52 days to go … a farewell forever

Hi there!

Wie so oft rücken manche Ereignisse die eigenen Befindlichkeiten in die richtige Perspektive. Während ich hier so manches Abschiedstränchen weine, haben Menschen Abschiede ganz anderer Art zu bewältigen. Seit Anfang Mai spukt einer der aktivsten Vulkane der Welt, der Kilauea auf Big Island, Hawaii, Lava aus seinem Krater und aus Erdspalten. Wie alle anderen Naturkatastrophen erleben wir diese Ereignisse quasi live über die verschiedensten Kanäle mit. Die betroffenen Menschen tun uns über die Entfernung leid. Kurze Zeit später überschatten jedoch meist die nächsten Katastrophen das Ereignis, und ohne eine persönliche Betroffenheit bleiben die Dinge sehr abstrakt. Anders, wenn man Ort oder Menschen persönlich kennt.

Von den Auswirkungen des Vulkanausbruchs war und ist hauptsächlich die Nachbarschaft „Leilani Estates“ in der Region Puna im Osten von Big Island betroffen. Und genau in dieser Neighborhood haben wir während unserer Hawaii Reise vor 2 Jahren einige Nächte in dem Bed & Breakfast „Hale Moana“ verbracht. Die deutsche Besitzerin wurde mit ihren zwei Kindern evakuiert und lebt seitdem in einer Ferienwohnung weit genug weg von Lavaflüssen und giftigen Dämpfen, die aus den aufbrechenden Erdspalten austreten. Bis zuletzt hatte die allein erziehende Mutter und ihre zwei Teenager gehofft, das ihr Haus verschont und sie irgendwann dorthin zurückkehren könnten. Diese Hoffnung wurde am vorletzten Montag zunichte gemacht. Das Haus fing aufgrund der entweichenden Methangase Feuer und brannte komplett nieder. Es war nicht wie erwartet die Lava, die auch mittlerweile die Straße erreicht hatte, wo bis vor kurzem das gemütliche Bed & Breakfast mit seinem herrlich grünen und exotisch blühenden Garten Gäste aus aller Welt empfing.

Sie habe noch Glück gehabt, sagt Petra, die aus ihrem persönlichen Paradies, das 20 Jahre lang ihr Zuhause war, vertrieben wurde. Sie konnte fast alle ihre persönlichen Dinge aus dem Haus retten, bevor das Feuer kam. Sie ist mit ihren Kindern an einem sicheren Ort, an dem sie vorerst bleiben kann.

Noch am 19. Mai hatte sie hoffnungsvoll den Rasen gemäht. Eine Woche später war sie wieder im Haus, um die noch verbleibenden Sachen zu holen. „It felt like it’s spirit und soul had left already, it was merely a shell. 12 hours later all was gone,“ schreibt sie in einem ihrer regelmäßigen Updates. Sie habe mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen und schaue nun, trotz aller Trauer über das Verlorene, nach vorne. Im Vertrauen darauf, dass sich neue Türen öffnen und neue Chancen ergeben werden. Wow. Ich bin sehr beeindruckt von dieser Stärke. Das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse fällt mir ein. „… Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginn, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. …“

Wenn das mal nur so einfach wäre. Wir erinnern uns trotz der vielen Regenstunden dieser Tage besonders gerne an unseren Aufenthalt im „Hale Moana“. An die singenden Frösche im Garten, die persönliche Atmosphäre, die köstlichen Bananen-Pancakes zum Frühstück, die Gastfreundschaft der Familie, die wertvollen Tipps für die Erkundung der Region. Petra hat eine Crowdfunding Seite eingerichtet, über die sie viel Unterstützung von Freunden und Gästen erfährt.

„We will be ok“, schreibt sie voller Zuversicht in ihrem letzten Update. Der vielzitierte „Aloha Spirit“ ist ihr, die in der Region bleiben möchte, wohl nicht verloren gegangen. „Aloha“ sagt man auf Hawaii nicht nur zur Begrüßung, auch zum Abschied.

 

56 days to go … „Home state“ Texas

Hi there!

Als ich das erste Mal in die USA flog, war ich 18 Jahre alt, hatte gerade mein Abi in der Tasche und wollte „große weite Welt“ Luft schnuppern. Und so landete ich im Juni 1986 als Au-Pair in Houston, Texas. Damals wusste ich noch nicht, dass mich mit meiner Gastfamilie eine lebenslange Freundschaft verbinden würde. Meine Gastgeschwister waren bei meiner Ankunft 5, 7 und 10 Jahre alt. Heute haben sie eigene Familien und im Laufe der Jahre haben meine Gasteltern 8 Enkelkinder bekommen. Das achte und vermutlich letzte wurde Anfang diesen Jahres geboren.

Vor über 30 Jahren als junge Erwachsene hatte ich so manches Mal Heimweh, vor allem nach meiner Familie und meinen Freunden. Man konnte ja nicht mal eben per FaceTime anrufen oder schnell eine whats app versenden. Telefonieren war irre teuer. Bei 50 Dollar wöchentlichem Taschengeld überlegt man sich genau, was man in den wenigen teuren Telefonminuten sagen möchte. Zum Glück gab es R-Gespräche 😉 Und natürlich old school snail mail. Um die Mittagszeit, wenn ich das Postauto seine Runde machte, ging mein Blick sehnsüchtig zur Mailbox. Es war immer ein kleines Fest, wenn ein Brief, eine Postkarte oder gar ein kleines Päckchen an mich adressiert in der Box lag. Ich habe damals alle bunten Karten und Umschläge wie einen kleinen Schatz in einem liebevoll beklebten Schuhkarton gesammelt. Wahrscheinlich ein Grund, warum ich immer noch so gerne richtige Post bekomme und auch gerne welche verschicke. Vor einigen Jahren habe ich mit einer kanadischen Freundin eine Brieffreundschaft begonnen. So richtig mit Papier und Stift.

In diesem Jahr Houston habe ich nicht nur Englisch gelernt, sondern auch meine erste Erfahrungen mit dem American way of life gemacht. Das morgendliches Pancake flippen wurde genauso zur Routine wie das „überall mit dem Auto“ hinfahren und das ständige Frieren in Einkaufszentren oder Restaurants. Meine Beine habe ich zum ersten Mal in Houston rasiert, weil das bereits jedes amerikanische Mädchen so macht. Ich habe täglich Cola in Dosen getrunken, weil ich es cool fand. Dazu Unmengen Eistee (klar mit Unmengen Eis), bis mir klar wurde, dass mein schlechter Schlaf irgendetwas damit zu tun haben könnte. Ich bin staunend und mit großen Augen und nie nachlassender Begeisterung die Gänge der amerikanischen Drugstores und Targets abgelaufen. Wie Alice im Wunderland … Britta im Lone Star State. Ich konnte nicht fassen, wie viele Highways diese Stadt durchliefen. Oder, wieviel Land es gab. Meine Gastfamilie besitzt außerhalb von Houston eine Ranch. Als sie mich dorthin zum ersten Mal mitnahmen, war ich überwältigt. Ich dachte, das Dorf, in dem ich in Deutschland aufgewachsen bin, passt locker auf diese gigantische Fläche. Das war natürlich nicht so, aber gefühlt konnte ich kaum glauben, dass eine Familie so viel Land (mit einem Fluß drauf) einfach nur so besitzt. Schon, es gibt dort ein paar Kühe und ein Maisfeld, aber sie ernährt niemanden.

Die fünf Jahre Michigan haben uns vergleichsweise nah an Texas herangebracht, 3 Flugstunden von Detroit. Wir haben zwei Weihnachtsfeste mit der großen Familie dort gefeiert und verschiedene anderer Gelegenheiten zum Besuch genutzt. Meine Gasteltern haben uns einige Male in Michigan besucht. Unser vorerst letzter Besuch liegt keine vier Wochen zurück. Abschied nehmen war das. Zumindest bis auf weiteres. Besonders mit meiner Gastmutter und Gastschwester bin ich sehr eng. Auch unser Sohn fühlt sich in Houston zuhause. Mit fünf haben wir ihn zum ersten Mal mitgenommen. Im Kreise der Enkelkinder ist er der Cousin aus Deutschland. Ich bin dankbar für diese lange transatlantische Freundschaft. Und entsprechend tränenreich war der Abschied am Flughafen. Der erste von vielen weiteren, die folgen werden. I guess that’s part of the process.

