Flower House Detroit

Every flower must grow through dirt.
Laurie Jean Seenot

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Hi there!

Während die Natur bunte Blätter in irre intensiven Farben präsentiert, hat sich in Detroit ein altes, leer stehendes Haus in ein Meer aus frischen Blüten und Pflanzen verwandelt. Blossoms against Blight. Blüten gegen den Verfall. ‚Beauty‘ und ‚Blight‘ gaben ein ungleiches, und doch harmonisches Paar bei dieser außergewöhnlichen floralen Installation ab.

Eine Floristin aus Ann Arbor hatte das Haus mit angrenzenden Grundstücken im letzten Jahr für 250 Dollar (!) erworben. Inspiriert wurde ihre Idee zum „Flower House Detroit“ von Christo und Jeanne Claude, die 2012 eine Pariser Villa anlässlich der Dior Fashion Show mit Blumen füllten.

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Das Flower House Detroit macht bereits von außen seinem Namen alle Ehre. An der verwitterten Fassade der Rückseite hat die lokale Künstlerin Ouizi ein buntes Blumenbouquet aufgemalt. Überall ums Haus ranken Blumen und Blüten. Im Haus gibt es 15 Räume. In jedem dieser Zimmer haben über 30 Flower-Designer aus dem ganzen Land ungewöhnliche Blumenarrangements geschaffen. Mal protzig prächtig, mal zart und fein. Alle dabei verwendeten Blumen und Pflanzen stammen aus amerikanischem Anbau.

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Nach dem Veranstaltungswochenende wird das Gebäude sorgfältig zurück gebaut. Unterstützt von ReClaim Detroit, die die Materialien für andere Wiederaufbau-Projekte in Detroit einsetzen. Auf dem Grundstück wird eine Blumen-Farm und ein Design Zentrum entstehen. „Leidenschaft für Nachhaltigkeit. Liebe zur floralen Kunst. Verantwortung und Respekt für die Geschichte der Stadt Detroit“, von diesen Ideen lässt sich die Initiatorin und Besitzerin Lisa Wand leiten. Möglichst viele Menschen möchte sie mit ihrer Arbeit bereichern.

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Mit dem „Flower House Detroit“ ist das hervorragend gelungen. Die farbenfrohe, üppig blühende Kunst aus Blüten, Blättern, Pflanzen und Gemüse sah fantastisch aus. Schönheit in jeder Ecke. Prächtige Details für Augen und Seele. Pure Freude über die Schönheit von Mutter Natur.

Genießt die bunten Bilder. Und die letzten goldenen Oktobertage, in denen die Natur noch mal alles gibt!

Detroit Ruins – Inside

Hi there!

Detroit hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sich auf das große „D“ einlässt. Ich mag diese kantige Stadt, die mich oft an Berlin kurz nach dem Mauerfall erinnert. Letzte Woche war ich gleich zwei Tage in Folge in Detroit und der Gegensatz hätte nicht krasser ausfallen können. Donnerstag: Sightseeing bei Hochglanzwetter für meinen Besuch aus Deutschland.

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Freitag: Dicke Wolken über Detroit. Foto-Tour durch verlassene Gebäude. Mit einer deutschen Freundin, die auch zur Zeit hier lebt und wie ich von Detroit fasziniert ist. Warum guckt man sich so was an? Um die Stadt und ihre reiche, aber komplizierte Geschichte zwischen Boom und Abschwung, zwischen Abgrund und Aufbruch ein wenig besser zu verstehen.

Als ich 2013 zum ersten Mal das Ausmaß des urbanen Verfalls in Detroit sah, war ich schockiert. Absolut ungläubig darüber, wie eine nordamerikanische Stadt so derartig herunter kommen konnte. Ich blickte fassungslos auf gigantische Industrieruinen, leer stehende Bürohäuser und Hotels in Downtown, verlassene Schulen, Theater, Kirchen und Krankenhäuser, verwaiste Straßenzüge in den Neighborhoods, herunter gebrannte, verlassene, zerstörte Häuser. So deprimierend der Anblick auch war, ich konnte mich nur schwer der Faszination dieser zum Teil morbiden Schönheit entziehen. Find beauty in the ruins. Wie muss es erst im Inneren der Gebäude aussehen? Welches Zeugnis einer ehemals lebendigen Vergangenheit legen sie ab?  „Detroit Urbex“ führt kleine Gruppen durch leer stehende, seit vielen Jahren verlassene Gebäude. Über 70.000 gibt es davon heute in Detroit. Seit den 50er Jahren, als viele Produktionsstandorte der Automobilindustrie die Stadt verließen, ist die Einwohnerzahl von knapp 2 Millionen auf heute rund 700.000 geschrumpft. Mit verheerenden Folgen für die Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet.

