14 days to go … The joy of movement


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Dance like nobody’s watching!

Hi there!

Komme gerade von „NIA“ zurück. Hä, was??? Genau, deswegen habe ich mich entschlossen, NIA (Nee-a) einen kleinen Beitrag zu widmen. Und weil ich so oft gefragt werde, was das eigentlich genau ist. Und weil einige meiner Kölner Freunde denken, ich würde Bauchtanz machen. Das habe ich tatsächlich auch mal ausprobiert, aber eher unfreiwillig. Sportlich experimentiert habe ich im ersten Jahr hier ohnehin eine ganze Menge … Yoga, Bollyfit, Pilates, Dance Fit, Total Body Conditioning, Extreme Jump & Pump – ach, wie die Kurse alle hießen. Aber wirklich hängengeblieben bin ich bei NIA. Das steht für „Neuromuscular Integrative Action“. Hört sich viel zu wissenschaftlich an, finde ich.

NIA eine einzigartige Kombination aus Tanz (Modern & Jazz Dance), Yoga, Kampfsport (Tai Chi) und sanften Bewegungs- und Entspannungstechniken wie Feldenkrais und Pilates. Ein ganzheitliches Fitness-Konzept, das mit 52 einfachen Bewegungen alle Muskelgruppen des Körpers, aber auch Geist und Seele anspricht. Und das ohne Drill. Trotzdem bekommt man ein intensives Kardio-Workout, die Muskulatur wird gestärkt und gedehnt, und am Ende der extrem vielseitigen Stunde gibt es eine angeleitete Entspannungsphase. Getanzt wird barfuß zu Musik. Pop, Klassik, Kabarett, Hip-Hop – jedes Programm hat seinen eigenen Mix. Das bringt gute Laune und macht riesigen Spaß. „The sweetest sweat on earth“, nennt eine meiner Trainerinnen es hier.


Photograph provided by Nia Technique, www.nianow.com

Die Amerikanerin Debbie Rosas und ihr Partner Carlos Aya Rosas haben die NIA Technik, die ausschließlich von lizensierten Trainern angeleitet wird, entwickelt. Debbie suchte Anfang der 80er Jahre nach mehreren Sportverletzungen eine alternative Trainingsmethode, die Ausdauer und Stärkung der Muskulatur verband. Aber nicht dem Motto „no pain, no gain“ folgte. Spaß machen sollte es, Freude sollte man bei dem Workout erleben. Alle Sinne sollten angesprochen werden. Eher heilend, nicht ermüdend.

Bei meiner ersten Stunde nahm mich eine Kursteilnehmerin zur Seite. „Es ist am Anfang etwas ungewöhnlich, aber nach einige Stunden wirst du es lieben“. Und genau so war es. Am Ende einer Stunde fühle ich mich im Gleichgewicht, Energie geladen und mental fit. Außerdem kommen mir, während ich tanze, immer neue Ideen für andere Dinge. Und der Tanz verstärkt oft meine Freude an den schönen Dingen des Lebens – eine anstehende Reise beispielsweise. „The joy of movement“ wirkt bei mir. Es ist zum Glück eine weltweite Bewegung und es soll auch Möglichkeiten in Köln geben. Und Mädels (no offense, aber für die meisten Männer ist das nix ;-): wer sich das immer noch nicht richtig vorstellen kann: let’s dance together!!

 

20 days to go … Ausgerechnet Alaska

„Certainly, a wilderness area, a little portion of our planet left alone … will furnish us with a number of very important uses. If we are wise, we will cherish what we have left of such places in our land.“

Olaus Murie – amerikanischer Naturschützer & Wildlife Biologe

Hi there!

Freitagabend: Touchdown Detroit. Zum letzten Mal, bevor wir Ende des Monats nach Deutschland zurückkehren. Frisur saß. Trotzdem komisches Gefühl. Der mittlerweile so vertraute Gang durch das „McNamara Terminal“ zur Gepäckausgabe. Vorbei an der illy Kaffeebar, unserem letzten Stop vor jedem Abflug. Das ist so zur Tradition geworden, dass ich Panik bekomme, wenn die Zeit vor Abflug knapp wird. Seit unserer Vorabreise im Juni 2013 trage ich auch auf jedem Flug die selbe Kette. Nennt man wohl Aberglaube. Aber zurück auf den Boden der greifbaren Tatsachen. Das besagte Terminal ist ein Drehkreuz von „Delta Airlines“ und das übersichtlichste, modernste und schönste (no kidding!!) Terminal, dass wir in den USA kennen. Wir haben es gemeinsam mit Delta richtiggehend lieb gewonnen. Von hier aus sind wir zu allen unseren Reisen innerhalb der USA aufgebrochen. Ein Stück Heimat. In 21 „lower 48“ – Staaten haben wir unsere Füße im Laufe Zeit gesetzt. Quiz-Frage: welche beiden Staaten gehören nicht zu den sogenannten „lower 48“? Exactly! Hawaii und Alaska. Beide wurden 1959 US-Bundesstatten. Alaska im Januar als Nr. 49, Hawaii im August als Nr. 50.

„Ausgerechnet Alaska“ (wer kennt die gleichnamige amerikanische TV-Show (Original-Titel „Northern Exposure“ aus den 90er Jahren? Dazu mehr in einem anderen Beitrag) ist auch für uns der letzte US-Bundesstaat, den wir bereisen. Und obwohl Alaska und Hawaii wie Feuer und Eis erscheinen, haben sie doch einige Gemeinsamkeiten. Ihre abgelegene Lage, mehrere Flugstunden vom amerikanischen Festland entfernt;  ihre sehr besondere Atmosphäre; ihre unglaublich interessanten und entspannten Bewohner. Alaska war von 1744 – 1867 russische Kolonie, bis die USA den heutigen Bundesstaat Russland für 7,2 Millionen US-Dollar abkauften und zunächst als US Territory führten.

Der nördlichste Staat der USA ist mehr als vier Mal so groß wie Deutschland. Hat aber mit rund 740.000 weniger Einwohner als meine Heimatstadt Köln. Mehr als die Hälfte davon leben im Großraum Anchorage. Das Straßennetz deckt nur einen relativ kleinen Teil des riesigen Staates ab. Es verbindet lediglich die Gebiete mit der höchsten Einwohnerdichte mit dem „Alaska Highway“, der Hauptverbindungsstraße zu Kanada. 70% sind nicht über den Landweg erreichbar. Sogar zur Hauptstadt Juneau führt keine Straße. Sie kann nur per Boot oder Flieger angesteuert werden. Kleine Flugzeuge sind daher ein beliebtes Verkehrsmittel, um auch die entlegensten Regionen zu erreichen. Viele Alaskaner haben einen Mini-Flieger im Garten stehen, wie wir unterwegs beobachten konnten. Gleich neben einer unserer Unterkünfte gab es einen kleinen Airstrip für die Flieger der Locals.