 

relocation countdown …

„I am not the same, having seen the moon shine on the other side of the word“
Mary Anne Radmacher

Hi there!

„60 days until Check-in LH 443 Detroit to Frankfurt“. Wir hatten ja eigentlich genug Zeit, uns auf den Abschied vorzubereiten. Aber wie bei so vielen anderen Terminen denkt man „ach, ist ja noch lange hin“. Aber plötzlich ist der Zeitpunkt „just around the corner“. Bei mir war es die Buchung unserer Heimatflüge vor einigen Wochen, die das baldige Ende unserer Zeit hier offiziell besiegelt hat. Touchdown Germany. Ziemlich genau fünf Jahre, nachdem wir an einem sonnigen Morgen in Köln zu unserer „Mission Michigan“ aufgebrochen sind. Damals noch nicht ahnend, was für eine intensive und erlebnisreiche Zeit wir hier verbringen würden. Wie sehr Ann Arbor zu einem Zuhause werden würde. Wie vielen wunderbaren Menschen wir begegnen würden. Wie sich unser Zweitklässler ohne ein Wort Englisch zu einem bilingualen (und teilweise amerikanisierten) Teenager entwickeln würde. Welche fantastischen Orte und Landschaften wir besuchen würden. Was für eine irre Bereicherung all‘ diese Erfahrungen für uns sein würden. Echt jetzt? Ich hatte dem Abenteuer Amerika anfangs eine Absage erteilt???

Wie oft bekomme ich dieser Tage zu hören: „Und du wolltest erst gar nicht gehen. Und nun fällt es dir so schwer, Abschied zu nehmen.“ Ja, ich habe ordentlich unterschätzt, dass „going home“ auch kein Kindergeburtstag ist. Es ist eben etwas anderes, als aus einem längeren Urlaub heimzukehren. Es fühlt sich eher an, als stolpere man von einem Leben in ein anderes. Auch wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass ich nicht ewig diese zwei Leben führen möchte. Ein Teil des Herzens in Deutschland und ein Teil hier. Oder wie unser Sohn es im August 2015 mit Blick auf den Kölner Dom vor einer Rückreise nach Michigan ausdrückte: „Ich möchte zwei Hälften haben. Eine fliegt nach USA, eine bleibt hier.“ Er war auch der Hauptgrund, warum ich mich anfangs schwer getan habe, ja zu sagen. Und nun ist die Sorge wieder da. Wird er den Schulwechsel gut schaffen? Schnell neue Freunde finden? Oder an alte Freundschaften anknüpfen? Er ist sehr offen und freut sich auf Deutschland, auf Köln. Kölsche Jung‘ halt, und Großstadtkind. Und dennoch ist auch bei ihm seit Mitte Mai schlagartig durchgesickert, dass die Zeit hier abläuft. „Wir sitzen nur noch 22 Tage in diesem Setting“, sagt er eines morgens am Frühstückstisch vor der Schule. Mit etwas mehr Tränenflüssigkeit in den Augen als sonst. Schluck.

Mir gehen ob des bevorstehenden Umzugs so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. So viele kleine und größere „goodbyes“ wollen gesagt und gefühlt werden. So vieles noch erlebt werden. So viele Geschichten noch erzählt werden. Daher kam mir die Idee, all diesem Wirrwarr einen Rahmen hier im Blog zu geben. Los geht es also heute mit dem „Relocation Countdown“ – 60 days to go. Die sommerliche Version von „wir warten auf’s Christkind“, nur ohne Elfe. 😉 Nein, nein – keine Sorge!! Ich werde nicht täglich etwas einstellen. Dafür habe ich gar keine Zeit, und 20 Tage lang werden wir noch unterwegs sein. Die letzte große Reise unseres USA-Aufenthaltes. Literally: The last frontier. Alaska.

Aber zurück nach Ann Arbor, Michigan … dort, wo wir die meisten Tage der letzten fünf Jahren verbracht haben. Der Ort, der uns am meisten ans Herz gewachsen ist. Dort, wo das gelbe „M“ auf blauem Grund im täglichen Straßenbild präsent und überall liebevoll umarmt wird. Ein Deutscher, der die „University of Michigan“ in blau-gelb fantastisch auf dem Basketball-Court vertreten hat, hat kürzlich auch Abschied genommen. Der Berliner Moritz Wagner wurde 2013 als erster deutscher Basketballspieler in die Mannschaft der „Wolverines“ (das Maskottchen der Universität) aufgenommen. Vom ersten Training bis zum letzten „March Madness“ (dem wichtigsten Turnier der College-Teams), haben wir seinen Weg und seine unzähligen Körbe verfolgt, teilweise live. In der Saison 2017/18 schaffte er mit dem Team das March Madness Finale. Wooohooo, was für ein Turnier! Ann Arbor stand Kopf und war noch etwas blau/gelber als sonst. Am Tag nach dem (leider verlorenen) Finalspiel, hat Mo (wie er hier genannt wird) bekannt gegeben, dass er in die Profiliga wechseln wird. Im Juni wird er am NBL (National Basketball League) Draft teilnehmen. Ein Satz aus seinem sehr emotionalen Abschiedsbrief an Michigan, die Uni und Ann Arbor spricht mir aus dem Herzen:

„Ann Arbor will always be the first American city that I ever really knew. In my opinion, it’s the perfect place to live — not too big, not too small. You get all four seasons, great sports, and some of the nicest and most genuine people I have met. I’ll miss Ann Arbor a ton and come back as much as I can.“

„Genuine people“ kennen wir auf beiden Seiten des Atlantiks. Und die stehen ganz oben, wenn wir gefragt waren, worauf wir uns am meisten freuen, und was den Abschied am schwersten macht. But I am also still crazy in love with this small college town of Ann Arbor!

 

black & white

„What living around black people for the last decade has taught me is less about what it means to be black and more about what ist means to be white.“
Drew Philp, Autor „A 500 Dollar House in Detroit“

Hi there!

Färbt man einen Stadtplan vom Großraum Detroit nach der Hautfarbe ihrer Bewohner, ergibt sich ein brutales Bild. Das Bild der am stärksten segregierten Stadt der USA. Die berühmte „8 Mile Road“, die eine waagerechte 20 Meilen lange Linie zwischen dem inneren Stadtgebiet Detroits und den angrenzenden nördlichen Vororten zieht, trennt die schwarze Bevölkerung räumlich von der mit weißer Hautfarbe. Während der Anteil der Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den USA rund 14% beträgt, haben in Detroit südlich der 8 Mile Road rund 85% der Menschen einen afroamerikanischen Hintergrund. Gründe für dieses Ungleichgewicht sind neben dem massiven Wegzug der weißen Bevölkerung aus dem innerstädtischen Bereich, diskriminierende Praktiken in der Wohnungspolitik. Weiße Familien wurden mit subventionierten Krediten in die grünen Vororte gelockt, schwarze Hauskäufer bekamen keine Hypothek. Auch Baugesellschaften erhielten billige Kredite, wenn sie sich verpflichteten, ihre Objekte nicht an schwarze Bürger zu verkaufen. Der Wegzug der weißen Bewohner führte zu einem Absinken der Immobilienpreise in der Stadt. Parallel verschwanden Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen sanken. Ein Teufelskreis, der sich über die Jahre desaströs auf die Infrastruktur Detroits ausgewirkt hat.

Über die „8 Mile Wall“, die eine visuelle Grenze zwischen weißen und schwarzen Neighborhoods im Norden der Stadt zieht, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog berichtet. Dann hörte ich von einer weiteren „Grenzlinie“. Eine, die das schwarze, schmuddelige und kriminelle (so zumindest die weitläufige Meinung vieler) Detroit von den weißen, wohlhabenden Gemeinden im Osten der Stadt trennen soll. Dort wo der Detroit River in den Lake St. Clair mündet, beginnen die von altem Geld dominierten „Grosse Pointe“ Gemeinden. Hier wurde die dominierende Hautfarbe zwischen 1945 und 1960 über ein Punkte-System bestimmt. Potentielle Hauskäufer mussten eine bestimmte Punktzahl erreichen, um Eigentum erwerben zu dürfen. Die Immobilienfirmen beauftragten private Ermittler, die die Bewerber nach Dunkelheit ihrer Hautfarbe, Akzent, Religion, Ausbildung, Kleidung und Lebensweise (z.B. hatte man vornehmlich weiße Freunde) beurteilte. Das diskriminierende System wirkt auch über 50 Jahre nach Abschaffung der legalen Rassentrennung in den USA nach. Weniger als 10% der Grosse Pointe Bewohner sind schwarz.