Es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis die ungenutzten Gebäude abgetragen oder einer alternativen Nutzung zugeführt worden sind. Ich finde es unglaublich spannend, Detroit eine Weile dabei zuzusehen, wie es wieder auf die Beine kommt. Zu spüren, wie sich diese Stadt neu erfindet. Die Ruinen, der Verfall, all das gehört heute zu Detroit dazu, ist ein Stück authentischer Zeitgeschichte. Wie die Berliner Mauer.

Ich bin noch immer ganz geflasht von dem Erlebten. Ich hätte nie gedacht, dass ich selber einmal vom Dach einer Industrieruine auf Detroit schauen würde. Mich berührt am meisten, dass dies alles „moments in time“ sind, denn Detroit verändert sich jeden Tag. Beim nächsten Mal ist ein Gebäude vielleicht nicht mehr zugänglich, abgerissen oder Renovierungsarbeiten haben begonnen. Who knows. Viele kleine Dinge werden dabei hoffentlich schon bald wieder zu einem großen Ganzen.

So, jetzt aber! Eine kleine 😉 Auswahl meiner Foto-Ausbeute ..

John S. Gray Branch (built 1906), first branch of the Detroit Public Library 

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„EYE DONT CARE ABOUT REAL LIFE – Servite High School (built 1924), East Side Detroit

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St. Margaret Mary Catholic Church (built 1923), East Side Detroit, von 1984-2011 als Baptist Church genutzt

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Fisher Body Plant 21 (built 1926 by Albert Kahn), 1926 von General Motors übernommen, 1984 wird hier die letzte Karosserie produziert, seit 2000 ist die Stadt Detroit Eigentümer. Der Besitzer des Berliner Techno-Clubs Berghain wollte hier einen Club aufmachen. Der Nutzungsplan der Stadt sieht dies offenbar nicht vor. Für 300.000 Dollar steht die asbestbelastet Industrieruine zum Verkauf.

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Abends um 7 …

Hi there!

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Der September-Himmel hier in Michigan hatte sich mit meinem Blog abgesprochen: er war fast jeden Tag blau! Und so schön sommerlich warm, dass ich am liebsten 24/7 draußen gewesen wäre. Die Wetterstatistiker stehen schon mit „Hottest September in Michigan ever“ in den Startlöchern. Trotz herrlicher Tage und Abende bleiben aber viele Amerikaner innerhalb ihrer – meist klimatisierten – vier Wände. Auch im 3. Jahr finden wir das immer noch total komisch …

Deutschland, abends um 7 an einem warmen Sommerabend: Geschirrgeklapper, Gewusel, Gespräche, Kinderlachen. Das Leben spielt sich draußen ab, ob auf Balkonien, Terrasse oder im Garten. Und das vom ersten wärmeren Frühlingstag bis zum letzten Hurra des Sommers.

Amerika (Vorstadt), abends um 7, auch schön warm: kein Mensch, kein Laut, nirgends. Verlassene Terrassen, Gartenmöbel und Hollywoodschaukeln, die vergeblich auf Gäste (oder Pokerrunden … ;-)) warten. Oft steht auf dem großen Holzdeck (Standardfarbe: irgendwas zwischen Vollmilch und Prinz Harry-Rot), das offenbar im Bausatz mit jedem Haus geliefert wurde, aber auch nur ein XL-Grill – oder: gar nichts. Leer – den ganzen wunderschönen Sommer lang.

Erklärungsversuche: zu heiß, zu windig, zu viele Fliegen, kein Fernseher, draußen nur Kännchen? Gegrillt wird manchmal an der frischen Luft, gegessen aber garantiert drinnen. Tür zu, Klimaanlage an. Unser Deck ist hier in der Nachbarschaft weit und breit das einzige, auf dem regelmäßig gelebt und mit Geschirr geklappert wird. Jedenfalls solange kein Schnee liegt ;-). Wahrscheinlich finden unsere Nachbarn das total seltsam.

