Countdown to Christmas …

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Schnief! Ach was herrlich … habe vor kurzem noch einmal „Sleepless in Seattle“ geschaut. Ihr wisst schon .. das Hausboot, Tom Hanks, Meg Ryan, das Empire State Building, und viel Wasser … in Form von Regen und Tränen. „It rains nine months a year in Seattle“, wird Meg Ryan alias Annie Reed in einer der vielen wunderbaren Szenen gewarnt. Aber sie ruft nur überschwänglich „I know, I know!“ und jagt weiter ihrem magischen Moment hinterher. 1993 kam die romantische Komödie in die Kinos und seitdem ist Seattle im Bundesstaat Washington in meinem Kopf und auf meiner Reiseliste. Natürlich auch weil sie uns Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden gab. Aber vor allem wegen DER Romantik-Komödie, die mir mit Mitte 20 auch so manche Tränen im Kinosaal abgerungen hat. 25 Jahre später liegt das Hausboot immer noch am Lake Union. In diesem Sommer unter blauem Himmel. Das 200 qm große Hausboot mit vier Schlafzimmern und einem unbezahlbaren Blick auf Downtown Seattle soll 2014 für 2 Millionen US-Dollar den Besitzer gewechselt haben.

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Countdown to Christmas …

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Freunde der Architektur!

Detroit überrascht oft mit Vierteln, die man so nicht erwarten würde. Östlich an Downtown angrenzend liegt gut versteckt in einer grünen, urbanen Oase der historische Distrikt „Lafayette Park“. Kein Geringerer als der in Aachen geborene und 1939 in die USA ausgewanderte Bauhaus Architekt „Ludwig Mies van der Rohe“ hat sie zwischen 1956 – 1959 gebaut. Sie ist die weltweit größte Wohnanlage van der Rohes und ein einmaliges Beispiel der Idee Bauhaus. Der Lafayette Park umfasst 186 Einfamilien-Häuser, 3 Apartmenthäuser, eine Schule, einige Einzelhandelsgeschäfte und eine Grünfläche. Das Viertel ist im „National Register of Historic Places“ gelistet und seit 2015 als „National Historic Landmark“ des United States National Park Service. Es soll Menschen geben, die aus Kalifornien nach Detroit ziehen, nur um in einem Mies van der Rohe Haus zu leben. In einigen Teilen der Stadt kann man noch Häuser ab 500 Dollar kaufen. Für eine Mies Einheit werden jedoch aktuell um eine halbe Million Dollar für ca. 140 Quadratmeter aufgerufen.

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Countdown to Christmas …

Wintery Light Box Ad

Hi there,

hier kommt der alternative Adventskalender … Worte und Bilder statt Schokolade 😉 Ich gebe zu, die Idee ist abgeschaut. Im letzten Dezember bin ich selber einem Blog-Adventskalender gefolgt und fand das sehr schön. Hinter den 24 „brittamachtblau-Türchen“ verbergen sich kleine (zu klein für große Geschichten, aber dennoch erwähnenswert, interessant, lustig oder nachdenklich genug für eine Notiz) Geschichten im Instagram-Stil – viel Bild, wenig Text. Ich freue mich, wenn Ihr Freude beim Öffnen habt … so zwischen Weihnachtsbäckerei, Bude dekorieren und Glühwein trinken.

Merry, merry!

Here we go: Törchen Nr. 1 …

Alternative Weihnachtsbäckerei aus Portland, Oregon. Diesen Sommer standen wir auch Schlange stehen für die besten Doughnuts (yes, that’s the original spelling!) der Welt. Lucky us … Voodoo Doughnut war gleich um die Ecke von unserem Hotel. Daher sah unser Frühstück am ersten Tag so aus: Voodoo Doll, Bacon Maple Bar, Portland Cream (diese drei Namen haben sich die Macher von Voodoo schützen lassen) und ein Dirty Snowball. Aber der Fan von frittierten Kohlenhydraten mit der Extraportion Zucker hat die Qual der Wahl. Mehr als 50 klebrige Köstlichkeiten gibt es. Good Things come in pink boxes … für Müsli und Avocado-Toast ist morgen ja auch noch Zeit.

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Packard – the next shift

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Hi there!

Polizeichef Captain Renault fährt in „Casablanca“ damit vor. In „Der Pate“ kommen gleich mehrere zum Einsatz. Präsident Roosevelt nutzte ihn als Dienstlimousine. Automobile der „Packard Motor Car Company“ zählten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Feinsten, was die amerikanische Autoindustrie zu bieten hatte. Die ursprünglich aus Ohio stammenden Packard Brüder lassen sich 1904 am East Grand Boulevard nieder. Dort, wo zuvor deutsche Einwanderer ihre Farmen betrieben, entsteht die erste Autofabrik aus Stahlbeton. Auf 16 Hektar Land baut der legendäre Architekt Albert Kahn einen Komplex mit 325.000 Quadratmetern Gebäudeflächen. Die Packard Plant ist Teil des gewaltigen industriellen Aufschwungs im Mittleren Westen der USA und beschäftigt zu ihren Hochzeiten fast 40.000 Menschen. Der Zweite Weltkrieg bringt die Produktion zum Erliegen. Packard produziert während der Kriegsjahre Flugzeugmotoren für Rolls Royce. Nach Kriegsende passieren wieder luxuriöse Automobile die Werkstore. Jedoch kämpft das Unternehmen gegen die mächtige Konkurrenz der „Big Three“ Ford, General Motors und Chrysler. In einem Versuch, die Produktionskosten zu senken, fusioniert Packard 1954 mit dem kleineren Wettbewerber Studebaker. Das letzte reine Packard Model läuft 1956 am East Grand Boulevard vom Band. Die neue Unternehmensführung hat die Schließung der Packard Plant beschlossen. Über die nächsten 60 Jahre wird sie zur größten Industrieruine der Welt. 

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Teilbereiche der Fabrik werden in den folgenden Jahrzehnten zunächst durch verschiedene Firmen belegt, der Rest beginnt zu verfallen. Nach und nach ziehen Mieter aus, 2006 verlässt das letzte Unternehmen die Packard Plant. Das gigantische Areal ist nun endgültig dem Verfall ausgesetzt. Wo einst luxuriöse Fahrzeuge zusammengeschraubt wurden, riskieren nun „scraper“ (Metalldiebe) für schnellen Cash Gesundheit und Leben. Sie flexen Stahl und Eisen aus den Gebäuden heraus. Holz wird in ihren Häusern verfeuert. Eine tote Autofabrik wird demontiert, um das eigene Überleben zu sichern. Es brennt oft tagelang. Schmelzende Eisenträger sorgen für weitere Zerstörung. Andere nutzen die riesige Ruine zu ihrem Vergnügen und veranstalten in den Trümmern Paintball-Schlachten und Techno-Partys. Graffiti Künstler machen die Wände der ehemaligen Autofabrik zu ihrer Leinwand. Fotografen und Neugierige aus aller Welt sind fasziniert von der bizarren, desolaten Schönheit der Ruine. 2010 wird sogar ein Wandbild des anonymen britischen Künstlers Banksy entdeckt. Zahlreiche Filme wie Transformers und Batman vs Superman werden hier gedreht. Die Natur erobert sich im Laufe der Jahre große Teile zurück. Bäume wurzeln im Inneren und auf den Dächern, giftige Pilze sprießen aus den Holzböden.