„Grosse Point Park“ ist die erste der fünf Gemeinden, die sich an das Stadtgebiet von Detroit anschließt. Über die Kercheval Avenue fährt man von Detroit direkt hinein nach Grosse Pointe Park. An einem kalten Februartag sind wir ihr durch die östlich von Downtown liegenden Stadtteile gefolgt. Wir parken auf der Detroit Seite und überqueren die „Grenze“ zwischen Detroit und Grosse Point Park zu Fuß. Der Kontrast könnte nicht krasser ausfallen. Bröckelnde Fassaden, leer stehende Geschäfte, Seitenstraßen mit verlassenen, teils niederbrannten Wohnhäusern und verwaisten Grundstücken auf der einen Seite. Hat man den Kreisverkehr durchschritten, betritt man eine komplett andere Welt. Die vor uns liegende schicke Geschäftsstraße wird mit dezenter Musik beschallt. Bänke, hochwertige Straßenlaternen, hübsche Fassaden, riesige Standuhren und  Kunstobjekte säumen die gepflegten Bürgersteige. Boutique, Bakery, Craft Beer Brauerei mit Biergarten – alles da, alles tippi toppi. Auch ein Blick in die angrenzenden Wohnstraßen verrät: hier ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um ein Vielfaches höher als einen Steinwurf entfernt in Detroit. In der einst wohlhabendsten Stadt der USA leben heute mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Während in Detroit die Straßenbeleuchtung in vielen Nachbarschaften aus Geldmangel abgeschaltet wurde, verschlingt die Weihnachtsbeleuchtung der Grosse Pointe Villen sicherlich so manche Kilowatt Stunde Strom. Während Detroiter Familien das Wasser abgestellt wird, plätschern hier im Sommer Springbrunnen munter vor gigantischen Villen mit weißen Säulen. 2016 hatte in Detroit einer von sechs Haushalten keinen Zugang zu Frischwasser. Die Vereinten Nationen haben das massenhafte Abschalten von Wasser in Detroit eine „violation of human rights“ genannt. Vier der fünf „Großen Seen“, das größte Frischwasser-Reservoir der Erde, umspülen Michigan. Just saying. Mit Wasser gespart wird bestimmt nicht, wenn es um die penibel manikürten Rasenflächen der Grosse Pointe Villen geht. Ich weiß: das ist auch ein wenig „schwarz-weiß“ beschrieben … aber nirgendwo sonst habe ich hier einen so extrem offensichtlichen Wechsel der Szenerie erlebt. Die Krise in Detroit – und die damit einhergegangene Trennung in fast ausschließlich schwarze und weiße Stadteile – ist zudem nicht durch mangelnde persönliche Verantwortung Einzelner, sondern unter anderem durch eine gezielte (politisch motivierte) Steuerung von außen entstanden.

Um in der schönen, heilen Welt von Grosse Pointe unter sich zu bleiben, hat man sich so einiges einfallen lassen. Es begann im Winter 2014, als von Detroit kommende Autofahrer sich plötzlich einer riesigen Schneewand auf der Kercheval Avenue gegenüber sahen. Genau an der Stelle, wo sich heute der Kreisverkehr befindet. Angeblich wusste man in diesem extrem schneereichen Winter nicht mehr, wohin mit dem weißen Zeug. Klar, dann türmt man es mitten auf einer viel genutzten Verkehrsader auf. Der Schnee schmolz, der einspurige Kreisverkehr wurde errichtet. Es folgte ein Farmers Market mit fest installierten Buden, deren geschlossene Rückwände wie eine Blockade Richtung Detroit wirkte. Nach heftigen Protesten wurden die Buden wieder entfernt. Einen weiteren Versuch, eine visuelle Grenzlinie zu ziehen, erfolgte mit Weihnachtsbäumen. Im Sommer 2015 wurde der Kreisel dann mit 15 überdimensionalen Blumentöpfen bestückt. Seitdem streiten sich die Geister, ob dies eine weitere diskriminierende „keep Detroiters out“- Blockade ist, oder die Kombination aus Kreisverkehr und Riesen-Pötte der Verkehrsberuhigung und Verschönerung dienen. Im letzten Sommer wurde das Ensemble um die Skulptur „Sails of Two Cities“ ergänzt. Die Künstler und Brüder Israel und Eric Nordin haben sich dabei von der Lage am Wasser, die Detroit und Grosse Pointe gemeinsam haben, leiten lassen. Zwei Boote, die harmonisch miteinander segeln. Ob die Skulptur die offenen Wunden heilt? Sicherlich nicht. Aber vielleicht ist sie ein versöhnliches Angebot, miteinander im Dialog weiterzukommen. Black & white. Gemeinsam.

Over the counter

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Hi there!

Irgendwie ahnte ich ja, dass Amerikaner sehr sorglos mit Medikamenten umgehen. Warum sonst werden hochdosierte Schmerzmittel in XXL-Packungen einfach so im Supermarkt rezeptfrei verkauft. „Over the counter“ nennt sich das hier, auch wenn sie gleich im Regal neben Zahnpasta, Duschgel und Wimperntusche abgegriffen werden können. Das „Value Pack“ Ibuprofen mit 1000 (!!!) Tabletten schnell mal im Vorbeigehen. Nichts geht über eine gute Vorratshaltung. Nur, warum sollte man sich mit vierstelligen Mengen an Schmerztabletten bevorraten? So viele Kaugummis oder Bonbons habe ich ja auch nicht im Haus. Gut, ich persönlich bin ohnehin kein Freund von Großpackungen. Ich mache auch keinen Wocheneinkauf. „I never make plans that far ahead“, Typ wie Rick aus „Casablanca“.

In den USA ist man hingegen groß mit Großpackungen. Und da bilden Schmerzmittel keine Ausnahme. Ich meine jetzt natürlich nicht chronisch kranke Menschen, die solche Medikamente leider wirklich in größeren Mengen benötigen. Es ist der gedankenlose Konsum von Tabletten, als wären es Gummibärchen, der mich irritiert. Weil das kleinste Unwohlsein, der geringste Schmerz unterdrückt werden muss. Jeder Zustand, der nicht 100% angenehm ist, muss korrigiert werden. Etwas wärmer draußen? Gleich die Klimaanlage auf höchste Stufe. Auto im Winter kalt? Motor starten, noch bevor man unter die Dusche springt. Kind abholen im Sommer? Im Auto bei laufendem Motor und geschlossenen Fenstern sitzen bleiben, bis Kind einsteigt.

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Ich schweife ab. Wir waren beim Umgang mit Medikamenten, vor allem mit Schmerzmitteln. Painkiller. Vergangenen Herbst hat mein Kind eine feste Klammer bekommen. In der Schule gab es natürlich schon viele Kids mit Drähten im Mund. Und alle wurden offenbar in den Tagen nach dem Einsetzen großzügig mit Schmerzmitteln versorgt. So weist mich auch der Kieferorthopäde bereits im Vorgespräch darauf hing, dass es ein paar Tage sehr unangenehm bis schmerzhaft werden könnte. Aber kein Problem: „Er soll einfach die Schmerzmittel nehmen, die er sonst auch immer nimmt.“ What??? Wir.nehmen.sonst.keine.Schmerzmittel! Hätte mir der Arzt wahrscheinlich nicht geglaubt. Also schweige ich, und denke mir meinen Teil. In der Woche drauf wird die Klammer eingesetzt. Erst der Doc persönlich. Erneuter Hinweis auf Schmerzmittel. Dann die Zahnarzthelferin mit Instruktionen zur Pflege der Zähne mit Klammer. Alles klar. Schnell und schmerzlos. Ha! Zum Abschied noch einmal ein wichtiger Rat … ja, ja, die Schmerzmittel, die wir sonst so nehmen. Auf dem Heimweg wird mein Auto von einer magischen Hand (oder war das der verlängerte Arm der Pharma-Industrie???) auf den Target Parkplatz gelenkt. „Target kann alles“ (alternative Auslegung von „einmal hin – alles drin) sagen wir immer, also auch Medikamente. Over the counter. Die amerikanische Gesundheitsmaschinerie hat es geschafft. Mutter ist in Sorge und möchte wenigstens ein Mittelchen im Haus haben. Man weiß ja nie. Es dauert eine Weile, bis wir uns durch die Vielfalt der Marken, Dosierungen und Darreichungsformen gewühlt haben. Das größte Problem während unsere Suche sind übrigens nicht die Schmerzen meines Sohnes. Viel schwieriger ist es, eine Packung mit weniger als 100 Tabletten zu finden. Schließlich stehen wir mit einem kleinen Pappwürfel an der Kasse. Strike, nur 20 Drops!