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Denn um uns herum schirmt man sich zusätzlich sommers wie winters, bei Tag und in der Nacht mächtig ab. Überall dichte Rollos oder schwere Gardinen. Der Amerikaner mag es nach unseren Beobachtungen offenbar gerne dunkel. Und das nicht nur im eigenen Heim. Ihm macht es auch nichts aus, in schummrigen Restaurants mit dunklen Holzvertäfelungen und schweren, dunklen Möbeln zu essen. Tageslicht wird von uns wohl total überbewertet. So manches Restaurant haben wir schon für geschlossen  gehalten. Hätte da nicht ein grelle Neonschriftzug „Open“ angezeigt.

Ein beliebter Indoor-Aufenthaltsort (egal wie herrlich es draußen sein mag) ist auch das Auto. Selbstverständlich bei laufendem Motor, um eine gleichmässige (tendenziell Kühlschrank) Temperatur zu gewährleisten. „Nicht aufregen, nur wundern“, hat man mir als Kind oft gesagt.

Na denn. Auf einen goldenen, hellen Oktober! Wo immer Ihr dies hier gerade lest.

 

Lunar Eclipse

Hi there!

Na, wer ist für den blutroten Supermond aufgestanden … oder gar wach geblieben? Da waren wir ja eindeutig im Vorteil, und konnten das beeindruckende Phänomen der totalen Mondfinsternis ab 22.11 Uhr am klaren Nachthimmel von Ann Arbor beobachten. Faszinierend (und irgendwie ein gutes Gefühl), dass am rund 6.500 Kilometer entfernten deutschen Himmel das gleiche Bild zu sehen ist.

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Good Night Michigan, good Morning Deutschland!

 

GameDay

Hi there,

Football’s here! Erstes Heimspiel heute: Michigan vs. Oregon State. Im Michigan Stadium in Ann Arbor. Im „Big House“, wie es hier überall genannt wird. In der kleinen Stadt Ann Arbor steht das größte Stadium der USA. Wenn wir aus unserer Vorstadt-Siedlung nach Downtown fahren, passieren wir es auf halber Strecke. Fast alle 120.000 Einwohner Ann Arbors‘ (rund ein Drittel davon sind College Studenten) würden hier einen Sitzplatz finden. Der Zuschauerrekord liegt bei rund 115.000. Die offizielle Kapazität beträgt aktuell 107,600. Weltweit gibt es nur zwei Stadien, die größer sind, in Indien und in Korea. Das Big House gehört der University of Michigan und in der Hauptsache wird hier von Anfang September bis Ende November Football gespielt, College Football. Das ist Big Business für die Uni. Manchmal „mogeln“ sich andere sportliche Highlights dazwischen. Das war im letzten Sommer das Spiel Real Madrid vs. Manchester United im Rahmen des „International Champions Cups“. Im Winter zuvor wurde der Rasen zur Eisfläche und das Stadium zum Gastgeber der „NHL Winter Classics“: Detroit Red Wings vs. Toronto Maple Leafs. Auch eisige Temperaturen und Schneefall hielten keinen Fan ab: beide Ereignisse fanden vor ausverkauftem Haus statt.

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Acht Heimspiele absolviert die Michigan Football Mannschaft im Inneren des roten Backsteinbaus pro Saison. An jedem dieser Samstage steht die Stadt und vor allem der Bereich rund um das Stadion Kopf. Anwohner machen Kasse mit der Vermietung von Parkplätzen. Ein Farbenmeer aus blau und gelb. „Go Blue“ Rufe aller Orten. Grillschwaden und Partystimmung lange vor dem ersten Touchdown auf dem gegenüber dem Stadium liegenden Golfplatz sowie auf dem großen Parkplatz der angrenzenden Highschool. „Tailgating“ heißt diese Tradition. Und das geht so: Früh morgens Platz für Fahrzeug sichern; Kofferraum/Ladeklappe auf; Campingstühle (idealerweise natürlich wie die Kühlbox im Michigan Design!) und Tische aufstellen; Grill aufbauen; Kühlbox mit Bier, Bratwurst & Co. ausladen; los geht’s! Die Hardcore Fans flippen bereits ihre Frühstücks-Pancakes auf der Grillplatte. Kontakte mit den Tailgate Nachbarn sind schnell gemacht. „How are you“, „nice to meet you“ gilt auch hier. Grillgut und Bier (ah ein Kölsch-Style-Bier brewed in Detroit, lecker!) werden fleißig ausgetauscht. Im Stadion ist Alkoholverbot, schließlich gehört es zur Uni und die meisten Studenten haben das Drinking Age von Michigan (21) noch nicht erreicht.
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Kölle meets Michigan

