichtblick.

Also Leute: geht wandern und trinkt ordentlich Ahr-Wein!

Ein Freistaat für Kunst & Kultur

Hi there!

Versteckt zwischen Bahntrasse und dem wieder eröffneten Bordell Pascha liegt Odonien, ein Freistaat für Kunst und Kultur. “Spektakulär, skurril und gemütlich” wird er auf seiner Webseite beschrieben. Köln zeigt sich hier im Stadtteil Neuehrenfeld eher von seiner weniger schönen Seite. Aber der Künstler Odo Rumpf hat auf einem stillgelegten Industriegelände eine kreative Wunderwelt geschaffen. Aus unzähligen Fundstücken vom Schrott und noch mehr guten Ideen hat er einen jener besonderen Orte geschaffen, die es im deutschen Großstadtdschungel viel zu selten gibt.

Was ursprünglich nur als Atelier für den Metallbildhauer dienen sollte, ist nach und nach auch zu einem Veranstaltungsort und Kulturzentrum geworden. Ein Gesamtkunstwerk, das sich mit dem Engagement und den Ideen vieler unterschiedlicher Menschen ständig weiter entwickelt. Im Dialog und Austausch entstehen hier auch kulturübergreifende und soziale Projekte. Wie beispielsweise das RoboLAB, eine barrierefrei begehbare Großskulptur. Seit 2020 finden hier unter anderem inklusive Kunstprojekte statt.

Odo Rumpf selbst hat 1991 angefangen, Möbel und Skulpturen aus entsorgten Gegenständen zu bauen. Aus Schrott und Fundstücken, die er von überall her mitbringt. Dinge, die bereits ein Vorleben hatten und eine Geschichte erzählen können. Diese Kunstwerke und Installationen machen die besondere Atmosphäre von Odonien aus. Besucher können hier hautnah erleben, wie Kunst im Freiluftatelier entsteht.

Jeder Besucher ist herzlich willkommen. Im grünen gemütlichen Biergarten, bei Konzerten, auf Partys, zu Flohmarkt und Open-Air Kino oder großen Festivals wie dem im letztem Jahr veranstalteten “Robodonien”. Dabei verwandelte sich der Skulpturenpark in ein lebendiges nächtliches Kunstwerk mit feuerspeienden Robotern und einem interaktiven Bühnenprogramm einer französischen Performancegruppe.

Im Mai öffnet der Biergarten wieder. Mit einem kühlen Getränk in der Hand macht der Besuch dieses einzigartigen Ortes jenseits der Inneren Kanalstraße und des städtischen Einheits-Getümmels bestimmt am meisten Freude.

Gartenglück

Hi there!

Gestern war “Tag des Regenwurms”. Über Sinn und Unsinn solcher Tage kann man streiten. Aber ich docke thematisch einfach mal an den Wurm an. Er macht schließlich einen super Job im Garten. Er gräbt um, lockert die Erde auf, kompostiert Laub und sorgt für eine natürliche Düngung. Tummeln seine Freunde zahlreich im Boden, ist die Erde gesund. Die Pflanzen erhalten wichtige Nährstoffe, das Regenwasser kann besser aufgenommen und gespeichert werden. Nicht unwesentlich, wenn die Sommer heißer und trockener werden.

So, aber eigentlich wollte ich euch vom SchreberGartenGlück erzählen. Seit Spätsommer 2020 haben wir im Garten von Freunden mit-gegärtnert. Mal probieren, ob uns das gefällt. Im Kleingartenverein. Eigentlich spießig. Aber seit einigen Jahren sind die grünen Parzellen ja Großstadthippie-tauglich und schwer im Trend. Es ist mittlerweile schwer, an einen Garten ranzukommen. Wir hatten Glück. Über den Gartenzaun hinweg haben wir quasi mit unserem jetzigen Garten angebandelt. Das Abenteuer Schrebergarten und unser erstes Gartenjahr haben begonnen.