The last frontier. Wild, gewaltig und unberührt. Noch heute gibt es unglaublich große Flächen, auf die kaum ein Mensch je seinen Fuß gesetzt hat. Diese schiere Grenzenlosigkeit macht einen Teil der Faszination Alaskas aus. Auch wenn man bei einer Reise nur Bruchteile davon erkunden kann. Drei Millionen Seen, 14 große Bergketten, 90.000 Quadratkilometer Wald, 20 Nationalparks und die längste Küstenlinie der USA machen Alaska zu einem Staat der Superlative. Das indigene Volk der Aleuten gab ihm den Namen „Alyeska“ – „The Great Land“. Flora und Fauna sind im Überfluss vorhanden. Auf Alaska’s Boden steht der höchste Gipfel von Nordamerika, 6.190 Meter erhebt sich der ganzjährig schneebedeckte Denali (Mount McKinley) über den Meeresspiegel.

Es ist auch „Land of the Midnight Sun“ mit fast 24 Stunden Tageslicht im Juni und July. Wir sind abends um neun bei noch hoch am Himmel stehender Sonne in Fairbanks gelandet. Erstaunlicherweise haben wir die ersten beiden Nächte trotz Helligkeit sehr gut geschlafen. Unsere erste Erfahrung an einem so nördlichen Ort der Welt. Aber hoffentlich nicht die letzte. Alaska hat uns in seinen Bann gezogen, for sure! Heute, wo es kaum noch weiße, unerforschte Flecken auf der Landkarte gibt, ist die Wildnis von Alaska ein sehr besonderer Ort.

Ja, das Wetter ist launisch und unberechenbar. Und ändert sich oft von einer Minute auf die andere. Wir haben von Daunenjacke mit Mütze bis hin zum T-Shirt alles getragen. Dick eingemummelt bei wolkenverhangenen Himmel auf dem Boot während einer Gletscher-Tour. Abends mit kurzen Ärmeln bei strahlender Sonne beim Outdoor Abendbrot. Die Vorhersage stimmte fast nie. Glücklicherweise meist zu unseren Gunsten. Auf keiner Reise haben wir so viele interessante Menschen mit ihren spannenden Geschichten getroffen. Es gibt also noch viel zu erzählen … stay tuned! Ich gebe auf den letzten Metern mein Bestes 😉

Ach – und wenn wir Ende Juli nach Frankfurt fliegen, nehmen wir die gute alte Lufthansa. Die fliegt vom North Terminal, Detroit ab. Da gibt es keine Kaffeebar, die wir unbedingt ansteuern müssen. Aber meine Kette werde ich natürlich tragen. In diesem Sinne: safe summer travels everybody!

 

45 days to go … See America

„There is nothing so American as our national parks. The scenery and the wildlife are native. The fundamental idea behind the parks is native. It is, in brief, that the country belongs to the people, that it is in process of making for the enrichment of the lives of all of us. The parks stand as the outward symbol of the great human principle.“ – President Franklin D. Roosevelt

Wer den Blog über die letzten drei Jahre verfolgt hat, weiß, dass ich die Schönheiten der amerikanischen Nationalparks besonders in mein Herz geschlossen habe. Umso verstörender finde ich die Verstöße skrupelloser Geschäftsleute und Politiker, das Konzept der geschützten National Parks aufzubrechen. Die Flächen der großen Parks erstrecken sich oft über mehrere Bundesstaaten. So teilen sich beispielsweise Wyoming, Montana und Idaho den Yellowstone Nationalpark. Nur wenn der Park, wie von President Roosevelt seinerzeit verfügt, unter Bundesverwaltung steht, kann sein einzigartiges Ökosystem auch für zukünftige Generationen als Ganzes geschützt werden. Die über 2000 Bisons, die im Yellowstone Park leben, kennen keine Staatsgrenzen. Profitgeier hingegen schon. Sie gieren nach den wertvollen Bodenschätze, die tief in der Erde vieler Parks schlummern.

Die unendlichen Weiten der Landschaft und die faszinierenden Naturbilder dieser unglaublichen Schätze werden für immer zu meinen schönsten USA Reiseerinnerungen gehören. Von den National Lakeshores „Sleeping Bear Dunes“ und „Pictured Rock“ hier in Michigan über Yellowstone, Yosemite, Grand Teton, Joshua Tree, Grand Canyon bis hin zum Hawai’i Volcanoes National Park. Und ich werde nicht müde, Werbung für sie und das einmalige Konzept des 1919 gegründeten National Park Service zu machen. Da Worte nur bedingt Schönheit und Einzigartigkeit der Parks wiedergeben können, gibt es jetzt eine Fotostrecke mit wenig Text. Here we go …

Sleeping Bear Dunes, Michigan: 35 Meilen entlang des Lake Michigan im Norden der Lower Peninsula. Der Legende nach wartete Mama Bär am Ufer darauf, dass ihre Jungen über den See schwimmen.

Pictured Rocks, Michigan: 15 Meilen entlang des Lake Superior (Oberer See) auf der Upper Peninsula

Grand Canyon, Arizona: Der Colorado River hat diesen Canyon über 40 Millionen Jahre geformt.
„The Grand Canyon fills me with awe … Let this great wonder of nature remain as it now is .. You cannot improve on it. But what you can do is to keep it for your children, your children’s children, and all who come after you, as the one great sight which every American should see.“ President Roosevelt bei seinem Besuch 1903.

Yosemite, Kalifornien: Mit dem „Yosemite Grant“ stellte President Lincoln 1864 erstmalig Land zur Erhaltung und zur öffentlichen Nutzung unter Schutz, um eine Überweidung und die Abholzung der Wälder zu verhindern.

Joshua Tree, Kalifornien: Als die Mormonen die Wüste im 19. Jahrhundert durchquerten, sahen sie in den Bäumen das Bild des biblischen Propheten Joshua, der seine Hände in den Himmel ausstreckt.