 

Stichwort Stadion: Von außen sieht es gar nicht so riesig aus. Es liegt tief, wie eine Schüssel. Die Größe erfasst man erst, wenn man mitten drin sitzt, einer der rund 110.000 Zuschauer bei einem Heimspiel ist. Football zählt sicher nicht zu meinen sportlichen Leidenschaften. Aber ein Spiel in diesem gigantischen Stadion zu erleben, ist ein beeindruckendes Erlebnis. Im Rahmen einer Stadion-Tour konnte ich zwei Mal hinter die Kulissen schauen: Presseräume, VIP-Logen, Umkleidekabinen. Dazu gab es viele spannende Fakten und Geschichten rund um den gesamten Sportbereich der University of Michigan, der in diesem College-Jahr seinen 150-sten Geburtstag feiert. Im Locker Room hat der spätere US Präsident Gerald Ford einen Ehrenplatz. Er hat während seines Studiums an der U-M von 1930-1935 zwei Jahre für Michigan Football gespielt. Höhepunkt der Tour war der Gang durch den Tunnel – hinein in ein leeres Stadium.

Befremdlich finde ich die Tatsache, dass während der Football Spiele Scharfschützen auf dem Dach Stellung beziehen. Aber das ist wohl dem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner geschuldet. Unten auf dem Feld läuft vor dem Spiel die „Michigan Marching Band“ auf und stimmt die gelb-blaue Fangemeinde (die College-Studenten tragen meist komplett „maize“, wie das gelb genannt wird, und bilden einen unübersehbaren Block im Stadion) mit schmissigen Songs auf das Football Spektakel ein und sorgt auch während Tackles und Touchdowns für eine einzigartige Stimmung.

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Let’s go blue! Haben auch heute die Michigan Fans wieder gesungen. Das Spiel ist soeben mit einem 35 – 7 Sieg für Michigan zu Ende gegangen. Hail to the Victors!

 

No place like home?

Hi there!

Als uns das Taxi nach vier Wochen Heimaturlaub morgens um sechs am Kölner Bahnhof ausspuckt (zur blauen Stunde übrigens ;-), geht mein Blick sehnsüchtig hinauf zu den Spitzen des Kölner Doms. Ein “Home is where the dome is” sage ich fast andächtig zum Abschied und bekomme von meinem Sohn postwendend ein “Home is where the M is” entgegen geschmettert. Wumm, das saß. Schon am Vorabend, als sich bei mir so was wie Abschiedsschmerz einstellte, meinte er, es sei doch alles gut, wir würden doch nach Hause fliegen. Nach Hause, Heimat … ich bin verwirrt! Und hin- und –hergerissen zwischen den Welten.        

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Darüber, was Heimat bedeutet, mache ich mir schon eine Weile Gedanken. Hier in Ann Arbor habe ich in den letzten zwei Jahren viele Menschen unterschiedlicher Herkunft getroffen, die zum Teil schon viele Jahre hier leben. Für eine spanische Freundin, die seit über 20 Jahren in den USA lebt, fühlt es sich auch nach so langer Zeit nicht “natürlich” an, hier zu sein. Sie hat aber auch in Spanien keinen Ort mehr, den sie Heimat nennt, worüber sie sehr traurig ist. Für ihren Mann (als Teenager mit seinen Eltern nach Kanada immigriert) hingegen existiert das Konzept “Heimat” gar nicht. Er findet das aber auch nicht schlimm.