Bereit für den Ernstfall fahren wir nach Hause. Die einzige Medizin, die wir an diesem Abend benötigen ist Kartoffelpüree. Und auch an den Folgetagen bleibt die Painkiller-Packung zu. Ungläublichkeit bei den Freunden in der Schule. Am Tag vor Heiligabend dann der nächste „Ernstfall“. Kind klemmt sich den Daumen heftig in der Autotür ein. Autsch! Ich bin nur froh, dass er die Tür selber zugeschlagen hat. Aber das nur am Rande. Ein blauer Daumen, kein schönes Weihnachtsgeschenk. Ich denke an die 20 Pillen im Schrank. Aber Kind beißt die Zähne zusammen und packt ein Pflaster drauf. Drei Wochen später lassen wir dann doch mal einen Arzt drauf schauen und wollen wissen, ob der Nagel gezogen werden muss. Erste Frage: Nimmt er noch Schmerzmittel? Zweite Ansage: normalerweise hätte ich das sofort geröntgt und eine Ladung Tetanus gegeben. Nun denn, die Gefahr einer Blutvergiftung dürfte wohl nach drei Wochen gebannt sein … außerdem ist Kind ohnehin geimpft. Also werden wir mit dem Hinweis, abwarten und schauen, notfalls Schmerzmittel nehmen, wieder nach Hause geschickt. Sechs Wochen später sieht der Nagel nicht viel besser aus. Er tut nur nicht weh. Nächster Termin. Diesmal bei einem sogenannten Nagel-Spezialisten. Ihr ahnt es schon. „Wie lange hat Ihr Kind Schmerzmittel genommen?“ What’s wrong with you Docs?

Warum soll man seinen Körper nicht mehr spüren? Schließlich hat Schmerz ja auch eine Aufgabe. Er ist ein Signal, dass Schonung angesagt ist. Nicht-Funktionieren ist offenbar keine Option für Amerikaner. Heilung mit Bettruhe, Tee oder „just take it easy“ kommt nicht in Frage. Failure is not an option. Anders ist auch die Hysterie, die jeden Herbst in Sachen Grippeimpfung verbreitet wird, nicht zu erklären. Den „Flu-Shot“ kann man sich in jedem Drugstore geben lassen. No appointment needed. Werbung an jeder Ecke. Auch der Schuldistrikt rät alljährlich dringend zur Impfung. Eine Mutter erzählt mir, dass sie früher ihren Sohn in einer „Drive Thru“ Apotheke hat impfen lassen. Im Auto sitzen bleiben, schnell die Portion Chemie in den Körper jagen, und weiter. Treten trotz Impfung Anzeichen einer Grippeerkrankung auf: zack, Tamiflu drauf, wieder fit am nächsten Tag. Immer bereit, die nächste Mondlandung anzusteuern. Der Inhalt unserer Mini-Pillen-Packung ist noch mindestens bis 2020 haltbar. Doch irgendwie beruhigend. 😉 Gesundes Wochenende allerseits!

P.S. Wir haben übrigens unseren 5. Michigan Winter umgeimpft (!!) ohne Grippe überstanden. Und der neue Nagel wächst auch langsam.

changing lives through art

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Hi there!

Tyree Guyton wuchs in der „McDougall-Hunt“ Neighborhood im Osten Detroits auf. Als er 1986 in die Straße seiner Kindheit zurückkehrte, war er schockiert über das Ausmaß des Verfalls. Gemeinsam mit seinem Großvater begann er, verlassene Grundstücke aufzuräumen. Mit den Fundstücken verwandelte er die Heidelberg Street in einen öffentlichen Kunstraum. Leere Grundstücke wurden zur Ausstellungsfläche für seine kreativen Installationen aus Schuhen, Stofftieren, Autoteilen, Türen. Verlassene Häuser bemalte er mit leuchtenden bunten Punkten oder riesigen Ziffern und nannte sie „Polka Dot House“ oder „Number House“. Punkt für Punkt wurde so im Laufe der nächsten Jahre aus einem trostlosen Straßenblock das bunte, international beachtete Outdoor Kunstmuseum „The Heidelberg Project“. Pinsel und Besen statt Waffen und Drogen. Er bezog vor allem Kinder aus der Nachbarschaft mit ein, und führte Workshops in Schulen durch. Seine Mission: Das Leben der Menschen verändern, ihnen eine neue, positive Perspektive eröffnen, in dem sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen. Veränderungen sehr direkt in einem begrenzten Raum angehen – ein Konzept, das man aktuell in Detroit in vielen Bereichen und Nachbarschaften beobachten kann. Viele kleine Lösungen statt einiger weniger großer, die die Menschen nicht mit einbeziehen. Dahinter steckt die Idee von einer Gemeinschaft, die eine eigene Dynamik entwickelt, sich aus eigener Kraft neu erfindet und dann in der Lage ist, sich selbst zu erhalten.

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Der Gedanke „The next big thing will be a lot of small things“ des belgischen Designers Thomas Lommée kommt mir in dem Zusammenhang in den Kopf. Tyree Guyton hat vor 30 Jahren einfach angefangen, die Welt in seinem überschaubaren Lebensumfeld ein wenig besser, ein wenig bunter, ein wenig hoffnungsvoller zu machen. Das Projekt ist – wie Detroit selbst – seit dem ersten Pinselstrich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Aber es hat sich immer wieder in irgendeiner Form verändert und weiterentwickelt. Selbst nachdem zwischen 2013 und 2016 einige Häuser der Brandstiftung zum Opfer fielen, hat Guyton sich nicht entmutigen lassen. Es sind die Ideen, Visionen und Prinzipien, die den Künstler und sein Team immer wieder antreiben. Nicht so sehr die einzelnen Objekte. „Things can be replaced, so we are not so much attached to these things as much as we are attached to the principle of pushing forward“, formuliert seine Frau und Projekt-Partnerin, Jenenne Whitfield, es. Das Heidelberg Projekt hat in drei Jahrzehnten Diskussionen in Detroit angeregt, auf vergessene Nachbarschaften aufmerksam gemacht und vieles in Bewegung gebracht.

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Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Tyree Guyton nennt diese nächste Stufe „Heidelberg 3.0“. Erklärtes Ziel: das Projekt zu einem Musterbeispiel dafür zu machen, wie urbane Gemeinschaften sich aus eigener Kraft transformieren können. Er möchte einen neuen Weg beschreiten, Visionen und Hoffnung in Stadtteile wie den der McDougall-Hunt Neighborhood zu tragen. Die Gestaltung eines Kunstwerkes ist ihm zu wenig. Er möchte inklusive Gemeinschaften formen. Auf der Heidelberg Street sollen Ateliers entstehen, in denen Künstler eine Weile arbeiten können. Im Gegenzug leisten sie einen Beitrag zur Heidelberg Mission und bieten beispielsweise Workshops für Nachbarn an. Ein weiterer „Heidelberg 3.0“ Baustein ist die Gründung der „Heidelberg Arts Leadership Academy“ – ein Nachmittagsprogramm für Schüler der vierten bis zwölften Klasse, das die Kinder und Jugendlichen zu sogenannten „Change Agents“ für ihre eigenen Gemeinden ausbilden soll.

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Ich war im August 2013 zum ersten Mal in der Heidelberg Street. Damals standen noch alle Häuser. Ich habe auf den Stufen des „Soul Houses“, das über und über mit Schallplatten bestückt war, gesessen. Bis heute bin ich unzählige Male dort gewesen, meist mit Besuch aus Deutschland. Es war nie langweilig, denn bei jedem Besuch präsentierte sich das Heidelberg Projekt anders. Und trotzdem finden sich in dieser lebendigen Outdoor Kunstgalerie einige Symbole, Gegenstände und Leitideen immer wieder. Uhren und die Zeit sind so ein Beispiel. „Alles dreht sich um die Zeit. Alles ist im Fluß. Die Zeit verändert die Dinge ständig. Zeit kann man nicht abschalten“, hat Tyree Guyton eine seiner Leitideen beschrieben, als ich ihn gemeinsam mit einer Freundin im letzten Jahr persönlich kennenlernen durfte. Da hatte er gerade öffentlich gemacht, welche Veränderungen er für das Projekt in den nächsten Jahren angestrebt.