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Auch mich hat die Packard Plant wie andere „lost places“ in Detroit immer wieder magisch angezogen. Ich war sprachlos ob der Größe und der Zerstörung des verlassenen Komplexes, der sich über fast einen Kilometer quer durch den Stadtteil zieht. Wir haben die Industrieruine gerne unserem Besuch aus Deutschland gezeigt. Um Vergangenheit und Gegenwart der Stadt zu verstehen. Die Packard Plant als Teil der glanzvollen industriellen Erfolgsgeschichte von Detroit, des Mittleren Westen, der gesamten USA. Gleichzeitig als trauriger Zeuge des beispiellosen Niedergangs der Stadt und einer ganzen Region. Lässt man sich darauf ein, kann man trotzdem nachfühlen, dass hier einmal geschäftiges Leben herrschte. Als tausende Mitarbeiter durch Werkstore und Bürotüren ein- und ausgingen und glänzende Karossen die Rampen verließen. Dann haben die Menschen den Ort verlassen. Das macht wohl einen großen Teil der Faszination aus. Was passiert, wenn Menschen Großartiges schaffen und es dann sich selbst und den Elementen überlassen.

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2013 schreibt die Stadt Detroit die Packard Plant zur Versteigerung aus. Trotz der massiven Zerstörung sind große Teile der Baustruktur noch sehr robust. „Wenn das die Zukunft repräsentiert, dann ist das hier „nichts“. Wir brauchen jemanden, der aus „nichts“ etwas macht“, sagt eine Bewohnerin aus der angrenzenden Nachbarschaft in der von „Detroit Free Press“ Fotograf Brian Kaufmann 2014 gedrehten Dokumentation „Packard: The Last Shift“. Der Entwickler und Investor Fernando Palazuelo aus Peru hat Großes mit der Packard Plant vor. Er ersteigert sie 2013 für 405.000 US Dollar. Sein Ziel: Den total heruntergekommene Komplex über einen Zeitraum von 10 – 15 Jahren und einem Budget von über 300 Million Dollar in einen lebendigen Stadtteil mit vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Es ist nicht das erste Revitualisierungs-Projekt, das Palazuelo mit seiner Firma „Arte Express“ anpackt. Seit 35 Jahren renoviert und entwickelt der gebürtige Spanier weltweit historische Bauten und Stadtteile. Seine Projekte aus der jüngsten Vergangenheit umfassen mehr als 100 Gebäude in den historischen Altstädten von Lima, Palma de Mallorca, Barcelona und Madrid. Und nun die Packard Plant, Detroit – das größte industrielle Modernisierungsprojekt in den USA.

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„Die Packard Plant ist nur noch eine Hülle. Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für einen Wiederaufbau gibt. Auf der anderen Seite war sie Teil einer industriellen Revolution“, sagt Stadthistoriker Jim Balfour im Film. Sie wird es hoffentlich wieder. Teil einer neuen, anderen Erfolgsgeschichte für Detroit. Im Herbst 2019 soll der erste Gebäuderiegel bezugsfertig sein. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Packard Motor Car Company“ werden acht Unternehmen, u.a. eine Beratungsfirma, ein Ingenieurbüro, ein Barber-Shop, eine Galerie einziehen. In einem anderen Gebäude  wird ein Steakhaus mit Event-Räumen eröffnen. Ein Museum über die wechselvolle Geschichte der Packard Plant in geplant. Außerdem wird ein Trainingszentrum gegründet, in dem Menschen aus dem lokalen Umfeld für Jobs, die sich zukünftig hier ergeben, ausgebildet werden. Arte Express hat weiteres Land um die Packard Plant herum erworben, um die zukünftige Entwicklung des gesamten Viertels positiv mit zu gestalten. Sie haben aber auch das Versprechen abgegeben, niemanden aus seinem Haus „heraus zu kaufen“. Im Gegenteil: sie beziehen die Menschen mit ein, halten regelmäßige Treffen mit den Bewohnern der Nachbarschaft ab.

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Das gigantische Renovierungsprojekt ist unfassbar ehrgeizig. Die Original-Struktur soll so weit wie möglich erhalten bleiben. Möglichst viele vorhandene Materialien sollen Verwendung finden. Auch Graffitis sollen, wo immer es geht, in das neuen Konzept integriert werden. „Living around art“, dafür steht „Arte Express“. Allein die Aufräumarbeiten verschlingen Millionen. In den letzten vier Jahren wurden fast ausschließlich baufällige Teile niedergerissen, kontaminierte Erde gereinigt und unglaubliche Mengen an Trümmern beseitigt. Dabei helfen auch Menschen aus der angrenzenden Nachbarschaft, die von Arte Express eingestellt wurden. Die Suche nach Investoren und zukünftigen Mietern wie kleinen Manufakturen geht weiter. Man braucht eine enorme Vorstellungskraft und muss absurd optimistisch sein, um sich statt dieser Hülle voll mit Schrott einen dynamischen Stadtteil vorzustellen. Aber man möchte so gerne an eine positive Zukunft glauben. Eine, die auch Happy Endings für diejenigen hat, die die letzten Jahre und Jahrzehnte kaum Chancen im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld von Detroit hatten.

feeding body & soul

Hi there!

Was eigentlich als ein Beitrag mit vielen bunten Bildern – genauer gesagt Wandbildern (Murals) – mit wenig Text gedacht war, braucht nun doch ein paar mehr Worte. Denn wenn man vom Kunst-Festival „Murals in the Market“ erzählt, geht das nicht, ohne über das hoch interessante und für die Stadt Detroit so wichtige Umfeld, in dem das Festival stattfindet, zu berichten.

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„Eastern Market“ ist das größte und älteste (seit 1891) Marktgelände in Amerika, das ganzjährig geöffnet hat. Ende der 40er Jahre ließen sich neben dem Wochenmarkt auch Großhändler und kleine Lebensmittelmanufakturen in die Nachbarschaft nieder. Viele davon sind Fleisch verarbeitende Betriebe. Fünf historische Markthallen und zahlreiche Backsteinbauten umfasst das Viertel. Während der Woche werden hier ab den frühen Morgenstunden Lebensmittel, das meiste davon aus der Region, en gros verkauft. Es geht lebhaft zu, auch bei den zahlreichen inhabergeführten Einzelhändlern und Restaurants.

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An 52 Samstagen im Jahr bekommt „lebhaft“ jedoch eine völlig andere Dimension. Dann brummt es am Eastern Market. Die Stände quellen über, alles ist grün und bunt. Spare Ribs brutzeln auf dem Grill vor Bert’s Marketplace. Über allem wabert Jazz, Blues und Motown Sound. Der Besuch ist ein authentische Detroit Erlebnis, ein buntes Miteinander der Kulturen. Eine einmalige Einkaufserfahrung mit Live Musik, Food Trucks und einer wunderbar quirligen Atmosphäre. Mehr als 40.000 Menschen zieht der Markt wöchentlich an. 300 Stände versorgen Detroiter und Besucher gleichermaßen mit Saisonalem – von den ersten Blumen im Frühling, über die bunte Vielfalt an Früchten und Gemüse im Sommer, bis hin zu Michigan Äpfeln im Herbst und Weihnachtsbäumen im Winter. Vieles kommt von den kleinen Farmen, die im Laufe der letzten Jahre im gesamten Stadtgebiet entstanden sind. Die Marktverwaltung hat mit zahlreichen Initiativen dafür gesorgt, dass die frischen Lebensmittel, Backwaren, Fleisch und Fisch für alle Detroiter zugänglich sind. Nicht nur für gut verdienende Foodies.