Yellowstone, Wyoming/Montana/Idaho: Der älteste Nationalpark, 1872 gegründet. Der Geysir „Old Faithful“ zog schon früh Besucher an, weil er verlässlich alle 63 Minuten 32.999 Liter glühend heißes Wasser 45 Meter hoch in die Luft schießt. Der Park ist Heimat von Grizzly Bären, Elchen, Wölfen und der größten Bisonherde der USA.

Hawai’i Volcanoes: Die aktiven Vulkane Kilauea und Mauna Loa, zahllose erkaltete Krater sowie dampfende Erdspalten sind die Charakteristika dieses einmaligen Nationalparks auf Big Island.

Grand Teton, Wyoming: Zusammen mit seinem „großen Bruder“ Yellowstone“ bildet der Park mit seiner mächtigen Bergkette, den felsigen Canyons und Bergseen das größte intakte Ökosystem der Erde in der gemäßigten Klimazone.

Morgen beginnt unser Alaska Abenteuer, mit einem weiteren großen Park, dem „Denali National Park and Preserve“. Benannt nach dem höchsten Gipfel der USA: Denali (vormals „Mount McKinley“). Drückt uns die Daumen, dass wir ihn, the „high one“, auch zu sehen bekommen! Bis in drei Wochen dann, verabschiede ich mich leise den Woody Guthrie Song summend …  „This land is your land, this land is my land. From the California to the New York island. From the Redwood Forest, to the gulf stream waters. This land was made for you and me“.

 

48 days to go … something in the air all day

Hi there!

Eigentlich entlockt mir ein blauer Pool, der glitzernd in der Sonne liegt, nur Freudentränen. Aber hier tränen mir oft die Augen. Nicht vor Abschiedsschmerz, sondern weil halb Amerika auf Sonnencreme in Sprühflasche schwört. Augen zu und sprüüüüüüüüh. Die Hände bleiben sauber. Dafür bekommen alle anderen auch etwas von den noch nicht mal gut duftenden Chemiewolken ab. Ein Großteil landet auch nicht auf den zu schützenden Körperteilen, sondern in der Luft. Prima für alle, die am Sonnenschutz verdienen. Eigentlich kann man sich das Eincremen fast sparen. Man hat kaum sein Handtuch auf eine Liege gelegt, schon kommt von rechst oder links der erste Sprühnebel. Am Eröffnungswochenende tummelten sich ob des grandiosen Wetters Ende Mai viele Menschen am Pool, und ich bekam den Geruch gar nicht mehr aus der Nase heraus. Verschwindet die eine Flasche gerade wieder in der Badetasche, geht es bei den nächsten los. Ich persönliche sprühe nicht, sondern creme noch. Mit der guten importierten deutschen Sonnencreme vom dm.

Wenn nicht gesprüht wird, wird Feinstaub in Form von Kohlenmonoxid in die Luft gepustet. Auf Parkplätzen, in Hauseinfahrten, vor Schulen, überall dort, wo man warten muss. Im Sommer, weil die Klimaanlage kühlt und im Winter, damit man es schön warm hat. Gerne aber auch in den Jahreszeiten dazwischen. Sehr beliebt ist auch das halbstündige Laufenlassen des Motors, bevor man losfährt. Damit die Temperatur schon angenehm ist, wenn man einsteigt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das aufregt. Vor allem wenn es herrlich, sprich‘ weder zu kalt noch zu warm, draußen ist. My car is my castle. An der ehemaligen Grundschule meines Sohnes habe ich letztlich Schilder gesehen. „Idle Free Zone. Children breathing here.“ Endlich hat mal jemand kapiert, dass es nicht richtig ist, die eigenen Kinder zu vergiften.

Kommt der Wind nicht aus Sprühflasche oder Auspuff, wird die Luft per Klimaanlage oder Ventilator umgewälzt. Was mir persönlich eher unangenehm ist, sorgt bei Amerikanern für Wohlbefinden – ständige Luftbewegung. Und das, obwohl es in Michigan ohnehin oft windig ist – sommers wie winters. Das werde ich definitiv nicht vermissen. Den Pool schon … 😉

 

52 days to go … a farewell forever

Hi there!

Wie so oft rücken manche Ereignisse die eigenen Befindlichkeiten in die richtige Perspektive. Während ich hier so manches Abschiedstränchen weine, haben Menschen Abschiede ganz anderer Art zu bewältigen. Seit Anfang Mai spukt einer der aktivsten Vulkane der Welt, der Kilauea auf Big Island, Hawaii, Lava aus seinem Krater und aus Erdspalten. Wie alle anderen Naturkatastrophen erleben wir diese Ereignisse quasi live über die verschiedensten Kanäle mit. Die betroffenen Menschen tun uns über die Entfernung leid. Kurze Zeit später überschatten jedoch meist die nächsten Katastrophen das Ereignis, und ohne eine persönliche Betroffenheit bleiben die Dinge sehr abstrakt. Anders, wenn man Ort oder Menschen persönlich kennt.

Von den Auswirkungen des Vulkanausbruchs war und ist hauptsächlich die Nachbarschaft „Leilani Estates“ in der Region Puna im Osten von Big Island betroffen. Und genau in dieser Neighborhood haben wir während unserer Hawaii Reise vor 2 Jahren einige Nächte in dem Bed & Breakfast „Hale Moana“ verbracht. Die deutsche Besitzerin wurde mit ihren zwei Kindern evakuiert und lebt seitdem in einer Ferienwohnung weit genug weg von Lavaflüssen und giftigen Dämpfen, die aus den aufbrechenden Erdspalten austreten. Bis zuletzt hatte die allein erziehende Mutter und ihre zwei Teenager gehofft, das ihr Haus verschont und sie irgendwann dorthin zurückkehren könnten. Diese Hoffnung wurde am vorletzten Montag zunichte gemacht. Das Haus fing aufgrund der entweichenden Methangase Feuer und brannte komplett nieder. Es war nicht wie erwartet die Lava, die auch mittlerweile die Straße erreicht hatte, wo bis vor kurzem das gemütliche Bed & Breakfast mit seinem herrlich grünen und exotisch blühenden Garten Gäste aus aller Welt empfing.

Sie habe noch Glück gehabt, sagt Petra, die aus ihrem persönlichen Paradies, das 20 Jahre lang ihr Zuhause war, vertrieben wurde. Sie konnte fast alle ihre persönlichen Dinge aus dem Haus retten, bevor das Feuer kam. Sie ist mit ihren Kindern an einem sicheren Ort, an dem sie vorerst bleiben kann.