Mir dagegen ist seit unserem Umzug sehr bewusst geworden, wie wichtig dieser Anker für mich ist. Ich bin sehr dankbar für die Orte, mit denen ich ein Gefühl von Heimat verbinde. Da ist der Ort, in den ich hineingeboren wurde, Erinnerungen an eine glückliche Kindheit und prägende Teenagerzeit. Da ist meine Wahlheimat-Stadt Köln, mit der ich heute am stärksten verbunden bin. Da ist Berlin, weil diese Stadt seit meiner Kindheit immer „mit dabei“ war und zwischen 2008 und 2012 eine ganz besondere Rolle gespielt hat. Da ist auch ein kleiner Ort in Norditalien, der seit 1996 mehr als sommerliches Ferienziel für unsere gesamte Familie geworden ist. Und da ist Houston, Texas, wo ich nach dem Abitur ein Jahr in einer Familie gelebt habe. Wenn ich meine Gastfamilie in den Folgejahren besuchte, kribbelte es in meinem Bauch, sobald das Flugzeug texanischen Boden berührte. Alles meinen kleinen Heimaten.

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Landeanflug auf Detroit, Detroit River                         Downtown Detroit (l.u.) / Windsor, Kanada auf der anderen Seite

Auch in Ann Arbor haben wir uns sicherlich ein Stück Heimat geschaffen. Es ist derzeit “home”, und das im besten Sinne. Aber wirklich hoch schlägt mein Herz, wenn die Domspitzen in Sicht kommen oder der ICE den Berliner Bahnhof Zoo durchfährt. Heimat als Ort und als Gefühl. Das Gefühl, mit einem Ort tief verbunden zu sein. Das Gefühl, sich in seiner eigenen Muttersprache am besten ausdrücken zu können. Das Gefühl, den Humor zu verstehen, und selber verstanden zu werden.

Im letzten Jahr habe ich ein tolles Buch zum Thema gelesen. “Heimflug”, ein autobiographischer Roman der Amerikanerin Brittani Sonnenberg. Sie wuchs als Tochter sogenannter Business-Nomaden auf, die Familie zog alle paar Jahre um. USA, Europa, Asien. Ein Leben zwischen Kontinenten und Kulturen. Ihre eigentliche Heimat USA kennt sie nur von den jährlichen Besuchen ihrer Großeltern in den Sommerferien. Das Buch versucht zu ergründen, was Heimat ist und wie man damit lebt, keine zu haben. Wenn sich an keinem Ort ein Gefühl von verwurzelt sein, von Geborgenheit einstellen mag.

Gemessen an den Schicksalen der Menschen, die momentan aus ihren Heimaten fliehen, erscheinen all diese Gefühle und Gedanken eher belanglos. Aber sie machen mir umso deutlicher, wie traurig ihre persönlichen Geschichten sind. Und ich wünsche den Menschen, dass sie trotz des Erlebten ein Stück Heimatgefühl hinüber retten können. Als Silberstreif am Horizont, der ihnen  Zuversicht und Kraft für das neue Leben fernab ihrer eigentlichen Heimaten gibt.

Jetzt ist dieser Beitrag ernster und vielleicht auch sehr viel persönlicher geworden, als ich ihn ursprünglich mal im Kopf hatte. Hier beginnt heute das lange „Labor Day Weekend“ und markiert das Ende des Sommers. Der Labor Day würdigt den Beitrag der amerikanischen Arbeiter zum Wohlstand des Landes. Dienstag heißt es „back to school“ – finally. Außerdem hat die Football Saison begonnen. Michigan – Go blue! Home is where the M is. 😉

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Harley Weekender

Hi there!

Back to Ann Arbor. Nach vier Wochen Deutschland. Und während ich noch meine Gedanken (home is where my heart is!?) sortieren muss, gibt es hier einen kurzen Gastbeitrag meines Mannes Jörg. Der hat sich nämlich, als ich noch in Köln blau machte, seine Harley geschnappt und ist am letzten Wochenende entlang des „Heritage Trails“ US-12 von Ann Arbor nach Chicago gedüst.