DSC_0064So lebhaft wie heute ging es nicht immer zu. In den siebziger Jahren war der Markt ziemlich heruntergekommen, das Geld in Detroit knapp. Als erste Maßnahmen zur Wiederbelebung und Verschönerung wurden große bunte Wandbilder an die Markthallen und umliegenden Gebäude angebracht. Weitere Verbesserungen und ein steigendes Interesse an frischen, lokalen Waren zogen wieder mehr Käufer an. 2006 übertrug die Stadt Detroit den Markt einer non-profit Organisation. Nach und nach werden die historischen Hallen renoviert. In einer von ihnen befindet sich eine industrielle Küche. Hier werden angehende Unternehmer bei der Gründung ihrer Lebensmittel-Firma mit Trainingsmaßnahmen unterstützt. Es gibt ehrgeizig Pläne, das gesamte Gebiet „Eastern Market“ in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln. Was hier zu gelingen scheint, ist die sicherlich eine der größten Herausforderungen für Detroit’s Städteplaner. Eine Balance finden zwischen neuen schicken Lofts und hippen Restaurants, wo die gut verdienende (meist weiße) Mittelschicht wohnt und ausgeht, und den vielen sanierungsbedürftigen Nachbarschaften mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung. 

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Zurück zur Kunst. Das Phantasietier „Veggie-Ta-Bull“ ist eines der bekanntesten, älteren Murals. Es vereint zwei der wesentlichen Produkte des Eastern Market: Gemüse und Fleisch. Street Art hat hier also eine lange Tradition. Die setzte das Design-Festival „Murals in the Market“ nun im dritten Jahr in Folge fort. Acht Tage lang sprühten und pinselten im September wieder mehr als 50 lokale und internationale (auch aus Deutschland) Künstler ihre farbenfrohen Werke auf Wände, Ladenfassaden und andere freie Flächen. Als am vergangenen Wochenende Farbtöpfe und Sprühflaschen eingepackt wurden, war die Zahl der fantastischen, riesigen Wandbilder auf 150 angestiegen. Diese extreme Dichte an Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur wunderschön, sie macht das Viertel um den Eastern Market zu einem „must-see“ in Detroit. Das zieht zusätzliche Besucher an, die einen Spaziergang durch die bunte Kunstszene machen und mit dem ein oder anderen Dollar die lokale Wirtschaft unterstützen. 

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Das Foto eines 10jährigen Jungen, das der Detroiter Fotograf Rick Williams am Eastern Market schoss, diente als Vorlage für dieses Mural. Brandan „BMike“Odums aus New Orleans setzte es in Knallfarben in Szene. „Es war der extrem intensive Blick seiner Augen, die mich angezogen haben“, sagt Williams über den Jungen auf dem Foto in einem Interview. Er wird eine Blume in der Hand halten und das Mural wird um die Worte „They tried to bury us. They didn’t know we were seeds“ ergänzt. Damit schlägt „BMike“ eine Brücke zu einem seiner anderen Projekte in New Orleans. „I think that’s what Detroit is about, and that’s what New Orleans is about,“ sagt der Künstler.

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Wir sind bereits überzeugte und begeisterte Eastern Market „Touristen“, und nehmen gerne Besuch aus Deutschland mit auf diese besondere Bilder-Tour. Fast immer machen wir dann auch bei der „Division Street Boutique“ halt. So auch am vorletzten September-Sonntag, als wir vielen Street Art Künstlern über die Schulter schauen konnten. Und schwupp landete eines der kultigen „Detroit hustles harder“ T-Shirts in der Tüte. Ja, Detroit muss sich meist sehr viel mehr anstrengen. Dafür kommen ungewöhnliche, einzigartige Sachen heraus. Nothing stops Detroit!

Back to school

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Hi there!

Back to school. So knapp sind wir noch nie in den amerikanischen „back to school“ Wahnsinn hinein katapultiert worden. Nach fast fünf Wochen Deutschland sind wir erst am Tag vor dem Start ins neue Schuljahr zurückgekommen. Und gleich überwältigt von allem, was neu ist und sofort erledigt werden will. Im neuen Look präsentiert sich „Powerschool“. Ihr erinnert euch … die App, die jede Bewegung des Kindes stalker-mässig auf die Handys der Eltern schickt. Trotz dieser digitalen Fortschrittlichkeit müssen aber immer noch stapelweise Papiere ausgefüllt werden. Jeder Lehrer kommt mit einem eigenen Pamphlet (Syllabus genannt), das neben Unterrichtsprogramm und Materialliste auch Bewertungskriterien und einen Verhaltenskodex für die jeweilige Klasse beinhaltet. Durchlesen, mit Kind besprechen, unterschreiben – für JEDES Fach. Nö … gibt natürlich keine Überschneidungen.

Gefühlte hundert Male habe ich dieser Tage Adresse und Telefonnummern niedergeschrieben. Und das bei einem Einzelkind!! Formulare zum Gesundheitsstatus, Labor-Sicherheit, Anmeldung zum Sportprogramm, zum Picture Day (klar, findet gleich am 2. Schultag statt … argh, haben wir denn noch ein sauberes Hemd?), zur Klassenfahrt. Die ging übrigens heute morgen los. Jetzt denkt Ihr sicher, der Termin wird ja wohl vor den Ferien bekannt gewesen sein. Ha! Langfristige Planung wird vollkommen überbewertet, das machen nur Deutsche so. Gleich am 3. Schultag Elternabend … im Schnelldurchgang durch alle Klassen des Kindes, wo der/die Lehrer/in praktisch das präsentiert, was wir in Papierform eh‘ schon durchgelesen haben. Auch so eine interessante amerikanische Eigenart – alles so oft wie möglich wiederholen. Beim Arzt muss man auch jedes Mal die gleichen Formulare ausfüllen und bekommt bei einem Besuch mindestens zwei Mal von unterschiedlichen Personen die gleichen Fragen gestellt. Stellt sich mir immer die Frage: trauen die dem Patienten oder ihrem eigenen System nicht?

Trotzdem war es überaus erfrischend, die neuen Lehrer persönlich kennen zu lernen. Denn eines muss man ihnen hier lassen: alle lehren offenbar aus Leidenschaft, sind hoch motiviert, super freundlich und wollen das Beste aus den Kids herausholen. Also wollen wir brav alle gewünschten Materialien einkaufen. Aber was ist bei „Target“ los? Der Laden, der normalerweise alles kann. In der riesigen „Back to school“ Ecke sind bereits in der ersten Schulwoche die Halloween Artikel eingezogen. In den regulären Schreibwaren-Gängen sehen die Regale nach DDR Mangelwirtschaft aus. Unglaublich. Oder ein weiterer Beweis für meine Theorie, dass die „seasons“, an denen entlang sich das amerikanische Leben orientiert, von cleveren Marketingspezialisten ausgeklügelt wurde, um den Konsum immer wieder auf Neue anzuheizen. Das sitze ich aus. Mir kommt vor Oktober kein Kürbis ins Haus!

Dafür liebe ich den beginnenden Herbst hier, der immer noch viele Tage mit sommerlichen Temperaturen und laue Abende mit sich bringt. Außerdem steht diese Zeit wie keine andere für unseren Start in Michigan vor vier Jahren. So ist es bestimmt kein Zufall, dass ich in der Septembersonne (so denn ich vor lauter Zettel ausfüllen, Materiallisten abarbeiten, Lehrer-Emails lesen, Klassenfahrt-Tasche packen dazu komme) den gerade frisch erschienenen 6. Band der Bretagne Krimi Serie um Commissaire Dupin lese, und dabei viel an unser erstes Jahr hier denken muss. Als mein 8-jähriger zum ersten Mal in den Schulbus stieg, habe ich Band 1 gelesen. Nun steht diese Buchreihe wie keine andere für unseren Start hier. Nur, dass ich jetzt öfter zur Lesebrille greifen muss. 😉 Ich lese übrigens am liebsten in meiner Muttersprache, auch wenn ich zwischendurch mal englische Titel einstreue. Genauso wie ich auf dem Flug nach Deutschland die Filme lieber in deutscher Sprache schaue. Auf dem Flug hierher in Englisch. Verrückt.