Noch am 19. Mai hatte sie hoffnungsvoll den Rasen gemäht. Eine Woche später war sie wieder im Haus, um die noch verbleibenden Sachen zu holen. „It felt like it’s spirit und soul had left already, it was merely a shell. 12 hours later all was gone,“ schreibt sie in einem ihrer regelmäßigen Updates. Sie habe mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen und schaue nun, trotz aller Trauer über das Verlorene, nach vorne. Im Vertrauen darauf, dass sich neue Türen öffnen und neue Chancen ergeben werden. Wow. Ich bin sehr beeindruckt von dieser Stärke. Das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse fällt mir ein. „… Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginn, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. …“

Wenn das mal nur so einfach wäre. Wir erinnern uns trotz der vielen Regenstunden dieser Tage besonders gerne an unseren Aufenthalt im „Hale Moana“. An die singenden Frösche im Garten, die persönliche Atmosphäre, die köstlichen Bananen-Pancakes zum Frühstück, die Gastfreundschaft der Familie, die wertvollen Tipps für die Erkundung der Region. Petra hat eine Crowdfunding Seite eingerichtet, über die sie viel Unterstützung von Freunden und Gästen erfährt.

„We will be ok“, schreibt sie voller Zuversicht in ihrem letzten Update. Der vielzitierte „Aloha Spirit“ ist ihr, die in der Region bleiben möchte, wohl nicht verloren gegangen. „Aloha“ sagt man auf Hawaii nicht nur zur Begrüßung, auch zum Abschied.

 

56 days to go … „Home state“ Texas

Hi there!

Als ich das erste Mal in die USA flog, war ich 18 Jahre alt, hatte gerade mein Abi in der Tasche und wollte „große weite Welt“ Luft schnuppern. Und so landete ich im Juni 1986 als Au-Pair in Houston, Texas. Damals wusste ich noch nicht, dass mich mit meiner Gastfamilie eine lebenslange Freundschaft verbinden würde. Meine Gastgeschwister waren bei meiner Ankunft 5, 7 und 10 Jahre alt. Heute haben sie eigene Familien und im Laufe der Jahre haben meine Gasteltern 8 Enkelkinder bekommen. Das achte und vermutlich letzte wurde Anfang diesen Jahres geboren.

Vor über 30 Jahren als junge Erwachsene hatte ich so manches Mal Heimweh, vor allem nach meiner Familie und meinen Freunden. Man konnte ja nicht mal eben per FaceTime anrufen oder schnell eine whats app versenden. Telefonieren war irre teuer. Bei 50 Dollar wöchentlichem Taschengeld überlegt man sich genau, was man in den wenigen teuren Telefonminuten sagen möchte. Zum Glück gab es R-Gespräche 😉 Und natürlich old school snail mail. Um die Mittagszeit, wenn ich das Postauto seine Runde machte, ging mein Blick sehnsüchtig zur Mailbox. Es war immer ein kleines Fest, wenn ein Brief, eine Postkarte oder gar ein kleines Päckchen an mich adressiert in der Box lag. Ich habe damals alle bunten Karten und Umschläge wie einen kleinen Schatz in einem liebevoll beklebten Schuhkarton gesammelt. Wahrscheinlich ein Grund, warum ich immer noch so gerne richtige Post bekomme und auch gerne welche verschicke. Vor einigen Jahren habe ich mit einer kanadischen Freundin eine Brieffreundschaft begonnen. So richtig mit Papier und Stift.

In diesem Jahr Houston habe ich nicht nur Englisch gelernt, sondern auch meine erste Erfahrungen mit dem American way of life gemacht. Das morgendliches Pancake flippen wurde genauso zur Routine wie das „überall mit dem Auto“ hinfahren und das ständige Frieren in Einkaufszentren oder Restaurants. Meine Beine habe ich zum ersten Mal in Houston rasiert, weil das bereits jedes amerikanische Mädchen so macht. Ich habe täglich Cola in Dosen getrunken, weil ich es cool fand. Dazu Unmengen Eistee (klar mit Unmengen Eis), bis mir klar wurde, dass mein schlechter Schlaf irgendetwas damit zu tun haben könnte. Ich bin staunend und mit großen Augen und nie nachlassender Begeisterung die Gänge der amerikanischen Drugstores und Targets abgelaufen. Wie Alice im Wunderland … Britta im Lone Star State. Ich konnte nicht fassen, wie viele Highways diese Stadt durchliefen. Oder, wieviel Land es gab. Meine Gastfamilie besitzt außerhalb von Houston eine Ranch. Als sie mich dorthin zum ersten Mal mitnahmen, war ich überwältigt. Ich dachte, das Dorf, in dem ich in Deutschland aufgewachsen bin, passt locker auf diese gigantische Fläche. Das war natürlich nicht so, aber gefühlt konnte ich kaum glauben, dass eine Familie so viel Land (mit einem Fluß drauf) einfach nur so besitzt. Schon, es gibt dort ein paar Kühe und ein Maisfeld, aber sie ernährt niemanden.

Die fünf Jahre Michigan haben uns vergleichsweise nah an Texas herangebracht, 3 Flugstunden von Detroit. Wir haben zwei Weihnachtsfeste mit der großen Familie dort gefeiert und verschiedene anderer Gelegenheiten zum Besuch genutzt. Meine Gasteltern haben uns einige Male in Michigan besucht. Unser vorerst letzter Besuch liegt keine vier Wochen zurück. Abschied nehmen war das. Zumindest bis auf weiteres. Besonders mit meiner Gastmutter und Gastschwester bin ich sehr eng. Auch unser Sohn fühlt sich in Houston zuhause. Mit fünf haben wir ihn zum ersten Mal mitgenommen. Im Kreise der Enkelkinder ist er der Cousin aus Deutschland. Ich bin dankbar für diese lange transatlantische Freundschaft. Und entsprechend tränenreich war der Abschied am Flughafen. Der erste von vielen weiteren, die folgen werden. I guess that’s part of the process.

 

relocation countdown …

„I am not the same, having seen the moon shine on the other side of the word“
Mary Anne Radmacher

Hi there!