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Ein Vorhaben, das Hoffnung macht. Hoffnung auf neue Chancen für die Menschen der McDougall-Hunt Nachbarschaft. Die Not in dem Viertel ist groß, 40% der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Eines von fünf Häusern steht leer. Es ist eine große Herausforderung, die Interessen der Bewohner und die der Macher und mittlerweile jährlich 200.000 Besucher dieses öffentlichen Kunstraumes in Einklang zu bringen. Das alles passiert, während weniger als drei Meilen südwestlich gigantische Bauprojekte wie die neue Hockey Arena, Luxushotels und schicke Bürogebäude hochgezogen werden. Die große Aufgabe der Zukunft für Detroit bleibt. Einen guten Weg für Stadtteile wie diesen zu finden. Einen, der die langjährigen Bewohner mit einbezieht. Einen, der zwischen einer sozialen Umstrukturierung von außen und dem kompletten Vergessen der vielen Stadtteile jenseits von Downtown liegt. One step at a time.

Can I help you?

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Hi there!

Morgens um 10 in der Mall. Die Geschäfte haben gerade ihre Türen geöffnet. Es sind noch nicht viele Shopper unterwegs. Eigentlich eine prima Zeit, schnell ein paar Sachen zu erledigen oder in Ruhe zu stöbern. Eigentlich. Aber leider bist du dann auch eines der wenigen Ansprechpartner für das emsige Verkaufspersonal. „Hi, how are you this morning? Can I help you?“ Ich antworte geduldig und noch gut gelaunt wie immer: „I am fine, thank you. How are you? I am just browsing,“ und setze meinen Weg in den Laden fort. Nix da. „My name is Laura. This is Amanda. If you have any questions, please let us know.“ Ok, alles klar. Ich bedanke mich noch einmal brav und weiter geht’s. „Oh, we have an important information for you. The whole store is 40% off. It just started this morning. Even our new collection … blablabla.“ Ich höre gar nicht mehr richtig hin, denn das 40% off Schild hatte ich ja schon beim Betreten des Ladens gesehen. Das hätten wir also geklärt. Na, dann mal schauen, was es für Schnapper gibt. Nicht für lange, denn am nächsten Ständer tut eine weitere Dame fleißig ihren Job: „Hey, good morning. The whole store is …“ „Thank you, your colleague already told me“. (Und außerdem kann ich lesen) Keine Chance, die Sätze werden weiter abgespult und ich erfahre ein drittes Mal, dass es einen 40%igen Nachlass heute gibt. Außer auf Tiernahrung 😉

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Das amerikanische Verkaufs- und Servicepersonal ist unglaublich freundlich und dem Kunden zugewandt. Wenn auch oft sehr oberflächlich. Denn wenn ich den Laden verlasse, habe ich meist den Eindruck, die gleiche Person, die mich überschwänglich begrüßte, erinnert sich eigentlich schon nicht mehr an mich und spult gewohnheitsmäßig Sätze wie  „Thanks for stopping by“ oder „Have a great rest of the day“ ab. Aber wehe, man nimmt das Angebot „Can I help you“ tatsächlich wahr. Das mag bei einfachen Sachen („wo finde ich Produkt x“ oder „gibt es das auch in Größe Y“?) ja manchmal (mmmmh, eher selten) noch funktionieren. Aber bitte, bitte, lieber Kunde, stell‘ keine detaillierten Fragen zum Produkt. Schon gar nicht zu einem erklärungsbedürftigen Teil. Und auf gar keinen Fall so was Gemeines wie „wo ist denn jetzt der Unterschied zwischen Produkt x und y?“. Dann bist du fast immer genauso schlau wie vorher.

O-Ton meines damals 8-jährigen am Ende eines „Beratungsgesprächs“ in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses: „Mama, du hast der doch jetzt mehr zu den Cremes erzählt, als die dir“. Wo Kind Recht hat, hat es Recht.

Fachgeschäft für Bastelmaterialien aller Art. Gewünschtes Produkt: Schmuckzange für die Reparatur einer Kette. Die vielen unterschiedlichen Zangen verwirren uns. Also fragen wir nach. (Höre ich mich gerade an, wie in einer dieser Sendungen mit versteckter Kamera?) Die Antwort lautet: „Sorry, I don’t know“. „Does someone else in the store know?“. „Nein, hier macht keiner Schmuck“. Zur Erinnerung: wir sind in einem Bastel-Geschäft, nicht an der Käsetheke eines Supermarktes. „Hier macht keiner Schmuck“ ist in unserer Familie zum „Running Gag“ geworden und wird je nach Situation angepasst. „Hier staubsaugt keiner“ oder „Hier kocht keiner“ … Bei uns geht dafür niemand in Pyjama Oberteilen schwimmen. Aber vielleicht war das auch nur eine kreative Idee, uns doch noch ein Schwimm-Shirt zu verkaufen. Hey, in dem Laden schwimmt halt niemand. Ist denn hier jemals jemand zum Mond geflogen?

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Die USA wird ja gerne als glänzendes Gegenbeispiel zur Dienstleistungswüste Deutschland genannt. In Sachen Freundlichkeit, Offenheit, Kundenansprache und Beschwerdemanagement macht dem amerikanischen Verkaufs- und Servicepersonal so schnell auch wirklich niemand etwas vor. Das fällt mir immer dann auf, wenn wir am Frankfurter Flughafen beim Bäcker unser erstes deutsches Brötchen bestellen. Schmeckt zwar unvergleichlich köstlich, wird aber in der Regel ohne besonderen Enthusiasmus über die Theke gereicht. In der amerikanischen Gastronomie-Welt bekommt man neben Essen und Trinken auch immer freundliche Gesichter. Klar, bei dem geringen Stundenlohn sind sie auf ein ordentliches Trinkgeld angewiesen. Aber ganz ehrlich: das ist mir lieber als so mancher miesepetriger Kellner in Deutschland. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn etwas auf dem Teller nicht den Erwartungen entspricht. Zum Beispiel, wenn das Steak medium bestellt wurde, aber zu roh serviert wird. Dann hört man kein „das hat ja hier noch nie jemand gesagt“ oder „das kann ich mir ja gar nicht vorstellen“. Dann wird sofort gehandelt und das Steak wieder in die Pfanne gehauen. Und vor allem: dann landet das Gericht meist nicht auf der Rechnung. Beschwerdemanagement ganz weit vorne. Das einem der Teller nach dem letzten Bissen entrissen und bereits mit der Rechnung gewedelt wird (aber „no rush, whenever you’re ready“), ist eine andere Geschichte. 😉

Neulich saß ich mit einer Freundin versehentlich im falschen Kinoraum des Michigan Theatre, einem kleinen (Non Profit!) Programmkino. Als wir unseren Fehler bemerkten, war es zu spät zum Wechseln. Also schauten wir einen anderen Film, auch gut. Beim Rausgehen erkundigten wir uns beim Mann an der Kinokasse, wie lange der Film (den wir eigentlich schauen wollten) den noch laufe. Dabei erwähnten wir unser Missgeschick. „Oh, I am sooooo sorry about that,“ entschuldigte er sich mehrfach für UNSERE Doofheit. Es kam noch besser: er bot uns kostenlose Tickets für den richtigen Film an. So sieht wohl Kundenorientierung „taken to the next level“ aus.