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Als wir letzen Montag in Detroit landeten, war mein erster Gedanke: das ist wohl der letzte touch down als Michigan Resident, bevor wir im nächsten Sommer zurück nach Deutschland ziehen. Ja, Köln ist unsere Heimat, aber Ann Arbor ist es auch geworden. Nach Hause kommen – das ist derzeit hier, denn in Köln fühlt es sich trotz aller wunderbaren Begegnungen mit Familie und Freunden provisorisch an, nach Übergang. Weil bei einem Heimaturlaub immer klar ist, dass wir nicht bleiben. Wie wird es dann sein, wenn wir tatsächlich bleiben? Ich habe diese Frage schon im letzten Jahr hier gestellt, nun wird sie drängender. Und ich merke immer mehr, welch‘ großen Respekt ich vor dem Zurückkommen habe. Denn wir kommen nicht aus einem längeren Urlaub zurück, sondern aus einem anderen Leben. Ein Leben, dass wir auch lieb gewonnen haben. Ein Leben, in dem wir die kleine Stadt Ann Arbor und den „Great Lakes“ Staat Michigan zu unserer zweiten Heimat gemacht haben. Ein Leben, in dem sich anfänglich flüchtige Begegnungen zu echten Freundschaften entwickelt haben. Auch wenn immer klar war, dass unsere Zeit hier endlich ist. Aber es wird mit jedem Jahr auch ein wenig schwerer, die Zelte hier abzubrechen. Einen Umstand, den ich noch vor zwei Jahren gehörig unterschätzt habe. Yes, liebe Silke … I hear you! 😉

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Ich habe eine Liste gemacht. Mit all‘ den Dingen, die ich noch sehen und erleben möchte. Viele kleine, unspektakuläre Sachen sind das, einige größere. Einen Haken konnte ich bereits setzen. Letzte Woche waren wir endlich bei einer Probe der „Michigan Marching Band“. Der Musikkorps der University of Michigan, der während der College-Football-Saison (und auch bei anderen Sportarten) die Stimmung im Stadion anheizt. Let’s go blue! Diese Woche geht es in die legendäre Studentenbar „Dominick’s“, wo die hausgemachte Sangria in Mason Jars serviert wird und köstlich sein soll – nächster Haken. Sonntag dann eine Ruinen-Tour durch die größte Industrieruine Detroits, die ehemalige Packard Plant. Eine Gelegenheit, auf die ich lange gewartet habe. Es gibt noch so furchtbar viele Geschichten aus dem Land des unbegrenzten Wahnsinns zu erzählen …

Aber ich werde sie auch genießen, die verbleibende Zeit hier in Michigan. Besonders jetzt, wenn der Herbst überall ausgiebig gefeiert wird – mit frisch gepressten Apple Cider, Donuts, Apple picking, Heuwagen-Fahrten, Herbst-Barbecues, Mais-Labyrinthen und ab Oktober auch Pumpkin Picking.

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Cheers! Auf einen intensiven, bunten und fröhlichen Herbst!

 

Keep calm and camp on

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Hi there, hello summer!

Sommerloch? Nein, nein, es geht ja schon weiter hier auf dem Blog … mit der Aufarbeitung unserer Westküsten-Reise, kleine Geschichten von Seattle bis San Francisco. Aber zunächst mein aktuellstes Erlebnis aus der Kategorie „amerikanische Sommer-Traditionen“. Lange bevor der letzte Schultag Mitte Juni naht, werden die drei Monate Ferien von amerikanischen Eltern verplant. Ein wenig Reisen vielleicht (aber nie über 10 Tage), Familienbesuche (großes Land, Familie oft weit verstreut) und – ganz wichtig: Sommercamps für den Nachwuchs.

Lagerfeuer, S’Mores (genau: geröstete Marschmallows zwischen Graham-Crackern und Schokolade – süß, klebrig, ungesund, aber saulecker), rustikale Hütten, Pfadfinder-Romantik … die Tradition der amerikanischen Sommercamps reicht ins vorletzte Jahrhundert zurück, als um 1870/80 die ersten Camps einen Gegenpol zum „modernen“ städtischen Leben bieten sollten. Was für „boys only“ mit zum Teil strengen Ritualen begann, um die heranwachsenden Jungs zu harten Männern zu machen, sind heute Spaß-Ferienlager für Jungs und Mädchen vom Kindergartenkind bis zum Teenager. Ein Gegenentwurf zum zunehmend komplexeren, Technik- und Medien orientierten Lebensstil unserer Zeit. Über 8000 Camps gibt es heute zwischen Ost- und Westküste. Viele davon mit langer Tradition, oft verbrachten schon die Eltern oder gar Großeltern ihre Sommer dort. Die Grundideen sind geblieben: Raus in die Natur! In eine rustikale Umgebung, abseits der Routinen und Ablenkungen unseres modernen, hektischen Alltags. Weg von Mama und Papa, eine Zeit lang nur auf seine eigenen Instinkte und Fähigkeiten vertrauen. Eine geschützte Umgebung, in der man Selbstbewusstsein, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen, Unabhängigkeit üben kann. In der man neue Freundschaften schließt und sich mehr um seine Camp-Buddies persönlich, als um seinen letzten Snapchat-Post kümmert. Kein Handy, kein iPad, keine Spielekonsole. Nichts, was ablenkt … zurück geworfen auf sich selbst und die Gemeinschaft der Gruppe. Mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Mit-Camper umgehen. Konflikte konstruktiv lösen lernen … eine Fähigkeit, die heute vielleicht wichtiger als so manche Eins in Mathe ist.

Amerikanische Eltern trauen ihren Kindern nach meinen Beoachtungen oft zu wenig zu. Stattdessen organisieren sie das komplette Leben ihrer Sprößlinge für sie, beschäftigen und bespaßen sie rund um die Uhr. Jeder Pinselstrich ist „awesome“. Bloß keine Kritik, kein böses Wort. In dieser weichgespülten Welt wachsen die Kinder oft wenig selbständig heran, unfähig eigene Entscheidungen zu treffen oder mit Kritik umzugehen. Adressiere ich hier in meiner eher direkten (deutschen) Art Kritik an einer Dienstleitung, wird entsetzt gezuckt, der Manager gerufen oder sofort eine Wiedergutmachung angeboten. In jedem Falle fühlt sich die Person immer direkt persönlich angegriffen. Der Amerikaner an sich kritisiert eigentlich nicht … everything is awesome, everything is cool, jederzeit. Ende des gesellschaftskulturellen Exkurses. Zurück zum Camper-Leben.

Diesen Sommer sind wir (bzw. unser 12-jähriger) nämlich mit einer Woche live dabei. Oha! Große Aufregung – auf Seiten des Campers und der Camp-Eltern (genauer gesagt bei der Camp-Mom ;-)) Es gibt Packlisten („what to pack“ / „what not to pack“) abzuarbeiten, bevor wir mit einer schweren Kiste und einer extra Tasche für Schlafsack und Co. Richtung Norden starten. Dahin, wo es immer grüner wird, die Nadelbaum-Dichte zunimmt und es viel weites Land gibt. „In the middle of nowhere“ bekommt mal wieder eine neue Bedeutung.