Top 1 auf der “To-do-Liste”: Laube flott machen. Beige und braun raus. weiß, grau und blau rein. Die witzige 60er Jahre Küche mit ihren Schiebeschränken darf bleiben und wird aufgehübscht. Ebenso die alte Eckbank. Klingt erstmal bieder, wird aber mit einem Topf Farbe auf Shabby Chic Niveau gebracht 😉 . Unser Bestand an amerikanischen Vintage Möbelstücken (ich wusste doch, dass sich das übermütige Shoppen bei diversen “Barn Sales” irgendwann auszahlen würde) ist groß genug, um die restliche Möblierung sicherzustellen.

Kann ich mich also langsam auf leckeres Obst und Gemüse, bunte Blumen und entspannte Stunden im Garten freuen. Ach stimmt, da war noch was … die Anzucht von Paprika, Gurke & Co. geht bald los, die Gemüsebeete müssen vorbereitet, neue Stauden gesetzt, Unkraut gejätet und sich um den Kompost gekümmert werden. Aber in der Erde wühlen macht glücklich und zufrieden. Dank des Probegärtnerns nebenan weiß ich das. Wenn dann die kleinen unterirdischen Helden aka Regenwürmer weiterhin fleißig mithelfen, ist alles tutti.

Wir sehen uns also im Garten?

All gates are closed

Flugplatz Rangsdorf

Hi there!

Meine Faszination für verlassene Orte ist bekannt. Seit Detroit bin ich mit dem Virus infiziert, den manche Ruinenlust nennen. Auch in Deutschland gibt es spannende Lost Places. Auch hier zieht mich ihr morbider Charme an. Auch hier mag ich die besondere Atmosphäre, die diesen Orten anhängt. Auch hier versuche ich mir den Ort vorzustellen, als er noch voller Leben war. Und wie überall auf der Welt sind die Besuche von verlassenen Orten Momentaufnahmen, “moments in time”. Weil es oft keine zweite Chance gibt, die Orte zu erleben. Weil sie unüberwindbar, zu gefährlich, abgerissen oder einer neuen Nutzung zugeführt wurden.

Der ehemalige Flugplatz Rangsdorf in Brandenburg erweist sich am sonnigen Ostersonntag 2021 als Glücksfall. Das riesige Gelände und auch große Gebäudeteile sind zugänglich. Der 30 km südlich von Berlin gelegenen Land- und Wasserflughafen (der nahe Rangsdorfer See erlaubte Wasserlandungen) ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Von hier hob am 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Oberst der Wehrmacht, ab. Sein Ziel: das Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen. Seine Mission: die Tötung Hitlers mittels einer Sprengladung, die er in einer Aktentasche mit sich führte. Als Stauffenberg drei Stunden später wieder in Rangsdorf landete, glaubte er noch an den Erfolg seiner Mission. Sie ging schief, wie wir wissen und Stauffenberg wurde noch am selben Abend in Berlin erschossen. Eine kleine Gedenktafel am Ufer des Rangsdorfer Sees erinnert heute an den Widerstandskämpfer. Hätte er wohl bei Gelingen seines Vorhabens den Lauf der Geschichte verändert?

Offiziell wurde der Flugplatz als “Reichsflughafen Rangsdorf” am 30. Juli 1936 am Vorabend der Olympischen Sommerspiele eröffnet. Ebenfalls auf dem Gelände befand sich die Reichssportfliegerschule. Hier wurden Jagdflieger auf Bücker-Maschinen, die in den Werkshallen nebenan gefertigt wurden, ausgebildet.

Ein Teppich aus Gras hat sich über den Boden gelegt.