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Eines meiner neuen Lieblingsbegriffe beim Shoppen ist „Price Match“. Man braucht nur „piep“ zu sagen und schwupp, bekommt man die Ware billiger. Das funktioniert zum Beispiel so: Online Sonderangebote shoppen und zum local store (in dem ich viel lieber einkaufen würde, wenn es denn dort Hosen für Jungs geben würde. Amerikanische Mittelschüler tragen nämlich fast ausschließlich Sporthosen und dementsprechend ist das Angebot vor Ort, argh!) schicken lassen. Spart die Versandkosten und man kann gleich vor Ort anprobieren und ggf. umtauschen. Die Hosen für den gefühlt täglich wachsenden Sohn passten leider auch nicht. Schade, denn der Preis passte prima. 😉 Die Verkäuferin suchte uns Alternativen heraus, zum regulären Preis. Mehr zu mir selbst meinte ich: „Ach schade, die sind ja jetzt nicht so günstig.“ „Kein Problem“, sagt die freundliche Dame ganz selbstverständlich „dann machen wir schnell einen Price Match“. Dass lieber etwas zu einem günstigeren Preis verkauft wird, als sich mit einem Kunden auseinanderzusetzen, erlebten wir auch vor Kurzem an der Kasse eines Sportgeschäftes. Der Gesamtpreis erschien mir zu hoch und ich fragte nach. Schnell war klar: das Produkt hatte am falschen Ständer gehangen. Das Preisschild am Teil selber wies jedoch den korrekten (höheren) Preis aus. Okay, Irrtum meinerseits. Nehmen wir trotzdem. Aber als der Mann an der Kasse postwendend das magische Wort „Price match“ fallen ließ, habe ich mich natürlich nicht gewehrt.

Mexiko – now & then

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Hi there!

Draußen fegt Wintersturm „Mateo“ und verwandet Michigan wieder in ein Winter Wonderland. „Wie schön“, „Wir wollen auch Schnee“ … ich höre Euch! Und wir haben ja auch viele traumhafte Tage hier. Aber die gibt es nicht ohne schaufeln, kalte Finger, eisigen Ostwind, Autoscheiben kratzen, … hatte ich „schaufeln“ erwähnt? Von letzterem machen wir gerade Pause. Die Schulen sind dicht und Mann arbeitet von zuhause.

Da träumt man schon mal gerne von warmen, sonnigen Kurzarm-Tagen. Wie kürzlich in Mexiko. Da sind wir im dichten Schneetreiben in Detroit abgehoben und 30 Grad später in Cancun gelandet. Ja, erwischt … wir sind „fremdgegangen“. Bis auf den Besuch der Niagarafälle (kanadische Seite) haben wir unsere „Reise-Pins“ ausschließlich in US-Bundesstaaten gesteckt. Aber wir wollten Sonne. Außerhalb Floridas und Kaliforniens. Außerdem fanden wir die Aussicht auf einen „trip down memory lane“ reizvoll. Vor genau 20 Jahren hatten wir die Halbinsel Yucatán schon einmal bereist. Was hat sich verändert, wo ist die Zeit vielleicht stehen geblieben? Zwei der Unterkünfte von damals gab es noch. Gebucht! Neu: Mietwagen und Reisekoffer statt Rucksack und Linienbus. 😉

Erste Station: Chichén Itzá – eine der großen Ausgrabungsstätten von Yucatán. 1894 erwirbt der amerikanische Diplomat Edward Thompson eine Hazienda aus der spanischen Kolonialzeit, auf deren Gelände die Maya-Stadt Chichén Itzá liegt. Er forscht hier, bis das Carnegie-Institut 1924 zusammen mit mexikanischen Regierungsstellen die Ausgrabungen fortsetzt. Als Edward Thompson 1935 stirbt, verkaufen seine Erben die Hazienda an eine yukatekische Familie, die hier bis heute zwei Hotels betreibt. Der Teil des Geländes, auf dem die wichtigsten Ruinen der ehemaligen Maya-Stadt liegen, wurden zwar schon lange zur archäologischen Stätte erklärt, aber erst im März 2010 an den Staat Yucatán verkauft.

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Die Bungalows der Hazienda, auf der wir übernachten, dienten Edward Thompson und seinen Archäologen während der Ausgrabungen als Unterkunft. Das fanden wir schon damals sehr besonders. Diesmal beziehen wir Quartier in „Edward Thompsons Guest House“. Und genauso fühlt man sich auch: als Privatgast, der inmitten eines grünen Dschungel-Gartens zu Besuch ist. Damals wie heute. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Vor allem am frühen Morgen hat dieser Flecken Erde etwas magisches. Fröhliches Vögelgezwitscher, üppiges Grün, bunte Blüten, Ruinen-Relikte aus der Maya-Zeit. Die Hazienda ist immer noch im Familienbesitz und hat sich einem nachhaltigen Tourismus verschrieben. Im Restaurant gibt es Gemüse aus dem eigenen Biogarten, eine ökologische Wasseraufbereitung-Anlage sorgt für sauberes Wasser, Möbel werden vor Ort aus recycelten Materialien gebaut, es gibt Job-Programme für junge Menschen aus der Umgebung.

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In die archäologische Zone gelangt man durch einen „geheimen“ Eingang direkt vom Hotelgarten aus. Morgens wird ein junger Mitarbeiter zum Haupteingang geschickt, um Tickets für die Hotelgäste zu kaufen. Als der junge Mann im traditionellen Leinenhemd mit den Tickets in der einen Hand auf seinem Fahrrad um die Ecke flitzt, musste ich mich mal kurz kneifen. Entweder war das hier eine Filmkulisse (Traumschiff macht Landausflug) oder wir waren wirklich aus der Zeit gefallen. Das Gefühl hielt noch ein wenig an, denn mit einer Handvoll weiterer Hotelgäste spazierten wir anfangs fast alleine zwischen den beeindruckenden Ruinen auf dem weitläufigen Gelände herum.

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Zwischen den Mays Ruinen und unserer zweiten Station am Karibikstrand der Riviera Maya liegen zwei Autostunden Landstraße. Und schockierend viel Armut in den Dörfern, die wir passieren. Irgendwie waren wir naiverweise davon ausgegangen, dass sich hier in den letzten zwei Jahrzehnten mehr entwickelt hätte. Das sich die Lebensbedingungen der Menschen deutlich verbessert hätten, sich der Müll nicht an jeder Straßenecke stapeln würde, dass es mehr „gute“ Jobs geben würde, und weniger Menschen, die nur vom Verkauf billiger Souvenirs an Touristen leben müssten. Aber leider ist das nicht so. Nicht auf der Halbinsel Yucatán, wo der Tourismus eigentlich eine Menge Geld hinein spült. Vermutlich profitieren nur einige wenige von den Dollars und Euros der Touristen. Was ist zwischen Hochkultur (ich staune auch nach 20 Jahren darüber, was für ein architektonisches Meisterwerk die großen Pyramide von Chichén Itzá ist) und dem Bildungswesen von heute schief gelaufen? Ein Kellner in unserem kleinen Hotel am Strand gibt uns einen Teil der Antwort darauf. Er spricht mittelmässig Englisch und erzählt, dass er aus einem kleinen Dorf (nur eine Autostunde landeinwärts) stamme und seine Eltern nur „Maya“ sprechen. Er habe Glück gehabt und in der Schule Spanisch (die Amtssprache Mexikos!!!) gelernt, und ein wenig Englisch.

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Ach ja, wir sind dort angekommen, wo sich alles deutlich stärker verändert hat, als auf der verträumten Hazienda. In Tulum bzw. in der „Hotel-Zone“ Tulums, wie der Küstenabschnitt, der sich vom kleinen Städtchen Tulum ca. 10 km Richtung Süden bis zum Eingang des Naturreservats Sian Ka’an erstreckt, heute genannt wird. Hier ist fast nichts mehr wie bei unserem letzten Besuch. Wo es vor 20 Jahren nur eine Handvoll kleinerer Resorts und einige Tipis am Stand gab, reiht sich heute ein Boutique-Hotel ans andere. Leider konnte die Infrastruktur mit dem rasanten Wachstum nicht mithalten. Die Straße ist nur notdürftig ausgebaut, viel zu schmal für den nun herrschenden Verkehr. Es gibt keine Stromleitung. Was dazu führt, dass die meisten Hotels 24 Stunden lang Dieselgeneratoren betreiben. Es existiert keine Kanalisation und sehr offensichtlich auch kein funktionierendes Abfallsystem. Das alles spielt sich vor den Eingängen der als „eco-friendly“ beworbenen Boutique-Hotels, den Gesundheit suggerierenden „farm-to-table“ Restaurants und den grünen Spas ab. Tulum hat sich den Anstrich eines eco-chic Paradieses gegeben. Authentisch, nachhaltig, im Einklang mit der Natur will es sich abheben vom „all inclusive“ Pauschaltourismus der großen Hotels in Playa del Carmen und Cancun.