Kurz vor Ziel biegt die Hauptstraße auf einen Schotterweg ab und dann direkt hinein in den Wald. Die einfahrenden Autos werden von jubelnden, singenden und tanzenden Camp-Betreuern begrüßt. Ups, sind wir hier richtig? Oder vielleicht doch in Disneyland? „Welcome to Camp“, „Welcome to your best week of the summer“ wird uns entgegengerufen, Hände abgeklatscht. Only in America: Stau im Wald. Dort, wo sich den Rest des Jahres eher Maus und Feldhase Gute Nacht sagen, brummt es in den Sommerwochen, besonders an den Sonntagen. It’s Opening Day!

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Alles ist so perfekt organisiert, als würde man für eine Kreuzfahrt oder in ein All Inclusive Resort einchecken. Erste Station: Gepäck abladen (Rucksack selber tragen war gestern). Weiter, Auto parken. Dann zur Registrierung und Medikamenten-Abgabe. Hier teilt sich der Camper Strom zunächst: with/without medication. Der Läuse-Check ist dann wieder für alle. Keine Laus gefunden, ab in die bereit stehende Tram. Fühle mich wie der Tourist, der ich nie sein will. „Und hier rechts ist das ehemalige Haupthaus der Fischaufzuchtstation“, „Zur linken einer unserer Klettertürme“, „Nun halten wir am Trappers Outpost … steigt jemand hier aus?“ … Ok, dann weiter zu den norwegischen Cabins, ins Pioneer Village, zu den Wigwams, ausrangierten Eisenbahnwagons, auf den Bauerhof, ins Safari-Dorf oder zu den Feuerwehrhäusern. Sogar ein ausgemustertes Flugzeug (war schon in Vietnam und Korea) dient als originelle (?) Unterkunft für Teenager.

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So lernen wir auf dem Weg zur zugewiesenen Camp-Location einen Teil des riesigen Geländes kennen. Das Areal war in seinem früheren Leben eine Fischzucht mit mehreren Teichen. Wo vor 1969 Fische in aller Ruhe heranwuchsen, befindet sich jetzt ein gigantischer Outdoor Spielplatz für amerikanische Mittelstandskinder. Erinnert sich noch jemand an „Spiel ohne Grenzen“? Genau!

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Ich muss sagen, ich bin total überwältigt und hatte mir das alles etwas anders vorgestellt. Nicht so extrem professionell, nicht so organisiert … mehr handgemacht, mehr Zeltplatz-Romantik. Naive deutsche Mutti. Stattdessen Kletterwände, Kanu-Stationen, Wassertrampolin, Ziplining, Water Rope Parcoure, Wasserrutschen, Bogenschießen, Reiten, Paintball, Wasserski, Streichelzoo für die Kleinen … und, und, und.

Noch einmal fällt mir die Kinnlade runter, als ich die Kisten für die Camper-Post sehe. Unsere fünf normalen Briefumschläge (Karte, Mini-Süßigkeit) passen locker in meine Handtasche. Eltern schleppen da aber ganze Pakete und Überraschungstüten an. Da wird die Enttäuschung für einen deutschen Jungen groß sein, wenn die Post nach dem Abendessen ausgeteilt wird. Zum Glück gibt es den Merchandise Store, da kann er sich zum Trost ein T-Shirt oder eine Trinkflasche (mit Camp-Branding versteht sich) kaufen. Jetzt weiß ich auch, wofür die 30 Dollar, die am Ende des online Anmeldeverfahrens zur Gesamtsumme addiert wurden, sind. Das ist quasi die prepaid Kreditkarte für das moderne Summer Camp Kid.

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Aber eines ist auch sicher: safety first! In den fast täglichen Mails zwei Wochen vor Camp-Beginn wird ausführlichst beschrieben, wie die Betreuer ausgewählt und geschult werden … außerdem gibt es natürlich eine Schar von Lifeguards an den Teichen, Arzt vor Ort und einen Helikopter Landeplatz.

L1170541Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, mit welchen Geschichten und Erinnerungen mein kleiner Camper nach Hause kommt. Neben Mückenstichen, aufgeschrammten Knien und neuen Freundschaften … aber bestimmt hundemüde und überglücklich. Während ich diesen Beitrag schreibe, wurden in Michigan’s Norden die ersten Fotos auf die Camp-Webseite geladen. Mir lacht ein Happy Camper (mit Schwimmweste versteht sich) beim Sprung von einem Blob (eine Art Trampolin auf dem Wasser) entgegen. Keep calm and camp on.

 

 

The Greatest Show on Earth

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Hi there!

„Should auld (old) acquaintance be forgot, and never brought to mind? Should auld acquaintance be forgot, and auld lang syne (and days of long ago)?“ Diese Zeilen des schottischen Volksliedes stimmten die Darsteller des Traditions-Zirkus „Ringling Brothers and Barnum & Bailey“ immer am Ende jeder Tournee an, um sich von ihrem Publikum zu verabschieden. Am letzten Sonntag sangen sie die Hymne auf längst vergangene Zeiten ein letztes Mal. In New York fiel nach 146 Jahren der Vorhang des weltberühmten Zirkus für immer. Ringmaster Johnathan Lee Iverson gab den Besuchern der letzten Show einen Rat mit auf den Weg. „Keep the circus alive inside you!“

Sinkende Zuschauerzahlen und Kritik von Tierschützern werden als Gründe für das überraschende Aus genannt. Schade, denn ich hatte gehofft, die „Greatest Show on Earth“ vielleicht noch live erleben zu können. Im April haben wir „The Ringling“ in Sarasota, Florida besucht. Der heutige Museumskomplex ist Teil des ehemaligen Winterquartiers von „Ringling Bros und Barnum & Bailey“. Er erzählt die wechselvolle Geschichte des Zirkus, die beginnt, lange bevor das Fernsehen als Unterhaltungs-Medium in die amerikanischen Haushalte einzieht. In einer Zeit, als schon die bloße Ankunft des Zirkus eine große Attraktion war. Wenn der Zirkus in die Stadt rollte, gab es schulfrei und ein jeder war auf den Beinen, um Schausteller, Artisten und Tiere jubelnd zu begrüßen. In einer Zeit, in der der Zirkus mit seinen kleinen und großen Wundern, Kinderaugen zum Glänzen brachte. Mit der Schließung des letzten großen Zirkus geht auch ein Stück amerikanische Geschichte zu Ende.

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Die Ringling Brüder, Söhne deutscher Einwanderer, gründen 1884 im Bundesstaat Wisconsin den „Ringling Brothers Circus“. 1907 erwerben sie den „Barnum & Bailey Circus“. Bis 1919 werden die beiden Unternehmen eigenständig geführt, dann werden sie zu einer Show unter „Ringling Brothers and Barnum & Bailey Circus“ zusammengefasst. Sein Winterquartier verlegt das Unternehmen einige Jahre später ins sonnige Sarasota. Nach dem Tod seines letzten Bruders leitet John Ringling die Geschicke des Zirkus alleine. Mit seiner Frau Mable reist er immer wieder durch Europa, auf der Suche nach Akrobaten und Inspiration. Neben neuen Zirkus-Attraktionen entdecken sie dabei ihre Liebe zu alten europäischen Meistern und zur Architektur. Die venezianischen Palazzi sind es, nach deren Vorbild sie ihr privates Winterquartier in der Bucht von Sarasota errichten lassen. John Ringling gibt dort den Auftrag für eine imposante 30-Zimmer Residenz, das „Cà d’Zan“ (Haus für John). Der Rundgang durch die fantastische Villa eröffnet dem Besucher einen Einblick in den Lebensstil der „Roaring Twenties“. In den opulent eingerichteten Räumen feiert das Ehepaar mit einer illustren Gesellschaft aus Familie, Freunden, Politikern und anderen Celebrities viele rauschende Feste. Eine große Terrasse öffnet sich zum Wasser hin. Wären da nicht die modernen Hotels und Apartmentgebäude in der Ferne auf Longboat Key zu sehen, würde man der Illusion erliegen, am Canale Grande zu stehen.