„60 days until Check-in LH 443 Detroit to Frankfurt“. Wir hatten ja eigentlich genug Zeit, uns auf den Abschied vorzubereiten. Aber wie bei so vielen anderen Terminen denkt man „ach, ist ja noch lange hin“. Aber plötzlich ist der Zeitpunkt „just around the corner“. Bei mir war es die Buchung unserer Heimatflüge vor einigen Wochen, die das baldige Ende unserer Zeit hier offiziell besiegelt hat. Touchdown Germany. Ziemlich genau fünf Jahre, nachdem wir an einem sonnigen Morgen in Köln zu unserer „Mission Michigan“ aufgebrochen sind. Damals noch nicht ahnend, was für eine intensive und erlebnisreiche Zeit wir hier verbringen würden. Wie sehr Ann Arbor zu einem Zuhause werden würde. Wie vielen wunderbaren Menschen wir begegnen würden. Wie sich unser Zweitklässler ohne ein Wort Englisch zu einem bilingualen (und teilweise amerikanisierten) Teenager entwickeln würde. Welche fantastischen Orte und Landschaften wir besuchen würden. Was für eine irre Bereicherung all‘ diese Erfahrungen für uns sein würden. Echt jetzt? Ich hatte dem Abenteuer Amerika anfangs eine Absage erteilt???

Wie oft bekomme ich dieser Tage zu hören: „Und du wolltest erst gar nicht gehen. Und nun fällt es dir so schwer, Abschied zu nehmen.“ Ja, ich habe ordentlich unterschätzt, dass „going home“ auch kein Kindergeburtstag ist. Es ist eben etwas anderes, als aus einem längeren Urlaub heimzukehren. Es fühlt sich eher an, als stolpere man von einem Leben in ein anderes. Auch wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass ich nicht ewig diese zwei Leben führen möchte. Ein Teil des Herzens in Deutschland und ein Teil hier. Oder wie unser Sohn es im August 2015 mit Blick auf den Kölner Dom vor einer Rückreise nach Michigan ausdrückte: „Ich möchte zwei Hälften haben. Eine fliegt nach USA, eine bleibt hier.“ Er war auch der Hauptgrund, warum ich mich anfangs schwer getan habe, ja zu sagen. Und nun ist die Sorge wieder da. Wird er den Schulwechsel gut schaffen? Schnell neue Freunde finden? Oder an alte Freundschaften anknüpfen? Er ist sehr offen und freut sich auf Deutschland, auf Köln. Kölsche Jung‘ halt, und Großstadtkind. Und dennoch ist auch bei ihm seit Mitte Mai schlagartig durchgesickert, dass die Zeit hier abläuft. „Wir sitzen nur noch 22 Tage in diesem Setting“, sagt er eines morgens am Frühstückstisch vor der Schule. Mit etwas mehr Tränenflüssigkeit in den Augen als sonst. Schluck.

Mir gehen ob des bevorstehenden Umzugs so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. So viele kleine und größere „goodbyes“ wollen gesagt und gefühlt werden. So vieles noch erlebt werden. So viele Geschichten noch erzählt werden. Daher kam mir die Idee, all diesem Wirrwarr einen Rahmen hier im Blog zu geben. Los geht es also heute mit dem „Relocation Countdown“ – 60 days to go. Die sommerliche Version von „wir warten auf’s Christkind“, nur ohne Elfe. 😉 Nein, nein – keine Sorge!! Ich werde nicht täglich etwas einstellen. Dafür habe ich gar keine Zeit, und 20 Tage lang werden wir noch unterwegs sein. Die letzte große Reise unseres USA-Aufenthaltes. Literally: The last frontier. Alaska.

Aber zurück nach Ann Arbor, Michigan … dort, wo wir die meisten Tage der letzten fünf Jahren verbracht haben. Der Ort, der uns am meisten ans Herz gewachsen ist. Dort, wo das gelbe „M“ auf blauem Grund im täglichen Straßenbild präsent und überall liebevoll umarmt wird. Ein Deutscher, der die „University of Michigan“ in blau-gelb fantastisch auf dem Basketball-Court vertreten hat, hat kürzlich auch Abschied genommen. Der Berliner Moritz Wagner wurde 2013 als erster deutscher Basketballspieler in die Mannschaft der „Wolverines“ (das Maskottchen der Universität) aufgenommen. Vom ersten Training bis zum letzten „March Madness“ (dem wichtigsten Turnier der College-Teams), haben wir seinen Weg und seine unzähligen Körbe verfolgt, teilweise live. In der Saison 2017/18 schaffte er mit dem Team das March Madness Finale. Wooohooo, was für ein Turnier! Ann Arbor stand Kopf und war noch etwas blau/gelber als sonst. Am Tag nach dem (leider verlorenen) Finalspiel, hat Mo (wie er hier genannt wird) bekannt gegeben, dass er in die Profiliga wechseln wird. Im Juni wird er am NBL (National Basketball League) Draft teilnehmen. Ein Satz aus seinem sehr emotionalen Abschiedsbrief an Michigan, die Uni und Ann Arbor spricht mir aus dem Herzen:

„Ann Arbor will always be the first American city that I ever really knew. In my opinion, it’s the perfect place to live — not too big, not too small. You get all four seasons, great sports, and some of the nicest and most genuine people I have met. I’ll miss Ann Arbor a ton and come back as much as I can.“

„Genuine people“ kennen wir auf beiden Seiten des Atlantiks. Und die stehen ganz oben, wenn wir gefragt waren, worauf wir uns am meisten freuen, und was den Abschied am schwersten macht. But I am also still crazy in love with this small college town of Ann Arbor!

 

black & white

„What living around black people for the last decade has taught me is less about what it means to be black and more about what ist means to be white.“
Drew Philp, Autor „A 500 Dollar House in Detroit“

Hi there!

Färbt man einen Stadtplan vom Großraum Detroit nach der Hautfarbe ihrer Bewohner, ergibt sich ein brutales Bild. Das Bild der am stärksten segregierten Stadt der USA. Die berühmte „8 Mile Road“, die eine waagerechte 20 Meilen lange Linie zwischen dem inneren Stadtgebiet Detroits und den angrenzenden nördlichen Vororten zieht, trennt die schwarze Bevölkerung räumlich von der mit weißer Hautfarbe. Während der Anteil der Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA rund 14% beträgt, haben in Detroit südlich der 8 Mile Road rund 85% der Menschen einen afroamerikanischen Hintergrund. Gründe für dieses Ungleichgewicht sind neben dem massiven Wegzug der weißen Bevölkerung aus dem innerstädtischen Bereich, diskriminierende Praktiken in der Wohnungspolitik. Weiße Familien wurden mit subventionierten Krediten in die grünen Vororte gelockt, schwarze Hauskäufer bekamen keine Hypothek. Auch Baugesellschaften erhielten billige Kredite, wenn sie sich verpflichteten, ihre Objekte nicht an schwarze Bürger zu verkaufen. Der Wegzug der weißen Bewohner führte zu einem Absinken der Immobilienpreise in der Stadt. Parallel verschwanden Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen sanken. Ein Teufelskreis, der sich über die Jahre desaströs auf die Infrastruktur Detroits ausgewirkt hat.