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„Eine landschaftlich wunderschöne Strecke, die auch Michigan’s längste „Garage Sale Route“ genannt wird, da neben zahlreichen Antique Shops viele private Flohmarktstände die Strecke säumen. Vorbei am „Michigan International Speedway“ (so was wie der Nürburgring von Michigan) geht es durch eine hügelige Landschaft, die ich als Rheinländer mit dem Bergischen Land vergleichen würde. Hier heißen sie „Irish Hills“, weil die Landschaft die irischen Einwanderer an ihre Heimat erinnerte. Auf halber Strecke liegt Sturgis, ein Namens-Ableger des legendären Örtchens in South Dakota, wo sich jeden August eine Million Biker (hauptsächlich Harley Fahrer) zur „Motorcycle Rally“ treffen. Eigentlich wollte ich es in diesem Sommer dorthin schaffen, um beim 75jährigen Jubiläum des riesigen Biker Spektakels dabei zu sein. So mache ich wenigstens Stopp im lauschigen Sturgis von Michigan.

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Weiter ging es durch bunte Blumenfelder und satte grüne Wiesen nach Michigan City am Lake Michigan. Hier mussten müde Biker-Beine über Nacht ruhen. Dafür konnte ich meine Strecke am nächsten Morgen ausgeruht und munter mit der letzten Teilstrecke entlang des Michigan Sees nach Chicago fortsetzen. Um 6.30 Uhr drehte ich als Early Bird eine ruhige, knatternde Runde durch die Straßen der Windy City, bevor die Stadt eine Stunde später zum Leben erwachte. Nach einer ordentlichen Stärkung mit Koffein und Bagel hatte ich ausreichend Kraft, bis zum frühen Nachmittag durch die Straßen und am See entlang zu schlendern. Weitere 6 Stunden später war ich pünktlich zum Abendbrot zurück in Ann Arbor. 

Eine tolle – 700 Meilen lange – Tour, die ich sicherlich mit meinen beiden Deutschlandurlaubern im Ford wiederholen werde. Um ihnen ein paar weitere schöne grüne Flecken von Michigan zu zeigen, ganz abseits der stark befahrenen Interstate I-94, die der Amerikaner für gewöhnlich wählt. Na, Ihr Zweiradfahrer … Lust bekommen? Meine Harley ist wieder geputzt und steht für eine gemeinsame Ausfahrt am Start.“

Hört sich prima an … vor allem der Teil mit den Antique-Shops und Flohmärkten … 😉 Und solange ich nicht hinten auf einem knatternden Zweirad sondern vorne im leise schnurrenden Ford mitfahren kann, ist alles gut.

 

„Yooper“ for a week

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Hi there!

In der letzten Woche waren wir gemeinsam mit Freunden aus Deutschland „Yooper“ (UP’ers – so nennen sich die Bewohner der Upper Peninsula), oder „Trolls auf Urlaub“ (so nennen die Bewohner der Upper Peninsula die Bewohner der unteren Halbinsel von Michigan). Angeblich träumen viele Kobolde von „unten“ von einem Leben „oben“, wenn es denn nur genug Jobs auf der UP gäbe. Meilenweit unberührte Natur gibt es dafür reichlich. Und jede Menge Superlativen, wie sie der Amerikaner – neben dem Reisen mit großem Hausstand (Pick-Up, Boot, Grill, Wohnmobil mit Auto und Zweirad am Hänger, XXL-Cooler) ja gerne mag:

Wald, viel Wald, unglaublich viel Wald!

Mücken, viele Mücken, schrecklich viele Mücken!

Wasserfälle, überall kleine und größere Wasserfälle. Über 100.

Motel, viele Motels, viele davon leider heruntergekommen oder verlassen.

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Den größten Frischwasser-See (Oberfläche) der Erde: Lake Superior (Oberer See). So groß wie Österreich. Einen schönen Vergleich dazu lieferte der Kapitän unserer Boot-Tour: Wenn man den gesamten Inhalt des Lake Superior aufnehmen und über dem Grand Canyon wieder ausspucken würde, stünde ganz Amerika nach dem Überlaufen 5 feet (im außerhalb der USA verwendeten metrischen Systems sind das 1,52 m) under water. Impressive! Genau wie seine Temperatur … 12 Grad an der Oberfläche, frische 2 Grad am Grund! Applaus bitte: ich habe es bis zum Kinn rein geschafft!!