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Für ihre wachsende Kunstsammlung errichten sie auf dem parkähnlichen, wunderschön angelegten Grundstück das „John and Mable Ringling Museum of Art“, ebenfalls im venezianischen Stil. 21 Galerien zeigen europäische Kunst aus dem 16.-20. Jahrhundert, darunter eine weltbekannte Gemälde-Sammlung des Malers Peter Paul Rubens. Der Innenhof ist gefüllt mit klassischen Skulpturen. Im letzten Jahr wurde das Museum um ein „Center for Asian Art“ erweitert. 3.000 dunkelgrün glasierte Terrakotta-Fliesen machen die neue Fassade des Anbaus zu einem modernen Hingucker, ohne jedoch die klassische Architektur des ursprünglichen Gebäudes zu stören.

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Aber zurück zum Zirkus! Hereinspaziert! In eine bunte Welt, die Menschen in der Stadt und auf dem Land generationsübergreifend verzauberte. Das Zirkus-Museum dokumentiert die reiche Geschichte einer bunten und aufregenden Zirkuswelt. Der Ringling Bros. and Barnum & Bailey Zirkus operierte wie viele amerikanische Zirkusse dieser Zeit als Eisenbahn-Zirkus. Die zu überwindenden Distanzen waren groß, das Straßennetz nicht so gut ausgebaut wie heute. Mit zwei unterschiedlichen Shows zog „The Greatest Show on Earth“ so durchs Land. Jeder Zug war etwa eine Meile (1,6 km) lang und bestand aus rund 60 Wagons. Der luxuriöse Privat-Wagon von John und Mable Ringling steht heute im Museum. Er trägt den Namen „Wisconsin“, in Erinnerung an ihre Heimat im mittleren Westen. Wir treten eine Zeitreise in die faszinierende Zirkuswelt an, deren Glanz wir nur erahnen können. Aufwändig geschnitzte Tierwagen, Drehorgeln, historische Zeltstangen, alte Werbeplakate, Zeitungsausschnitte und Eintrittskarten, prachtvolle Original Kostüme von Artisten und Tieren, sowie unzählige Requisiten von berühmten Artisten helfen unsere Vorstellungskraft auf die Sprünge. Ein toller Einblick in das Leben von Akrobaten und Schaustellern jener Zeit. Auf ihrer Mission, die Zuschauer für einige Stunden in eine andere Welt zu entführen.

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So richtig fassen können wir die Dimensionen eines solchen Wanderzirkus auf Schienen aber erst, als wir das unglaubliche Modell im Maßstab 1:12 bestaunen. Auf rund 350 Quadratmetern ist hier aus 44.000 Einzelteilen das Zirkus-Modell „Howard Bros. Circus“ entstanden. Aufgrund von Namensrechten durfte Erbauer Howard Tibbals sein Modell nicht nach dem Original benennen. Das für große amerikanische Zirkusse typische 3-Managen-Konzept wird hier anschaulich. Damit die oft mehr als 10.000 Menschen unter dem „Big Top“, der gigantischen Zirkuskuppel, alle etwas zu sehen hatten, wurden immer drei Nummern gleichzeitig präsentiert. Beim Anblick der vielen liebevoll zusammen gestellten Szenen fühlt man förmlich den Glanz der Scheinwerfer, riecht das Sägemehl, sieht die Clowns stolpern, hält den Atem an ob der waghalsigen Akrobatik-Nummern. Man kann sich gut vorstellen, wie in dieser Welt Kinderträume wahr wurden, losgelöst vom oft schwierigen Alltag dieser Zeit.

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Fast vier erfolgreiche Jahrzehnte im Zirkusgeschäft, Investitionen in Immobilien, Eisenbahnlinien und Ölfelder machten John Ringling zu einem der reichsten Männer der Welt. Aber die schwere Wirtschaftskrise setzte ihm ab 1929 schwer zu. Er verlor fast sein gesamtes Vermögen, konnte so gerade sein Haus und das Kunstmuseum erhalten. Auch privat verließ ihn sein Glück, seine Frau Mable verstarb 1929, sie konnte nur drei Winter in ihrem geliebten „Cà d’Zan“ verbringen. John Ringling starb 1936 in New York, mit 311 Dollar auf seinem privaten Konto. Die Villa, das Kunst-Museum und seine gesamte Kunstsammlung vermachte er dem Staat Florida.

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Nach John Ringling’s Tod führt sein Neffe John Ringling North den Zirkus weiter. Er lässt die Show fortan nur noch in festen Spielstätten, wie dem Madison Square Garden in New York, auftreten. Der letzte Eigentümer des Zirkus ist Feld Entertainment. Nun ist mit der Abschieds-Show des letzten großen amerikanischen Zirkus eine Ära zu Ende gegangen. Zwei Weltkriege hat er überstanden. Radio, Fernsehen und Film haben ihm einen Teil seines Glanzes genommen. Viele behalten ihn als eines ihrer Kindheitswunder in Erinnerung. Vielleicht wird sich die größte Show der Welt auch neu erfinden und anders weiter machen. Es liegt ja im Naturell der Amerikaner, sich nicht unterkriegen zu lassen. Zu neuen Ufern aufzubrechen. Und vielleicht werden die Zeilen eines amerikanischen Kinderliedes dann wieder ihre magische Bedeutung zurückgewinnen:

„When the circus comes to our town,
Everybody acts like a clown!
All the world starts spinning upside down,
When the circus comes to town!“

Dear Pittsburgh, …

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… du hast mich total überrascht. Ich hätte niemals gedacht, dass du so cool bist. Du liegst mitten im Rostgürtel der USA, tiefenentspannt und quicklebendig zugleich. Dort, wo einst das Herz der amerikanischen Schwerindustrie schlug. Bis auch du ab Ende der 70er Jahre ihren Niedergang miterleben musstest. Im Osten beginnt der Rust Belt im westlichen Teil des Bundesstaates New York, zieht sich Richtung Westen durch deinen Staat Pennsylvania, West Virginia, Ohio, Indiana, Michigan, Illinois bis nach Iowa und Wisconsin. Um dich herum hat sich im letzten November quasi die US-Wahl entschieden. Im ehemaligen Manufacturing Belt hatten die Republikaner den größten Wählerzuwachs und konnten die sogenannte „blaue Wand“ der Demokraten durchbrechen. Mit einem hohen Anteil an Industriearbeitern hat der Rostgürtel, vor allem in den urbanen Zentren, traditionell demokratisch gewählt. Ob die großen Wahlkampf-Versprechungen, erkaltete Schlote wieder rauchen zu lassen und lange geschlossene Kohle-Minen wieder zu öffnen, sich erfüllen werden, bleibt abzuwarten.

Du, liebes Pittsburgh, bist jedenfalls ein hervorragender Beweis dafür, dass Veränderung und Fortschritt anders aussehen. Du hast dich nach dem Zusammenbruch der Stahlindustrie neu erfunden und in andere Richtungen entwickelt. Tech Firmen wie Google, Intel oder Uber haben in dich investiert und neue Perspektiven für deine Stadt mit ihren 300.000 Menschen eröffnet. Gleich vor unserem Hotel konnten wir jeden Morgen vom Frühstück aus ein Beispiel für deine Innovations-Freude beobachten: der Mitfahr-Dienst Uber testet seit September selbstfahrende Autos auf deinen Straßen. Die vielen Brücken, Tunnel und Steigungen machen dich zu einem idealen Testgelände. Trotz erfolgreichem Strukturwandel, der aus einer stolzen Stahl-Stadt ein lebhaftes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum gemacht hat, bist du deinen Wurzeln treu geblieben. Relikte deiner einst gefeierten Industrie und wunderschöne historische Gebäude stehen wie selbstverständlich in guter Nachbarschaft mit moderner Architektur. Zwei historische Zahnradbahnen sind Teil deines öffentlichen Nahverkehrssystems und krabbeln mit sehr viel Charme vergangener Zeiten langsam deinen Hausberg Mt. Washington hinauf. Du bist eine Fußgängerstadt. Drei Flüsse teilen dein Stadtgebiet, deine 440 Brücken (ein Großteil aus Stahl versteht sich) verbinden deine vielfältigen Stadtteile und Bewohner wieder miteinander. Wir sahen den Manager im Anzug genauso über deine Brücken eilen, wie die Mutter mit Kinderwagen.