Über die „8 Mile Wall“, die eine visuelle Grenze zwischen weißen und schwarzen Neighborhoods im Norden der Stadt zieht, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog berichtet. Dann hörte ich von einer weiteren „Grenzlinie“. Eine, die das schwarze, schmuddelige und kriminelle (so zumindest die weitläufige Meinung vieler) Detroit von den weißen, wohlhabenden Gemeinden im Osten der Stadt trennen soll. Dort wo der Detroit River in den Lake St. Clair mündet, beginnen die von altem Geld dominierten „Grosse Pointe“ Gemeinden. Hier wurde die dominierende Hautfarbe zwischen 1945 und 1960 über ein Punkte-System bestimmt. Potentielle Hauskäufer mussten eine bestimmte Punktzahl erreichen, um Eigentum erwerben zu dürfen. Die Immobilienfirmen beauftragten private Ermittler, die die Bewerber nach Dunkelheit ihrer Hautfarbe, Akzent, Religion, Ausbildung, Kleidung und Lebensweise (z.B. hatte man vornehmlich weiße Freunde) beurteilte. Das diskriminierende System wirkt auch über 50 Jahre nach Abschaffung der legalen Rassentrennung in den USA nach. Weniger als 10% der Grosse Pointe Bewohner sind schwarz.

„Grosse Point Park“ ist die erste der fünf Gemeinden, die sich an das Stadtgebiet von Detroit anschließt. Über die Kercheval Avenue fährt man von Detroit direkt hinein nach Grosse Pointe Park. An einem kalten Februartag sind wir ihr durch die östlich von Downtown liegenden Stadtteile gefolgt. Wir parken auf der Detroit Seite und überqueren die „Grenze“ zwischen Detroit und Grosse Point Park zu Fuß. Der Kontrast könnte nicht krasser ausfallen. Bröckelnde Fassaden, leer stehende Geschäfte, Seitenstraßen mit verlassenen, teils niederbrannten Wohnhäusern und verwaisten Grundstücken auf der einen Seite. Hat man den Kreisverkehr durchschritten, betritt man eine komplett andere Welt. Die vor uns liegende schicke Geschäftsstraße wird mit dezenter Musik beschallt. Bänke, hochwertige Straßenlaternen, hübsche Fassaden, riesige Standuhren und  Kunstobjekte säumen die gepflegten Bürgersteige. Boutique, Bakery, Craft Beer Brauerei mit Biergarten – alles da, alles tippi toppi. Auch ein Blick in die angrenzenden Wohnstraßen verrät: hier ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher als einen Steinwurf entfernt in Detroit. In der einst wohlhabendsten Stadt der USA leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Während in Detroit die Straßenbeleuchtung in vielen Nachbarschaften aus Geldmangel abgeschaltet wurde, verschlingt die Weihnachtsbeleuchtung der Grosse Pointe Villen sicherlich so manche Kilowatt Stunde Strom. Während Detroiter Familien das Wasser abgestellt wird, plätschern hier im Sommer Springbrunnen munter vor gigantischen Villen mit weißen Säulen. 2016 hatte in Detroit einer von sechs Haushalten keinen Zugang zu Frischwasser. Die Vereinten Nationen haben das massenhafte Abschalten von Wasser in Detroit eine „violation of human rights“ genannt. Vier der fünf „Großen Seen“, das größte Frischwasser-Reservoir der Erde, umspülen Michigan. Just saying. Mit Wasser gespart wird bestimmt nicht, wenn es um die penibel manikürten Rasenflächen der Grosse Pointe Villen geht. Ich weiß: das ist auch ein wenig „schwarz-weiß“ beschrieben … aber nirgendwo sonst habe ich hier einen so extrem offensichtlichen Wechsel der Szenerie erlebt. Die Krise in Detroit – und die damit einhergegangene Trennung in fast ausschließlich schwarze und weiße Stadteile – ist zudem nicht durch mangelnde persönliche Verantwortung Einzelner, sondern unter anderem durch eine gezielte (politisch motivierte) Steuerung von außen entstanden.

Um in der schönen, heilen Welt von Grosse Pointe unter sich zu bleiben, hat man sich so einiges einfallen lassen. Es begann im Winter 2014, als von Detroit kommende Autofahrer sich plötzlich einer riesigen Schneewand auf der Kercheval Avenue gegenüber sahen. Genau an der Stelle, wo sich heute der Kreisverkehr befindet. Angeblich wusste man in diesem extrem schneereichen Winter nicht mehr, wohin mit dem weißen Zeug. Klar, dann türmt man es mitten auf einer viel genutzten Verkehrsader auf. Der Schnee schmolz, der einspurige Kreisverkehr wurde errichtet. Es folgte ein Farmers Market mit fest installierten Buden, deren geschlossene Rückwände wie eine Blockade Richtung Detroit wirkte. Nach heftigen Protesten wurden die Buden wieder entfernt. Einen weiteren Versuch, eine visuelle Grenzlinie zu ziehen, erfolgte mit Weihnachtsbäumen. Im Sommer 2015 wurde der Kreisel dann mit 15 überdimensionalen Blumentöpfen bestückt. Seitdem streiten sich die Geister, ob dies eine weitere diskriminierende „keep Detroiters out“- Blockade ist, oder die Kombination aus Kreisverkehr und Riesen-Pötte der Verkehrsberuhigung und Verschönerung dienen. Im letzten Sommer wurde das Ensemble um die Skulptur „Sails of Two Cities“ ergänzt. Die Künstler und Brüder Israel und Eric Nordin haben sich dabei von der Lage am Wasser, die Detroit und Grosse Pointe gemeinsam haben, leiten lassen. Zwei Boote, die harmonisch miteinander segeln. Ob die Skulptur die offenen Wunden heilt? Sicherlich nicht. Aber vielleicht ist sie ein versöhnliches Angebot, miteinander im Dialog weiterzukommen. Black & white. Gemeinsam.

 

Over the counter

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Hi there!