Aber auch prominente Flugschüler:innen tummelten sich hier. Beate Köstlin, die ihren Fluglehrer Hans-Jürgen Uhse später heiratete, und in einer anderen Branche Bekanntheit erlangte. Der Ufa-Star Heinz Rühmann erlernte hier das Fliegen und hatte sein eigenes Flugzeug in einem Hangar untergebracht. Die legendäre Weltumrunderin Elly Beinhorn startete und landete von Rangsdorf aus. 1939 diente der Flugplatz für sechs Monate als ziviler Verkehrsflughafen. Weil Tempelhof nach Ausbruch des Krieges als potentielles Angriffsziel galt, verlegten die Lufthansa und andere Fluggesellschaften ihre Flüge vorübergehend hierher.

Einer der ehemaligen Hangar dient als coole Kulisse für ein Musikvideo.

Nach dem Krieg nutzten die sowjetischen Luftstreitkräfte den Flugplatz noch bis 1994. Seit ihrem Abzug ist in Rangsdorf kein Flieger mehr gelandet, die Gebäude dem Verfall ausgesetzt. Durch eine Hintertür gelangen wir unter anderem in die zur Turnhalle umgebaute Halle.

Auch die in Rangsdorf entstandenen Fotos sind Momentaufnahmen. Der Ort wird sich verändern. Bei der Recherche für diesen Beitrag habe ich gelesen, dass auf dem 90 Hektar großen Gelände ein neues Wohnquartier mit Sportstätten, Schule, Kita, Geschäften und einem Museum (zu den Bücker Flugzeug Werken) entstehen soll. In die denkmalgeschützen Hallen wird wieder Leben einziehen. Ein Teil von mir findet das natürlich großartig. Der andere Teil sieht diesen einzigartigen Ort verschwinden. Dieser Widerspruch macht wohl einen Teil meiner Faszination für Lost Places aus.

Blaue Stunde am Pumpwerk

Blau sollte es leuchten. Hatte mir jemand geflüstert. Als ich ein paar Tage später zum Rhein radeln konnte, hatte sich der Pegelstand jedoch schon wieder etwas geändert und das Hochwasserpumpwerk an der Schönhauser Straße in Bayenthal erstrahlte eher rosa und lila. Dafür enttäuschte der Himmel über Köln nicht. Blaue Stunde.

Seit 2008 steht der Betonkubus, den eine metallene Gitterkonstruktion umgibt, am Bayenthaler Rheinufer. Das Pumpwerk wurde als Teil des Kölner Hochwasserschutzkonzepts zwischen 2005 und 2008 errichtet. Der Quader thront wie auf einer Welle, die rechts und links sanft zum Rheinufer hin abfällt und begrünt ist. Ein schöner Kontrast zum kühlen, gradlinigen Kubus. So fügt sich die technische Anlage harmonisch in die Uferlandschaft ein.

Bei Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich das tagsüber eher unscheinbare graue Bauwerk mittels Power LED’s in eine leuchtende Landmarke. Die unterschiedlichen Farben zeigen die jeweiligen Pegelstände des Rheins an. Leuchtet es grün oder blau, ist der Pegelstand normal. Gelb signalisiert einen erhöhten Wasserstand. Bei Rot ist der Rhein über 6,20 m gestiegen. Bei einem Stand von 7 m werden die Pumpen in Betrieb gesetzt, um so einen Rückstau des Hochwassers in die Kanalisation zu verhindern. Insgesamt verfügt Köln über 35 solcher Hochwasserpumpanlagen. Sicherlich nicht alle so schön, wie die in Bayenthal.

Und wenn das Pumpwerk beim nächsten Mal Blau leuchtet, freue ich mich doppelt über einen Ausflug an Vater Rhein’s Ufer. Den mache ich nämlich viel zu selten.

Gleis 17, Bahnhof Grunewald

Manchmal stößt man unterwegs unverhofft auf Orte, die man nicht auf dem Zettel hatte. Eine Berlin Radtour führt uns durch den Fußgängertunnel am S-Bahnhof Grunewald. Da man sein Rad durch den Tunnel schieben muß, fällt mir das schlichte Schild überhaupt nur auf. Am anderen Ende des Bahnhofs angekommen und eigentlich bereit, die Tour fortzusetzen, lässt mir der Hinweis keine Ruhe. So bin ich zurückgegangen und die Stufen zum ehemaligen Gleis 17 hinaufgestiegen.