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Sicher, die Hotels sind allesamt relativ klein und sehr schön gestaltet. Meist jedoch zwei Tack zu schön, zu stylisch, zu gewollt, zu inszeniert. Aber irgendwie passt es zur illustren Gästeschar, die nicht über sich hinweg kommt. Walla-Walla Strandkleider, Mala-Ketten, jede Menge Hipster-Bärte. Dazu grüne Smoothiees und vegane Powerbowls zum Frühstück (aber bitte erst nach der Awakening Ceremony), Tribal Partys und Full Moon Sessions am Abend. Schicker Urlaubs-Lifestyle mit Yoga Vibes für Großstadt Hippies. Während sich auf der Straßenseite eine ökologischen Katastrophe abspielt und meerseitig das zweitgrößte Riff der Welt langsam ausbleicht.

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Wir lernen, dass unser Hotel heute eines der ältesten in der Hotel-Zone Tulums ist. Ein Fels in der Brandung mit dem treffenden Namen „versteckter Stein“. Einen deutschen Fliesenleger würde man verklagen, hier wirken die krumm und schief angebrachten Kacheln irgendwie charmant. Das Zimmer hat weder Kühlschrank noch TV, einen Föhn darf man nicht betreiben. Dafür wird der Laden ausschließlich mit Sonnen- und Windenergie (und Gas zum Kochen) betrieben. Kein lauter Generator, der Diesel-Abgase in die klare Luft bläst. Mädels: wind-geföhnt spart viel Zeit! Und tut gar nicht weh. Wer hätte das gedacht? Stylen war auch nicht nötig, denn es ging prima entspannt in der kleinen Bucht zu. Keine oooms, keine Erleuchtungs-Partys, kein Wellness Gesummsel … nur Flip Flops zwischen Zimmer, Strand und Restaurant. Dazu leckere Tacos, Margaritas, Meszcal und Sopa de Lima. Trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass so einiges nicht richtig läuft im karibischen Urlaubsparadies.

Darüber nachdenkend mache ich hier einen Punkt. Schwinge ein weiteres Mal die Schneeschaufel und hoffe darauf, dass Frau Holle es irgendwann heute gut sein lässt. Schließlich wollen wir noch ins Brauhaus. Das ein oder andere „Kölsch-style“ Bier mit unseren amerikanischen Freunden, die fünf Jahre in Köln gelebt und gefeiert haben, trinken. Morgen steigt dann an der Deutschen Schule eine Party. Alaaf!!! Nach Köln und in den Rest der Welt.

 

 

Neulich im Museum …

Hi there,

Detroit verbindet jeder mit der Automobilindustrie. Klar, die Motor City. Dieser Tage zeigt die automobile Welt auf der „North American International Auto Show“ wieder ihre neuesten Modelle und Technologien. Das Auto ist so verwoben mit der Geschichte und dem Schicksal der Stadt wie kaum etwas anderes. Ein ganz besonderer Ort in Detroit vermag es, Teile dieses Erbes zu erklären. Er befindet sich im „Detroit Institute of Arts“, dem prachtvollen Kunstmuseum der Stadt.
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Was? Wir gehen in ein großes Kunstmuseum und schauen uns „nur“ einen Raum an? Genau, das machen wir! Denn selbst wenn es an Zeit oder Kunstinteresse für das gesamte Museum fehlt, lohnt sich ein Besuch im „Diego Rivera Court“. Der mexikanische Wandmaler Diego Rivera hat hier zwischen April 1932 und März 1933 ein fantastisches Fresko („The Detroit Industry Murals“) als Hommage an die Automobilindustrie und ihre Arbeiter geschaffen. Finanziert hat das aus 27 Einzel-Tafeln bestehende Wandbild Edsel Ford. Der Sohn von Firmengründer Henry Ford stand damals der Kunst-Kommission des Museums vor. Die Idee zum Industrie-Fresko hatte William Valentine, der deutschstämmige Direktor des DIA. Model stand die „River Rouge Factory“ der Ford Motor Company. Rivera kam gemeinsam mit seiner Frau Frida Kahlo nach Detroit. Es war hier, wo auch ihre Karriere als Künstlerin in Bewegung kam. Vor zwei Jahren hat das Museum dem ungleichen Künstlerpaar eine fantastische Ausstellung über ihre Zeit in Detroit gewidmet.

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Bevor der Künstler seine Arbeit im Innenhof des Museums begann, studierte er einen Monat lang intensiv die Prozesse in der Autofabrik und fertigte unzählige Skizzen an. Ich habe während meiner zahlreichen Besuche im Rivera Court mehrfach dem Audio-Führer und den Erklärungen verschiedener ehrenamtlicher Museumshelfer gelauscht. Außerdem liegt hier ein Buch aus dem Museums-Shop, das alle Details des riesigen Wandbildes erläutert. Genug Material, um darüber zu schreiben. Und dann lese ich letzte Woche zufällig, wie Drew Philp in seinem Buch „The 500 Dollar House in Detroit“ einer Freundin den Rivera Court nahebringt. Bang! Der Text fasst die Darstellungen auf den 27 Tafeln des Wandbildes so wunderbar zusammen und bringt sie überdies in einen größeren Zusammenhang, dass ich ihn hier gerne (im Original und in der deutschen Übersetzung) zitieren möchte.

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„Up ahead was Rivera Court, where the master himself had spent a summer convincing the world of the beauty of the working man along the walls of one of America’s greatest museums. He worked just blocks from where mass manufacturing was born, when the middle class had been brought to life on five dollars a day, and where the struggle of building objects with one’s hands became honorable and noble. He painted the workers larger than the king. We stepped inside. Completed in 1933, the frescoes depict life inside Ford’s auto factories and the endless nobility of man. The twenty-seven panels portray advancements in science and technology, the fruits of the earth, the feminine and life-giving in relation to the masculine, hope, cooperation, and the totality of the human spirit, the interconnectedness of humankind, industry and the soul. Nowhere in the community of Detroit, and everywhere like it, better portrayed than in what is likely the finest example of Mexican mural art in the United States. This is where generations of artists have come to dip into the well of inspiration, the church of creativity, the warm embrace of the imagination clasping hands with reality. I explain all this to Cecilia as we hold hands together alone in the empty museum.

I tell her: It took an outsider, a Mexican Communist, to show our heroism to ourselves. He showed us that what is inside us here is inside all of us, everywhere, man’s legacy to the word. The figures are huge and all work together, different colors of men working and struggling and pushing toward one goal. Sand, rubber, and iron went in one end – and only but through the hands of man – a car came out the other. This is Detroit’s history, the heroism of the forge and crucible on display, a reminder of who we are as men and women and citizens of this planet. A gift to the city of Detroit, the fresco offers a choice: panels depicting poison gas and bombing planes mirror panels depicting vaccinations and aircraft of exploration.

They are not just offering us a choice of good or evil, forward or backward. They offer the choice between creativity and destruction. Rivera begs us to choose to create, to bring new life into this world, to make not just products but a brand-new heroic world of brother- and sisterhood, of nobility and honor. It could have been my grandfather or my father or anyone in my family depicted up there, and maybe yours. He’s asking all of us to do this. You. Create something every day. Despite what they may tell you, you artists, you mothers, you misfits of creativity, the world depends on what you can dream up. The ice caps aren’t getting bigger. The bombs are still being produced. The cities never stopped being torn apart with inequality and suffering. Practice. Practice creating that new world. our very survival depends on what you can create. You. Not someone else. You.“ – from „The 500 Dollar House in Detroit“ – Rebuilding an Abandoned home and an American City“ by Drew Philp, 2017 (Scribner) 

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„Vor uns lag der Rivera Court, in dem der Meister selbst einen Sommer lang verbracht hatte, um die Welt entlang der Wände eines der großartigsten Museen Amerikas‘ von der Schönheit der Arbeiterklasse zu überzeugen. Er arbeitete ein paar Straßenecken entfernt von dem Ort, an dem die Massenfertigung erfunden und die amerikanische Mittelklasse geboren wurde. Dort, wo es ehrenhaft und nobel wurde, Dinge mit der eigenen Hände Arbeit herzustellen. Er malte die Arbeiter größer als den König. Wir traten ein. 1933 fertiggestellt, beschreiben die Fresken das Leben innerhalb Ford’s Autofabriken und die grenzenlose Überlegenheit des Mannes. Die 27 Tafeln zeigen die Errungenschaften in Wissenschaft und Technik, die Früchte der Erde, die Leben gebende Weiblichkeit im Vergleich zur Männlichkeit, Hoffnung, Gemeinschaft, und die Einheit des menschlichen Daseins. Das Zusammenspiel von Menschheit, Industrie und Seele. Nirgends in Detroit oder in den Vereinigten Staaten ist dies besser dargestellt als in diesem wahrscheinlich großartigsten Beispiel mexikanischer Wandmalerei. Hierher pilgern Generationen von Künstlern, um sich inspirieren zu lassen. Es ist eine Kirche der Kreativität. Eine warme Umarmung der Idee, die Wirklichkeit fest in die eigenen Hände zu nehmen. Ich erzähle all‘ dies Cecilia, während wir uns – alleine im leeren Museum – an den Händen halten. 