Irgendwie ahnte ich ja, dass Amerikaner sehr sorglos mit Medikamenten umgehen. Warum sonst werden hochdosierte Schmerzmittel in XXL-Packungen einfach so im Supermarkt rezeptfrei verkauft. „Over the counter“ nennt sich das hier, auch wenn sie gleich im Regal neben Zahnpasta, Duschgel und Wimperntusche abgegriffen werden können. Das „Value Pack“ Ibuprofen mit 1000 (!!!) Tabletten schnell mal im Vorbeigehen. Nichts geht über eine gute Vorratshaltung. Nur, warum sollte man sich mit vierstelligen Mengen an Schmerztabletten bevorraten? So viele Kaugummis oder Bonbons habe ich ja auch nicht im Haus. Gut, ich persönlich bin ohnehin kein Freund von Großpackungen. Ich mache auch keinen Wocheneinkauf. „I never make plans that far ahead“, Typ wie Rick aus „Casablanca“.

In den USA ist man hingegen groß mit Großpackungen. Und da bilden Schmerzmittel keine Ausnahme. Ich meine jetzt natürlich nicht chronisch kranke Menschen, die solche Medikamente leider wirklich in größeren Mengen benötigen. Es ist der gedankenlose Konsum von Tabletten, als wären es Gummibärchen, der mich irritiert. Weil das kleinste Unwohlsein, der geringste Schmerz unterdrückt werden muss. Jeder Zustand, der nicht 100% angenehm ist, muss korrigiert werden. Etwas wärmer draußen? Gleich die Klimaanlage auf höchste Stufe. Auto im Winter kalt? Motor starten, noch bevor man unter die Dusche springt. Kind abholen im Sommer? Im Auto bei laufendem Motor und geschlossenen Fenstern sitzen bleiben, bis Kind einsteigt.

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Ich schweife ab. Wir waren beim Umgang mit Medikamenten, vor allem mit Schmerzmitteln. Painkiller. Vergangenen Herbst hat mein Kind eine feste Klammer bekommen. In der Schule gab es natürlich schon viele Kids mit Drähten im Mund. Und alle wurden offenbar in den Tagen nach dem Einsetzen großzügig mit Schmerzmitteln versorgt. So weist mich auch der Kieferorthopäde bereits im Vorgespräch darauf hing, dass es ein paar Tage sehr unangenehm bis schmerzhaft werden könnte. Aber kein Problem: „Er soll einfach die Schmerzmittel nehmen, die er sonst auch immer nimmt.“ What??? Wir.nehmen.sonst.keine.Schmerzmittel! Hätte mir der Arzt wahrscheinlich nicht geglaubt. Also schweige ich, und denke mir meinen Teil. In der Woche drauf wird die Klammer eingesetzt. Erst der Doc persönlich. Erneuter Hinweis auf Schmerzmittel. Dann die Zahnarzthelferin mit Instruktionen zur Pflege der Zähne mit Klammer. Alles klar. Schnell und schmerzlos. Ha! Zum Abschied noch einmal ein wichtiger Rat … ja, ja, die Schmerzmittel, die wir sonst so nehmen. Auf dem Heimweg wird mein Auto von einer magischen Hand (oder war das der verlängerte Arm der Pharma-Industrie???) auf den Target Parkplatz gelenkt. „Target kann alles“ (alternative Auslegung von „einmal hin – alles drin) sagen wir immer, also auch Medikamente. Over the counter. Die amerikanische Gesundheitsmaschinerie hat es geschafft. Mutter ist in Sorge und möchte wenigstens ein Mittelchen im Haus haben. Man weiß ja nie. Es dauert eine Weile, bis wir uns durch die Vielfalt der Marken, Dosierungen und Darreichungsformen gewühlt haben. Das größte Problem während unsere Suche sind übrigens nicht die Schmerzen meines Sohnes. Viel schwieriger ist es, eine Packung mit weniger als 100 Tabletten zu finden. Schließlich stehen wir mit einem kleinen Pappwürfel an der Kasse. Strike, nur 20 Drops!

Bereit für den Ernstfall fahren wir nach Hause. Die einzige Medizin, die wir an diesem Abend benötigen ist Kartoffelpüree. Und auch an den Folgetagen bleibt die Painkiller-Packung zu. Ungläublichkeit bei den Freunden in der Schule. Am Tag vor Heiligabend dann der nächste „Ernstfall“. Kind klemmt sich den Daumen heftig in der Autotür ein. Autsch! Ich bin nur froh, dass er die Tür selber zugeschlagen hat. Aber das nur am Rande. Ein blauer Daumen, kein schönes Weihnachtsgeschenk. Ich denke an die 20 Pillen im Schrank. Aber Kind beißt die Zähne zusammen und packt ein Pflaster drauf. Drei Wochen später lassen wir dann doch mal einen Arzt drauf schauen und wollen wissen, ob der Nagel gezogen werden muss. Erste Frage: Nimmt er noch Schmerzmittel? Zweite Ansage: normalerweise hätte ich das sofort geröntgt und eine Ladung Tetanus gegeben. Nun denn, die Gefahr einer Blutvergiftung dürfte wohl nach drei Wochen gebannt sein … außerdem ist Kind ohnehin geimpft. Also werden wir mit dem Hinweis, abwarten und schauen, notfalls Schmerzmittel nehmen, wieder nach Hause geschickt. Sechs Wochen später sieht der Nagel nicht viel besser aus. Er tut nur nicht weh. Nächster Termin. Diesmal bei einem sogenannten Nagel-Spezialisten. Ihr ahnt es schon. „Wie lange hat Ihr Kind Schmerzmittel genommen?“ What’s wrong with you Docs?

Warum soll man seinen Körper nicht mehr spüren? Schließlich hat Schmerz ja auch eine Aufgabe. Er ist ein Signal, dass Schonung angesagt ist. Nicht-Funktionieren ist offenbar keine Option für Amerikaner. Heilung mit Bettruhe, Tee oder „just take it easy“ kommt nicht in Frage. Failure is not an option. Anders ist auch die Hysterie, die jeden Herbst in Sachen Grippeimpfung verbreitet wird, nicht zu erklären. Den „Flu-Shot“ kann man sich in jedem Drugstore geben lassen. No appointment needed. Werbung an jeder Ecke. Auch der Schuldistrikt rät alljährlich dringend zur Impfung. Eine Mutter erzählt mir, dass sie früher ihren Sohn in einer „Drive Thru“ Apotheke hat impfen lassen. Im Auto sitzen bleiben, schnell die Portion Chemie in den Körper jagen, und weiter. Treten trotz Impfung Anzeichen einer Grippeerkrankung auf: zack, Tamiflu drauf, wieder fit am nächsten Tag. Immer bereit, die nächste Mondlandung anzusteuern. Der Inhalt unserer Mini-Pillen-Packung ist noch mindestens bis 2020 haltbar. Doch irgendwie beruhigend. 😉 Gesundes Wochenende allerseits!