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Den größten Schiffs-Friedhof der Welt. 1500 Wracks liegen auf dem Grund des Lake Superior. Das extrem kalte und sauerstoffreiche Wasser sorgt für ihre Konservierung. Stille Zeitzeugen der kommerziellen Schifffahrt, die im 17. Jahrhundert auf den Großen Seen ihre Anfänge nahm. Größtes und berühmtestes Beispiel der modernen Schifffahrt ist der Frachter SS Edmund Fitzgerald, der 1975 im Lake Superior sank. So friedlich die Seen bei gutem Wetter im Sommer wirken, so heftig und zerstörerisch können die Winterstürme sein.

Whitefish (der fühlt sich in den kühlen Gewässern der nördlichen Hemisphäre besonders wohl) everywhere! Und in jeglicher Form: fresh, smoked oder als Wurst verarbeitet. Yummie!!!

The word’s best Pasties (Pasteeeeeees) – Mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Teigtaschen, eingeführt von Einwanderern aus Cornwall. Sie kamen nach Entdeckung der Eisenerz und Kupfer Vorkommen ab 1840 auf die Insel, um in den Minen zu arbeiten. Auf der UP wurden unglaubliche Werte der begehrten Mineralien aus der Erde geholt und über die Großen Seen verschifft. Weit mehr, als beim Goldrausch in Kalifornien. So, und jetzt poste ich ausnahmsweise mal mein Abendessen … neben den Resten der beeindruckenden Anlage, die das Eisenerz auf die Schiffe verteilte. 

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Uuuuund: Michigan’s No 1 Adventure Destination: Boat Cruises entlang des Pictured Rock National Lakeshore! Die Pictured Rocks sind fantastische Sandstein-Felsformationen entlang der Küstenlinie, die in vielen Braun- und Ockertönen (entstanden durch unterschiedliche Mineralien im Gestein) ein kontrastreiches Bild zum grün-blauen Wasser des Lake Superior bilden. Wie die Arbeit eines Malers, der mit der Palette der Natur aus Farben, Formen und Texturen diese eindrucksvolle Szenerie geschaffen hat. 

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Wir haben alles mitgemacht und doch nur einen kleinen Ausschnitt der UP erlebt. Dafür aber 3 von 10 (in Worten zehn!) Tagen sommerlich warmen Wetters, wie uns ein echter Yooper versicherte. In den ersten Tagen haben wir daher auch die Postkarten mit  bibbernden Bikini-Schönheiten nicht verstanden. Dabei sind die Strände ein Traum.

Kurz vor Eintritt in die südliche Hemisphäre von Michigan, gab es noch einen Zwischenstopp auf Mackinac Island. Kontrastprogramm zu den endlosen Weiten der UP: eine kleine, feine, autofreie Insel, die so pittoresk daher kommt, dass man glaubt, hier wären Disney’s Designer am Werk gewesen. Wie aus einer anderen Zeit. Pferdekutschen und Räder dienen als Transportmittel (ja richtig, kein Auto nirgends!) Die Vorgärten der wunderschönen Häuser sind bunt und oft adrett in Reihe bepflanzt. Schön, aber irgendwie auch ein wenig unwirklich. Als würde Briefträger Heini (genau, der von „Neues aus Uhlenbusch“) gleich die Post an Oma Piepenbrink ausliefern. Wenn die Tagesbesucher am Abend wieder auf dem Festland sind und die Sonne langsam im Meer (äh, im Lake Huron … noch so ein großer See 😉 verschwindet, ist es schönsten.

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Weil so viel Idylle niemand auf Dauer erträgt und ich im Grunde meines Herzen ja ein Stadtmädchen bin, freue ich mich jetzt wie Bolle auf das ganz große Kontrastprogramm: Summer in my hometown (ok, fast) Cologne.

See you there!

 

Summertime in Northern Michigan

„ … it was summertime in Northern Michigan. Singing, sweet home Alabama’ all summer long“.

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Hi there!