Ich sage zu ihr: Es musste erst jemand von außen, ein mexikanischer Kommunist, kommen, um uns unser eigenes Heldentum vor Augen zu führen. Er hat uns gezeigt, was in uns allen steckt, hier in Detroit und überall sonst: es ist das Vermächtnis der Menschheit an die Welt. Seine Figuren sind groß und arbeiten alle zusammen, Männer unterschiedlicher Hautfarben arbeiten gemeinsam hart für ein Ziel. Sand, Gummi und Eisen fließen an einer Seite hinein, und nur durch die Arbeit der Männer, entsteht am anderen Ende ein Auto. Hier wird die Geschichte von Detroit ausgestellt: die Heldentaten am Schmelztiegel sind eine Erinnerung daran, wer wir als Männer und Frauen und als Bürger der Erde sind. Als Geschenk an die Stadt Detroit bietet das Fresko die Wahl: Tafeln, die Giftgas und Bomben werfende Flugzeuge zeigen, stehen Abbildungen gegenüber, auf denen Impfungen und Passagiermaschinen zu sehen sind. 

Sie bieten uns nicht nur die Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen rückwärtsgewandt oder fortschrittlich. Sie bieten die Wahl zwischen Kreativität und Zerstörung. Rivera fleht uns an, die Kreativität zu wählen, neues Leben in die Welt zu bringen, nicht nur Produkte zu machen, sondern auch eine neue Welt der Brüderlichkeit zu schaffen, nobel und ehrenhaft. Es hätte mein Großvater oder mein Vater, oder jeder andere meiner Familie sein können, der hier dargestellt ist. Oder vielleicht auch Deiner. Er bittet uns alle, dies zu tun. Dich. Schaffe etwas, jeden Tag. Gegen alle Widerstände. Ihr Künstler, Ihr Mütter, Ihr kreative Außenseiter, die Welt hängt von dem ab, was Ihr hervorbringen könnt. Die Polkappen schmelzen weiter. Es werden immer noch Bomben hergestellt. In den Städten herrscht nach wie vor Ungleichheit und Leid. Übt. Übt, diese neue Welt zu schaffen. Unser eigenes Überleben hängt davon ab, was Du erschaffen kannst. Du. Nicht jemand anderes. Du.“ 

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Damals wie heute sind in der „Ford River Rouge Factory“ Besucher willkommen. Hier realisierte Henry Ford bereits 1928 seine Vision, die gesamte Produktionskette an einem Ort zusammenzuführen. Material und fertige Fahrzeuge werden über eigene Docks am River Rouge und per Bahn an- und abtransportiert. Auf den Gelände befinden sich ein Stahlwerk und eine eigene Stromproduktion. Mehr als 100.000 Arbeiter waren 1930 in der Rouge Factory beschäftigt. Schmelzöfen und Docks wurden mittlerweile an andere Unternehmen verkauft, das gesamte Areal in den 90er Jahren umfassend modernisiert. Heute laufen in der „Dearborn Truck Plant“, die nun Teil des Industrieparks „Ford Rouge Center“ ist, täglich 1200 F-150 Pick-up Trucks vom Band. Bei einer Tour durch die Autofabrik kann man auch eines der weltweit größten „Living Roofs“ bestaunen. 454.000 qm Dachfläche wurde mit dürreresistenten Bodendenkern bepflanzt, die Regenwasser sammeln und filtern. Es isoliert die Fabrikhalle im Sommer wie im Winter und reduziert damit den Energieverbrauch signifikant. Außerdem finden hier – mitten in einem Industriekomplex – Vögel und Insekten einen Lebensraum.

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William Clay „Bill“ Ford, Jr. (Urenkel von Henry Ford) und Vorstandsvorsitzender der Ford Motor Company hat sich maßgeblich für die Realisierung des grünen Daches eingesetzt. Er gilt innerhalb des Konzerns als energischer Anwalt für die Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und alternative Mobilitätskonzepte. Ein traditionelles Industrieunternehmen Ressourcen schonend und nachhaltig in die Zukunft führen, das ist die Herausforderung von heute. Die Botschaft, die Diego Rivera Detroit und der Welt vor fast 100 Jahren hinterlassen hat, scheint aktueller denn je.

 

Countdown to Christmas …

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Ho ho ho – geschafft! Bald ist Bescherung! Habt alle einen wunderbaren Abend unterm‘ Baum … wir treffen uns hier im neuen Jahr wieder!
Merry, merry!

Grenzgänger

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Jeder hat ja so Orte, die er aus Romanen oder aus dem Fernsehen kennt, und die er gerne mal live sehen und erleben möchte. Bei mir waren das der Besuch von Coney Island (im Sommer 2014 abgehakt) und einmal von Kalifornien aus zu Fuß über die Grenze nach Tijuana, Mexiko gehen. Die Chance kam dann im letzten Winter, als wir in San Diego waren. Der letzte amerikanische Ort vor der Grenze heißt San Ysidro. Hier gibt es einen riesigen, bewachten Parkplatz für Grenzgänger wie uns. Auf der Brücke Richtung Grenze kamen uns schwer bewaffnete amerikanische Border Patrols entgegen, offenbar Schichtwechsel. Der Grenzübertritt nach Mexiko ist total unspektakulär. Man geht durch ein Drehkreuz und ist ohne Passkontrolle „drüben“.

Nach dem wir die ersten Straßenverkäufer und Taxifahrer hinter uns gelassen haben, werben unzählige Apotheken (cheap Viagra) und Zahnkliniken auf dem Weg ins Stadtzentrum um Kunden. Schnell ist klar: das hier ist eine andere Welt. Wir haben das schicke südkalifornische San Diego hinter uns gelassen und sind eingetaucht in die schmuddelige, ärmliche, laute, aber auch kunterbunte Welt der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Alle paar Meter werden uns Schmuck, Taschen und sonstige Souvenirs angeboten, am liebsten natürlich gegen US-Dollar. Die Avenida Revolución im Zentrum ist gesäumt von Restaurants, Spielhöllen und fliegenden Händlern. Man sieht aber auch viele Menschen, die auf etwas warten. Viele sind hier gestrandet, träumen von einem besseren Leben jenseits des Grenzzauns. Wir kaufen das ein oder andere Armband. An den Frida Kahlo Taschen kann ich auch nicht vorbei gehen. Es macht traurig, in vielen Gesichtern Hoffnungslosigkeit zu sehen, während man sich selbst wieder auf den Weg zurück ins wohlhabende Amerika machen kann.

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Für die Wiedereinreise in die USA heißt es Schlange stehen. Obwohl wir unsere Reispässe mit den gültigen Visas natürlich dabei haben, bin ich nervös. Und als wir dann nach gut einer Stunde vor dem Grenzbeamten stehen, versteht der es, meinen Herzschlag noch etwas zu beschleunigen. Zunächst möchte er, nachdem er unsere deutschen Pässe aufgeschlagen hat, eine Diskussion über die Flüchtlingspolitik Deutschlands anfangen. Das bekommen wir diplomatisch lächelnd aus dem Weg. Dann schaut er uns eindringlich an und sagt: „Oh, you are a US visa holder.“ Ach du Schreck, durften wir damit etwa nicht mal kurz nach Mexiko ausreisen? Im nächsten Augenblick knallt er aber seinen Stempel in den Paß und wünscht uns noch einen guten Tag. Welcome back to the US, puh!

Jetzt wissen wir ja, wie es geht … Hasta la vista!