P.S. Wir haben übrigens unseren 5. Michigan Winter umgeimpft (!!) ohne Grippe überstanden. Und der neue Nagel wächst auch langsam.

changing lives through art

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Hi there!

Tyree Guyton wuchs in der „McDougall-Hunt“ Neighborhood im Osten Detroits auf. Als er 1986 in die Straße seiner Kindheit zurückkehrte, war er schockiert über das Ausmaß des Verfalls. Gemeinsam mit seinem Großvater begann er, verlassene Grundstücke aufzuräumen. Mit den Fundstücken verwandelte er die Heidelberg Street in einen öffentlichen Kunstraum. Leere Grundstücke wurden zur Ausstellungsfläche für seine kreativen Installationen aus Schuhen, Stofftieren, Autoteilen, Türen. Verlassene Häuser bemalte er mit leuchtenden bunten Punkten oder riesigen Ziffern und nannte sie „Polka Dot House“ oder „Number House“. Punkt für Punkt wurde so im Laufe der nächsten Jahre aus einem trostlosen Straßenblock das bunte, international beachtete Outdoor Kunstmuseum „The Heidelberg Project“. Pinsel und Besen statt Waffen und Drogen. Er bezog vor allem Kinder aus der Nachbarschaft mit ein, und führte Workshops in Schulen durch. Seine Mission: Das Leben der Menschen verändern, ihnen eine neue, positive Perspektive eröffnen, in dem sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen. Veränderungen sehr direkt in einem begrenzten Raum angehen – ein Konzept, das man aktuell in Detroit in vielen Bereichen und Nachbarschaften beobachten kann. Viele kleine Lösungen statt einiger weniger großer, die die Menschen nicht mit einbeziehen. Dahinter steckt die Idee von einer Gemeinschaft, die eine eigene Dynamik entwickelt, sich aus eigener Kraft neu erfindet und dann in der Lage ist, sich selbst zu erhalten.

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Der Gedanke „The next big thing will be a lot of small things“ des belgischen Designers Thomas Lommée kommt mir in dem Zusammenhang in den Kopf. Tyree Guyton hat vor 30 Jahren einfach angefangen, die Welt in seinem überschaubaren Lebensumfeld ein wenig besser, ein wenig bunter, ein wenig hoffnungsvoller zu machen. Das Projekt ist – wie Detroit selbst – seit dem ersten Pinselstrich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Aber es hat sich immer wieder in irgendeiner Form verändert und weiterentwickelt. Selbst nachdem zwischen 2013 und 2016 einige Häuser der Brandstiftung zum Opfer fielen, hat Guyton sich nicht entmutigen lassen. Es sind die Ideen, Visionen und Prinzipien, die den Künstler und sein Team immer wieder antreiben. Nicht so sehr die einzelnen Objekte. „Things can be replaced, so we are not so much attached to these things as much as we are attached to the principle of pushing forward“, formuliert seine Frau und Projekt-Partnerin, Jenenne Whitfield, es. Das Heidelberg Projekt hat in drei Jahrzehnten Diskussionen in Detroit angeregt, auf vergessene Nachbarschaften aufmerksam gemacht und vieles in Bewegung gebracht.

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Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Tyree Guyton nennt diese nächste Stufe „Heidelberg 3.0“. Erklärtes Ziel: das Projekt zu einem Musterbeispiel dafür zu machen, wie urbane Gemeinschaften sich aus eigener Kraft transformieren können. Er möchte einen neuen Weg beschreiten, Visionen und Hoffnung in Stadtteile wie den der McDougall-Hunt Neighborhood zu tragen. Die Gestaltung eines Kunstwerkes ist ihm zu wenig. Er möchte inklusive Gemeinschaften formen. Auf der Heidelberg Street sollen Ateliers entstehen, in denen Künstler eine Weile arbeiten können. Im Gegenzug leisten sie einen Beitrag zur Heidelberg Mission und bieten beispielsweise Workshops für Nachbarn an. Ein weiterer „Heidelberg 3.0“ Baustein ist die Gründung der „Heidelberg Arts Leadership Academy“ – ein Nachmittagsprogramm für Schüler der vierten bis zwölften Klasse, das die Kinder und Jugendlichen zu sogenannten „Change Agents“ für ihre eigenen Gemeinden ausbilden soll.

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Ich war im August 2013 zum ersten Mal in der Heidelberg Street. Damals standen noch alle Häuser. Ich habe auf den Stufen des „Soul Houses“, das über und über mit Schallplatten bestückt war, gesessen. Bis heute bin ich unzählige Male dort gewesen, meist mit Besuch aus Deutschland. Es war nie langweilig, denn bei jedem Besuch präsentierte sich das Heidelberg Projekt anders. Und trotzdem finden sich in dieser lebendigen Outdoor Kunstgalerie einige Symbole, Gegenstände und Leitideen immer wieder. Uhren und die Zeit sind so ein Beispiel. „Alles dreht sich um die Zeit. Alles ist im Fluß. Die Zeit verändert die Dinge ständig. Zeit kann man nicht abschalten“, hat Tyree Guyton eine seiner Leitideen beschrieben, als ich ihn gemeinsam mit einer Freundin im letzten Jahr persönlich kennenlernen durfte. Da hatte er gerade öffentlich gemacht, welche Veränderungen er für das Projekt in den nächsten Jahren angestrebt.

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Ein Vorhaben, das Hoffnung macht. Hoffnung auf neue Chancen für die Menschen der McDougall-Hunt Nachbarschaft. Die Not in dem Viertel ist groß, 40% der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Eines von fünf Häusern steht leer. Es ist eine große Herausforderung, die Interessen der Bewohner und die der Macher und mittlerweile jährlich 200.000 Besucher dieses öffentlichen Kunstraumes in Einklang zu bringen. Das alles passiert, während weniger als drei Meilen südwestlich gigantische Bauprojekte wie die neue Hockey Arena, Luxushotels und schicke Bürogebäude hochgezogen werden. Die große Aufgabe der Zukunft für Detroit bleibt. Einen guten Weg für Stadtteile wie diesen zu finden. Einen, der die langjährigen Bewohner mit einbezieht. Einen, der zwischen einer sozialen Umstrukturierung von außen und dem kompletten Vergessen der vielen Stadtteile jenseits von Downtown liegt. One step at a time.