Warum Kid Rock in „All Summer Long“ den Sommer in Michigan besingt, ist mir nun auch klar. Er wurde 1971 als Robert James Ritchi in Romeo, Michigan, 40 Meilen nördlich von Detroit, geboren und verbrachte wohl viele Sommer seiner Kindheit und Jugend „Up North“. So heißt es hier nämlich, wenn man sich zu den herrlichen Stränden und Naturschönheiten im Norden von Michigan aufmacht. Oder „wir gehen nördlich“, wie unsere amerikanschen Freunde, die Deutsch sprechen, immer so schön sagen. Sie haben wie viele Michiganders ein Cottage im Norden. Wir sind im letzten Jahr auch zwei Mal nördlich gegangen. Dorthin, wo seit dem späten 18. Jahrhundert die Sommergäste (damals noch per Schiff) fahren, um der Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit des Südens zu entkommen. Auch Ernest Hemingway verbrachte schon als Kind zahlreiche Sommer im Familien-Cottage up North. Einige Orte der Region finden sich in seinen Romanen wieder. „Up in Michigan“  heißt eine seiner Kurzgeschichten. Wie die meisten amerikanischen Jungs, die überall in den USA auch 2015 stundenlang mit ihren Vätern an Seeufern auf den großen Fang warten, liebte auch er das Fischen.

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Up North … das sind riesige Sanddünen im „Sleeping Bear Dunes National Park“, herrliche Sandstrände am blau schimmernden Lake Michigan, grüne Weingüter, verschlafene (aber sehr charmante) Städtchen, historische Leuchttürme, endlose Kirschplantagen. Die leckeren Sauerkirschen sind großes Thema in Traverse City, der selbst ernannten „Cherry Capital oft the World“. In Michigan werden 75 % der Sauerkirsch-Produktion der USA angebaut. Von Traverse City aus ragt eine schmale Halbinsel, die „Old Mission Peninsula“ in den Lake Michigan. Auf diesem pitoresken Streifen bauen acht Weingüter Chardonnay, Riesling, Gewürztraminer, Pinot Noir, Merlot und einige Schaumweine an. Wein aus Michigan? Ja, und gar nicht mal so schlecht, wie wir auf dem Weingut mit dem hinreißenden Namen (und den nicht minder fantastischen Ausblicken über die umliegenden Weinberge und auf Lake Michigan) „Chateau Chantal“ verkosten konnten. Am unteren Zipfel der Peninsula, dort wo das „Mission Point Lighthouse“ steht, verläuft übrigens der 45. Nördliche Breitengrad. Bordeaux liegt etwa auf der gleichen Höhe … da passt das mit dem Weinanbau doch.

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Summertime in Michigan 2015 … diesen Sommer wollen wir ganz hoch in den Norden, auf die „Upper Peninsula“ – kurz UP genannt. Untere und obere Halbinsel von Michigan sind über die „Mackinac Bridge“ verbunden. Mal schauen, was uns jenseits der fünft größten Hängebrücke der Welt erwartet. Stay tuned!

 

„… and the home of the brave“

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Stars & Stripes everywhere! Holiday-Weekend! Am 4. Juli 1776 wurde die von Thomas Jefferson entworfene amerikanische Unabhängigkeitsklärung verabschiedet. Darin erklärten die Vertreter der 13 britischen Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. Bis heute wird der 4th of July als die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika gefeiert. Mit Feuerwerk, Paraden, Familientreffen und Barbecues. Passende Accessoires in blau, weiß, rot mit vielen stars und stripes gibt es seit Wochen in fast jedem Laden. Ich mag ja blau … und Sterne … und schwupp war das ein oder andere Teil in meinem Einkaufswagen. Ich konnte nicht anders.

Heute Morgen um 10 ging’s los: „Happy Birthday America“ mit der 4th of July Parade in Downtown Ann Arbor. Das war Wahlkampf, Marketing für lokale Unternehmen, Schulen und Organisationen und ganz viel „proud to be American“. Hier könnt‘ ihr gucken:

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Um den 4. Juli im Jahre 1778 gebührend zu feiern, genehmigte übrigens der Oberbefehlshaber der „Continental Army“ (und späterer erster Präsident der USA), George Washington, seinen Soldaten die doppelte Menge an Rum. Mal schauen, was wir uns heute Abend mit unserem Besuch aus Köln genehmigen. Cole Slaw, Potatoe Salad und Flat Iron Steak warten schon im Kühlschrank darauf, mit Michigan Beer (geht auch mal ohne Kölsch ;-)) herunter gespült zu werden. Zum Cheesecake gibt’s jetzt aber erst mal Kaffee. Happy 4th of July!

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