Oben am Gleis angekommen, ist plötzlich Stille. Die Geräusche des Bahnhof Grunewald wie ausgeschaltet. Der Ort so friedlich, dass es schwer vorstellbar ist, was hier zwischen Herbst 1941 und Frühjahr 1942 stattgefunden hat. Von Gleis 17 aus wurden deutsche Juden, Sinti und Roma mit Zügen der Deutschen Reichsbahn in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert. Die Deutsche Bahn AG hat dieses zentrale Mahnmal 1998 errichten lassen. Auch als Erinnerung an alle anderen Deportationstransporte, die während der NS-Herrschaft mit Zügen der Deutschen Reichsbahn durchgeführt wurden.

Für jeden Transport, der von Berlin aus abging, ist auf beiden Seite der Bahnsteigkante eine gusseiserne Platte eingelassen. Sie nennt das Datum, die Anzahl der Menschen und den Bestimmungsort. Die 186 Platten fügen sich – chronologisch angeordnet – zum Kernteil des Mahnmals zusammen. Ein Mahnmal, das an die mit brutaler Konsequenz geplante Logistik der Deportation erinnert. Das wird beim Entlanggehen auf dem ehemaligen Bahnsteig spürbar. Teile der Gleise sind mittlerweile zugewachsen, die Schienen haben Rost angesetzt. Die Natur und der Verfall sind wohl bewusste Bestandteile des Mahnmals. Wenn die beschrifteten Stahlplatten Erinnerung und Warnung sind, so stehen die Bäume als unüberwindbare Barriere dafür, dass hier nie wieder ein Zug abfahren wird.

Das Mahnmal “Gleis 17” ist in seiner Konzeption schlicht und nüchtern. Aber der kurze Moment des Innehaltens wirkt sehr kraftvoll nach.

Wo die Mosel eine Schleife zieht

“High Noon oder High End – egal, der Berg ruft!! Unser Luis Trenker Gedächtniswein.”, heißt es auf der Webseite des Weingutes Laurentiushof in Bremm an der Mosel. Gemeint ist der Riesling “Calmont Urgestein”. Den hatten wir zufällig im Frühjahr 2020 gekostet und uns gleich zwei Kisten für den ersten Corona Lockdown bestellt. Naturwein aus biodynamischem Anbau. Perfekt zum Spargel.

Unter welchen herausfordernden Bedingungen der Wein angebaut wird, haben wir im letzten Sommer gesehen. Als wir den 378 Meter hohen Calmont über den Calmont Höhenweg hinaufgestiegen sind. Hier bewirtschaften die Weinbauern die steilsten Weinberge Europas. Hier zieht die Mosel eine enge Schleife. Hier bieten sich dem Wanderer immer wieder neue, fantastische Blicke auf eine einzigartige Naturkulisse. Kurz vor dem Gipfel ist die Aussicht auf die Moselschleife am spektakulärsten. Ein Postkartenmotiv, an dem man sich kaum satt sehen kann. Fast zu kitschig schön, um wahr zu sein. Und weniger als 2 Stunden von Köln entfernt.

Für noch ambitioniertere Wanderer gibt es den Calmonter Klettersteig. Wir waren auch so schon beseelt genug. Vom Weitblick in die Landschaften von Eifel, Hunsrück und Mosel. Oben am Gipfel kann man in der Weinschänke Pause machen, und eine Weile den Paraglidern zuschauen. Bei unserem Besuch fächerte sich ein bunter Gleitschirm nach dem anderen über dem Tal auf.

Und weil man die Mosel nicht ohne Wein verlassen kann, kaufen wir unten im Dorf direkt beim Winzer noch eine Kiste Calmont Urgestein. Cheers! Auf Luis Trenker!