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Möchte man sich wie wir von deiner Kunstszene beeindrucken lassen, wandert man von Downtown über die Andy Warhol Bridge (Nomen est Omen) hinüber zum North Shore. Heimat des Museums „The Warhol“. Der Popart Künstler wurde 1928 in deinem Schoß geboren. Du hast ihn aufwachsen sehen, bis er nach dem Abschluss seines Kunststudiums 1949 nach New York zog. Seine bekannten Werke werden in vielen Museen für Moderne Kunst gezeigt. Das Besondere am „The Warhol“, dem größten Museum der USA, das einem einzigen Künstler gewidmet ist, sind seine frühen Arbeiten und die vielen Fotographien und persönlichen Dokumente und Gegenstände, anhand derer sein Leben und seine künstlerische Laufbahn nachgezeichnet wird. Auf sieben Etagen sind in einem alten industriellen Lagerhaus 900 Gemälde, fast 2000 Arbeiten auf Papier, über 1000 Drucke, 4000 Fotografien sowie Film- und Videomaterial ausgestellt. Im Untergeschoss befindet sich die „Factory“, hier können Besucher eigene Siebdrucke à la Warhol anfertigen. Ein toller kreativer Abschluss einer Reise durch das Leben eines besonderen Künstlers und Sohn deiner Stadt.

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Wir sind ein paar Blöcke weiter gewandert, ins historische Viertel „Mexican War Streets“. Hier säumen teils wunderschön restaurierte, viktorianische Reihenhäuser, Gemeinschaftsgärten und Baumalleen die Straßen. Die Nachbarschaft ist ein Schmelztiegel vieler Nationalitäten. Schilder wie „Hate has no home here“, „Black lives matter“ und „One human family. We support refugees and our muslims neighbors“ weisen darauf hin, dass jeder willkommen ist. „Das hier ist eine liberale Insel“, erzählt mir einer deiner Bewohner im Neighborhood Café „Common Coffee“ und fragt mich, wo wir herkämen. „Ah, Ann Arbor, Michigan … another island“. Er erzählt mir von deinem fantastischen Programm „City of Asylum“, das verfolgten Autoren ein neues Zuhause gibt, damit sie in Frieden arbeiten können. Einen Steinwurf entfernt vom Café liegt die „Writers Lane“, dort leben einige der betroffenen Schriftsteller. Der Chinese Huang Xiang feierte seine neue Freiheit, ohne Angst vor Repressalien schreiben zu können, mit dem „House Poem“. Er schrieb Auszüge aus seinen Gedichten in Kalligraphie an die Fassade des Hauses, in dem er einige Jahre lebte.

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Dankbar für die Stärkung mit Coffein und Cookies wollen wir weiter. Dein Nachbar bedankt sich noch bei uns, dass wir den Weg in sein Viertel gefunden haben. Ich liebe solche spontanen Begegnungen mit Einheimischen, die über ein „how are you doing“ hinaus gehen. Nächster Stop ist ein Museum, das alles andere als ein typisches Museum ist. Die „Mattress Factory“ (genau, im Hauptgebäude wurden einst Matratzen produziert) ist ein Experimentierfeld, das ungewöhnliche Installationen zeigt, die Künstler aus aller Welt vor Ort für die vorhandenen Räume des aus mehreren Häusern bestehenden Museums geschaffen haben.

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Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat zwei fantastische Räume für die Mattress Factory geschaffen, u.a. „Repetitive Vision“. 

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Teil von Rita Duffy’s „Souvenir Shop“

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„Palestinian“ von Mohammed Musallam

Auf dem Weg zurück in dein Downtown kommen wir noch an „Randyland“ vorbei. Der lokale Künstler Randy Gilson hat ein abbruchreifes Haus in eine bunte Outdoor-Galerie transformiert. Der Innenhof von „Randyland“ ist vollgestopft mit Spiegeln, angemalten Puppenköpfen, tibetanischen Gebetsfahnen, Plastikflamingos, Vogelkäfigen, bunte Papageien, Schildern und Stühlen und unzähligen Pflanzen, alles liebevoll arrangiert. Randy nennt es sein „house of junk und joy“. Auch er heißt jeden willkommen. Seine Mission: Glück, Freude und positive Energie verbreiten. „It’s all about what’s in your heart“ sein Credo. Typ wie du.

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Nein, liebes Pittsburgh, wir haben noch nicht genug von der Kunst. Auf deinem Market Square werden wir zufällig selbst Teil einer Kunstaktion. „Write a postcard to the President“, so der Titel der „Mitmach-Aktion“ der Künstlerin Sheryl Oring. Bitte zum Diktat. Hier sitzen Frauen im Look einer 60er Jahre Sekretärin vor altmodischen Schreibmaschinen. Symbolik für die rückwärts gewandten Aktivitäten der aktuellen Regierung. Die von den freundlichen Damen getippten Postkarten werden mit der Adresse „Weißes Haus, Washington D.C.“ versehen und abgeschickt. Du gibst Raum für politischen Dialog als Kunstform. Das gilt auch für die „Conflict Kitchen“, ein Restaurant, das ausschließlich Gerichte aus Nationen serviert, mit denen sich dein Land im Konflikt befindet. Seit Beginn des Projektes wurden hier schon Köstlichkeiten aus Nordkorea, Kuba, Venezuela, dem Iran, Afghanistan und zur Zeit aus Palästina serviert. Die Idee der Macher dahinter: Menschen aus verschiedenen Kulturen und Lebensumständen über das Essen zu einem Dialog zusammen zu bringen. Standort der Conflict Kitchen ist dein Universitätsviertel Oakland, Sitz der University of Pittsburgh. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf das massive Hauptgebäude der Uni, die  „Cathedral of Learning“. Auch hier geben Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt den Ton an. Die über deine Stadtgrenzen hinaus bekannten „Nationality Classrooms“ wurden länderspezifisch sorgfältig gestaltet und eingerichtet. Eine schöne Idee, die unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die zu deiner Entwicklung beigetragen haben, zu würdigen.

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Am letzten Tag möchte ich aber doch noch wissen, wo deine alten Zechen und Kokereien geblieben sind. Die Suche nach Relikten aus einer anderen Zeit führt uns ein wenig außerhalb, in deinen Osten. Hier erhebt sich oberhalb des Monongahela River der „Carrie Furnace“, genauer Hochofen 6 und 7, als Überrest der „Homestead Steel Works“, dem einstigen Flaggschiff der amerikanischen Stahlindustrie. Diese Hochofen-Anlage zählt zu den wenigen Überresten der stahlproduzierenden Industrie Amerikas. Es ist sogar die einzige stillgelegte Hochofen-Anlage, die dir geblieben ist. 1907 gebaut, produzierte sie bis 1978 Stahl.

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Ja, ich weiß. Du bist auch eine große Sport-Stadt. Aber ich muss ja irgendwann mal einen Punkt machen. Ich komme bestimmt mal wieder. Jetzt verabschiede ich mich von dir und deinem coolen Charme, dem ich schnell erlegen war. (Liebes Detroit, bitte sei jetzt nicht eifersüchtig ;-))
Der ehemalige Coach deiner Eishockey-Mannschaft „Pittsburgh Penguins“, Bob Johnson, hat den Slogan „It’s a great day for hockey“ geprägt. Every day is a great day in the Burgh! In diesem Sinne: See you, liebes Pittsburgh!

National Single Child Day

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Hi there!

Yes, that’s right! Heute ist in Amerika „National Single Child Day“ – Nationaler Einzelkind-Tag. Bevor wir auf die andere Seite des Atlantiks zogen, kannte ich den Muttertag, den Vatertag und den Valentinstag. Vom „Pancake Day“ oder „Pi(e)-Day“ (Achtung Wortspiel, hier wird die Zahl Pi gefeiert. Ist aber eigentlich nur ein Vorwand, um Apple-Pie, Chocolate Pie & Co in der Schule zu essen) hatte ich hingegen noch nie etwas gehört. Apropos Lebensmittel: fast jedes hat seinen Tag: Cookie Day, Pizza Day, Carrot Day … you name it, you got it! Das ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem wöchentlich zelebrierten „Meetless Monday“ (ok, für manche „Meatloaf Monday“), Taco-Tuesday oder Fish-Friday. Es gibt aber auch „non-food“-Tage wie den „National Puzzle Day“, den „National Thank you card day“ oder die „Hunt for Happiness Week“ (klar, das ist an einem Tag nicht zu schaffen), den „National Cuddle Up Day“ (alle mal schön kuscheln), den „National cut your energy cost day“ (mmmh, ob damit wohl gemeint ist, dass man die Lichter rund ums Haus nicht 24/7 brennen lässt?). Das muss mal an anderer Stelle geklärt werden.

Heute also „National Single Child Day“. Ha, und da schnellt mein Blutdruck ordentlich in die Höhe, und mir schwirren zu dem Thema so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich hier und heute endlich mal die Gelegenheit nutze, ein paar davon rauszuhauen. Und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt: das wird persönlich. Ich habe vor ein paar Jahren bei einem Kunstprojekt auf die riesige Kreidetafel mit der Frage „Before I die, I want to …“ zwei Dinge geschrieben: erstens: travel the world (klar!), zweitens: write a book. Als Thema hatte ich da „Einzelkinder“ im Kopf. Nicht wissenschaftlich. Mehr so in die Richtung „Allein, ja und?“ „Ohne Geschwister glücklich“ oder „Ich bin gerne Einzelkind“. Zugegeben: mir ist noch kein Knaller-Titel eingefallen. Dafür werde ich wütend, wenn ich Titel oder Überschriften wie „Braucht ein Kind Geschwister?“ oder „Typisch Einzelkind“, „Formen Geschwister einen besseren Charakter“ oder „Einzelkinder – die Singles von morgen“ lese. Die implizieren für mich alle, dass vor Einzelkind-Zimmern ein roter Teppich liegt und dahinter egoistische, launische, beziehungsunfähige, unglückliche Wesen heranwachsen.

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Bis zum Buch mag noch etwas Wasser den Rhein hinunter fließen (vielleicht, wenn ich vor lauter Bemutterung meines Einzelkindes mal Luft habe) … aber für einen Beitrag hier am „National Single Child Day“ (da muss man erst mal drauf kommen) ist jetzt Zeit. Ich muss ja nicht los, Geschenke kaufen. Denn das machen amerikanische Einzelkind-Eltern. Ihre Kinder sollen wertschätzen, dass sie nicht mit Geschwistern teilen müssen. Außerdem sollen sie sich heute gut fühlen. Damit auch ihre Eltern sich gut fühlen können? Weil sie kein Geschwister geliefert haben, aus welchen Gründen auch immer? Schlechtes Gewissen besänftigen? Weil sie sich der gesellschaftlichen Norm (gewollt oder ungewollt), mindestens zwei Kinder in die Welt zu setzen, entzogen haben? Puh, krass. Und wenn die Geschenke ausgepackt sind, treffen sich die armen Einzelkinder mit ihren imaginären Freunden oder reiten ihr Pony aus, oder wie? 

Genau, ich bin eine Einzelkind-Mutter. Meine Mutter war Einzelkind. Mein Neffe ist eines. Einige meiner besten Freunde sind Einzelkinder. Ebenso eines meiner Patenkinder. So what? Eigentlich kein Thema. Doch. Immer wieder, und hier noch viel öfter. Meine erste Erfahrung mit dem Thema habe ich gemacht, als ich hochschwanger war. Da fragte mich jemand, wie viele Kinder denn noch geplant seien. Abgesehen davon, dass ich diese Frage für jemanden, den ich nur flüchtig aus dem Job-Umfeld kannte, deutlich zu persönlich finde, antwortete ich in Beckenbauer Manier „schau’n wir mal“. Antwort in Holzhammer-Manier: „Ein Einzelkind ist ein Verbrechen am Kind.“ Autsch. Meine anerzogene Höflichkeit, das Umfeld und sicherlich die Glückshormone ob der bevorstehenden Geburt meines Erstgeborenen bewahrten Mr. Unsensibel vor Schlimmerem.

In Deutschland befand ich mich mit meinem Einzelkind in guter Gesellschaft, da gab es viele Einzel-Kind-Familien in unserem Umfeld. Mit einigen sind wir aus der Kindergarten- oder Schulzeit noch immer gut befreundet. Zufall? Oder ziehen Familien mit Einzelkind sich gegenseitig an? Oder Einzelkinder untereinander. Vielleicht. Als wir dann im Sommer 2013 hierher zogen, war es aus mit der guten Gesellschaft. Hier ging es gleich beim „Meet & Greet“ an der neuen Schule los: „Ist das Dein jüngster?“ Frechheit, warum nicht mein „Ältester“? Aber meine persönliche Eitelkeit mal außen vor gelassen. Hinter der Frage steht, dass es in jedem Fall Bruder und/oder Schwester gibt. Weil „Vater/Mutter/Kind“ keine richtige Familie ist? Auch beliebt „Oh, Du hast ’nur‘ ein Kind“?. „Nur“ hört sich nach zu wenig an. Wie kann man zu wenig haben, wenn man ein wunderbares, gesundes Kind hat, dessen Aufwachsen man begleiten darf? Es gibt doch viele Wege, sein Leben zu leben und zu gestalten. Keiner ist richtig oder falsch, zu viel oder zu wenig. Garantien für Glück gibt es ohnehin nicht.

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Jedem also seinen eigenen Lebensentwurf, ohne mitleidige Blicke. Ich habe sogar mal von glücklichen Menschen ohne Kinder gehört. Und Einzelkinder brauchen ganz sicher keine Sonderbehandlung. Sie wollen nur als ganz normale Kinder wahrgenommen werden. Wichtig erscheint mir, dass man sie zu starken, unabhängigen Menschen mit einem gesunden sozialen Umfeld ins Leben entlässt. Dann werden sie durch Krisenzeiten ebenso gut ihren Weg finden, wie Menschen mit Geschwistern. Denn auch eine enge Bindung unter Geschwistern ist kein Naturgesetz. Also danke der Nachfrage Mr. Unsensibel: wir sind komplett. Und das ist prima so.

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Und heute nachmittag gehen wir erst mal ein dickes Eis auf den sinnlosesten Tag aller Tage essen. Coffee Toffee, Garden Mint, Chocolate Chip Cookie … Einzelkinder müssen ja nix teilen – ätsch! 😉 Happy National Single Child Day!